Vor 100 Jahren – Samen aus Wiener Neustadt gehen in alle Welt

Erinnerungsort

Vor 100 Jahren – Samen aus Wiener Neustadt gehen in alle Welt

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Bräunlichgasse 13 (Haidbrunngasse 38 / Weikersdorfer Straße 24) Klenganstalten   Das Steinfeld war eine relativ öde Landschaft gewesen, die im 18. Jahrhundert unter der Regierungszeit von Maria Theresia (1740-1780) fruchtbar gemacht werden sollte. Zu diesem Zweck wurden nicht nur Bauern gezielt in der Region angesiedelt (man denke nur an die damals nördlich von Wiener Neustadt angelegte Ortschaft „Theresienfeld“), sondern auch die intensiven Aufforstungen am Stadtrand und im Umland der Stadt begonnen.  Dadurch wurde in späterer Zeit Wiener Neustadt auch ein passender Ort zur Gewinnung von Forstsamen. Vor allem die Zapfen von Nadelbäumen, aber auch Laubbäumen sammelte man und lieferte sie an sogenannte „Klenganstalten“ (Forstsamendarren), wo die Zapfen auf „Darren“ (Dörrgittern, -blechen und -flächen) getrocknet wurden. Dies konnte zum einen durch die reine Sonnenenergie, also die natürliche Wärme, oder durch technische Trocknung in Öfen erfolgen. Die Eigentümer der „Klenganstalten“ nutzten oft große Flächen, auf denen die mehrtägige Trocknung – von der Sonne gut bestrahlt – erfolgen konnte. Da Nässe und Schimmelbildung unbedingt zu vermeiden waren, setzte man später ausschließlich auf die Trocknung in überdachten, belüfteten Hallen. Produktiver war also die Trocknung in einem beheizten Raum, wo die Zapfen auf mehreren Ebnen getrennt aufgeschichtet waren. Der Name „Klenganstalt“ leitet sich von dem Umstand ab, dass die Zapfen beim Trocknungsprozess hörbar aufspringen (klingen, klengen). Die Samen konnten dann entnommen, gereinigt und für den Verkauf abgepackt werden. Die Samenkörner wurden dabei gerne mit Hilfe von mechanischen Sieben, Gitter-Trommeln oder in speziellen Apparaten von ihrer Hülle (Schuppen bzw. Flügeln) befreit, sodass schließlich ein reines Samenkorn übrig blieb. Beliefert wurden die Klenganstalten von forstwirtschaftlichen Arbeitern oder Lohnarbeitern, die als sogenannte Baumsteiger die noch ungeöffneten Zapfen direkt von den jeweiligen Bäumen abpflückten. Es war eine durchaus gefährliche Arbeit, weil die meist jüngeren Arbeiter mit einfachen Holzleitern oder gänzlich ungesichert auf die Bäume kletterten. Die fertig abgepackten Samen verschiedenster Sorten und Qualitätsstufen gingen dann an Gärtnereien, Baumschulen oder auch Forstgüter. Samen aus dem Raum Wiener Neustadt fanden nachweislich den Weg nach Amerika und Großbritannien, wo sie zum Beispiel für Aufforstungen dienten.  Nach der Jahrhundertwende gab es beispielsweise im Südwesten der Stadt, in der Haidbrunngasse 38, der Weikersdorfer Straße 24 und der Bräunlichgasse 13, drei große „Klenganstalten“, nämlich jene von A. Grünwald, Josef Seckl und Julius Stainer, wobei die Stainer'sche in der Bräunlichgasse wohl die größere ihrer Art war, aber die Seckl`sche in den 1920er und 1930er Jahren die vermutlich erfolgreichste „Samenhandlung“ war. Wer hätte sich wohl gedacht, dass in aller Welt „Bäume aus Wiener Neustadt“ wuchsen und wachsen!   

Vor 100 Jahren – Frühe Elektrifizierung & Glühlichtlampen-Patent aus Wiener Neustadt

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Bräunlichgasse 13 (Haidbrunngasse 38 / Weikersdorfer Straße 24)

Klenganstalten

 

Das Steinfeld war eine relativ öde Landschaft gewesen, die im 18. Jahrhundert unter der Regierungszeit von Maria Theresia (1740-1780) fruchtbar gemacht werden sollte. Zu diesem Zweck wurden nicht nur Bauern gezielt in der Region angesiedelt (man denke nur an die damals nördlich von Wiener Neustadt angelegte Ortschaft „Theresienfeld“), sondern auch die intensiven Aufforstungen am Stadtrand und im Umland der Stadt begonnen. 

