Thema: Stadtspaziergang Jüdisches Wr. Neustadt

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Das Buch „Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert“ (2010) von Werner Sulzgruber ist eine als Stadtführer konzipierte Publikation. Um Interessierten die Möglichkeit zu geben, die besondere jüdische Geschichte Wiener Neustadts auch selbstständig oder in Gruppen in einer Stadttour zu entdecken, wurde vom Autor dieser Online-Stadtspaziergang bereit gestellt.

Darin finden Sie Stationen mit historischen Darstellungen über die Zeit des Mittelalters und des 19. bzw. 20. Jahrhunderts, aber auch Informationen über das Leben von Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt sowie Einblicke in individuelle Biografien. Darüber hinaus enthält dieser Online-Stadtspaziergang bislang noch nie veröffentlichte Forschungsergebnisse – ergänzt mit über 100 historischen Fotografien und Quellen.

Was viele nicht wissen: Die historische jüdische Gemeinde der Neustadt zählte im Mittelalter zu den ältesten Österreichs und im 19./20. Jahrhundert zu den größten Niederösterreichs. So mancher kulturhistorische Schatz lässt sich daher in Wiener Neustadt heute noch sehen! Die Liste der jüdischen Intellektuellen, Wissenschaftler und Künstler aus Wiener Neustadt ist lang. Zu nennen sind beispielsweise Elazar Benyoëtz (ein berühmter deutschsprachiger Aphoristiker), Herbert Breuer (Fotograf für das US-Mode-Magazin „Look“ und Dokumentator der US-Politik in den 1960er Jahren, z. B. der Kennedy-Ära im Weißen Haus), Madelaine Duke (eine englischsprachige Bestseller-Autorin), Norbert Galatzer (seinerseits Mediziner und Pionier auf dem Gebiet der Homöopathie in Europa), Fritz Machlup (ein Nationalökonom von Weltruhm), Peter Reichard (ein Mitglied der Nobelpreis-Kommission in Schweden), Carmen Reinhard (die Sekretärin von Oskar Schindler), Wilhelm Waldstein (ein geschätzter Musiker und Literat) etc. – Einzelnen der Genannten und anderen Persönlichkeiten werden Sie auf Ihrem Stadtspaziergang gleichsam „begegnen“!

Ihre Tour beginnt beim Reckturm nahe dem Babenberger-/Baumkirchner-Ring und führt Sie unter anderem über die Wiener Straße, den Dom-, Haupt- und Allerheiligenplatz in den Süden der Innenstadt, weiter in den Stadtpark und wieder zurück in die Pöckgasse und zum Ring, also in die Nähe Ihres Startpunktes.

Reckturm - Reyergasse - Grabsteinfragment

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Reckturm – Reyergasse Der Beginn der Besiedelung der Neustadt Wiener Neustadt nimmt innerhalb der jüdischen Geschichte Österreichs eine besondere Rolle ein, denn in der einstigen Neustadt (also der neuen Stadt, der „newstat“) bestand eine der ältesten „Judengemeinden“ Österreichs. Schon am Beginn des 13. Jahrhunderts entstand hier – zeitlich parallel zu Wien – eine jüdische Gemeinde. Diese wies die entsprechende Infrastruktur auf: zumindest eine Synagoge und einen Friedhof, höchstwahrscheinlich auch noch andere Einrichtungen. Im Jahre 1192 war die Stadt Wiener Neustadt vom Babenberger Herzog Leopold V. gegründet worden. Mit einem Teil des Lösegeldes für König Richard von England wurde die Stadtbefestigung gebaut. Der sogenannte Reckturm erinnert heute an die mittelalterliche Schutzanlage und die Stadtmauern der Neustadt. Den Reckturm und die jüdische Geschichte der Stadt verbindet ein Rätsel, weil im Inneren des Turms die Reste eines hebräischen Grabsteins gefunden wurden. Dieser wurde im Bauwerk zur Abdeckung einer Wandnische verwendet. Unklar ist aber, wann dieser Grabstein in den Turm eingefügt wurde. Sollte er bereits beim Bau des Turms im Hochmittelalter dort eingemauert worden sein, hatte man ihn in einer Phase des Umbaues des Eckturms dort gesetzt oder wurde er wirklich erst vor knapp mehr als hundert Jahren (bei einem Abrissversuch um 1900) dort eingefügt? Vieles deutet darauf hin, dass es wohl in einer Umbauphase in der früheren Neuzeit geschehen sein musste. Die Herrscher des Mittelalters kümmerten sich bekanntlich wenig um die jüdische Bevölkerung. Im Zusammenhang mit der neu gegründeten Stadt Neustadt war es ihnen wichtig, dass sie wachsen und sich als Grenzstadt etablieren konnte. Um dies zu gewährleisten, gab man ihr besondere Rechte (zum Beispiel das Marktrecht, das Münzrecht und die Mautfreiheit), die sie zu einer wichtigen Handelsstadt werden ließen. Genau deshalb wurde die Neustadt auch für die jüdischen Händler interessant. In Niederösterreich waren Juden neben Geldleihgeschäften vor allem im Weinhandel und im Handel mit Spezereien tätig. In der Neustadt fanden sie demnach einen guten Handelsstützpunkt. Hier nicht nur Handel zu betreiben, sondern sich auch anzusiedeln, bekam für die jüdische Bevölkerung natürlich Sinn, als sich die Möglichkeit bot, hier den eigenen Glauben zu leben. Die Synagoge wurde zum wichtigen Kernpunkt des wachsenden jüdischen Viertels. In dieser frühen Zeit gab es nur in Wien, Krems und Wiener Neustadt Friedhöfe, was der jüdischen Gemeinde der Neustadt wiederum eine zentrale Rolle gab. Im 14. und 15. Jahrhundert befand sich in der Neustadt eine Talmudschule (Jeschiwa). Das Bestehen einer Jeschiwa ließ den Standort zu einem Bildungszentrum von überregionaler Bedeutung werden. Talmud-Studenten aus ganz Mitteleuropa kamen in die Neustadt, um hier bei Rabbinern zu lernen. Rabbi Schalom ben Isaak war zum Beispiel die zentrale Persönlichkeit des jüdischen Lebens vor der „Wiener Gesera“ (dem sogenannten Wiener Verhängnis) 1420/21, die übrigens ohne Auswirkung auf die Neustadt blieb. In der Mitte des 15. Jahrhunderts kam Israel bar Petachja (Isserlein) in die Neustadt und mit ihm wurde sie zum Mittelpunkt rabbinischer Gelehrsamkeit im späten Mittelalter. Jüdische Händler aus der Neustadt pflegten im Spätmittelalter beispielsweise Handelsbeziehungen nach Wien, Ödenburg und Venedig. Zu den gefragten sogenannten „Venedigerwaren“ zählten Gewürze, Zucker, Glas und anderes. Im Allgemeinen war der Handel mit Wein, Vieh, Getreide, Öl, Leder, Leinen und Tuch bedeutsam. Nachdem Kaiser Friedrich III. von 1440 bis 1493 in der Neustadt seine Residenz hatte und das Judenviertel wegen des großen Zuzugs auf seine maximale Größe herangewachsen war, endete die Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde mit Maximilian I., der 1496 mittels eines Ausweisungsbefehls die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus der Stadt befahl.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Wohnhäuser - Baumkirchnerring 5 und 9 - Stolpersteine

