Thema: Vor 100 Jahren

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Damals vor hundert Jahren -
Ein Blick an den Beginn des 20. Jahrhunderts


Eine Zeitreise 100 Jahre zurück! - Bei diesem Stadtspaziergang liegt der Schwerpunkt auf historischen Fotografien und Quellen. Denn vieles existiert heute nicht mehr und es bedarf anschaulicher Medien, um diese Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Sie führt Sie rund 100 Jahre zurück in die Stadtgeschichte und lässt Sie „Spezialitäten“ aus der Wiener Neustädter Geschichte (von der Jahrhundertwende bis in die sogenannten „Goldenen Zwanziger-Jahre“) konsumieren. Rund 250 Medien stehen bereit, 120 Fotografien sind über 100 Jahre alt. Tauchen Sie ein!
Sie können bei jeder Station in diese Tour einsteigen, denn sie ist nicht chronologisch aufgebaut. Unser Vorschlag für einen sinnvollen Start ist der Reckturm, weil sich Parkmöglichkeiten in der Nähe befinden und Sie eine "Runde" gehen können.
Wenn Sie die letzten drei Stationen (Nr. 17-19) im östlichen Stadtteil von Wiener Neustadt aus zeitlichen Gründen nicht mehr besuchen können, dann führt Sie der Weg von der Burg über den Hauptplatz wieder zu Ihrem Ausgangspunkt (dem Reckturm) zurück.
Darüber hinaus finden Sie neun Stationen (Nr. 20-28), die nicht in die Tour eingebunden sind, aber weitere interessante Informationen über Wiener Neustadt vor rund 100 Jahren bieten.

Vor 100 Jahren – Der Reckturm soll weichen

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Reyergasse/Petersgasse Die Rettung des Reckturms vor dem Abbruch   In der Reyergasse befindet sich ein historischer Schatz aus mittelalterlicher Zeit: der Reckturm, der nordwestliche Eckturm der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Wir verdanken seine Erhaltung und die besondere Pflege einer vorbildlichen Privatinitiative der Familie Karlik. Vor über 100 Jahren war schon einmal privates Engagement notwendig gewesen, um das Baujuwel zu schützen. Denn 1898 hatte der hiesige Gemeinderat den Abbruch des Reckturms und des daran grenzenden alten Gefängnis-Gebäudes beschlossen. Teile der Stadtmauer und das Hauptgebäude wurden tatsächlich innerhalb kürzester Zeit abgerissen. Die Abbrucharbeiten erreichten alsbald den Turm, der von oben beginnend abgetragen werden sollte. Im sprichwörtlich letzten Moment konnte der damalige Bürgermeister Kammann auf Initiative des Bauhistorikers Franz Staub überzeugt werden, den Turm und die benachbarte Stadtmauer (im Norden) doch für die Nachwelt zu erhalten. 1902 wurde der Reckturm rekonstruiert und mit einem steilen, viertürmigen Dachwerk aufgestockt, für das man sich an historischen Abbildungen orientierte. Zur Wende zum 20. Jahrhundert war also nur die Dachkonstruktion des Reckturms abgebrochen worden. Schon einmal (beim „Großen Stadtbrand“ von 1834) war das Dach übrigens ein Raub der Flammen gewesen. Im Gegensatz zur östlich an den Reckturm angebauten Stadtmauer hatte man um 1900 jedoch die südlich an ihn anschließende Mauer bis auf wenige Stufen abgetragen.  An den Außenflächen der Mauer lassen sich unter dem hölzernen Wehrgang in bestimmten abgegrenzten Bereichen schräg gesetzte Plattenreihen erkennen: das opus spicatum. Bei diesem im Ährenform gesetzten Mauersteinverband handelt es sich um eine hochmittelalterliche Mauerbautechnik. Auf diese Weise konnten, trotz unterschiedlich großem Steinmaterial, gleichmäßig hohe Mauerschichten gebaut werden. Die konsequente Ausführung des opus spicatum an der Stadtmauer von Wiener Neustadt ist einzigartig. Allerdings muss angemerkt werden, dass nicht alle sichtbaren Teil des opus spicatum aus dem Mittelalter stammen, sondern 1901/02 in der wieder aufgebauten Stadtmauer, die an den Reckturm südlich anschließt, nachgebildet worden sind. Weitere Informationen zum Reckturm finden Sie sowohl in der TOWN-Tower-Tour als auch in den QR-Code-Stationen von TOWN: http://www.zeitgeschichte-wn.at/stadt-spaziergaenge/die-town-tower-tour/pplace/522?pfadid=12 http://www.zeitgeschichte-wn.at/stadt-spaziergaenge/qr-code-stationen-in-town/pplace/501?pfadid=10  

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Vor 100 Jahren – Der Bau der Synagoge

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Baumkirchner Ring 4 Bau und Fertigstellung der Synagoge   Ein Gotteshaus – errichtet mit Spenden und der Hilfe Wilhelm Stiassnys Am Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Wiener Neustadt erbaut. Die Pläne stammten vom berühmten Architekten k. u. k. Baurat Wilhelm Stiassny (Absolvent der Wiener Akademie der bildenden Künste, Mitbegründer der renommierten Architektenvereinigung „Wiener Bauhütte“ und erfolgreicher Bauunternehmer). Er schrieb für viele andere Synagogen in der Habsburgermonarchie verantwortlich und wirkte unentgeltlich für die Planung der Wiener Neustädter Synagoge. Mit einem Kostenaufwand von rund 80.000,- Kronen konnte das imposante Gebäude in nur einem Jahr errichtet werden. Um das Geld aufzubringen, waren von Vertretern der jüdischen Gemeinde von Wiener Neustadt – die schon damals zu einer der größten Österreichs zählte – Spenden im In- und Ausland gesammelt worden. Am 16. März 1902 hatte die feierliche Grundsteinlegung stattgefunden, und schon am 18. September 1902 erfolgten die Schlusssteinlegung und die Einweihung.    Zur Architektur Das zweistöckige Gebäude war vom Baumkirchnerring über einen Vorhof erreichbar und stand zirka zehn Meter zurückversetzt. Die beiden seitlichen Teile der Synagoge traten als eckige Türme hervor. Das markanteste Zierelement der Synagoge stellte eine große Rosette mit einem Davidstern von mehreren Metern Durchmesser dar, der mit Glas-Einlegeteilen ausgeführt und mit goldenen Lettern umrahmt war. Der Vers „Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt werden“ folgte dem Lauf des Fensterzierrahmens für diesen Davidstern. Den krönenden Abschluss des Gebäudes bildeten die „Gesetzestafeln“, aufgesetzt auf den höchsten Punkt des zentralen großen Rundbogens. Die Synagoge hatte eine Fläche von fast 340 Quadratmetern. Der Betsaal maß eine Gesamthöhe von über zehn Metern. Sitzbankreihen für rund 200 Personen im Erdgeschoß und 100 Sitzplätze in der Frauengalerie im ersten Stock sollten ausreichend Platz geben.  Höchst ungewöhnlich an der Wiener Neustädter Synagoge war, dass sie nicht geostet, also quasi nach Jerusalem ausgerichtet war, wie die meisten Gotteshäuser. Daher befand sich der Thora-Schrein nicht im Osten der Synagoge, sondern an der nördlichen Seite des Gebäudes.   Ein Schlussstein aus Jerusalem Eine hervorzuhebende Besonderheit ist, dass der 1902 gesetzte Schlussstein von Jerusalem nach Wiener Neustadt transportiert worden war, um die Synagoge damit symbolisch mit Israel (damals Palästina) zu verbinden. 1938 wurde das Gebäude während des Novemberpogroms zwar beschädigt, aber es wurde kein Raub der Flammen. Im Zweiten Weltkrieg, als 52.000 Bomben auf Wiener Neustadt fielen, blieb die Synagoge davon völlig verschont; keine Bombeneinwirkung fügte ihr weiteren Schaden zu. 1952/53 wurde sie dennoch abgerissen.   Weitere Informationen zur Synagoge finden Sie zum Beispiel im Stadtspaziergang durch das jüdische Wiener Neustadt in TOWN: http://www.zeitgeschichte-wn.at/stadt-spaziergaenge/stadtspaziergang-juedisches-wr-neustadt/pplace/454?pfadid=5    

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Vor 100 Jahren – Der neue Posthof als Technik-Zentrum nach 1900

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Wiener Straße 17 Die k. k. Post- und Telegraphendirektion – Telekommunikationszentrale im Posthof   Telefon-Technik Wiener Neustadt machte am Beginn des 20. Jahrhunderts einen Quantensprung in Sachen Technik und Modernität. Die Errichtung der Ringstraße in Wien war zum Beispiel ein Vorbild für die Steinfeldstadt, nach dem man sich richtete und ebenfalls um 1900 einen Straßen-Ring um die Altstadt realisierte. Man wollte in vielerlei Hinsicht nicht den Anschluss an die technischen Weiterentwicklungen verlieren. Aus diesem Grund setzte man mit dem Ausbau der Stromerzeugung und des Stromnetzes auf die Verstärkung der Elektrifizierung. Als weitere Notwendigkeit sah man die Vernetzung in der Telekommunikation, weshalb sehr früh (1908) eine „inter-urbane“ telefonische Kabelverbindung zwischen den Städten Wien und Wiener Neustadt aufgebaut wurde.  In Wiener Neustadt bestanden – wie damals auch andernorts – zwei Telefonnetze nebeneinander: das staatliche und das städtisch-private Netz. Das staatliche Netz diente hierbei ausschließlich der Verwaltung und der Sicherheitswache. Beide Netze waren nach der Jahrhundertwende veraltet. So wurden 1911 die im Wiener Neustädter Rathaus vorhandenen Netz-Anlagen modernisiert, indem man beispielsweise eine Telefonzentrale mit „Zentral-Batterie-System“ (im Rathaus) schuf, die nur von einer einzigen Hilfskraft bedient werden konnte. Die Nutzer des Telefonnetzes, also jene Privatpersonen oder Firmen, die über einen Telefonanschluss (und damit eine eigene Telefonnummer bzw. einen Apparat verfügten), wurden als „Abonnenten“ bezeichnet und hatten eine „Telephon-Abonnement-Gebühr“ zu entrichten. Die Telefonnummern waren damals gerade einmal dreistellig – unfassbar!    Der Posthof Der Posthof stellte in Wiener Neustadt eine topmoderne Einrichtung dar. Er war die Telekommunikationszentrale und Sitz der k. k. Post- und Telegraphendirektion.  Zum Zwecke der Errichtung des Amtsgebäudes für das k. k. Post- und Telegraphenamt waren von der Stadtgemeinde die Häuser in der Wiener Straße 17, 19, 21 und 23 sowie am Pfarrplatz 10 angekauft worden, um an ihrer Stelle in dem geplanten Neubau das Post- und Telegraphenamt, die k. k. Bezirkshauptmannschaft und das Gewerbe-Inspektorat unterbringen zu können. Baumeister Franz X. Schmidt begann im Februar 1908 mit der Demolierung der fünf Häuser. Im Rahmen eines ausgeschriebenen Wettbewerbs waren 27 Projekte eingereicht und 1907 die besten prämiert worden. Eine Kommission begutachtete alle Projekte, die mittels einer Ausstellung der Bevölkerung präsentiert wurden. Die beiden Architekten Siegfried Theiß und Hans Jaksch, die zum Beispiel auch für den Bau der evangelischen Kirche verantwortlich schrieben, erhielten letztlich den Auftrag. Gemeinsam mit insgesamt acht Stiftungen bzw. Fonds finanzierte die Stadtgemeinde den imposanten Bau zur Hälfte. Außer den drei Ämtern befanden sich in dem Gebäude eine Dienstwohnung des k. k. Bezirkshauptmannes, eine Dienstwohnung des k. k. Ober-Postverwalters, 11 Privatwohnungen und sieben Geschäftslokale (zur Wiener Straße). Wie erhaltene Pläne zeigen, waren die Räumlichkeiten der Post (beispielsweise die Telefonzentrale, ein Telegrafensaal und der Parteien-Raum) sowie die Geschäfte im Erdgeschoß untergebracht. Im Obergeschoß fand man unter anderem die Kanzleien der Beamten der Bezirkshauptmannschaft (Bezirksarzt, Bezirkstierarzt, Schulinspektor u. a.) und die beiden Dienstwohnungen. Das Gebäude hatte den Hauptzugang nicht von der Wiener Straße aus, wo sich die Geschäftslokale befanden, sondern in der Pfarrgasse (heute Domgasse). Von dort gelangte man über ein Vestibül in den Parteien-Raum der Post, der von einem Glasdach abgedeckt war. Die moderne „Telephon-Zentrale“ und der „Telegraphien-Saal“ befanden sich in der Südwest-Gebäudeecke im Erdgeschoß.   

