Die ehemalige Heller-Villa - Promenade 1

Erinnerungsort

Die ehemalige Heller-Villa - Promenade 1

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Heller-Villa – Promenade 1 Entrechtung – Verfolgung – Ermordung der jüdischen Minderheit Mit dem März 1938 und der „Machtergreifung“ hatte auch in Wiener Neustadt die systematische Verfolgung von Mitgliedern der jüdischen Minderheit begonnen. Zum sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich war es zu spontanen antijüdischen Aktionen gekommen: Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen, Plünderungen von jüdischen Geschäften, Terror auf den Straßen, öffentliche Demütigungen von Juden und Jüdinnen sowie viele Verhaftungen. Bekannte Juden und Jüdinnen wurden in diesen Märztagen beispielsweise zu „Reibepartien“ zusammengefangen und zu Reinigungsarbeiten in der Stadt, etwa am Hauptplatz, gezwungen. Jüdische Geschäftsleute und Mitglieder der Führung der Kultusgemeinde wurden im Anhaltelager Wöllersdorf und im städtischen Gefangenenhaus inhaftiert oder in das KZ Dachau transportiert. Berufsverbote für Rechtsanwälte, Ärzte, Journalisten und Kulturschaffende traten in Kraft und nahmen Familienvätern die Existenzgrundlage. Jüdische Kinder und Jugendliche erlebten die sogenannte „Ausschulung“, als ihnen „Abgangszeugnisse“ ausgestellt wurden und ihnen der weitere Schulbesuch untersagt wurde. Einige Schüler und Schülerinnen gingen innerhalb kurzer Zeit freiwillig, nachdem man sie ständig gedemütigt hatte. Ein Zentrum des NS-Terrors war die „Heller-Villa“ im Stadtpark. Hinter der Fassade einer idyllisch gelegenen Villa an der Adresse Promenade 1 verbarg sich der Sitz der Geheimen Staatspolizei, der „Gestapo“. Das Haus war im Eigentum von Eleonore Heller gestanden, die jüdischer Herkunft war und welche die NS-Machthaber daher rasch enteigneten. Mit dem 1. November 1938 wurde das Gebäude zur „Außenstelle der Gestapo“, das heißt zur Gestapo-Zentrale für eine ganze Reihe von politischen Bezirken von „Niederdonau“ (Niederösterreich) – nämlich für insgesamt elf Bezirkshauptmannschaften. Die Gestapo war organisatorisch ein Teil des „Entjudungs- und Arisierungsnetzwerkes“ in Wiener Neustadt und arbeitete für diese Ziele mit der Reichsstatthalterschaft „Niederdonau“, der Vermögensverkehrsstelle Wien, der NSDAP-Kreisleitung, dem Handelsgericht, dem Finanzamt, dem „Entjudungsreferat“, dem Wohnungsamt, Banken und Inkassobüros, aber auch Rechtsanwälten, kommissarischen Verwaltern und „Ariseuren“ zusammen. Aufgrund der Entrechtung und Beraubung flohen einige jüdische Bewohner allein oder mit ihrer Familie zunächst in die Nachbarstaaten des Deutschen Reichs, wie zum Beispiel Jugoslawien. Jene, die glaubten in Ungarn Zuflucht zu finden, wurden 1944 dann in Lagern inhaftiert. Geblendet von der vermeintlichen Aussicht auf einen Neubeginn im Osten, wurden Wiener Neustädter Juden ab 1939 in ehemals polnische Gebiete gelockt. In einem Ghetto erhoffte man sich einen Neuanfang – fehlinformiert von den NS-Behörden, dass man dort auch neue Siedlungen aufbauen könne. Die Realität sah völlig anders aus, denn die Deportierten sahen sich mit Massenunterkünften, Nahrungsmangel, Krankheit und Tod konfrontiert. Medizinisch kaum oder nicht versorgt, verstarben vor allem alte und kranke Menschen schnell. In weiterer Folge wurden Juden und Jüdinnen aus dem Ghetto in diverse Konzentrationslager transportiert und ermordet. Die ersten Deportationen von Wiener Neustädtern führten nach Dachau (ab 1938), 1939 nach Nisko und später – 1941/42 – nach Izbica, Jasenovac, Kielce, Minsk, Opole, Riga, Sobibor, Theresienstadt, Topoľčany, Treblinka, Włodawa und in andere Orte. Die meisten Juden und Jüdinnen fanden im Vernichtungslager Auschwitz den Tod, viele andere kamen beispielsweise in Buchenwald Treblinka, Chełmno, Litzmannstadt (Łodź), Sobibor und Theresienstadt (Terezin) grausam um. Einzelne Wiener Neustädter Juden sollten im November 1941 nach Riga deportiert werden. Doch der Bahntransport wurde nach Kaunas umgeleitet, wo alle Insassen schließlich exekutiert wurden. Bei der jüdischen Bevölkerung von Wiener Neustadt ist von insgesamt mindestens 160 Todesopfern auszugehen. Vielleicht waren es auch doppelt so viele oder gar über 600 Todesopfer – wir wissen es nicht. Im Keller der ehemaligen „Heller-Villa“ befindet sich heute ein kleines Museum, das besucht werden kann (Schlüssel: Verein Lichtblick im 1. Stock oder Industrieviertelmuseum).   Unterrichtsmaterial: http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/10-Die-Zentrale-der-Gestapo.pdf http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/3-Der-Anschluss-1938-in-WN.pdf http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/19-Die-Vertreibung-der-j%C3%BCdischen-Minderheit.pdf Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