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Wohnhaus – Baumkirchnerring 5 und 9 Das Projekt „Stolpersteine für Wiener Neustadt“ Auf dem Weg durch die Stadt stößt man immer wieder auf sogenannte „Stolpersteine“, auch vor dem Wohnhaus am Baumkirchnerring 5 und 9. „Stolpersteine“ sind ursprünglich eine Projektidee des deutschen Künstlers Gunther Demnig. Die Steine (in der Größe eines Pflastersteins, versehen mit einer Messingplatte und Inschrift) sollen an Opfer des Nationalsozialismus erinnern und werden an der Wohnadresse oder Wirkungsstätte der betreffenden Person im Boden verlegt. Das Projekt hilft „gegen das Vergessen“ und setzt Zeichen, indem mit im Boden eingelassenen Gedenktafeln an das Schicksal von Menschen erinnert werden soll, die in der NS-Zeit ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Freitod getrieben wurden. Die Absicht besteht darin, den Opfern des Nationalsozialismus „ihre Namen zurückgeben“. Passanten sollen mit den eingelassenen Steinen gleichsam aufmerksam gemacht werden und stehen bleiben – in Demnigs Wortwahl „stolpern“. Es handelt sich um ein internationales Gedenk-Projekt. Für Wiener Neustadt initiierten 2009 die beiden Vereine „Aktion Mitmensch“ und „Straßenzeitung Eibisch-Zuckerl – Plattform für soziale Anliegen“ dieses Projekt. Auf der Grundlage von bestehenden Vorarbeiten (Forschungsprojekten und Publikationen) war es möglich, vor allem der jüdischen Opfergruppe „Stolpersteine“ zu setzen. Für Wiener Neustadt sind rund 200 Juden und Jüdinnen als Opfer der Shoah dokumentiert worden. In der Folge sind nun jüdische Opfer die größte Opfergruppe, der mit „Stolpersteinen“ gedacht wird. Weiters wird natürlich auch an politische Opfer des Nationalsozialismus, Opfer der Euthanasie und Roma bzw. Sinti erinnert; weitere Opfergruppen, wie beispielsweise Zeugen Jehovas, Homosexuelle etc., sollen künftig mit eingeschlossen werden. 2010 war es zur Verlegung der ersten 21 „Stolpersteine“ an insgesamt 11 Stellen in Wiener Neustadt gekommen. Im Gedenken an den jüdischen Zahntechniker Gustav Braunberg wurde der erste Stein an dessen Wohn- und Praxisadresse, am Hauptplatz 13, gesetzt. In jedem Jahr wurden bis 2015 Gedenksteine verlegt, sodass inzwischen eine beachtliche Anzahl in Wiener Neustadt eingebettet worden ist, nämlich über 100 „Stolpersteine“ (an über 50 Verlegestellen). Das ist eine im Vergleich zu anderen österreichischen Städten, aber auch deutschen Städten beachtlich hohe Zahl. Wie auch schon in anderen Stadt- und Ortsgemeinden wurden „Stolpersteine“ an einzelnen Verlegestellen in Wiener Neustadt mutwillig beschädigt. 2013 kam es zu Übermalungen, 2015 und 2016 zu Säure-Attacken. Der Umgang mit Geschichte charakterisiert eine Gesellschaft. Erinnerungsarbeit ist von größter Wichtigkeit und wird in Wiener Neustadt ernst genommen. Das Projekt „Stolpersteine“ stellt an sich eine sanfte Form des Erinnerns dar. Die jüdische Geschichte ist ein zentraler Bestandteil der Stadtgeschichte von Wiener Neustadt, dem Rechnung getragen wird.   Quellen/Literatur:Brigitte Haberstroh, Maximilian Huber, Michael Rosecker (Hg.), Stolpersteine Wiener Neustadt. Ein Stadtführer des Erinnerns, Wiener Neustadt 2011. http://www.stolpersteine-wienerneustadt.athttps://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine_f%C3%BCr_Wiener_Neustadthttp://www.juedische-gemeinde-wn.at/pages/Aktivitaeten/Stolpersteine.aspx  