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Vor 100 Jahren – Folk's Verlag und der frühe Tourismus

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Wiener Straße 3 Anton Folk's Verlag   Stadtkarten – Postkarten Der Wiener Neustädter Verlag Anton Folk war in der Stadt der Produzent von Karten aller Art schlechthin: vorerst von Stadtkarten und vor allem Postkarten. Der Buchhändler hatte neben dem Buchverkauf mit seiner Verlagsgründung und der Verlegung von Büchern, Broschüren und Karten einerseits einen florierenden Einkommenszweig eröffnet, andererseits aber damit auch neue Druck-Medien auf den Markt gebracht. Er stillte auf diese Weise bestehende Bedürfnisse der Stadtbevölkerung und der Gäste aus dem In- und Ausland. Eine unzählige Menge von Postkarten wurde als Lithografie (Steindruck), Phototypie (Lichtdruck) und Autotypie (Rasterdruck) in Schwarz-Weiß oder Farbe hergestellt. Großauflagen gelangen mit Hilfe der fototechnischen Vervielfältigung erst in den 1920er Jahren. Anton Folk blieb nicht ohne Konkurrenz, denn auch andere Postkarten-Verlage der Stadt (K. Blumrich, S. Ferber, J. F. Gleditsch, J. N. Hammer, R. Hausstein, A. J. Kuderna, W. Rolf) oder aus Wien, München und Leipzig publizierten zur Jahrhundertwende. Man hatte das Potential von Postkarten für den Fremdenverkehr des 19. Jahrhunderts entdeckt, als das Gebiet des Semmering (des „Zauberbergs“) durch den Tourismus aufblühte und davon auch das südliche Niederösterreich wirtschaftlich profitierte. Es dauerte nicht lange und sogar erste Wanderkarten kamen für die Region auf den Markt – in den 1950er Jahren dann Autokarten. Anton Folk positionierte sich allerdings auch als Musikalienhandlung und brachte Druckwerke für Komponisten auf den Markt, wie zum Beispiel zur 700-Jahr-Feier von Wiener Neustadt (1894) den Jubel-Fest-Marsch „Allzeit Getreu“ von Kapellmeister Leopold Sprowacker.   Früher Städte-Tourismus 1892 Der Tourismus steckte um 1900 noch in den Kinderschuhen. Da Wiener Neustadt eine Industriestadt war, lenkte man damals den Blick gerne auf die reizvollere ländliche Umgebung und die Region – wie sich dies in Fremdenverkehrsbroschüren, Plänen und Postkarten aus der Zeit der Jahrhundertwende widerspiegelt. Natürlich wurden darin auch die Sehenswürdigkeiten der Steinfeldstadt kurz präsentiert, zum Beispiel schon 1892 sogar in einem eigenen Städteführer, nämlich im „Führer durch Wiener-Neustadt“ in einem der Woerl'schen Reisehandbücher: Rathaus, Mariensäule, Hauptpfarrkirche, Bischofshof, Neuklosterkirche, Militärakademie, Zeughaus, Stadttheater etc.   Klischees werden bedient Fast skurril wirken heute die Motive zum „Wiener Neustädter Touristen-Kränzchen“, die zum Beispiel von einem Stuttgarter Kunstverlag für dieses Ereignis 1898 produziert worden waren. Denn auf den Postkarten mit „Gruss vom Wr.-Neustädter Touristen-Kränzchen“ wurden nicht nur ortsfremde künstliche Kulissen abgebildet, sondern auch Personen in landesfremder Dirndl-Tracht und mit Federhut – nämlich aus Hindelang im Allgäu (aufgenommen vom Stuttgarter Fotografen P. Widmayer). Naturnähe und Geselligkeit wurden suggeriert. Hier wurde wohl das Klischee des „kräftigen Naturburschen“ und „urigen, Bier trinkenden Landmenschen“ bedient. Mit der bäuerlichen Wirklichkeit in und um Wiener Neustadt hatte dies allerdings wenig zu tun.  

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Vor 100 Jahren – Der Hauptplatz als riesiger Marktplatz

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Hauptplatz Als der Hauptplatz noch ein großer Marktplatz war: vom Marktplatz und vom „Körbelmarkt“   Tages- und Wochenmärkte & der „Körbelmarkt“ Blickt man in die Vergangenheit von Wiener Neustadt zurück, so gab es hier ein lange bestehendes, aktives und eigenständig gewachsenes Marktwesen. In Wiener Neustadt wurden Tages- und Wochenmärkte abgehalten. Die Tagesmärkte dienten vor allem dazu, dass die einheimische Bevölkerung ihren Tagesbedarf decken konnte, und fanden täglich (Montag bis Samstag) von Mai bis Oktober von 06.00 Uhr, sonst von 05.00 Uhr morgens bis 12.00 Uhr mittags statt. Nur Obst durfte länger verkauft werden. Auf den Wochenmärkten verkauften außerdem auswärtige Produzenten und Händler. Diese Märkte sollten auch der Versorgung des Umlandes der Stadt dienen. Der Marktplatz befand sich auf dem Hauptplatz, wobei Waren bestimmten Bereichen zugeordnet waren: beispielsweise die Plätze vor den Häusern am Hauptplatz Nr. 30-33 den „Grünwaren“, jene vor den Nummern 34 und 35 den Blumenständen, vor der Alten Kronen-Apotheke den Korb-, Flecht- und Besenwaren sowie vor den Nummern 17 und 18 Bäumen und Sträuchern. Am „Fischplatz“ (im Nordwesten des Hauptplatzes) fand der Obst- und Fischverkauf statt.  Es gab außerdem den sogenannten „Körbelmarkt“, das heißt einen Verkauf von Waren direkt aus Körben, Taschen, Steigen oder Kraxen, bei dem die Händler also keine Tische, Verkaufsstände oder sogar Hütten hatten, sondern Waren in geringer Stückzahl anboten: meist Lebensmittel aus privatem Kleinanbau, Haushaltswaren, Textilien etc. Dies war auf allen anderen Teilen des Hauptplatzes und auf der (stadtauswärts) linken Seite der Neunkirchner Straße (von der Haus-Nr. 9 bis zur Burggasse) erlaubt.   Platzordnung für Wägen & Sonderregelungen für Fleisch und Holz Kamen Händler mit Wägen auf den Marktplatz, dann hatten jene, die hauptsächlich mit Körnern und Hülsenfrüchten beladen waren, um die Mariensäule am Hauptplatz Aufstellung zu nehmen. Kartoffelhändler mit Wagen mussten ebenso bei der Mariensäule stehen (oder vor der sogenannten „Obst-Zeit“ im Spätsommer bzw. Herbst auf den „Fischplatz“ weichen). Händler mit Kraut, Rüben, Häcksel oder Backwaren auf ihren Wägen hatten sich auf dem Pfarrplatz einzufinden. Der Verkauf von Fleisch fand in der städtischen Fleischmarkthalle statt und war am Hauptplatz nur einheimischen Fleischhauern (nach besonderer Genehmigung des Stadtrates) in fahrbaren Hütten erlaubt.  Holz, also Brenn-, Schnitt- und Langholz, aber auch „Weinstecken“ bekam der Kunde vor der k. k. Militär-Schwimmschule (Burgplatz 1), Heu und Stroh (im Großverkauf) nur am Viehmarkt (Neunkirchner Straße).   Mietflächen & Gebühren Verkäufer konnten Plätze für eine gewisse Dauer gegen Gebühr anmieten (Mietplätze) und hier ihre Verkaufsstände aufbauen, wobei diverse Regen- und Sonnendächer die Mietfläche nicht überragen durften. Verkäufer konnten aber auch eine Standgebühr (für den Tag) entrichten und ihre Waren auf einem ihnen zugewiesenen Platz zum Kauf anbieten (Standplätze). Für einen Standplatz (für einen Tag) zahlte man 1911 vier Heller pro m2. Auf dem Verkaufsplatz hatte der Verkäufer den Aufsichtsorganen die festgesetzten Markgebühren zu bezahlen. Diese war grundsätzlich nach der Anzahl und dem Gewicht der jeweiligen Ware berechnet, zum Beispiel: vier Heller pro Feldhase/Kaninchen, sechs Heller pro 30- bis 50kg-Sack oder Korb Erdäpfel, sechs Heller für 10 Laib Brot oder 10 Liter Milch.   Verhaltensvorschriften Allen Beteiligten war ein „im Marktverkehre anständiges Betragen“ verordnet. Das „überlaute, aufdringliche oder belästigende Anbieten der Waren“ und das „Anlocken von Kindern“ waren untersagt. Zum alltäglichen Bild auf dem Wiener Neustädter Marktplatz zählten neben Händlern und Kunden auch Personen, die nötige Hilfsarbeiten verrichteten: Markthelfer, Träger und „Auflader“. Hunde (abgesehen von „eingespannten Zughunden“), Kranke und Betrunkene waren auf dem Markt verboten und wurden von dort entfernt.  

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Vor 100 Jahren – Kliniken für die Porzellanpuppe

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Allerheiligengasse 10  Die Puppenkliniken   Für Kinder, Sammler und Liebhaber von Puppen waren die Adressen einer „Puppenklinik“ einst wichtig, denn eine „verunfallte“ Puppe musste natürlich zum „Puppendoktor“ gebracht werden, wo man gespannt auf die Diagnose wartete. Firmen hatten sich auf die Reparatur von Porzellan-Puppen spezialisiert, die leichter einen Schaden davontrugen als die später aufgekommenen Kunststoffpuppen. Rosalia „Rosa“ Starosta führte in der Allerheiligengasse 10 in einem Eckhaus zur Haggenmüllergasse über Jahrzehnte ihre „Puppenklinik“. Während in dieser Branche andere Betriebe kamen und gingen (wie Emma Jahn in der Wiener Straße 63 oder Franz Fensl in der Langegasse 20), blieb der Name Starosta, später Flor-Starosta, ein Begriff. Denn die langjährige Erfahrung von Frau Starosta war unvergleichlich, da sie sich jedem Kundenwunsch annahm und scheinbar unmögliche Fälle zu „heilen“ vermochte.  Für die Restaurierung bzw. die Reparatur von Puppen waren Ersatzteile in der erforderlichen Größe und Farbe nötig, ansonsten konnten zersplitterte oder verlorene Teile nur sehr mühsam oder gar nicht ersetzt werden. Daher sammelten „Puppenkliniken“ notwendigerweise auch Bestandteile, Kleinteile und Vorlagen historischer Modelle. Schadstellen wurden mithilfe von Gips, Pappmache, Klebstoffen, Farben und Lacken ausgebessert. Der „Puppendoktor“ musste modellieren und malen können. Hinzu kam das Nähen von Kleidungsstücken und Ausstattungsteilen. Die Zusammenarbeit mit Perückenmachern (das Perückenmachen war früher Teil der Lehre zum Friseur) zauberte die Wunschfrisuren auf die lieblichen Köpfe der Puppen und Püppchen. Je filigraner die Puppe war, umso mühsamer war das Werk für den Puppendoktor: Teile des Körpers, wie zum Beispiel Fingerchen modellieren, den passenden Hautfarbton nachmalen, Gummi-Bänder für die beweglichen Teile einfädeln und fixieren, bewegliche Augen und Lider reparieren etc.  Die „Puppenklinik“ war für alle Eltern von Puppenkindern ein Anlaufpunkt bei Kummer und Sorgen. Die Puppen-Notärztin Rosalia Starosta behob dann die Probleme, die am häufigsten bei den Gummi-Zügen und bei beweglichen Teilen auftreten konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nur noch eine „Puppenklinik“ in der Stadt, nämlich die in der Tradition Starosta stehende Klinik von Anton Flor in der Herzog-Leopold-Straße 21. Die Firma Flor-Starosta verkaufte darüber hinaus Spielwaren. Das Sortiment reichte von Puppen, Teddybären aller Größen und unterschiedlichster Machart bis zu Kleidung für die Puppen, Puppenküchen, Musikinstrumenten, Spielen und Zügen. Heute gibt es in Wiener Neustadt keine „Puppenklinik“ mehr. Porzellanpuppen sind zu Raritäten geworden.  