Das ehemalige Café Bank - Bahngasse 17

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Heller-Villa – Promenade 1

Entrechtung – Verfolgung – Ermordung der jüdischen Minderheit

Mit dem März 1938 und der „Machtergreifung“ hatte auch in Wiener Neustadt die systematische Verfolgung von Mitgliedern der jüdischen Minderheit begonnen. Zum sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich war es zu spontanen antijüdischen Aktionen gekommen: Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen, Plünderungen von jüdischen Geschäften, Terror auf den Straßen, öffentliche Demütigungen von Juden und Jüdinnen sowie viele Verhaftungen. Bekannte Juden und Jüdinnen wurden in diesen Märztagen beispielsweise zu „Reibepartien“ zusammengefangen und zu Reinigungsarbeiten in der Stadt, etwa am Hauptplatz, gezwungen. Jüdische Geschäftsleute und Mitglieder der Führung der Kultusgemeinde wurden im Anhaltelager Wöllersdorf und im städtischen Gefangenenhaus inhaftiert oder in das KZ Dachau transportiert.

Berufsverbote für Rechtsanwälte, Ärzte, Journalisten und Kulturschaffende traten in Kraft und nahmen Familienvätern die Existenzgrundlage. Jüdische Kinder und Jugendliche erlebten die sogenannte „Ausschulung“, als ihnen „Abgangszeugnisse“ ausgestellt wurden und ihnen der weitere Schulbesuch untersagt wurde. Einige Schüler und Schülerinnen gingen innerhalb kurzer Zeit freiwillig, nachdem man sie ständig gedemütigt hatte.

Ein Zentrum des NS-Terrors war die „Heller-Villa“ im Stadtpark. Hinter der Fassade einer idyllisch gelegenen Villa an der Adresse Promenade 1 verbarg sich der Sitz der Geheimen Staatspolizei, der „Gestapo“. Das Haus war im Eigentum von Eleonore Heller gestanden, die jüdischer Herkunft war und welche die NS-Machthaber daher rasch enteigneten. Mit dem 1. November 1938 wurde das Gebäude zur „Außenstelle der Gestapo“, das heißt zur Gestapo-Zentrale für eine ganze Reihe von politischen Bezirken von „Niederdonau“ (Niederösterreich) – nämlich für insgesamt elf Bezirkshauptmannschaften.