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Standort der ehemaligen Synagoge - Baumkirchnerring 4

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Erinnerungsort „Synagoge“ – Baumkirchnerring 4 Wo damals die Synagoge stand Nach der erlaubten Wiederansiedlung im 19. Jahrhundert suchte die wachsende jüdische Gemeinde einen passenden Ort für ihre Gottesdienste und fand ihn am Baumkirchnerring 4. Vorerst war es ein kleineres Bethaus, das man an dieser Adresse einrichtete. Schon bald nach der Konstituierung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wiener Neustadt 1871 und dem starken Zuzug von Juden und Jüdinnen, der vorrangig aus Westungarn erfolgte, wuchs der Bedarf an einem großen Gotteshaus. 1902 wurde gleich neben dem ursprünglichen Bethaus nach den Plänen des berühmten Architekten Wilhelm Stiassny (1842-1910) eine Synagoge für die jüdische Minderheit in Wiener Neustadt erbaut. Die Kosten für das fast 340 Quadratmeter große Gebäude betrugen zirka 80.000,- Kronen, lukriert aus Spendengeldern, Sammlungen und Lotterien. Das Bethaus im nordöstlichen Bereich des Areals blieb erhalten und ein Schächthaus (Schlachthaus) kam hinzu, sodass der Baumkirchnerring 4 zu einer zentralen Adresse für die jüdische Bevölkerung wurde. Das Synagogen-Gebäude wies eine für das hiesige Stadtbild besondere Architektur auf, weil mit dem atypischen Prachtbau ein für die Stadt neuartiges Baukonzept im Stile des „historisierenden Klassizismus“ bzw. „romantischen Historismus“ verwirklicht wurde. Auffällig waren beispielsweise die beiden Türme an der Frontseite des Gebäudes, eine große Rosette mit einem Davidstern und kunstvollen Details, wie Säulen mit Alhambra-Kapitellen. Als Schlussstein war eigens ein Stein aus Jerusalem verbaut worden. In großen goldenen Buchstaben zog sich eine Inschrift um den Davidstern, dessen Botschaft die nicht-jüdische Bevölkerung nicht kannte: „Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt werden“ (Jes 56, 7). Im Gebiet der IKG Wiener Neustadt gab es damals noch andere Bethäuser, nämlich einerseits das private Bethaus der Familie Koppel in der Haidbrunngasse und andererseits jenes der Familie Hacker in Erlach. 1938 lebten zirka 870 Juden und Jüdinnen in der Stadt, zwischen rund 650 und 680 von ihnen waren Mitglieder der IKG. Mit dem März 1938, nach dem sogenannten „Anschlusses“ an das Deutsche Reich, begann ihre Entrechtung und die Vertreibung. Der Höhepunkt der Gewalt wurde im November 1938 erreicht. Nationalsozialisten verwüsteten in der „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge. Das Rundfenster wurde zerstört und der Davidstern herausgestemmt. Das Gebäude sollte diese Symbolik verlieren, weshalb auch die Tafeln vom Giebel abgebrochen und später die vergoldeten hebräischen Buchstaben der Inschrift weggemeißelt wurden. Mitglieder der Sturmabteilung (SA) zwangen jüdische Kinder und Jugendliche dazu, Teile der Inneneinrichtung zu zerstören. Das Areal am Baumkirchnerring 4 war zum Sammellager geworden, nachdem am 10. November 1938 Juden und Jüdinnen in ihren Wohnungen und Häusern verhaftet worden waren. Frauen und Kinder kamen großteils zu diesem Sammelpunkt, jüdische Männer allesamt in das Gefängnis des Kreisgerichts am Maria-Theresien-Ring. Nur wenige andere ließ die lokale NS-Führung andernorts, zum Beispiel nahe dem Bahnhof, internieren. Das Ziel war die totale Beraubung und endgültige Vertreibung, denn die jüdische Bevölkerung wurde ihres gesamten Hab und Guts beraubt und dann in Zügen und mit Autobussen nach Wien gebracht. Am 15. November 1938 erfolgte de facto die Übernahme der Synagoge, des Bethauses (Baumkirchnerring 4) und des jüdischen Friedhofs mit allen Gebäuden (Wiener Straße 95) in den Besitz der Stadtgemeinde. Pläne der Nationalsozialisten, die Synagoge zu einem Heim der Schutzstaffel (SS) umzufunktionieren, wurden nie verwirklicht, sondern das entweihte Gotteshaus fand als Holzlager Verwendung. Trotz des intensiven Bombardements der Stadt während des Zweiten Weltkriegs traf die Synagoge keine Bombe, sondern sie blieb bis in die 1950er Jahre nahezu im Zustand vom November 1938. Nach ihrer Restituierung und dem Verkauf an den Österreichischen Gewerkschaftsbund riss man sie 1952/53 ab. Auf einer 2016 neu zu setzenden Gedenktafel heißt es: „Im Jahr 1902 errichtete die Israelitische Kultusgemeinde Wiener Neustadt an dieser Stelle nach Plänen des Wiener Architekten Wilhelm Stiassny eine repräsentative Synagoge im maurischen Stil. Ähnlich wie viele andere Synagogen des Landes ist auch die Wiener Neustädter Synagoge am 9. November 1938 von Nationalsozialisten devastiert und entweiht worden. Durch die darauffolgende gewaltsame Vertreibung aller Juden und Jüdinnen aus der Stadt hörte die Israelitische Kultusgemeinde zu bestehen auf. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die beschädigte ehemalige Synagoge abgetragen.“ Der Text der Inschrift musste inhaltlich richtig gestellt werden, weil man ursprünglich von der „bomben“-beschädigten ehemaligen Synagoge geschrieben hatte. Damals saß man der falschen Behauptung auf, dass Bombenschäden der Grund für den Abriss gewesen seien. Tatsächlich aber entfernte man das keineswegs gravierend beschädigte Gebäude, weil es in der Nachkriegszeit den neuen Aufbauplänen im Wege war.   Unterrichtsmaterial:http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/18-Novemberpogrom---Die-Reichskristallnacht-in-WN.pdf Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Das ehemalige Gewing-Haus - Wiener Straße 31