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Vor 100 Jahren – Wiener Neustadt als Wiege des Films und des Kinos

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Brodtischgasse 3 und Schlögelgasse 24 Film- und Kinogeschichte in Wiener Neustadt    Findeis – Pionier der österreichischen Filmgeschichte Gottfried Findeis, ein gelernter Schildermaler und Fotograf, war 1883 nach Wiener Neustadt übersiedelt und hatte bis 1897 einen eigenen Betrieb in der Adlergasse 8. Hier arbeitet er auch an der Verbesserung bzw. Konstruktion eines kinematographischen Apparates.  Vermutlich als erster Österreicher schaffte es Findeis, eigene kinematographische Aufnahmen herzustellen. Damit wurde Wiener Neustadt zu einer Wiege des Kinos. Findeis war „der erste Erzeuger in Österreich für cinematographische Apparate und Film (lebende Photographien)“, wie er selbst 1897 schreibt. Er hatte von der Statthalterei Niederösterreich, befürwortet vom Stadtrat Wiener Neustadt, eine „Lizenz zum Reisen für Niederösterreich“ bekommen, um mit seinem neuartigen Apparat seine „Demonstrationen“ durchführen zu können. Nachdem es 1897 durch Anselm Hirsch zur ersten Kino-Vorführung in St. Pölten gekommen war, wurden 1898 durch Gottfried Findeis und Karl Jahn Vorstellungen gegeben: zuerst in Mödling und dann in einigen niederösterreichischen Städten (Horn, Zwettl, Laa/Thaya, Krems, Korneuburg, Tulln, Hainburg und Bruck/Leitha).  Am 11. Dezember 1898 präsentierte Findeis im Saal des Hotels „Zum Goldenen Hirschen“ mehrere Filme. In der Wiener Neustädter Zeitung wurde damals dazu stolz berichtet, dass der Kinematograph in Wiener Neustadt konstruiert worden war und somit ein „Neustädter Erzeugnis“ sei. Mit ihm würden „Szenen aus dem Leben in unserer Stadt“ vorgeführt, was den Tatsachen entsprach. Denn Findeis präsentierte in Wiener Neustadt zum ersten Mal Eigenproduktionen mit dokumentarischem Charakter, wie auch Lumière. Der Film „Die Ankunft eines Eisenbahnzuges am Bahnhof von Wiener Neustadt“ ist wohl der erste Film, der von einem Österreicher hergestellt wurde, und schreibt somit Filmgeschichte. Auch „Ausgang der Arbeiter aus der Lokomotivfabrik Wiener Neustadt“ ist ein solcher Pionier-Beitrag zur Geschichte des Films. Gottfried Findeis hatte seine einzigartigen Aufnahmen in Wiener Neustadt gemacht, sei es von einem fahrenden Aussichtswagen der Bahn, am Wiener Neustädter Bahnhof oder vor der Lokomotivfabrik in der Pottendorfer Straße. Findeis war zweifellos ein mehrfacher Pionier: als Konstrukteur eines Kinematographen, als Künstler bzw. Schausteller im neuen Wandergewerbe des Reisekinos und als österreichischer Filmhersteller. (Leider sind diese ersten Film von Wiener Neustadt nicht erhalten.)   Maxim's-Bio-Theater & Wiener Neustädter Biograf 1903, also acht Jahre nach den Vorführungen der Brüder Lumière in Paris und fünf Jahre nach der Erst-Vorführung in der Stadt, war im Festsaal des Hotels „Zum Goldenen Hirschen“ in der Brodtischgasse 3 nochmals ein Kinematograph vorgeführt und der Stummfilm „Ali Baba und die 40 Räuber“ gezeigt worden.  1905/08 richtete man das erste ständige Kino in Wiener Neustadt ein, das Stummfilme zeigte. Anfangs hieß es noch „Maxim's-Bio-Theater“ und befand sich im Parterre-Saal des Hotels „Zum Goldenen Hirschen“, dann als „Maxim's-Bio.“ in der Herrengasse (Ecke Babenbergerring). Die Bezeichnung „Maxim's“ leitete sich vom Vornamen des Direktors Maximilian Rády-Maller ab, die Abkürzung „Bio“ ist in Verbindung zu den „sprechenden und lebenden Bildern“ von Menschen zu sehen. In den 1920er Jahren schloss das „Zentral-Kino“ im Haus des Hotels „Zum Goldenen Hirschen“ (mit Zugang von der Brodtischgasse 3) an die Film- bzw. Kino-Tradition in diesem Gebäude an. Der „Wiener-Neustädter Biograf“, ein weiteres sogenanntes Lichtspiel-Theater bzw. Filmkino, etablierte sich mit seinen Vorführungen vor dem Ersten Weltkrieg ab zirka 1910 in der ehemaligen Karmeliter Kirche (damals der Bräunlich'schen Fabrik) in der Schlögelgasse 24.   Das Wiener Neustädter Welt-Panorama In der Bahngasse 38 (im „Bürgerhof“) befand sich das „Wiener-Neustädter Welt-Panorama“. Dort wurden Fotografien präsentiert, die Aufnahmen aus der ganzen Welt zeigten und die Besucher zu fremden, exotischen Orten auf allen Kontinenten führten. Die Fotografien wechselten wöchentlich, sodass man an jedem Wochenende und den folgenden Tagen Neues bestaunen konnte. Der Blick durch ein Guckloch auf die beleuchteten Fotografien war ein beliebtes Freizeitvergnügen. In einer Zeit, in der an Fernsehen noch gar nicht zu denken war und in Zeitungen und Zeitschriften nur selten Bilder von außereuropäischen Ländern und Kulturen abgedruckt wurden, waren Bilder von Menschen in Asien oder Schwarzafrika etwas höchst Faszinierendes.  

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Vor 100 Jahren – Schokoladenfabrikation der Marke Stich

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Brodtischgasse 18 Stich-Schokolade   Die 1874 gegründete Schokoladenfabrik von Leopold Stich war über lange Zeit hinweg der Inbegriff der „süßen Verführung“. Das Unternehmen produzierte in der Zehnergasse 21, sein Büro und ein Verkaufsgeschäft hatte es in der Brodtischgasse 18. In der Fabrik wurden nicht nur Schokoladesorten hergestellt, sondern auch Bonbons und andere Zuckerwaren. Die Zuckerbäcker der Stadt, wie zum Beispiel die damals wie heute bekannte Konditorei Ferstl am Hauptplatz, sahen in der Fabrik gleichwohl eine gewisse Konkurrenz. Aber die Stich-Fabrik produzierte ein teils gänzlich anderes Sortiment und versorgte die Zuckerwarenhändler in der Stadt und der Region. Dass sich die Schokoladenfabrik Stich im 19. Jahrhundert in Wiener Neustadt angesiedelt hatte, ist nicht verwunderlich. Denn die Stadt war historisch sehr eng mit der Zucker-Produktion verbunden. Hier gab es nämlich mit der „Wiener Neustädter Kolonial-Zuckerraffinerie“ (gegründet 1791) das größte Unternehmen dieser Branche in der Habsburgermonarchie. Hatte dieses westindischen Roh-Rohrzucker verarbeitet sowie raffinierten (weißen) Zucker, diverse Zucker-Sorten und Melasse erzeugt, wurde es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die nahen Rübenzucker-Raffinerien in Hirm und Siegendorf – damals noch Westungarn – abgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch bis in die 1960er Jahre ein Verkaufslokal der Schokoladenfabrik Stich in der Neunkirchner Straße 8.  

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Vor 100 Jahren – Foto-Ateliers in Wiener Neustadt

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Brodtischgasse 21 (Bahngasse 44 / Baumkirchnerring 16) Photographische Anstalten & Kunstanstalten   Vor rund 100 Jahren war es etwas Besonderes, ein Foto von sich oder der Familie zu haben. Der Weg in eine „Photographische Anstalt“, also das Atelier eines Fotografen wurde meist zu ganz bestimmten Zeitpunkten im Leben gewählt und bedurfte damals entsprechender Vorbereitung. Meist wurden in der Lebenszeit der Menschen nur sehr wenige Fotografien angefertigt, beispielsweise für einen Lichtbild-Ausweis, anlässlich der Hochzeit oder als Erinnerungsfoto in der Kindheit oder als Familie. Neben Portraits wurden Gruppen, wie zum Beispiel Schulklassen und Vereine, fotografiert und auf sogenannten Tableaus abgebildet. In den Ateliers bzw. Fotostudios der Fotografen gab es natürlich eine ganze Reihe von Requisiten (Stühle, Tische, Säulen, Teppiche, Kinderwägen, Spielzeug etc.) und von Hintergrundbildern, vor denen man posierte. Mitunter wurden die Aufnahmen auch unter freiem Himmel, zum Beispiel im Wiener Neustädter Stadtpark, gemacht. Kinder lichtet man um die Jahrhundertwende sehr gerne im Matrosen-Anzug ab, Erwachsene stets in der Sonntags- bzw. Festkleidung oder Uniform. Bekannte Fotografen, deren Werke sich bis heute erhalten haben, waren beispielsweise die Firma Bernhard Otter (Bahngasse 44), Josef Pompe (Brodtischgasse 21) und Michael Weitzl (Baumkirchnerring 16). Die Fotografen verstanden es natürlich, Fotos zu vergrößern, zum Beispiel „Bromid-Vergrößerungen“ herzustellen, Bilder zu retuschieren, farblich zu verändern oder in anderer Weise zu manipulieren. Die Bandbreite im Angebot der Fotografen reichte von Platindrucken, die zumeist für anspruchsvolle Portrait-Fotografien eingesetzt wurden, bis zu Pigment- und Gummidrucken, die um 1900 oft für Kunst-Fotografien Verwendung fanden.  Um sich die Kosten eines Fotografen zu ersparen, fotografierte man auch selbst und entwickelte die Bilder in einer Dunkelkammer. Die dafür nötigen „photographischen Bedarfsartikel“ erhielt man in einigen Geschäften im Stadtzentrum von Wiener Neustadt, beispielsweise beim Optiker Viktor Tomann (Herrengasse 11, Herzog-Leopold-Straße 5), aber auch in der Alten Kronen-Apotheke (Hauptplatz 13). In der Zwischenkriegszeit fotografierten die Amateure dann schon mit sogenannten „Box-Kameras“.  

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Vor 100 Jahren – Deutsches Kulturbewusstsein & „Ostmark“

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Bahngasse 44 „Treudeutscher Gruß“ aus Wiener Neustadt   Sie liegen falsch, wenn Sie meinen, hier wäre plötzlich von der Zeit des Nationalsozialismus die Rede. Denn Wünsche, wie „Gut Heil!“ und Begriffe wie „Gau“, „Ostmark“ etc. waren vor 100 Jahren unter den Turn-Organisationen absolut üblich.  Auch in Wiener Neustadt bestanden Verbindungen und Vereine, die sich als deutsch-national, deutsch-katholisch oder christlich-deutsch deklarierten: beispielsweise Vereine wie der „Alldeutsche Verband“ (Lederergasse 19), die deutsche Wanderriege „Ostmark“ (Wiener Straße 26) und die deutschnationale Turnerverbindung „Germania“ (Bahngasse 44).  Die Stadt war Veranstaltungsort für große Ereignisse: Zum Beispiel fand das achte „Gauturnfest des Ostmarkturngaues“ im September (Herbstmond) im Jahre 1900 statt. Die Verbindung zur germanischen Vergangenheit und zu einer deutschen Kultur-Gemeinschaft wurde einst auch durch den „treudeutschen Gruß“ aus Wiener Neustadt deutlich zum Ausdruck gebracht – ohne dass es als problematisch oder gar verwerflich erachtet worden wäre. Die schwarz-rot-goldene Fahne, nicht die rot-weiß-rote Fahne, wehte außerdem nach der Jahrhundertwende bis 1910 bei den lokalen Herbstfesten. Hier wurde damals wiederum die Verbindung zum Mittelalter hergestellt und mit Ritter-Figuren mit dem Wiener Neustädter Wappen, der deutschen Fahne und anderer Symbolik – gerne mit dem mittelalterlichen Reckturm als Wehrturm – für die „Allzeit Getreue“, wie Wiener Neustadt genannt wurde und wird, geworben.  