Die Gestapo war organisatorisch ein Teil des „Entjudungs- und Arisierungsnetzwerkes“ in Wiener Neustadt und arbeitete für diese Ziele mit der Reichsstatthalterschaft „Niederdonau“, der Vermögensverkehrsstelle Wien, der NSDAP-Kreisleitung, dem Handelsgericht, dem Finanzamt, dem „Entjudungsreferat“, dem Wohnungsamt, Banken und Inkassobüros, aber auch Rechtsanwälten, kommissarischen Verwaltern und „Ariseuren“ zusammen.

Aufgrund der Entrechtung und Beraubung flohen einige jüdische Bewohner allein oder mit ihrer Familie zunächst in die Nachbarstaaten des Deutschen Reichs, wie zum Beispiel Jugoslawien. Jene, die glaubten in Ungarn Zuflucht zu finden, wurden 1944 dann in Lagern inhaftiert. Geblendet von der vermeintlichen Aussicht auf einen Neubeginn im Osten, wurden Wiener Neustädter Juden ab 1939 in ehemals polnische Gebiete gelockt. In einem Ghetto erhoffte man sich einen Neuanfang – fehlinformiert von den NS-Behörden, dass man dort auch neue Siedlungen aufbauen könne. Die Realität sah völlig anders aus, denn die Deportierten sahen sich mit Massenunterkünften, Nahrungsmangel, Krankheit und Tod konfrontiert. Medizinisch kaum oder nicht versorgt, verstarben vor allem alte und kranke Menschen schnell. In weiterer Folge wurden Juden und Jüdinnen aus dem Ghetto in diverse Konzentrationslager transportiert und ermordet.

Die ersten Deportationen von Wiener Neustädtern führten nach Dachau (ab 1938), 1939 nach Nisko und später – 1941/42 – nach Izbica, Jasenovac, Kielce, Minsk, Opole, Riga, Sobibor, Theresienstadt, Topoľčany, Treblinka, Włodawa und in andere Orte. Die meisten Juden und Jüdinnen fanden im Vernichtungslager Auschwitz den Tod, viele andere kamen beispielsweise in Buchenwald Treblinka, Chełmno, Litzmannstadt (Łodź), Sobibor und Theresienstadt (Terezin) grausam um.

Einzelne Wiener Neustädter Juden sollten im November 1941 nach Riga deportiert werden. Doch der Bahntransport wurde nach Kaunas umgeleitet, wo alle Insassen schließlich exekutiert wurden. Bei der jüdischen Bevölkerung von Wiener Neustadt ist von insgesamt mindestens 160 Todesopfern auszugehen. Vielleicht waren es auch doppelt so viele oder gar über 600 Todesopfer – wir wissen es nicht.

Im Keller der ehemaligen „Heller-Villa“ befindet sich heute ein kleines Museum, das besucht werden kann (Schlüssel: Verein Lichtblick im 1. Stock oder Industrieviertelmuseum).

 

Unterrichtsmaterial:
http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/10-Die-Zentrale-der-Gestapo.pdf
http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/3-Der-Anschluss-1938-in-WN.pdf
http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/19-Die-Vertreibung-der-j%C3%BCdischen-Minderheit.pdf

Quellen/Literatur:
Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005.
Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.
Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.

 

Bilder

Blick auf die Südseite der Villa

Datierung: 2015 Autor: Foto Marcel Billaudet

Juden bei Reinigungsarbeiten (vermutlich in Wiener Neustadt), 1938

Datierung: 1938 Quelle: Archiv des IVM Autor: unbekannt

Haus der Gestapo-Zentrale Promenade 1, um 1969

Datierung: 1969 Quelle: Stadtarchiv Wiener Neustadt Autor: unbekannt Zusatzinfo: Fotografie