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Das ehemalige Gewing-Haus – Wiener Straße 31 Jüdische Wirtschaftstreibende Die jüdische Bevölkerung der Stadt hatte ihre Lebensgrundlage in den 1920er und 1930er Jahren im Handel und Gewerbe. Der größte Teil handelte mit Gemischtwaren, Textilien und Wein. Außerdem pflegten jüdische Geschäftsleute beispielsweise den Handel mit Leder, Schuhen, Holz, Kohle, Möbeln, Lebensmitteln und Vieh. Nicht nur Juden, sondern überhaupt viele Händler und Hausierer betrieben bis in die Zwischenkriegszeit sogenannten Ratenhandel: Kunden zahlten eine Ware zuerst nur an und in der Folge in kleinen Geldraten über Monate ab. Die jüdischen Händler kamen gerne sonntags, um die Raten in den christlichen Haushalten zu kassieren. Denn am sonntäglichen Ruhetag trafen sie ihre Kunden zumeist zuhause an. Aufgrund dieser Hausbesuche von Juden und der Übergabe von Geld kam es zum Vorurteil, „die Juden seien geldgierig und reich“ – wie es später in der antisemitischen NS-Propaganda hieß. Aber das Gegenteil war der Fall, weil die Ratenhändler oft hohe Zahlungsrückstände in Kauf nehmen mussten, immer wieder die volle Endsumme gar nicht erhielten, ihre Kunden nicht vergrämen wollten und sich sehr nachsichtig zeigten. So ist Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zum Beispiel der Name Rosenberger ein Begriff: ein jüdischer Kleiderhändler, der als gutmütig und beliebt beschrieben wurde. Zeitzeugen und Zeitzeuginnen erinnern sich auch gerne an die Familie Gewing, die in der Wiener Straße 31 wohnte. Die Familie war in Wiener Neustadt bekannt gewesen, weil sie hier erfolgreich eine Porzellanmalerei betrieb und Textilwaren, vor allem Bettwäsche, verkaufte. Das Geschäft, das den treffenden Namen „Basar zur Billigkeit“ trug, lag durchaus günstig und lockte die Passanten mit günstigen Angeboten, wie „staunend billig Porzellan und Glaswaren“ – so eine Werbebotschaft. Zusätzlich zum Verkauf von Wäsche etablierte sich die Bettfedernreinigung. Wenn man damals also seine gefüllten Bettdecken und Polster reinigen lassen wollte, dann erhielt man – obwohl es noch zwei andere „Bettfedernreinigungsanstalten“ gab – den Tipp: „Na da gehen Sie am besten zum Gewing!“ Erfolgreiche jüdische Wirtschaftstreibende wurden in den 1930er Jahren zum Ziel antijüdischer Agitationen, die oft in einem ökonomischen Antisemitismus begründet waren. Jüdische Händler und Handwerker wurden auf dem lokalen Markt als wirtschaftliche Konkurrenz wahrgenommen. Dies konnte sich zu Neid und Aggressionen steigern, wobei dann Vorwürfe und Bezichtigungen – im Stile mittelalterlicher Vorurteile – geäußert wurden: Juden würden Wucher und Hehlerei betreiben. Auf diese Art und Weise entstand mancherorts antisemitisches Verhalten. (Anmerkung: 1938 wurden das Gewing-Haus und der Betrieb „arisiert“ und die Familie zur Auswanderung gezwungen, wobei viele Familienmitglieder Opfer der Shoah wurden.) Auffällig viele Juden und Jüdinnen erlernten das Schneider-Handwerk. Es ist daher nicht überraschend, dass folglich eine große Zahl in der Bekleidungs- und Textilbranche beruflich tätig war. Betrachtet man den Anteil von Juden und Jüdinnen in Gewerbe und Handwerk dann war zirka ein Viertel in Wiener Neustadt in der Bekleidungs- und Textilbranche aktiv. Wiener Neustadt hatte seit dem 19. Jahrhundert zurecht den Ruf einer Industriestadt und bildet nicht zufällig das Zentrum des Industrieviertels in Niederösterreich. Dennoch waren nur vereinzelt Juden im Industriesektor tätig. Die Anzahl jüdischer „Fabrikanten“ (wobei damit auch Eigentümer von sogenannten fabriksmäßigen Betrieben gemeint sind) war äußerst gering. Für Wiener Neustadt können hier die Harzraffinerie Prager, die Seifenfabrik Grünwald, die Gardinen- und Teppichfabrik Selmeczi, die Kugelketten- und Bijouteriewarenfabrik Zeilinger und die Macospinnerei und Zwirnerei Pick genannt werden. Die jüdischen Geschäfte und Betriebe hatten ihren Standort mehrheitlich in der Alt- bzw. Innenstadt. Unmittelbar vor dem „Anschluss“ 1938 befanden sich die meisten Geschäftsadressen – angemeldete Handels- und Handwerksbetriebe sowie ärztlicher Praxen und Anwaltskanzleien – in der Neunkirchner Straße (23 Adressen), dann am Hauptplatz (18 Adressen), in der Wiener Straße (15 Adressen) und der Herzog-Leopold-Straße (12 Adressen).   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Wohnhaus - Eyerspergring 3 - Jimmy Berg