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Vor 100 Jahren – Idylle im Rosengarten der Stadt

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Stadtpark Das Rosarium im Stadtpark   Der Wiener Neustädter Stadtpark war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet worden, um der Bevölkerung als Erholungsraum zu dienen. Über viele Jahre waren die im 16. Jahrhundert erweiterten Verteidigungsanlagen (mit ihren riesigen Erdaufschüttungen und steinernen Bastionen) abgebaut worden. Anstelle der Stadtbefestigung wurden südlich der mittelalterlichen Stadtmauer nun Promenaden und Alleen angelegt. 1872 fügte man das Gebiet zu einem Stadtpark zusammen und gestaltete diesen 1908 in der Kunstrichtung des Jugendstils neu. Bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren bei Abbrucharbeiten Grabsteine mit hebräischer Inschrift gefunden worden, als man die Kapuziner-Bastei (die südwestliche Bastei-Anlage) abriss. Eine kleine Gruppe von jüdischen Grabsteinen, die man als besonders wertvoll erachtete, fixierte man damals in der westlichen Stadtmauer. Das Stadtparkgebiet wurde mit Bauten und Denkmälern bereichert, beispielsweise mit einem Denkmal von Kaiser Joseph II. (1881), einem Wetterhäuschen (1894), einem Pavillon (1906) und einem Denkmal von Kaiser Franz Joseph I. (1908). 1910 führte man eine elektrische Beleuchtung ein, sodass die Besucher auch in den Abendstunden durch den Stadtpark flanieren konnten. Im Juni 1910 wurde das „Rosarium“, das im westlichen Bereich des Parks lag und mit dessen Anlegung man 1907 begonnen hatte, vom „Verein der Gärtner und Gartenfreunde“ fertig gestellt und feierlich eröffnet. Gemeinsam mit dem vorhandenen Wasserspringbrunnen – erbaut von Adolf Baron Pittel und Oskar Briel – entwickelte sich das „Rosarium“ zu einer Sehenswürdigkeit der Stadt. Bewusst stellte man es gerne als Motiv für Postkarten dar, weil es eine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit war, die es bisher in keiner anderen Stadt der Monarchie gab: Unfassbare 3.000 Rosenstämme und rund 800 verschiedene Sorten erfreuten das Auge des Besuchers! Obwohl das Rosarium jahrzehntelang gehegt und gepflegt worden war, erinnert heute nichts mehr an diese Blumen-Oase. Es steht ein Pavillon im Bereich des Stadtparks, wo einst das Rosarium war. Aber dies ist nicht der Musikpavillon, wo vor rund 100 Jahren die Erholungssuchenden mit angenehmen Konzert-Klängen erfreut wurden. Der einstige Musikpavillon befand sich nämlich an anderer Stelle inmitten des Stadtparks: unweit des nicht mehr existierenden „Promenaden-Cafés“ (am Maria-Theresien-Ring, neben dem „Biedermeier-Turm“).  

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Vor 100 Jahren – Stadtpark als besonderer Erholungsraum

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Stadtpark Alles in einem: Tennisplatz – Teich – Eislaufplatz   Noch heute sieht der aufmerksame Spaziergänger, wenn er durch den Stadtpark flaniert, Tennisplätze nahe der südlichen Stadtmauer Wiener Neustadts. Schon vor über 100 Jahren waren dort Tennisplätze angelegt worden. Der Tennis-Sport galt nicht als Sportart der Arbeiter der Industriestadt, sondern wurde von der bürgerlichen Gesellschaft und Mitgliedern des Militärs gepflegt.  Die einstigen Stadtväter scheuten keine Mühen, den Bürgern und Bürgerinnen der Stadt im Erholungsgebiet des Stadtparks etwas zu bieten. Denn sie versuchten dieses etwas tiefer gelegene Areal, das in mittelalterlicher Zeit und noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts der alte Stadtgraben gewesen war, unterschiedlich zu nützen.  Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde an der Westseite ein langgestreckter Bau mit einem pavillonartigen Turm errichtet – ein wahres Baujuwel im Jugendstil, ein Blickfang. Von dort aus bot sich den Gästen die Möglichkeit, die sportbegeisterten Damen und Herren der Gesellschaft von einer Galerie aus zu beobachten. Eine Ebene tiefer – und somit zirka auf dem Niveau der Tennisplatz-Flächen, die durch weitere Stufen erreichbar waren – konnten die Sportler und ihre Begleitung konsumieren. Tische und Sessel luden im Freien zum Verweilen ein. Große Sichtfenster eröffneten den im Inneren Sitzenden einen großzügigen Blick auf die Fläche, die mit elektrischen Lampen beleuchtet werden konnte und wohl zu später Stunde ein äußerst reizvolles Ambiente darstellte. So fand der Erholungssuchende hier im Sommer gediegene moderne Tennisplätze und ein Restaurant vor. Im Spätherbst stand die Fläche aber bisweilen unter Wasser und wurde zum Teich, auf dem man mit Booten eine Ruderfahrt mit der Familie unternehmen konnte. Im Winter verwandelte sich das Areal zu einer Eisfläche zum Schlittschuhlaufen.  Fotografien aus der Zeit um 1900 zeigen uns, dass es hier einen Bootsverleih im Stadtgraben gab. Für die Damen und Herren bestand jedenfalls keine Gefahr zu ertrinken, war doch das Wasser höchstens ein paar Fuß tief. Eher noch dürfte das Ruder oft auf Grund gekommen sein.  

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Vor 100 Jahren – Als es noch das echte Wiener Neustädter Bier gab

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Bräuhausgasse 7-9 Der Brauhof und das Bierbrauen in Wiener Neustadt   Der Wiener Neustädter Brauhof So wie der Wein noch vor 100 Jahren zur Stadt gehörte, in den städtischen Rebanlagen Weinreben gezüchtet wurden und Wein produziert wurde, war auch stets das Bier Teil des städtischen Lebens. Denn Bier wurde seit dem Spätmittelalter in der Steinfeldstadt gebraut. Die „Aktien-Gesellschaft Wr.-Neustädter Brauhof“ in der Bräuhausgasse 6 und 7 erzeugte und verkaufte nach eigener Angabe „altrenommierte Biere“ bzw. „vollmundige Biere“. Der städtische Brauhof war sowohl das Zentrum des Bierbrauens als auch des Konsums und der Unterhaltung. Ein weitläufiger Garten und mehrere Säle im Brauhof boten viel Platz. Deshalb wurde der Brauhof auch zum Ort für Festlichkeiten und Versammlungen – kultureller und politischer Art. Die vorhandene Kegelbahn war außerdem ein beliebter Treffpunkt der fast ausschließlich männlichen Gästeschar. Ein riesiges Bierdepot und Kühlanlagen garantierten, dass stets ausreichende Mengen des Gebrauten vorhanden und lieferbar waren. Zutaten – wie beispielsweise Hopfen und Gerste – konnten in den nahen „Kasematten“ bestens gelagert werden. Das Wiener Neustädter Bier hatte aber Konkurrenz auf dem Markt, denn ein Biertrinker mit trockener Kehle konnte in der Innenstadt beispielsweise in der Adlergasse 7 im Gasthof „Zum goldenen Adler“ mit dem als wohlschmeckend bekannten Piestinger Bier seinen Durst stillen. Jenes stammte von einem Familienbetrieb – der Familie Lehn – aus dem nahen Piestingtal. Die Bier-Brauerei von Josef Lehn brachte ihre „Abzug- und Lagerbiere“ in Flaschen und Gebinden (also Fässern verschiedener Größe) in die Wiener Neustädter Depots in der Adlergasse 7 und die Rosengasse 12. Auch Pilsner Bier wurde zum Beispiel in J. Reiner's Gastwirtschaft am Baumkirchnerring 6 ausgeschenkt.   Zur Geschichte des Bierbrauens in der Neustadt (16.-19. Jh.) Im 16. Jahrhundert fand das Ausschenken von Bier in der Neustadt erstmals in schriftlichen Quellen Erwähnung. Im 17. Jahrhundert ist ein städtisches Brauhaus in der Stadtchronik erstmals angeführt (1621), in dem in steigendem Ausmaß Bier produziert wurde: 1697 ist von „3.086 Eimern“ (180.000 Liter) die Rede. Seit jeher war das Brauhaus in der Bräuhausgasse. Die Biere wurden an Gastwirtschaften geliefert (um 1900 sollen es rund 30, in den 1820er Jahren über 40 Wirte gewesen sein), aber auch an private Haushalte. Natürlich war das private Bierbrauen – wenn auch von der Stadt nicht gerne gesehen – üblich. 1735 verpachtete die Stadt den Brauhof. Die Pächter betrieben folglich eine eigene Bierausschank, sodass sich die Bierwirtschaft des Brauhofs etablierte. Um den Pächtern ein Monopol in der Steinfeldstadt zu sichern, verbot die Stadtgemeinde im 19. Jahrhundert das öffentliche Ausschenken und den Verkauf von fremden Bieren. Außerdem gab es auf dem Brauhof-Areal eine Milchviehwirtschaft, wo die Malzrückstände (eiweißreicher „Treber“) verfüttert wurden, und eine Milch-Verkaufsstelle. 1869 wechselte man vom Pacht-Prinzip auf eine Aktiengesellschaft („Aktien-Gesellschaft Wr.-Neustädter Brauhof“) und baute das Unternehmen aus. So richtete man Gärkeller für das Lagerbier ein, wo das Bier mittels Eis gekühlt werden konnte. Das Eis wurde aus dem Brauhausteich (beim Stadtpark) geschnitten. Noch heute erinnert eine Tafel an einen der Gärkeller; ein Eiskeller befand sich am Grabner/Bismarck-Ring (heute Ferdinand-Porsche-Ring) und war von zirka 1850 bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Verwendung.   Das Wiener Neustädter Bier wurde zum Kobersdorfer Im Laufe des ausklingenden 19. Jahrhunderts hatte die lokale Bierproduktion mit vielen Konkurrenzprodukten auf dem österreichischen Markt zu kämpfen (wie zum Beispiel mit dem berühmten Schwechater Bier). 1926 wurde die „Aktien-Gesellschaft Wr.-Neustädter Brauhof“ aufgekauft und ging in der „Aktiengesellschaft der Liesinger Brauerei“ auf. Diese demontierte und verwertete Einrichtungen des Brauhofareals, während die Stadtgemeinde schließlich die Grundflächen ankaufte und 1928/29 Gebäude abriss. Nur das Brauhofgebäude selbst blieb bestehen und wurde als sogenannter „Liesinger Brauhof“ (bis in die 1990er Jahre) zu einer bekannten Gastwirtschaft in der Stadt. Der heute in der Lederergasse bestehende Torbogen mit der Aufschrift „Brauhof“ wird fälschlich für einen Rest der mittelalterlichen Stadtmauer gehalten, obgleich er erst Ende der 1920er Jahre gebaut worden ist, um der Erinnerung an die geschliffene Stadtmauer und an das Brauerei-Unternehmen zu dienen. Das seit 2014 unter dem Namen „Wiener Neustädter Bier“ angebotene Bier wird im Burgenland gebraut, in der Schlossbrauerei Kobersdorf.  

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Vor 100 Jahren – Die Schwimmschule der Akademie

