Das ehemalige Wohnhaus der Familie Koppel - Haidbrunngasse 2-4

Erinnerungsort

Das ehemalige Wohnhaus der Familie Koppel - Haidbrunngasse 2-4

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Das ehemalige Wohnhaus der Familie Koppel – Haidbrunngasse 2-4 Die orthodoxe Koppel-Gemeinde & Carmen Reinhard & Elazar Benyoëtz In der Haidbrunngasse 2-4 wohnte die orthodoxe jüdische Großfamilie Koppel. Der Kaufmann Alois Elazar Koppel war mit seiner Familie vor dem Ersten Weltkrieg aus Ungarn nach Wiener Neustadt gezogen und setzte die Errichtung eines Privatbethauses („Bet ha-Midrasch“) durch. Ihm war die IKG Wiener Neustadt in ihrer religiösen Ausrichtung nicht orthodox genug gewesen. So etablierte sich nach der Jahrhundertwende die „Koppel-Gemeinde“ als streng-orthodoxe Gruppe: mit einem kleinen „Bethaus“ (Betraum) in der Haidbrunngasse. Mitglieder der Familie waren innerhalb der jüdischen Gemeinde wegen ihrer Wohltätigkeit, aber auch wegen ihrer Geschäftstüchtigkeit bekannt. Am Hauptplatz 22 befand sich bis 1938 zum Beispiel die Gemischtwarenhandlung „Koppel und Stenzel“, welche im Eigentum von zwei Söhnen von Alois Koppel, Ignaz und Gottlieb, war. Fast alle Mitglieder der Familie Koppel, die in Wiener Neustadt gelebt hatten, konnten letztlich dem Konzentrationslager entkommen. Viele von ihnen flohen nach Palästina ins Exil. Ein Mitglied der Familie Koppel, Carmen (*1915), eine Enkelin von Alois Koppel, überlebte, da sie zur Sekretärin des Fabrikanten Oskar Schindler geworden war. Der Industrielle Oskar Schindler hatte Juden und Jüdinnen in seinen Rüstungsbetrieben beschäftigt und gezielt vor dem sicheren Tod im KZ bewahrt, indem er sie „unter seinen Schutz stellen“ ließ. Carmen (damals verheiratete Weitmann) tippte die berühmte Namensliste von 1.200 Juden und Jüdinnen – bekannt durch die Steven Spielberg Verfilmung „Schindlers Liste“ – ab. Ihr Name scheint auf der ersten bekannten Liste unter der Nummer 279 mit der Häftlingsnummer 76482 auf: „Weitmann Carmen 15.1.15 Schreibkraft“. Carmen Reinhard sprach lange Zeit nicht über ihre Vergangenheit, erst mit ihrem Schritt, im Alter von über 90 Jahren nach Israel zu ziehen, wurde ihre besondere Rolle in der Öffentlichkeit bekannt. Eines der Enkelkinder von Alois Koppel, Paul, erblickte am 24. März 1937 in Wiener Neustadt das Licht der Welt. Die vierköpfige Familie Gottlieb Yoëtz Koppel musste allerdings im Sommer 1938 die Stadt verlassen und gelangte 1939 nach Palästina. Paul hatte schon früh begonnen, hebräisch zu dichten. In den 1960er Jahren gründete er die Bibliographia Judaica, eine Dokumentation deutsch-jüdischer Literatur, und schrieb in deutscher Sprache: Kurzprosa und Lyrik, bevorzugt Aphorismen. Als Literaturschaffender trug Paul Koppel fortan den Namen Elazar Benyoëtz – in bewusster Erinnerung an seine familiären Wurzeln: „Elazar“ bildet nämlich die Verbindung zu seinem Großvater, Alois Elazar Koppel, und „Ben Yoëtz“ – in der Bedeutung „Sohn des Ratgebers“ – bestätigt ihn als Sohn des (Gottlieb) Yoëtz Koppel. Elazar Benyoëtz gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Aphoristiker. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise den Adalbert-von-Chamisso-Preis (1988), den Joseph-Breitenbach-Preis (2004), das Bundesverdienstkreuz für Verdienste um die deutsche Sprache (1997), das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (2009), das Ehrenzeichen seiner Geburtsstadt Wiener Neustadt (2009), den Theodor Kramer Preis (2010) und den Ehrenpreis der Stiftung Bibel und Kultur für sein Lebenswerk (2012). Elazar Benyoëtz lebt heute in Jerusalem.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Rede anlässlich der Ehrung von EB 2009 im Stadttheater Wiener Neustadt [unveröffentlicht] Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013. http://www.sueddeutsche.de/kultur/judenrettung-im-dritten-reich-die-frau-die-schindlers-liste-schrieb-1.267601 http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Holocaust/Schindlerslist.html  

Gedenktafel Waldstein - Pöckgasse 4

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Das ehemalige Wohnhaus der Familie Koppel – Haidbrunngasse 2-4

Die orthodoxe Koppel-Gemeinde & Carmen Reinhard & Elazar Benyoëtz

In der Haidbrunngasse 2-4 wohnte die orthodoxe jüdische Großfamilie Koppel. Der Kaufmann Alois Elazar Koppel war mit seiner Familie vor dem Ersten Weltkrieg aus Ungarn nach Wiener Neustadt gezogen und setzte die Errichtung eines Privatbethauses („Bet ha-Midrasch“) durch. Ihm war die IKG Wiener Neustadt in ihrer religiösen Ausrichtung nicht orthodox genug gewesen. So etablierte sich nach der Jahrhundertwende die „Koppel-Gemeinde“ als streng-orthodoxe Gruppe: mit einem kleinen „Bethaus“ (Betraum) in der Haidbrunngasse.