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Wohnhaus – Eyerspergring 3 Radiojournalist Jimmy Berg Kaum jemand weiß, dass eine Verbindung zwischen dem US-amerikanischen Journalisten Jimmy Berg und Wiener Neustadt besteht, denn Berg hieß ursprünglich Weinberg: Simson/Symson Weinberg kam am 23. Oktober 1909 in Kolomea, Galizien, als Sohn des Buchhalters Samuel und seiner Frau Fanny Weinberg zur Welt. 1910 fasste die Familie wieder in Wiener Neustadt, dem Standort des Arbeitgebers des Vaters, für kurze Zeit Fuß und wohnte am Corvinusring 18 und dann am Eyerspergring 3. Die Zeit des Ersten Weltkriegs war für den kleinen Simson zweifellos schwierig, nicht nur weil sein Vater zur kaiserlichen Armee eingezogen wurde, sondern seine Mutter an „Schwindsucht“, also Tuberkulose, erkrankte und 1918 starb. Simson wuchs fortan bei seinen Großeltern in Wien auf. Das Interesse für Musik scheint Simson Weinberg von seiner Mutter geerbt zu haben, die als Zither-Spielerin ihr Einkommen hatte. Entdeckt wurde die Begabung des Knaben vom Dirigenten des Wiener Arbeitersängerbundes, Georg Marcus. Als Jugendlicher mit 16 Jahren und begeistert von Jazz produzierte Simson seine ersten eigenen Kompositionen. Es zog ihn in die Welt hinaus: 1931 nach Deutschland, wo er unter anderem amerikanische Schlager verdeutschte, und 1933 nach Paris. Mitte der 30er Jahre und wieder zurück in Wien schrieb Symson, der sich nun Jimmy nannte und unter den Namen Jimmy Weinberg und Jimmy Berg veröffentlichte, Unterhaltungsmusik und Wiener Lieder. Von 1935 bis 1938 war er der musikalische Leiter der Wiener Kleinkunstbühne ABC, die mit Namen wie Jura Soyfer, Josef Meinrad oder Leo Askenasy (Leon Askin) verbunden ist. 1938 konnte er Österreich verlassen und in die USA emigrieren, wo er rasch zu einem vielseitigen Künstler und Radiojournalisten avancierte. Zu seinem Repertoire zählten Kompositionen und Texte für Radiosendungen, Shows, Revuen, Club-Veranstaltungen und Kabaretts, Kurz-Operetten, Songs und Chansons. Dies führte zur Zusammenarbeit mit berühmten Persönlichkeiten in der Kunst- und Kulturszene in den USA. Im Zusammenhang mit seinen ersten Arbeiten in den USA wird stets seine Mitwirkung in der Show „From Vienna“ der „Refugee Artists Group“ angeführt, aber auch seine Tätigkeit für Oscar Tellers und Erich Juhns „Arche“ sowie mit Karl Farkas und Armin Berg in der Revue „Ali Farkas und die 40 Berge“. Durch Hermann Leopoldi wurde sein Wiener Lied „In den kleinen Seitengassen“ im Österreich der Nachkriegszeit bekannt. Berg selbst erreichte Bekanntheit als Radiojournalist, worauf er sich zunehmend fokussierte. Zum Beispiel hörte man seine Stimme auf „Voice of America for Austria“ und dem Sender „Rot-Weiss-Rot“. Seine Meinung als Konzert- und TV-Kritiker war gefragt. Jimmy Berg verstarb am 4. April 1988 in New York. Eine kleine Auswahl seiner Interviews mit österreichischen Künstlern (als deutschsprachige Beiträge) finden Sie zum Beispiel auf der Österreichischen Mediathek: http://www.oesterreich-am-wort.at/ausstellungen/united-states-information-agency/hier-spricht-jimmy-berg-aus-new-york/mit-und-ueber-oesterreichische-kuenstler/   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. http://www.exilarchiv.de/DE/index.php?option=com_content&task=view&id=184&Itemid=1  