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Burgplatz 1 Das einstige Akademiebad   „Schwimmschule“ Obgleich es heute ein Akademiebad im Osten der Stadt gibt, so ist dessen Name nur von einem älteren, dem eigentlichen Schwimmbad der Militärakademie übernommen worden. Dieses Schwimmbad, das als „Schwimmschule“ bezeichnet wurde, war 1858 in unmittelbarer Nähe im Süden der Burg errichtet worden. Das Wasser für diese Schwimmschule kam vom Kehrbach. Es handelte sich um eine von mehreren Sportstätten auf dem Gelände der Militärakademie, wo sich beispielsweise noch die Reitschule und der große Reitplatz nächst des Theresien-Platzes sowie ein Turnplatz nahe dem Monument der gefallenen Akademiker fanden. Alle diese Sportstätten waren aber nicht öffentlich, sondern diente an sich nur den Soldaten als Trainingsplatz.  Aufgrund dessen, dass die Ausbildung der Offiziere nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr in Wiener Neustadt stattfand – das hießt in einer Zeitphase von 1919 bis 1934 – und in der Burg eine Bundeserziehungsanstalt, die „Schule am Turm“, untergebracht war, wurde das Akademiebad bis in die 1930er Jahre zum öffentlichen Bad und daher auch von den Schülern der Bundeserziehungsanstalt genützt. Der Arbeiter-Schwimmverein pachtete nämlich die Schwimmschule als „Akademiebad“ und damit wurde es damals für die Zivilbevölkerung zugänglich. (Das Bad schien allerdings schon vor der Phase der Pacht bei der Bevölkerung gefragt gewesen zu sein und deshalb waren auch männliche Angehörige und deren Kinder früher zugelassen worden.) 1939 musste das „Akademiebad“ dem Bau der Daun-Kaserne weichen. An der Seite zum Burgplatz bzw. zur Straße stand ein hölzernes Badehaus: zum einen mit Umkleidekabinen, die sich aneinander reihten (Kabinentrakt), und zum anderen mit einem mehrstöckigen Mittelbau mit Sprungbrettern (Sprungturm). Hier zeigten die Offiziere ihr Können und ihre Körperbeherrschung.    18. und 19. Jahrhundert Seit der Zeit Maria Theresias lernte man in der militärischen Ausbildung das Schwimmen – natürlich auch Schießen, Reiten, Fechten etc. Körperliche Ertüchtigung war stets von großer Wichtigkeit im Soldatentum und im Offizierskorps.  Im 18. Jahrhundert stand ein „Badhaus“ der Militärakademie der südlichen Burgseite gegenüber, abgegrenzt durch einen Teich (den Unteren Schwimm-/Schwemm-/Fahr- bzw. Schleif-Teich) und den Stadtgraben. Man nützte im 19. Jahrhundert einen Teil des Stadtgrabens für den Bau des Beckens der „Schwimmschule“ der Militärakademie. Durch das Zuschütten des Rests des Stadtgrabens und der beiden Teiche südlich der Burg verschwand zwar das alte Bad, und mit ihm auch die Befestigungsanlage des Neunkirchner Tores, aber es wurde im Gegenzug eine an der Zeiselmauer gerade verlaufende Straße (in Verlängerung von der Günser Straße und der Neunkirchner Straße bis zum Burgplatz) errichtet und mit dem betonierten neuen Schwimmbecken auch das hölzerne Badehaus an der Straße gebaut. Übrigens hatte man schon Ende des 18. Jahrhunderts auf kaiserlichen Befehl von 1783 mit dem Zuschütten des Stadtgrabens begonnen, weil das stehende Wasser stinkende Tümpel bildete und Angst vor Erkrankungen bestand. Bis auf den Schießstattgraben im Westen und den Burggraben im Südosten wurde der Wassergraben geschlossen. Bis dieser nahezu gänzlich verschwand, dauerte es aber viele Jahrzehnte.   Andere Freibäder Auch in den anderen Schwimmbädern der Stadt, also dem städtischen Schwimmbad in der Neudörfler Straße 1 und dem Volksbad in der Neunkirchner Straße (Schlachthof-Anlagen) genossen die Bewohner der Stadt im Sommer das kühle Nass. In den Freibädern waren damals übrigens auch Turngeräte, wie zum Beispiel Reckstangen, aufgestellt.  

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Vor 100 Jahren – Ein Reych in der Neustädter Burg

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Burgplatz 1 Die „Drachenburg“ von Wiener Neustadt   Nicht nur in der Welt der Märchen und Legenden stoßen wir auf „Drachenburgen“, sondern auch in der realen Welt gibt es solche, zum Beispiel ein Schloss mit diesem Namen in Königswinter in Deutschland. Nur Wenigen ist bekannt, dass es eine „Drachenburg“ auch in Wiener Neustadt gab und gibt. Es handelt sich um den Sitz einer heute weltweit bestehenden Vereinigung, nämlich der sogenannten „Schlaraffia“. Aber was ist das? Die „Schlaraffia“ ist eine 1859 in Prag gegründete Männer-Vereinigung, die die Pflege von Kunst, Freundschaft und Humor zum Ziel hat. Es handelt sich also um keinen Geheimbund bzw. keine Geheimgesellschaft, wie die bekannten Freimaurer und Illuminaten – im Gegenteil: Über Berufliches, Religion und Politik zu sprechen, ist verboten. Vielmehr gilt der Leitspruch: „In der Kunst liegt das Vergnügen“ („in arte voluptas“), und daher stehen bei den Zusammenkünften auch die Unterhaltung und die Künste im Zentrum. Die Mitglieder Schlaraffias, die sogenannten „Sassen“, erhalten Zeit und Raum für ihre Beiträge. So wird beispielsweise gedichtet, rezitiert, komponiert, musiziert und gemalt. Die jeweiligen Beiträge werden von den anderen kommentiert und ergänzt. All dies ist Bestandteil eines „Spiels“ in einem respektvollen, freundschaftlichen, humorvollen und stets toleranten Miteinander. Es ist ein „ritterliches Spiel“, in dem es die entsprechenden ritterlichen Tugenden braucht (Höflichkeit, Wohlerzogenheit, Maßhalten, Beständigkeit, Gütigkeit etc.). Die Zusammenkünfte finden in Sitzungsräumen, sogenannten „Burgen“, statt – gleichsam abgeschottet von der Welt mit ihren Belastungen und Verpflichtungen. Die Schlaraffia ist also eine Art von Gegenwelt, in der man alles nicht allzu ernst und wichtig nimmt. Weltweit existieren rund 260 Schlaraffen-Vereine, die „Reyche“ genannt werden und insgesamt über 10.000 Mitglieder haben. In allen „Reychen“, egal ob in Europa, Nord- und Südamerika, Australien oder andernorts, wird immer deutsch gesprochen. Die „Schlaraffia Neostadia“, also der Verein in Wiener Neustadt, pflegte ihre Zusammenkünfte („Sippungen“) in ihrer Burg, die den Namen „Drachenburg“ trägt. Diese war sogar tatsächlich in einer echten Burganlage: der Wiener Neustädter Burg am Burgplatz 1. Selbstverständlich war der Versammlungsraum unter anderem mit Wappen und mittelalterlichen Waffen geziert, hatte eine große Tafel und bot genug Platz für die Spiele.  Heute befindet sich die Burg der Schlaraffia in der Neunkirchner Straße 4. Dort tragen die „Sassen“ eine entsprechende Bekleidung, die an eine „ritterliche Rüstung“ erinnert, sie pflegen ihre eigene Sprache, die mittelalterliche Begriffe enthält.  

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Vor 100 Jahren – Meteorologische Daten aus Wiener Neustadt

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Burgplatz 1 Meteorologische Beobachtungsstationen   Kenntnisse für die Luftfahrt Im Zusammenhang mit dem Wiener Neustädter Flugfeld spielte die Beobachtung der Wetterlage eine sehr wichtige Rolle. So waren beispielsweise die Windrichtung, die Windstärke, die Gewittergefahr und die Frost- bzw. Nebelsituation wichtige Punkte für die Luftfahrt.  Beim Einsatz von Ballons (zur Beobachtung) und von Luftschiffen (vor allem bei den gefährlichen Start- und Lande-Manövern) mussten diverse Wetterparameter berücksichtigt werden. Windböen konnten die Seile, die zum Fixieren von Luftschiffen am Boden dienten, aus ihren Verankerungen reißen und das Luftschiff mit Gebäuden kollidieren lassen. Soldaten, die in Ballons (zur Feindbeobachtung oder als Artilleriebeobachter) eingesetzt waren, konnten die Verbindung zum Boden verlieren und weit abgetrieben werden oder sogar abstürzen. Dem entsprechend gab es in der k. u. k. Armee Soldaten, die die Aufgabe zu erfüllen hatten, die Wetterlage zu beobachten, zu beschreiben und zu melden. Wetterballons wurden in bewährter Weise hierfür verwendet. Aspekte, wie die Lufttemperatur, der Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit, die Niederschlagsmenge, die Windgeschwindigkeit und die Windrichtung, vielleicht auch die Wolkenart und -höhe und die Sichtweiten (bei Nebel), könnten dokumentiert worden sein. Die Auswirkungen der Wetterverhältnisse mussten im militärischen Alltag und für Entscheidungen bedacht werden. Man denke an den Einsatz von Luftschiffen, Beobachtungsballons, Start- bzw. Landezeiten und Flugstrecken von Flugzeugen, die Durchführung von Transporten (zum Beispiel mit Pulver) etc.    Meteorologische Station am Rákóczi-Turm Bereits um 1800 war der Turm der Militärakademie, der Rákóczi-Turm, Standort für ein astronomisches Observatorium. Von ihm aus wurden seit der Zeit Maria Theresias Vermessungen vorgenommen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Meridian-Messung. In späterer Zeit stellte er auch einen von mehreren Orten in der Stadt dar, an dem meteorologische Messungen vorgenommen wurden. Während in der Zwischenkriegszeit bis 1934 in der Akademie keine Offiziersausbildung erfolgte und am Burgplatz 1 die Bundeserziehungsanstalt (BEA), die „Schule am Turm“, untergebracht war, gab es dort nachweislich eine meteorologische Station. Professor Dr. Eisenbeißer oblag die Obsorge für diese Station und er wurde von zwei Personen, die als „Meteorologen“ bezeichnet wurden, unterstützt. Bei diesen handelte es sich um Schüler der Bundeserziehungsanstalt – sogenannte „Jungtürmer“. Die Aufgabe der jugendlichen Meteorologen bestand darin, die Station zu bedienen, deren Messwerte bzw. -angaben zu notieren und auszurechnen. Die Ergebnisse der Berechnungen und die getätigten Beobachtungen wurden der Zentralanstalt für Meteorologie in Wien übermittelt.   Städtische meteorologische Beobachtungsstation Der Wirbelsturm von 1916 hatte in Wiener Neustadt nicht nur großen Schaden angerichtet, sondern auch Menschenleben gekostet. Die Erfahrungen führte zu einer gewissen Verunsicherung darüber, ob sich solches nicht jederzeit wiederholen könnte. Um Gefahren voraussehen zu können, braucht man Forschungsgrundlagen und Daten. Diese wurden nicht nur über die meteorologische Station am Rákóczi-Turm gesammelt, sondern auch noch an anderer Stelle in der Steinfeldstadt. Am Beginn der 1920er Jahre fungierte der Rayons-Inspektor Franz John als Beobachter auf dieser städtischen meteorologischen Beobachtungsstation. Da diese Aufgabe von einem Polizeibeamten wahrzunehmen war, wird angenommen, dass sich diese Station in oder nahe einer der Polizei-Dienststellen, vermutlich im Rathaus oder bei der Expositur am Flugfeld, befunden hat.  

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Vor 100 Jahren – Ein Warmbad als Luxus

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Ungargasse 14 Stauber Bad    In der Ungargasse 14 bestand in Wiener Neustadt ein auffälliges Gebäude mit einem Garten: das städtische Warmbad. Es war das gesamte Jahr für Besucher geöffnet und bot ein breites Spektrum von Annehmlichkeiten. So konnte man neben einem Wannen- oder Brausebad auch Dampf- und Heißluftbäder in Anspruch. Anstatt in der Sauna schwitzen zu wollen, wurden Kaltwasserbehandlung (in Kneipp'scher Manier) angeboten und der Gast konnte, wie bei einem Kuraufenthalt, Freiluft- und Sonnenbäder nehmen oder sich bei einer Massage entspannen. Sicherlich vermochte das „Stauber Bad“ nicht mit Bade- und Trinkkuren-Angeboten, wie sie beispielsweise im nahen Baden bei Wien Massen von Kurgästen anzog, mitzuhalten. Während es in Baden zusätzlich zu den vielfältigen Kurangeboten und Kurmethoden natürlich auch Kur-Musik, Konzerte, Theater, Trabrennen und vieles mehr gab, blieb es in Wiener Neustadt beim Gesang der Vögel vom angrenzenden Neuklostergarten. Da das städtische Warmbad durchwegs als „Stauber Bad“ bezeichnet wurde und man es als Badeanstalt wahrnahm, vergaß man gänzlich, dass der Betrieb zugleich auch die städtische Dampfwäscherei bildete. Ohne den Einsatz von Chemikalien wurde dort Wäsche angenommen und gereinigt.  

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Vor 100 Jahren – Das Wiener Neustädter Sanatorium

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Corvinusring 3 Wellness vor hundert Jahren   Im Jahr 1906 wurde in Wiener Neustadt ein Sanatorium errichtet, das eher begüterten Patienten diente und durchaus auch als frühe „Wellness“-Einrichtung verstanden werden kann. Wurde ein Patient aufgenommen, so hatte er das obligatorische „Aufnahmebad“ zu nehmen und wurde in einem Zimmer (vom Einzelzimmer bis zum Familienzimmer) untergebracht, in dem er auch betreut wurde („Zimmer mit Bedienung“). Die Patienten erhielten die notwendige Wäsche und Medikamente. Es wurden während des Aufenthalts diverse Behandlungen und Operationen durchgeführt. 1911 investierte die Stadtgemeinde neuerlich Geld, um das Sanatorium, welches alle gesetzten Erwartungen erfüllt hatte, weiter auszubauen. Zu diesem Zweck wurden mehrere neue Anlagen integriert: zum Beispiel moderne Einrichtungen für Spezialkuren bzw. Bäder. Die Patienten konnten in der Folge „Sauerstoff- und Kohlensäurebäder“ nehmen, zwei „elektrische Lichtvollbäder“ (namens Radiotherm und Heureka) in Anspruch nehmen und ein „elektrisches Vier- und Zweizellenbad“ neuester Medizintechnik genießen. Außerdem ergänzte man 1911 im Sanatorium ein sogenanntes „Inhalatorium“. Dort wurde über ein rotierendes Düsensystem entweder Sole bzw. Quellsalz oder eine Salzlösung zerstäubt. In einer Kabine, die bis zu 10 Personen fasste, konnte gemeinsam inhaliert werden.  