Mitglieder der Familie waren innerhalb der jüdischen Gemeinde wegen ihrer Wohltätigkeit, aber auch wegen ihrer Geschäftstüchtigkeit bekannt. Am Hauptplatz 22 befand sich bis 1938 zum Beispiel die Gemischtwarenhandlung „Koppel und Stenzel“, welche im Eigentum von zwei Söhnen von Alois Koppel, Ignaz und Gottlieb, war.

Fast alle Mitglieder der Familie Koppel, die in Wiener Neustadt gelebt hatten, konnten letztlich dem Konzentrationslager entkommen. Viele von ihnen flohen nach Palästina ins Exil. Ein Mitglied der Familie Koppel, Carmen (*1915), eine Enkelin von Alois Koppel, überlebte, da sie zur Sekretärin des Fabrikanten Oskar Schindler geworden war. Der Industrielle Oskar Schindler hatte Juden und Jüdinnen in seinen Rüstungsbetrieben beschäftigt und gezielt vor dem sicheren Tod im KZ bewahrt, indem er sie „unter seinen Schutz stellen“ ließ.

Carmen (damals verheiratete Weitmann) tippte die berühmte Namensliste von 1.200 Juden und Jüdinnen – bekannt durch die Steven Spielberg Verfilmung „Schindlers Liste“ – ab. Ihr Name scheint auf der ersten bekannten Liste unter der Nummer 279 mit der Häftlingsnummer 76482 auf: „Weitmann Carmen 15.1.15 Schreibkraft“. Carmen Reinhard sprach lange Zeit nicht über ihre Vergangenheit, erst mit ihrem Schritt, im Alter von über 90 Jahren nach Israel zu ziehen, wurde ihre besondere Rolle in der Öffentlichkeit bekannt.

Eines der Enkelkinder von Alois Koppel, Paul, erblickte am 24. März 1937 in Wiener Neustadt das Licht der Welt. Die vierköpfige Familie Gottlieb Yoëtz Koppel musste allerdings im Sommer 1938 die Stadt verlassen und gelangte 1939 nach Palästina. Paul hatte schon früh begonnen, hebräisch zu dichten. In den 1960er Jahren gründete er die Bibliographia Judaica, eine Dokumentation deutsch-jüdischer Literatur, und schrieb in deutscher Sprache: Kurzprosa und Lyrik, bevorzugt Aphorismen.

Als Literaturschaffender trug Paul Koppel fortan den Namen Elazar Benyoëtz – in bewusster Erinnerung an seine familiären Wurzeln: „Elazar“ bildet nämlich die Verbindung zu seinem Großvater, Alois Elazar Koppel, und „Ben Yoëtz“ – in der Bedeutung „Sohn des Ratgebers“ – bestätigt ihn als Sohn des (Gottlieb) Yoëtz Koppel.

Elazar Benyoëtz gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Aphoristiker. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise den Adalbert-von-Chamisso-Preis (1988), den Joseph-Breitenbach-Preis (2004), das Bundesverdienstkreuz für Verdienste um die deutsche Sprache (1997), das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (2009), das Ehrenzeichen seiner Geburtsstadt Wiener Neustadt (2009), den Theodor Kramer Preis (2010) und den Ehrenpreis der Stiftung Bibel und Kultur für sein Lebenswerk (2012). Elazar Benyoëtz lebt heute in Jerusalem.

 

Quellen/Literatur:
Werner Sulzgruber, Rede anlässlich der Ehrung von EB 2009 im Stadttheater Wiener Neustadt [unveröffentlicht]
Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.
Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.
http://www.sueddeutsche.de/kultur/judenrettung-im-dritten-reich-die-frau-die-schindlers-liste-schrieb-1.267601
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Holocaust/Schindlerslist.html

 

Bilder

Blick von der Haidbrunngasse auf das ehemalige Koppel-Haus (Fassade mit gelben Platten)

Datierung: 2015 Autor: Foto Marcel Billaudet

Ansicht des ehemaligen Koppel-Hauses von der Haidbrunngasse aus

Datierung: 2015 Autor: Foto Marcel Billaudet

Ansicht des heute heruntergekommenen Bereichs des ehemaligen Eingangs in das Koppel-Haus

Datierung: 2015 Autor: Foto Marcel Billaudet

Blick aus der Haidbrunngasse (auf Höhe der Nr. 4) in Richtung Zehnergasse

Datierung: 2015 Autor: Foto Marcel Billaudet

Blick von der Evangelischen Kirche am Ring über den Bahnhof ins Zehnerviertel, 1939

Das Wohnhaus der Familie Koppel befand sich hinter den Gebäuden des Schneeberg-Bahnhofs (Bildmitte, links).
Datierung: 1939 Quelle: Privatbesitz Heinrich Witetschka Autor: Verlag Kuderna Zusatzinfo: Postkarte

Areal des Bahnhofs mit dem Koppel-Haus zwischen der Haidbrunn- und Pleyergasse, ca. 1917

Ausschnitt aus einem Luftbild: Sehr gut erkennbar ist der große Garten vor dem auffälligen Gebäude, der bis zur Zehnergasse reichte.
Datierung: ca. 1917 Quelle: Privatbesitz Gerdenits Autor: unbekannt Zusatzinfo: Fotografie

Auszug aus „Schindlers Liste“

Datierung: 1945 Quelle: Archiv Yad Vashem

Elazar Benyoëtz, 2009

Datierung: 2009 Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft Autor: Foto WOWA Wladimir Fried Zusatzinfo: Fotografie