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Lilienfelder Hof - Domplatz 3 - Grabsteinfragmente

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Lilienfelder Hof – Domplatz 3 Hebräische Grabsteine im Verborgenen Der sogenannte Lilienfelder Hof trägt seinen Namen aufgrund der Tatsache, dass es sich einst um das Eigentum des Stiftes Lilienfeld gehandelt hatte. Das Gebäude ging im 16. Jahrhundert in den Besitz der Stadt über und wurde (weiterhin) als Schule verwendet. Es wurde lange fälschlich behauptet, dass zwei Grabsteine mit hebräischer Inschrift „in das Kellerpflaster eines Privathauses am Domplatz 3 eingearbeitet“ wären. Tatsächlich befand sich dort nichts von dem Angeführten, sondern drei Steinfragmente wurden 2007 aus einem Lagerschuppen im Innenhof geborgen. Zwei der drei Grabsteinfragmente weisen eine hebräische Inschrift auf. Sie lagen verborgen und vergessen im Dunkel des Wirtschaftsraums – dem eigentlichen Verwendungszweck entfremdet, als Bodenbelag mit der Inschrift nach oben, was dazu geführt hat, dass die Inschriftenseiten stark abgeschliffen sind. Niemandem war bewusst, welches Geheimnis zur jüdischen Geschichte nach langer Zeit damit gelüftet werden konnte: Denn einer von beiden stammt vermutlich aus der Zeit vor 1300, was bedeutet, dass er einer von insgesamt drei Grabsteinen aus dem 13. Jahrhundert in Wiener Neustadt ist. Grabsteine aus dieser frühen Zeit sind von großer Seltenheit. Es gibt in ganz Europa nur äußerst wenige Kulturschätze dieser Art: Wiener Neustadt hat unglaubliche drei Exemplare, was die lange und bedeutende jüdische Geschichte der Stadt nur unterstreicht. Die beiden großen Fragmente sind inzwischen im Stadtmuseum aufgestellt worden. Aber ruht vielleicht nicht doch noch ein Schatz zur jüdischen Geschichte Wiener Neustadts irgendwo im Verborgenen? Tatsächlich wurden 2007 vom Historiker Dr. Werner Sulzgruber mittelalterliche und frühneuzeitliche Grabsteine entdeckt, die auf dem jüdischen Friedhof in der Wiener Straße 95 zu sehen sind.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.

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Wiener Neustädter Dom - Domplatz - Fresken

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Wiener Neustädter Dom Fresken des 13. Jahrhunderts Die jüdische Bevölkerung lebte im Mittelalter im Spannungsfeld zwischen Formen der Privilegierung und des Schutzes (durch Kaiser bzw. Landesfürst) sowie Maßnahmen der Ausgrenzung und Diskriminierung. Der religiöse Antisemitismus zeigt sich an zwei Fresken in der mittelalterlichen Pfarrkirche der Stadt (dem 1279 eingeweihten Liebfrauendom). Der Umstand, dass es sich sogar um zwei solcher Fresken handelt, ist etwas ganz Besonderes im Vergleich zu anderen Städten und Kirchen Mitteleuropas. Beide Fresken stammen aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts, also aus jener Zeit, als die christliche Stadtbevölkerung begonnen hatte, sich im fertig gestellten Gotteshaus zu versammeln. Juden werden in der damals typischen Form, beispielsweise gekennzeichnet mit dem „Judenhut“ (pileus cornutus, gehörnter Hut), bildlich dargestellt. Zum einen ist im Mittelschiff auf einem Spitzbogen ein Wandgemälde zu sehen, auf dessen rechter Seite man einen Engel mit einem Schwert erkennt, der eine Gruppe von Personen vor sich hertreibt. Es ist die Figur des Erzengels Michael. Diese Gruppe der Verdammten wird von einer hundeähnlichen Gestalt an einem Seil, das allen um den Hals geschlungen ist, geführt. Unter jenen, die hier in die Hölle getrieben werden, sind auch drei Juden (erkennbar an den drei Judenhut-Spitzen) abgebildet. Zum anderen ist im nördlichen Seitenschiff eine vergleichbare Szene dargestellt: „Christus als Weltenrichter“. Zu seiner Linken ist es wieder eine Gruppe der Verdammten, was auch aus dem Inhalt des Schriftbandes hervorgeht, wo es heißt: „Hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer“ (Discedite maledicti in ignem eternum). Zwei Juden, die einen „Judenhut“ tragen, sind die ersten, die an der Kette oder Hals-Fiedel in die Hölle gebracht werden. Neuerlich sind teuflische Wesen dargestellt, darunter eines mit einem Wolfs- oder Hundekopf – möglicherweise sinnbildlich für den Höllenschlund oder etwas Schlangenhaftes und demnach Böses. Die Spitzen der „Judenhüte“ auf dem Fresko des Seitenschiffes, aber auch des Mittelschiffes, sind zum Beispiel der Form des in der berühmten Manessischen Liederhandschrift (einer Minnesänger-Handschrift des frühen 14. Jahrhunderts) überlieferten „Judenhutes“ sehr ähnlich. Darstellungen von Juden finden sich auch in und an anderen Kirchen in Österreich. So lässt sich zum Beispiel auf dem Fries über den Ziersäulen am Riesentor des Wiener Stephansdomes ein Kopf mit einem zugespitzten Hut erkennen. In der Pfarrkirche Hl. Simon und Juda in Pabneukirchen in Oberösterreich stößt man auf Fresken mit Judenhüten. Aber im Unterschied zu allen anderen christlichen Kirchen sind die Fresken im Dom von Wiener Neustadt sowohl durch ihre Anzahl als auch ihr Alter höchst bemerkenswert. Der christlichen Bevölkerung, die in der Kirche ihren Gottesdienst feierte, wurde mit den bildlichen Darstellungen regelmäßig vor Augen geführt, dass Juden als Andersgläubige in die Hölle kommen. Sie seien nicht jene, die den rechten Glauben haben. Sie wurden bekanntlich beschuldigt, die Schuld am Tod Jesu zu tragen („Mörder Christi“) und Menschenblut (von christlichen Kindern) zu rituellen Zwecken zu verwenden. Hinzu kamen Hostienschändungslegenden und Ritualmordlegenden (wie zum Beispiel über Simon von Trient, Anderl von Rinn und Rudolf von Bern). Die christlichen Wortführer kritisierten die Andersartigkeit der jüdischen Riten und prägten ihren Ruf, hochmütig zu sein und sich als das „auserwählte Volk“ zu sehen. Obwohl sich im Dom diese beiden Fresken finden und im Mittelalter blutige Verfolgungen stattfanden – man denke nur an das Jahr 1338 und die von Pulkau ausgehenden Übergriffe in Niederösterreich oder an die Pogrome der Pestjahre 1348/49 – blieb die Neustadt davon verschont.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Der ehemalige Kleiderhandel Schischa - Domgasse 3