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Vor 100 Jahren – Wiener Neustadts Vergnügungsetablissement

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Eyerspergring 13 Als das „Etablissement“ seine männlichen Gäste erfreute   In der Kleinstadt Wiener Neustadt befand sich unweit des Allgemeinen Krankenhauses an der Adresse Eyerspergring 13 ein Haus, in dem mehrere Damen wohnten und das von Herren der Stadt und der Region aufgesucht wurde, um sich dort zu erfreuen. Der feine Gast konnte damals in verschiedensten Salons verweilen und seine Zeit nicht nur mit netter Unterhaltung und alkoholischen Getränken verbringen. Neben einem „Großen Salon“ gab es beispielsweise den etwas intimeren „Roten Salon“ oder den ein bisschen derberen „Bier-Salon“. Die Konsumation wurde durch die Präsenz von Damen kurzweiliger, denn insgesamt empfing den abenteuerlustigen, neugierigen oder vielleicht sich nach Aufregung verzehrenden Mann eine Schar von rund zwanzig Frauen, die mit Namen wie Elfi, Erika, Helga, Inge, Kitti, Lore, Rosa oder Sonja herbeigerufen wurden, um ihre Dienste zu erweisen. Doch möge man nicht an das Falsche denken, denn nicht immer stand nur die Befriedigung der leiblichen Gelüste im Zentrum, sondern es genügte auch die Augenweide, der Flirt und die Geselligkeit.  Auch Frauen hielten sich im „Vergnügungsetablissement“ auf. So berichtete zum Beispiel eine „Reichsgräfin Triangi“ in einer Postkarte in den 1920/30er Jahren kurz und knapp einem gewissen Herrn Trauner nach Steyr: „Danke dir unser Franz. Sind 20 Damen da, eine schöner als die andere, da würdest sogar du in Verlegenheit kommen. Herzlichster Gruß...“ Die genannte Gräfin Triangi war übrigens ein Original ihrer Zeit, ein „Kuriosum“ der Wiener Kulturszene der 1920er Jahre, die ob ihres Lebensstils, ihrer fragwürdigen Gesangskünste und skurrilen Auftritte ins Gespräch kam und sich inszenierte.  Frauen arbeiteten im Gewerbe der Prostitution in Wiener Neustadt unter ärztlicher Kontrolle. Der Stadtphysikus untersuchte die Prostituierten am Eyerspergring regelmäßig. Für die Untersuchungen musste die Pächterin des hiesigen „Vergnügungsetablissements“ Gebühren zahlen.  

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Vor 100 Jahren – Die Burkhard-Villa

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Gröhrmühlgasse/Burkhardgasse Postkarten-Grüße mit herrschaftlicher Villa   Sie ist zweifellos ein etwas verstecktes Schmuckstück und ein ganz besonderes Beispiel für die Architektur der Gründerzeit: die Burkhard-Villa. Schon die Geschichte des Hauses selbst ist bemerkenswert, denn es handelte sich nicht nur um eine Villa des finanzkräftigen Industriellen Burkhard, sondern das Gebäude war auch Unterbringungsstätte für männliche Internatsschüler und ist heute Teil des Bundesrealgymnasiums Gröhrmühlgasse. Man könnte es als eine Zur-Schau-Stellung des eigenen Wohlstandes sehen oder einfach nur als nette Idee und Überraschung für den Empfänger, wenn die Familie bzw. das Ehepaar („B. u. H. Burkhard“) eigens gedruckte Postkarten mit dem Motiv der „Villa Burkhard“ versandte, beispielsweise an einen am Semmering zur Erholung verweilenden Bekannten oder Freund („Dr. Fritz Kammann“). Aber angemerkt sei, dass diese Postkarte während einer Zeit der Not verfasst worden war, denn es wütete 1916 bekanntlich der Erste Weltkrieg. Bei genauerem Hinsehen wird der Betrachter gewahr, dass im ersten Stock der Villa jemand posiert, wohl die Gattin des Industriellen, aufgenommen im Profil: Ausdruck des Stolzes über das Geschaffene oder Zeichen einer gewissen Überheblichkeit der gesellschaftlichen Oberschicht? Nicht nur die Villa selbst beeindruckt mit ihrer Fassadengestaltung, den geschliffenen Säulen und Bögen sowie vielen anderen Details und verspielten Elementen, sondern der Ziergarten mit seinem auffälligen Springbrunnen und dem um ihn herum angelegten Spazierweg erinnert gleichsam an einen privaten Park, der nur den Eigentümern vorbehalten bleibt. Neben der Familie Burkhard gab es noch andere Industriellenfamilien in der Stadt Wiener Neustadt. Obgleich die Steinfeldstadt als Industriestadt bezeichnet wurde – was man damals nicht unbedingt mit der Tristesse eines verschmutzten, lauten Ballungsraumes, sondern durchaus im Sinne von fortschrittlicher Entwicklung verstand –, reservierte sich die finanzkräftige Elite der Gesellschaft grünen Raum in großem Ausmaß und stellte die gepflegte Idylle nur allzu gerne zur Schau: in diesem Falle das Bild ihrer Villa auf einer Postkarte, die gleichsam aus der privaten Erholungszone an den Ort der Sommerfrische und Kuraufenthalte, den Semmering, geschickt wurde. Siehe Postkarte von 1916 (unten): Villa und Garten mit Springbrunnen zur Sommerzeit   

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Vor 100 Jahren – Waschplätze und Schwabbänke

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Wiener Straße „Schwabbank“ – Waschtag ohne Waschmaschine   Der Fischabach durchzieht bis heute die Stadt, aber er hat nicht mehr seine wichtige wirtschaftliche Bedeutung, die ihm einst zukam (zum Beispiel für den Antrieb von Mühlen und Hammerwerken). Nahe der Vorstadt-Kirche und der Schule Sta. Christiana findet sich ein Waschplatz, eine Schwabbank. Dieser Waschplatz war ein Ort für Klatsch und Tratsch gewesen, denn hier kamen nicht nur die Hausfrauen, Hausgehilfinnen und Lohnwäscherinnen – die man im Volksmund derb als „Waschweiber“ bezeichnete – zusammen, sondern auch Kinder, die ihre Mütter begleiteten und dann vor Ort gemeinsam spielten. Das Wort „Waschweiber“ ist heute noch als Zungenbrecher in Gebrauch, wenn es heißt: „Wir Wiener Waschweiber würden weiche weiße Wäsche waschen, wenn wir wüssten, wo weiches warmes Waschwasser wäre.“ Warmes Wasser hatten die Frauen einst nicht zur Verfügung, sondern sie mussten im Sommer wie im Winter die Textilien reinigen. Verfügte man über keine eigene Waschküche, dann musste die Wäsche zum öffentlichen Waschplatz getragen werden, wo man sie im vorbeirinnenden Wasser nass machte, dann auf eine hölzerne „Waschbank“ (eigentlich einen Tisch) bzw. ein Brett legte und Stück für Stück mit einer fettlösenden Seife zum Schäumen brachte. Die Wäschestücke wurden mit einer Bürste abgerieben oder an einem Waschbrett bzw. einer sogenannten Waschrumpel abgerieben, um den Schmutz aus dem Gewebe zu entfernen.  Die Waschrumpel setzte man natürlich auch zuhause beim Waschen im Waschtrog ein. Zu diesem Zweck bereitete man Aschenlauge vor, um das Waschwasser weich zu machen. Die schmutzige Wäsche weichte zuerst im Seifenwasser, wurde anschließend im Waschkessel ausgekocht und kam dann in den Trog, wo man Schmutz und Flecken auf der Waschrumpel durch Reiben und Pressen entfernte. Letztlich musste die Wäsche ausgewaschen, also „geschwemmt“ werden, sodass sie frei von Seifenresten war.  Zum Trocknen brachte man die Wäsche, aus der man die Nässe abschließend durch Winden herauspresste oder mit hölzernen flachen Wasch-Schlegeln herausschlug, in Gärten oder auf durchlüftete Dachböden, um sie dort auf Wäscheleinen aufzuhängen. Mancherorts legte man große Wäscheteile, wie Betttücher, auch auf Wiesenflächen zum Trocknen aus.  Ein solcher „Waschtag“ war für die Frauen ein anstrengendes Unterfangen, wo man auch zusammenhelfen musste und Unterstützung brauchte. Der „Bügeltag“ mit dem (Bügel-)Eisen und heißer Kohle war nicht minder anstrengend und Teil des Hausfrauen-Lebens von anno dazumal, aber das ist eine andere Geschichte. Die „Schwabbank“ in der Wiener Straße war von der Stadtgemeinde errichtet worden – wahrscheinlich im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Das Wasser kam vom Fischabach, von dem der sogenannte „Polierbach“ abgeleitet worden war, um zur nahe gelegenen Fabrik geleitet zu werden. Das heutige Aussehen entspricht nicht mehr dem ursprünglichen, wie anhand alter Fotografien belegt ist. Denn an der breiten Wiener Straße gab es damals noch ein zur Seite offenes Gebäude, unter dessen schützendem Dach sich die Frauen unterstellen konnten.  

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Vor 100 Jahren – Ursprung einer Notkirche

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Brunner Straße 5-7 Die Schusterkirche    Kaum jemand weiß heute noch, warum die Wiener Neustädter Erlöserkirche von Einheimischen als „Schusterkirche“ bezeichnet wurde. Doch dieser Name geht darauf zurück, dass diese ungewöhnlich gestaltete Kirche vor rund 100 Jahren noch eine Schuh-Produktionsstätte war. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs errichtete Adolf Ehrenhaft an der Stadtgrenze 1912/13 auf seinem Grundstück in der Weikersdorfer Straße 38 (heute Brunner Straße) ein Werkstättengebäude zur „mechanischen Schuhwarenerzeugung“. Das rechteckige Gebäude maß eine Länge von 38,90 m und eine Breite von 12,50 m. Er ließ dort Schuhe und Stiefel in allen denkbaren Variationen herstellen. Die wirtschaftliche Krise in der 1920er Jahren zwang Ehrenhaft jedoch dazu, seine Schuhfabrik zu schließen. Am 16. Mai 1931 wurde zwischen dem Eigentümer Ehrenhaft und der katholischen Kirche ein Kaufvertrag abgeschlossen. Das Geld für den Ankauf brachte die römisch-katholische Kirche durch einen Grundverkauf (30.000.- Schilling) und Gelder aus der Propstei (5.000.- Schilling) auf. Die Kirche hatte nämlich nach Möglichkeiten gesucht, sogenannte „Notkirchen“ zu errichten, also vorhandene Gebäude zu Gotteshäusern auszubauen. Tatsächlich wurden in den frühen 1930er Jahren in Wiener Neustadt mehrere solcher Kirchen errichtet: die Antonius-Kirche am Flugfeld (1932), die Erlöserkirche in der Brunner Straße (1932) und die Maria-Empfängnis-Kirche im Kriegsspital (1934). Kein Geringerer als Prof. Clemens Holzmeister, Professor an der Akademie der bildenden Künste, fertigte kostenlos die Pläne und Skizzen für den Umbau an. Weitere Kosten für Adaptierungsarbeiten und Glocken konnten durch Spenden abgedeckt werden, die von Kardinal Innitzer, Wiener Neustädter Bürgern sowie örtlichen Vereinen geleistet wurden, sodass der Einweihung am 6. November 1932 nichts mehr im Wege stand. Die Bewohner bezeichneten die Erlöserkirche lange Zeit wegen der Geschichte des Gebäudes als „Schusterkirche“. Wenn man heute den Kirchenbau betrachtet, so wird deutlich, dass die baulichen Adaptierungsarbeiten der Fabrikshalle keineswegs eine grundlegend neue Optik ergeben hatten.  