Dadurch wurde in späterer Zeit Wiener Neustadt auch ein passender Ort zur Gewinnung von Forstsamen. Vor allem die Zapfen von Nadelbäumen, aber auch Laubbäumen sammelte man und lieferte sie an sogenannte „Klenganstalten“ (Forstsamendarren), wo die Zapfen auf „Darren“ (Dörrgittern, -blechen und -flächen) getrocknet wurden. Dies konnte zum einen durch die reine Sonnenenergie, also die natürliche Wärme, oder durch technische Trocknung in Öfen erfolgen. Die Eigentümer der „Klenganstalten“ nutzten oft große Flächen, auf denen die mehrtägige Trocknung – von der Sonne gut bestrahlt – erfolgen konnte. Da Nässe und Schimmelbildung unbedingt zu vermeiden waren, setzte man später ausschließlich auf die Trocknung in überdachten, belüfteten Hallen. Produktiver war also die Trocknung in einem beheizten Raum, wo die Zapfen auf mehreren Ebnen getrennt aufgeschichtet waren.

Der Name „Klenganstalt“ leitet sich von dem Umstand ab, dass die Zapfen beim Trocknungsprozess hörbar aufspringen (klingen, klengen). Die Samen konnten dann entnommen, gereinigt und für den Verkauf abgepackt werden. Die Samenkörner wurden dabei gerne mit Hilfe von mechanischen Sieben, Gitter-Trommeln oder in speziellen Apparaten von ihrer Hülle (Schuppen bzw. Flügeln) befreit, sodass schließlich ein reines Samenkorn übrig blieb.

Beliefert wurden die Klenganstalten von forstwirtschaftlichen Arbeitern oder Lohnarbeitern, die als sogenannte Baumsteiger die noch ungeöffneten Zapfen direkt von den jeweiligen Bäumen abpflückten. Es war eine durchaus gefährliche Arbeit, weil die meist jüngeren Arbeiter mit einfachen Holzleitern oder gänzlich ungesichert auf die Bäume kletterten.

Die fertig abgepackten Samen verschiedenster Sorten und Qualitätsstufen gingen dann an Gärtnereien, Baumschulen oder auch Forstgüter. Samen aus dem Raum Wiener Neustadt fanden nachweislich den Weg nach Amerika und Großbritannien, wo sie zum Beispiel für Aufforstungen dienten. 

Nach der Jahrhundertwende gab es beispielsweise im Südwesten der Stadt, in der Haidbrunngasse 38, der Weikersdorfer Straße 24 und der Bräunlichgasse 13, drei große „Klenganstalten“, nämlich jene von A. Grünwald, Josef Seckl und Julius Stainer, wobei die Stainer'sche in der Bräunlichgasse wohl die größere ihrer Art war, aber die Seckl`sche in den 1920er und 1930er Jahren die vermutlich erfolgreichste „Samenhandlung“ war.

Wer hätte sich wohl gedacht, dass in aller Welt „Bäume aus Wiener Neustadt“ wuchsen und wachsen! 

 

Bilder

Haupt- und Nebengebäude Bräunlichgasse 13

Datierung: 2017 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Portal Bräunlichgasse 13 - ehemals Klenganstalt Stainer

Datierung: 2017 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Samen-Trommel einer Darre (Forstsamen-Darre Jatznick), o. J.

In größeren Klenganstalten wurden die Bockerl nach dem Trocknungsprozess in Trommel gedreht, sodass sie die Samen verlieren. Diese wurden am Boden der Trommeln gesammelt, sortiert und weiter verarbeitet.
Datierung: o. J. Quelle: Landesforst MV Autor: unbekannt Zusatzinfo: Foto

Siegel der Wiener Neustädter Klenganstalt Seckl, 1930er Jahre

Das Marken-Siegel der Firma Seckl ist jenem des heute bekannten Produkts "Jägermeister" nicht unähnlich.
Datierung: 1930er Jahre Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Seckl Zusatzinfo: Textil-Siegel

Stainer'sche Klenganstalt in der Bräunlichgasse, 1911

Julius Stainer durfte sich als K.u.K Hoflieferant bezeichnen. Seine Klenganstalt reichte von der Bräunlichgasse bis zur Neunkirchner Straße.
Datierung: 1911 Quelle: Sammlung Wrenkh Zusatzinfo: Druck

Rechnung der Klenganstalt Stainer Wiener Neustadt, 1911

Datierung: 1911 Quelle: Sammlung Wrenkh Zusatzinfo: Druck