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Der ehemalige Kleiderhandel Schischa – Domgasse 3 Familie Schischa & Kindertransporte An der Adresse Domgasse 3 befand sich bis 1938 der Kleiderhandel der Familie Schischa. Wilhelm Schischa (1883-1942) und seine Gattin Johanna (1885-1942) waren 1908 in die Pfarrgasse 3 nach Wiener Neustadt gezogen. Dort baute Wilhelm mit großem Engagement sein Männerkleidergeschäft auf. Damit war er einer von vielen jüdischen Händlern, die im Textilhandel ihren Lebensunterhalt verdienten. Er selbst war gelernter Schneidermeister und nannte sein 20 m2 großes Geschäft an der Hausecke Domplatz/Domgasse „Kleiderhaus“. Durch seinen Fleiß war es ihm möglich, ein Einfamilienhaus in der Kaiserbrunngasse 17 zu erwerben. Das aus frommen jüdischen Familien stammende Ehepaar hatte zwei Kinder, Eduard (1914-1963) und Karoline (*1927), wobei Sohn „Edi“ den väterlichen Betrieb übernehmen sollte. Aber es kam alles anders, als 1938 das „Kleiderhaus“ von einem Bekannten Wilhelm Schischas, keinem Geringeren als den in Wiener Neustadt für die NSDAP-Kreisleitung tätigen Ing. Fritz Helmling „arisiert“ wurde. Dieser übernahm das gesamte Bargeld und das Warenlager. Die Eltern wollten ihre beiden Kinder in Sicherheit wissen und so verließ zuerst der inzwischen 24-jährige Edi die Stadt und konnte im Oktober 1938 mit einem Transport nach Palästina gelangen. Die zurückgebliebenen Familienangehörigen wurden im Zuge der Verhaftungen während des Novemberpogroms vertrieben; sie fanden in Wien Unterschlupf – ohne Mittel, denn sie hatten alles zurücklassen müssen. Mit der Unterstützung von Verwandten und der B’nai B’rith-Loge gelang es den Eltern, ihrer Tochter Karoline eine Ausreise nach Großbritannien zu ermöglichen. Im Sommer 1939, genau am 11. Juli 1939, bestieg Karoline „Lilly“ einen Zug am Wiener Westbahnhof, einen sogenannten „Kindertransport“, der hunderte Kinder und Jugendliche außer Landes brachte. Ihr wurde damit das Leben gerettet. Lilly war eines von insgesamt 2.386 Kindern, die in den Jahren 1938 und 1939 nach Belgien, Frankreich, Großbritannien, Holland, Schweden, in die Schweiz oder in die USA gebracht wurden. Den betroffenen Kindern war es nur gestattet, einen Koffer bzw. ein einziges Handgepäckstück mitzunehmen. Die Bahnfahrt ging für Lilly bis Hoek van Holland, nahe Rotterdam, und mit der Fähre nach Harwich. Lilly wurde in England gemeinsam mit anderen jüdischen Kindern aus Österreich und Deutschland in einem Heim untergebracht. Sie konnte noch bis in die frühen 1940er Jahre mit ihren Eltern in Briefkontakt bleiben, auch noch als diese 1941 in das Ghetto Opole gekommen waren. Dieser brach jedoch alsbald ab: Vater und Mutter waren 1942 im KZ Belzec ermordet worden. Lilly erfuhr erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vom furchtbaren Schicksal ihrer Eltern. Sie kehrte, wie nur wenige jüdische Wiener Neustädter, welche die Shoah überlebt hatten, nach Österreich zurück. In Wien suchte sie nach ihren Eltern und fand nur noch einen Koffer, voll mit Briefen und Fotografien, die ihre Eltern aus dem polnischen Ghetto an Verwandte in Wien geschickt hatten. Wenn Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt die Shoah überlebten, dann waren es zum einen meistens Kinder, die von ihren Eltern, mit deren letzten Hab und Gut finanziert, durch Kindertransporte ins sichere Ausland gebracht worden waren. In vielen Fällen schafften es die im Land gebliebenen Eltern nicht mehr außer Landes. Zum anderen waren es jüdische Familien der Mittel- oder Oberschicht, die über ausreichende finanzielle Mittel und Kontakte zu jüdischen Vereinen und ins Ausland verfügt hatten, sodass sie die Flucht bzw. Fahrt ins Exilland organisieren konnten. Aber auch in diesen beiden Gruppen gibt es viele Opfer der Shoah, nämlich dann, wenn Juden und Jüdinnen durch „Arisierung“ und Beraubung alles genommen worden war. Über die Wiener Neustädter Familie Schischa gibt es mehrere Dokumentationen: • Video „Ein Koffer voll Erinnerung“: http://www.centropa.org/de/centropa-cinema/lilli-tauber-ein-koffer-voll-erinnerung • Familiengeschichte online auf Centropa: http://www.centropa.org/de/biography/lilli-tauber • Wilhelm und Johanna Schischa, Was mit uns sein wird, wissen wir nicht. Briefe aus dem Ghetto, Wien 2015.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013. http://www.centropa.org/de/node/61791  