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Vor 100 Jahren – Von Reben bis zum Wein

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Rebengasse (Städtische Rebanlagen und Neuklostergasse 1)  Wiener Neustädter Wein   Rebanlagen & Weingärten In den städtischen Rebanlagen wurde nicht nur Weinbau betrieben. Dort befanden sich zusätzlich ein „Versuchsweingarten“, in dem Weinstöcke gesetzt und unterschiedliche Weinsorten herangezüchtet wurden, und eine „Rebschule“, in der die Weinreben gezogen und veredelt wurden. 1908 und 1909 erweiterte man die Rebanlagen, um Bepflanzungen durchzuführen. Sogenannte „Mutterweingärten“ legte man an der nahen Rebengasse an, deren Name von der Geschichte dieses Ortes zeugt. Veredelte Reben und Schnittreben verkaufte die Stadtgemeinde nicht nur in Wiener Neustadt, im Umland und in ganz Niederösterreich, sondern auch in andere Kronländer der k. k. Monarchie. Die städtische Rebschule befand sich an der Westseite der Gymelsdorfer Gasse, zwischen einem Holzplatz (nördlich) und dem städtischen Bad bzw. dem Pferde-Schlachthof (südlich). Sie war auf dem ehemaligen Pferdemarkt-Gelände errichtet worden. Auf diesem eingezäunten Areal der Rebschule stand ein sogenanntes „Treibhaus“, in dem die Jung-Pflanzen („Setzlinge“) gezüchtet wurden, aber auch großflächige Frühbeete mit eingesetzten Pflanzen. Ein kleinerer städtischer Schnittweingarten lag beispielsweise zwischen der Günser Straße und der Rebengasse, ein weiterer deutlich größerer Schnittweingarten verlief, südlich der Ödenburger Bahnlinie beginnend, zirka zwischen der Neunkirchner und Günser Straße nach Süden. Das Verwaltungsgebäude war das sogenannte „Winzerhaus“ in der Neunkirchner Straße 23. Hier wurden Bestellungen für Schnittreben, Wurzelreben und Veredelungen aufgenommen und unterschiedlichste Sorten von Reben verkauft.   Kober 5BB-Schnittweingärten & Klonengarten Die „Kober 5BB-Schnittweingärten“ der Rebanlagen zogen sich südlich der Stadt und außerhalb der Akademie-Mauer über große Gebiete östlich und westlich des Wiener Neustädter Kanals. Am Kanal gab es auch einen „Klonengarten“ (für Klone von Original-Weinstöcken) der Rebanlage, um Qualitätsweinrebensorten zu produzieren. Klone eines Original-Rebstocks waren zu diesem Zweck in der Rebschule aufgezogen worden und wuchsen in der Folge im Weingarten heran. Sogenannte Unterlagsreben bildeten das Wurzelsystem der Rebstöcke. Auf diese Unterlagsreben pfropfte man dann die Reben der Edelrebsorten auf. Mit Siemens-Stuckert-Motorfräsen wurde der Boden in den Anlagen, die in Abschnitte, wie zum Beispiel „Ried Schottergrube“ und „Ried Burgmauer“ (beide südlich der Stadt) eingeteilt waren, aufgearbeitet. Dabei galt es, die Jung-Pflanzen nicht zu beschädigen und ihnen ausreichend Wasser zuzuführen. Die schier endlosen Reben-Reihen waren nummeriert, indem kleine Holzpflöcke in den Boden eingeschlagen worden waren, auf denen wiederum Nummern-Schildchen angebracht waren. Die kleinen Pflanzen musste dann ab einer gewissen Größe auf Holzstöcken aufgebunden werden. Schließlich wuchsen die Reben auf einem zu einer Pyramide aufgestellten Gerüst von drei Holzpfählen auf. Diese aufgebundenen Weinstöcke erreichten eine Höhe von mehreren Metern und wurden mit Hilfe von Leitern bestiegen, gesichert und bewirtschaftet.   Großversand für Schnittreben Die Firma „Rebanlagen Kober, Kohlfürst und Gesellschaft Wiener-Neustadt“ betrieb einen Großversand für Schnittreben. Diese wurden mit Pferdewagen aus den Rebanlagen zu einer Verladestation der Bahn gebracht, dort in Güterwaggons verladen und an ihre Bestimmungsorte transportiert.   Noch heute erinnern einige Straßennamen, wie die Rebengasse und die Franz-Kober-Gasse, an diesen Teil der Wiener Neustädter Geschichte.  

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Vor 100 Jahren – Herbstfeste mit Tradition & Wiener Neustädter Ausstellung

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Neunkirchner Straße/Hallengasse Die Wiener Neustädter Wies'n am „Herbstfest-Platz“   „Wiener Neustädter Herbstfest“ Der Gemeinderat Emerich Kienmann brachte 1906 die Idee einer „Wiener Neustädter Herbstmesse“ auf, nachdem die Herbstmesse in Graz einen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg für die Landeshauptstadt gebracht hatte. In Wiener Neustadt wollte man eine ebensolche Messe in Form einer „Ausstellung“ verwirklichen, bei der unterschiedlichste Produzenten, Handel- und Gewerbetreibende ihre Waren präsentieren.  Die damals erst kurzfristig freigewordenen Markthallen und der ehemalige Rinderviehmarktplatz boten Raum für die Umsetzung. Ein eigenes Komitee zur Durchführung wurde gebildet, dann auch ein Verein namens „Gesellschaft Wiener Neustädter Herbstfeste“. Auf dem gepachteten Festplatz fand am 7. September 1907 das erste „Herbstfest“ statt. Konzerte, Theater und „Volksbelustigungen“ zogen zusätzlich Gäste an. Überhaupt boten die Herbstfeste den Besuchern wirklich besondere Attraktionen: So konnten 1907 Gäste über Stufen eine hölzerne Konstruktion erklimmen und über vier Rodelbahnen hinunterfahren – sogar bei Nacht, da es eine elektrische Beleuchtung gab. Später wurde eine riesige „Fassl-Rutsche“ installiert. 1910 stieg in der Stadt der Aviatik-Pioniere, ihrem neuen Ruf gerecht, zum Beispiel ein Ballon vom Festplatz auf – damals aufregende Momente für die Gäste des Festes. Besonders hervorzuheben ist dabei das „Kaiser-Jubiläums-Herbstfest“ vom 5. bis 13. September 1908. Insgesamt wurde das „Wiener Neustädter Herbstfest“ dennoch nur viermal, 1907 bis 1910, veranstaltet, da das Fest zwar beim ersten Mal sehr erfolgreich verlaufen war, letztlich aber der erwartete finanzielle Gewinn ausblieb. Der (Herbst-)Festplatz befand sich an der Neunkirchner Straße und war von der Neunkirchner Straße, der Hallengasse, der Stadlgasse und der Marktgasse begrenzt.   „Ausstellungen“ in Wiener Neustadt In der Zwischenkriegszeit wurden in Wiener Neustadt zahlreiche Ausstellungen veranstaltet, beispielsweise die „Jubiläumsausstellung“ 1924, die „Landesausstellung“ 1925, die „August-Ausstellung“ 1927, die „Steinfeldgau-Ausstellung“ 1929 und die „Handels- und Gewerbeausstellung“ 1931. Auf etwas ungewöhnliche Art und Weise wurde damals Werbung betrieben: So fuhr 1929 ein Kraftfahrzeug mit einem großen Modell der Militärakademie lautstark durch die Stadt und Region. Man lockte die Besucher außerdem mit Fahrpreis-Ermäßigungen in die Steinfeldstadt. Fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist die Tatsache, dass es schon vor den Herbstfesten selbstverständlich Ausstellungen in Wiener Neustadt gab, zum Beispiel die sogenannte „Land- und Forstwirtschaftliche Viertelsausstellung“ 1901. Die Wiener Neustädter Ausstellung, wie sie als Handelsmesse 1949 wieder in Wiener Neustadt begann und vorerst auf dem Gelände der Militärakademie und dann auf dem heute nicht mehr bestehenden „Ausstellungsgelände“ (im Au-Gebiet westlich der Wiener Straße) durchgeführt wurde, sah sich bewusst in der Tradition der Herbstfeste und führte diese Bezeichnung anfangs in den 1950er Jahren auch zusätzlich fort. Die Idee der Ausstellungen wurde bis in die 1980er Jahre in der Form von Wirtschaftsmessen und Großveranstaltungen in Wiener Neustadt realisiert.   Alte Tradition und Volkskultur Auch wenn heute in der Steinfeldstadt versucht wird, mit der sogenannten „Wiener Neustädter Frühlings-Wies'n“ Ende Mai bzw. Anfang Juni neue touristische Akzente zu setzen, so hat diese weder etwas mit der historisch gewachsenen „Wies`n“ noch der alten Tradition der Herbstfeste zu tun. Denn das heute auch als „Wies'n“ bezeichnete Münchner Oktoberfest geht bekanntlich auf ein landwirtschaftliches Fest auf der Theresienwiese in München zurück, das am ersten Sonntag im Monat Oktober begann und im Jahre 1810 zur Feier der Vermählung des Kronprinzen und späteren Königs Ludwig I. mit Königin Theresie gestiftet worden war. Neben diesem gab es auch andere Volksfeste im Herbst, wie zum Beispiel jenes auf der Dresdner Vogelwiese. Die „Wiese“ wurde hierzulande einst als Bezeichnung hinsichtlich der Nutzungsart des Bodens – in Unterscheidung zu beispielsweise Wäldern, Feldern, Äckern oder Weingärten – gebraucht. Die „wisen“ waren – wie uns das Grimm'sche Wörterbuch informiert – gerne als Festplatz genützt worden, beispielsweise zum „Maienfest“ oder als Schauplatz von Schützenfesten, wofür man Zelte und Schaubuden aufstellte. In manchen Städten wurde das jeweilige im Freien abgehaltene Volksfest selbst als sogenannte „wiesen“ bezeichnet. Dort erfreute man sich wochenlang an Märkten und Unterhaltungen (zum Beispiel am Vogelschießen, also dem Preisschießen auf Schützenscheiben und Vogelattrappen).  Im Mittelalter pflegte man zu Pfingsten Ritterspiele, Hochzeiten und fürstliche Feierlichkeiten auszurichten. Seit dem Spätmittelalter gehörten Turniere, Umzüge und Tanzvergnügen zum kirchlichen Pfingstfest. Mancherorts wurde dafür ein eigenes „Pfingstbier“ gebraut und ausgeschenkt. Die „Wiener Neustädter Herbstfeste“ wurden am Beginn des 20. Jahrhunderts, wie ihr Name schon sagt, im Herbst gefeiert. Damit reihten sie sich in die Festkultur zum Abschluss der Erntearbeiten, zu dem seit Jahrhunderten Brauchtumsfeiern, Volksfeste und Jahrmärkte stattfanden. Aufmärsche der Vereine und Zünfte sowie Böller- und Wettschießen, aber auch Wettspiele und die Unterhaltung durch das „fahrende Volk“ (Gaukler, Tanzbären etc.) waren Bestandteil dieser alten Volkskultur. Diese zwischen Maria Himmelfahrt und dem dritten Sonntag im Oktober stattfindenden Feste (Kirchweih, Kirchtag, Kirmes) gelten überhaupt als die wichtigsten Feste im Brauchtum des Jahreslaufs. Hierin hat Wiener Neustadt eine geschichtliche Tradition.  

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Vor 100 Jahren – Samen aus Wiener Neustadt gehen in alle Welt

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Bräunlichgasse 13 (Haidbrunngasse 38 / Weikersdorfer Straße 24) Klenganstalten   Das Steinfeld war eine relativ öde Landschaft gewesen, die im 18. Jahrhundert unter der Regierungszeit von Maria Theresia (1740-1780) fruchtbar gemacht werden sollte. Zu diesem Zweck wurden nicht nur Bauern gezielt in der Region angesiedelt (man denke nur an die damals nördlich von Wiener Neustadt angelegte Ortschaft „Theresienfeld“), sondern auch die intensiven Aufforstungen am Stadtrand und im Umland der Stadt begonnen.  Dadurch wurde in späterer Zeit Wiener Neustadt auch ein passender Ort zur Gewinnung von Forstsamen. Vor allem die Zapfen von Nadelbäumen, aber auch Laubbäumen sammelte man und lieferte sie an sogenannte „Klenganstalten“ (Forstsamendarren), wo die Zapfen auf „Darren“ (Dörrgittern, -blechen und -flächen) getrocknet wurden. Dies konnte zum einen durch die reine Sonnenenergie, also die natürliche Wärme, oder durch technische Trocknung in Öfen erfolgen. Die Eigentümer der „Klenganstalten“ nutzten oft große Flächen, auf denen die mehrtägige Trocknung – von der Sonne gut bestrahlt – erfolgen konnte. Da Nässe und Schimmelbildung unbedingt zu vermeiden waren, setzte man später ausschließlich auf die Trocknung in überdachten, belüfteten Hallen. Produktiver war also die Trocknung in einem beheizten Raum, wo die Zapfen auf mehreren Ebnen getrennt aufgeschichtet waren. Der Name „Klenganstalt“ leitet sich von dem Umstand ab, dass die Zapfen beim Trocknungsprozess hörbar aufspringen (klingen, klengen). Die Samen konnten dann entnommen, gereinigt und für den Verkauf abgepackt werden. Die Samenkörner wurden dabei gerne mit Hilfe von mechanischen Sieben, Gitter-Trommeln oder in speziellen Apparaten von ihrer Hülle (Schuppen bzw. Flügeln) befreit, sodass schließlich ein reines Samenkorn übrig blieb. Beliefert wurden die Klenganstalten von forstwirtschaftlichen Arbeitern oder Lohnarbeitern, die als sogenannte Baumsteiger die noch ungeöffneten Zapfen direkt von den jeweiligen Bäumen abpflückten. Es war eine durchaus gefährliche Arbeit, weil die meist jüngeren Arbeiter mit einfachen Holzleitern oder gänzlich ungesichert auf die Bäume kletterten. Die fertig abgepackten Samen verschiedenster Sorten und Qualitätsstufen gingen dann an Gärtnereien, Baumschulen oder auch Forstgüter. Samen aus dem Raum Wiener Neustadt fanden nachweislich den Weg nach Amerika und Großbritannien, wo sie zum Beispiel für Aufforstungen dienten.  Nach der Jahrhundertwende gab es beispielsweise im Südwesten der Stadt, in der Haidbrunngasse 38, der Weikersdorfer Straße 24 und der Bräunlichgasse 13, drei große „Klenganstalten“, nämlich jene von A. Grünwald, Josef Seckl und Julius Stainer, wobei die Stainer'sche in der Bräunlichgasse wohl die größere ihrer Art war, aber die Seckl`sche in den 1920er und 1930er Jahren die vermutlich erfolgreichste „Samenhandlung“ war. Wer hätte sich wohl gedacht, dass in aller Welt „Bäume aus Wiener Neustadt“ wuchsen und wachsen!   

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Vor 100 Jahren – Frühe Elektrifizierung & Glühlichtlampen-Patent aus Wiener Neustadt

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Bräunlichgasse 48 „Es werde Licht!“ – Als die Elektrifizierung in Wiener Neustadt Einzug hielt   Elektrizität in der Steinfeldstadt  Im Jahr 1909 wurde vom Gemeinderat die Errichtung eines Elektrizitätswerkes beschlossen. Die damals neue elektrische Beleuchtung sollte die Gasbeleuchtung ablösen. Eine Dampfmaschine und zwei Dieselmotoren trieben einen Drehstromgenerator bzw. Dynamomaschinen auf dem Schlachthofgelände an. Insgesamt wurden damit anfangs 6.000 Glühlampen versorgt und mit der erzeugten Energie außerdem die Wasserpumpen des Wasserwerkes angetrieben. An der Bräunlichgasse errichtete man das Zentralgebäude des Elektrizitätswerkes. Trotz der Anschaffung eines dritten Dieselmotors reichte die Stromversorgung schon 1911 nicht mehr aus, sodass Strom vom Schlachthof (der „Schlachthofmaschine“) und der Lokomotivfabrik-Dampfturbine, welche beide mit der städtischen Zentrale verbunden worden waren, zur Unterstützung herangezogen werden musste. 1912 ging ein neuer (der vierte) Dieselmotor mit angeschlossenem Stromgenerator ans Netz. Der produzierte Strom wurde für das Betreiben der Straßenbeleuchtung auf Hauptstraßen der Stadt, der Energieversorgung von Unternehmen und verschiedenen Institutionen (wie beispielsweise militärischen Einrichtungen) sowie von Privathaushalten verwendet.    Die Wiener Neustädter Glühlampe Rudolf von Bernd patentierte in Wiener Neustadt die sogenannte „Elektrische Glühlicht-Reflectorlampe“. Dabei handelte es sich um eine Glühlichtlampe, in die ein spezieller Reflektor integriert war, wodurch die Leuchtkraft verstärkt wurde. Sie konnte als Arbeitslampe oder Studierlampe als intensive Beleuchtung eines Arbeitstisches eingesetzt werden und vermochte als Salonlampe Räume perfekt auszustrahlen. Der Reflektor bestand aus Milchglas, Porzellan, Steingut oder Metall. Er war mit dem Glas der Glühbirne durch Verschmelzung oder Kittung verbunden. Graphit (damals „Kohle“ genannt) wurde zum Glühen gebracht. Das Patent der „Wiener Neustädter Glühlampe“ folgte dem Prinzip der Kohlebogenlampen, die einst das intensivste Licht gaben und deshalb für Scheinwerfer verwendet wurden, aber auch in der Mikroskopie zum Einsatz kamen. Kohlebogenlampen wurden deshalb für die öffentliche Beleuchtung im städtischen Raum eingesetzt. (Kohle-)Bogenlampen für „Straßen- und Saalbeleuchtung“ werden heute mit der deutschen Firma Körting & Mathiesen, Leipzig, verbunden, die seit 1889 solche produzierte. Aber „Rudolf von Bernd in Wiener Neustadt“ hatte seine Lampe früher, nämlich ab 1883 patentiert!  

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Vor 100 Jahren – Polsterer's Cakes

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Stampfgasse 6 (heute Areal Stampfgasse und Mathias-Derdak-Gasse) Die vergessene Fabrik für treue Vierbeiner   Hundekuchen, Biscuits und mehr 1893 war „Fattingers Patent-Hundekuchen- und Geflügelfutter-Fabrik Wiener Neustadt“ gegründet worden. Sie befand sich in der Stampfgasse 6 und wurde noch in den 1920er Jahren als „Cakesfabrik“ bezeichnet, obgleich es sich nicht um Kekse im Sinne von Süßwaren, sondern um Mehlprodukte handelte, die hier hergestellt wurden. Inhaber war Heinrich Polsterer, der sich als „Lieferant des k. u. k. Tierarznei-Institutes in Wien, der k. u. k. Menagerie zu Schönbrunn, der Kammer seiner k. u. k. Hoheit des Erzherzogs Franz Ferdinand Este, vieler k. u. k. und erzherzoglicher Jagdämter, seiner königlichen Hoheit des Fürsten Ferdinand von Bulgarien, des Wiener Tierschutzvereines etc. etc.“ auswies. Das Unternehmen hatte sein Büro und die Fabrikproduktion in Wiener Neustadt. Es hatte sich auf Futtermittel spezialisiert, allerdings nicht nur für Hunde und Geflügel, sondern auch für andere Haus- und Nutztiere, wie Kühe, Pferde und Tauben, sowie für Wild (z. B. mit dem bekannten Wildbrot „Silva“). Zur reichhaltigen Palette für Hunde zählten unter anderem Hundekuchen, Biscuits, Fleisch- und Nährmehl. „Fattingers Fleischfaserfuttermittel“ waren einst ein Begriff.   Qualität & Marketing Vor allem Hundebesitzer, Hühner- und (Brief-)Taubenzüchter sowie Jäger, Gutsbesitzer und Forstmeister kannten natürlich die Produkte Polsterers. Denn dieser blieb offensichtlich wegen seiner klugen und seinerzeit sicherlich ungewöhnlichen Werbemethoden im Gedächtnis:  Auf sehr ungewöhnliche Art präsentierte er seine Firma beispielsweise bei der Jagdausstellung 1910 in Wien, wo sein Pavillon einem „Pfefferkuchenhäuschen“ glich. Es stand damals nahe dem Wildpark, in dem die Tiere mit Polsterers Produkten gefüttert wurden. In der Zeit des Ersten Weltkriegs erfolgte die Fütterung der Sanitäts- und Kriegshunde (seitens des „Österreich-ungarischen Polizei- und Kriegshund-Vereins“) durch die Tierfutterfabrik Heinrich Polsterer in Wiener Neustadt.   

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Vor 100 Jahren – Kaiser Franz Joseph beim Preisfliegen & sein Kaiser-Pavillon

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Wöllersdorfer Straße Kaiser Franz Joseph I. und der Wiener Neustädter Kaiser-Pavillon   Franz Joseph I. besucht das Wiener Neustädter Flugfeld 1910 besuchte Kaiser Franz Joseph I. Wiener Neustadt. Es war dies nicht sein erster Besuch, denn schon früher war er zum Beispiel gemeinsam mit seiner Gattin Elisabeth „Sisi“ anlässlich der Enthüllung des „Denkmals der 1.400“ (1880), zur feierlichen Schlusssteinlegung beim Wiederaufbau der Dom-Türme (1899) sowie der Enthüllung des „Kaisersteines“ (1908) in der Akademie in die Steinfeldstadt gekommen. Am 18. September 1910, am letzten Tag eines 3-tägigen Preisfliegens, besuchte Kaiser Franz Joseph I. das Flugfeld in Wiener Neustadt. Jener traf, bejubelt von den tausenden Besuchern der Veranstaltung, mit einem Automobil und in Begleitung seines Adjutanten Graf Paar ein. Nach der Begrüßung durch Statthalter Graf Erich Kielmannsegg, Bürgermeister Franz Kammann und dem Obmann des Lokalkomitees zur Förderung der Aviatik, Professor Leopold Schmidt, erfolgte die militärische Meldung durch den hiesigen Kommandanten der Verkehrsbrigade, Generalmajor Schleyer. Anschließend besichtigte der Kaiser die Flugzeuge („Aeroplane“), die in zwei Reihen auf dem Flugfeld aufgestellt waren. Nicht nur beschriftete Tafeln (zum Beispiel mit den Bezeichnungen der Flugzeuge), sondern auch die Besitzer, die Konstrukteure und Piloten der jeweiligen Flugmaschinen („Apparate“) standen bereit. Konstrukteure und Piloten wurden dem Kaiser vorgestellt. Das Abschreiten der Flugzeuge durch seine Majestät wurde damals auch filmisch dokumentiert. Der Kaiser-Pavillon war damals der Versammlungsort für Mitglieder der adeligen Gesellschaft (unter ihnen Erzherzog Rainer und Erzherzog Leopold Salvator), für höchste Offiziere der Monarchie (wie beispielsweise den Kommandanten der Militärakademie Freiherr von Roth, Kriegsminister General der Infanterie von Schönaich, den Kommandanten der Marine Admiral Graf Montecucculi, den Chef des Generalstabes General Conrad von Hötzendorf) und für die hohe Beamtenschaft bis zu Ministern gewesen. Franz Joseph I. nahm in der Folge in der Hofloge des Kaiser-Pavillons Platz und verfolgte sowohl die Landung eines aus Fischamend kommenden Luftschiffes (Militär-Lenkballon „Parseval“) als auch das Preisfliegen. Um 17.30 Uhr verließ der Kaiser den Veranstaltungsort.   Der Wiener Neustädter Kaiser-Pavillon Der Kaiser-Pavillon war von Anfang an mit dem Ziel erbaut worden, dem Kaiser als Ort zu dienen, von dem aus er das Flugfeld beobachten konnte. Er erhielt seinen Standort auf der linken, südlichen Seite der Wöllersdorfer Straße, wo sich bereits die Hangars befanden. Der einstöckige Pavillon war de facto ein einstöckiger achteckiger Holzturm mit jeweils einer einstöckigen offenen Veranda in alle vier Himmelsrichtungen. Die Veranda-Ausbauten waren miteinander verbunden und daher beide Ebenen rundherum begehbar. Über eine breite Außenstiege gelangte man in den ersten Stock. Von dieser Plattform hatte man einen perfekten Blick über das gesamte Flugfeld.  Nahe des weiß gestrichenen Pavillons befanden sich zu dessen linker und rechter Seite, einige Meter vorgesetzt, drei überdachte Tribünen und im Vorfeld die Bühne der Musikkapelle und der Schiedsrichter. Der Pavillon lag auf militärischem Gelände und wurde als Beobachtungspunkt und Restaurationsbetrieb genützt. Er wurde nicht abgetragen, nachdem er 1916 durch den Wirbelsturm zu Schaden gekommen war, sondern bestand bis in die 1930er Jahre. Im ehemaligen Kaiserpavillon war schließlich ein Wachlokal untergebracht gewesen. 1936 vermietete die Stadtgemeinde den Pavillon an die Heeresverwaltung.  

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