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Der ehemalige Posthof - Wiener Straße 17

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Der ehemalige Posthof – Wiener Straße 17 Der Fall Grünhut & Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg Der Posthof war in Wiener Neustadt eine gute Adresse. Hatte man dort ein Geschäft, dann genügte es, einfach den Namen „Posthof“ zu nennen, denn die genaue Adresse war jedem bekannt. Der jüdische Händler Alfred Grünhut (1876-1938) hatte im Posthof 1909 ein Kleidergeschäft einrichten können, das später den Namen „Kleiderhaus Posthof“ trug, wenngleich es sich um ein eher kleines Geschäft handelte. Am 26. April 1938 wurde die Firma unter kommissarische Leitung gestellt. Alfred Grünhut bemühte sich vergeblich, sein Kleiderhaus zu behalten. Es interessierte die neuen Machthaber nicht, dass Grünhut im Ersten Weltkrieg gedient hatte, an der Front gekämpft hatte und verwundet worden war. Seine Interventionen fanden kein Gehör, im Gegenteil, rasch war über die kommissarische Leitung am 25. Mai 1938 ein Kaufvertrag mit zwei „Ariseuren“ abgeschlossen worden. Grünhut war völlig verzweifelt. 1922 war seine Ehefrau durch Selbstmord aus dem Leben geschieden, jetzt war sein Lebenswerk verloren. Am Dienstag, dem 12. Juli 1938, fand man Grünhut erhängt und mit Kupfervitriol vergiftet. Kupfervitriol bzw. -sulfat ist an sich nur leicht giftig und verursacht starken Brechreiz. Hatte er sich mit dieser Substanz das Leben nehmen wollen und dann den Tod durch Erhängen gewählt? Oder könnte es sich vielleicht doch um einen Mord gehandelt haben, der vertuscht wurde? Der Fall Grünhut ist nur ein Beispiel für die Beraubung der jüdischen Bevölkerung und die Auswirkungen. Auf seine Vergangenheit als Frontsoldat wurde keine Rücksicht genommen. Obgleich vereinzelt Fälle aus Österreich bekannt sind, wo jüdische Soldaten kurzzeitig ein gewisses Entgegenkommen (von lokalen Verantwortungsträgern) erhielten, so war dies in Wiener Neustadt nie der Fall. Viele Juden hatten als Soldaten „für Kaiser und Vaterland“ gedient. Soldaten mit mosaischem Religionsbekenntnis kämpften in der k. u. k. Armee an den Fronten des Ersten Weltkriegs: insgesamt zwischen rund 275.000 und 400.000 Juden – 25.000 als Offiziere. Viele von ihnen erhielten Auszeichnungen für ihre militärische Leistung und waren Träger von Tapferkeitsorden. In der Gruppe der jüdischen Minderheit in Wiener Neustadt gab es mehrere Soldaten, die militärische Auszeichnungen bekommen hatten: Tapferkeitsmedaillen in Bronze und Silber, wie zum Beispiel im Falle des später berühmten Rechtsanwalts Michael Stern (*1897) oder des Kaufmannes Max Zimmer (*1891), aber auch in Gold. 30.000 Juden starben im Ersten Weltkrieg – darunter über 1.000 jüdische Offiziere. Die Verdienste von jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg waren nach dem „Anschluss“ 1938 vergessen. So mancher jüdische Wiener Neustädter erhoffte sich aufgrund seiner militärischen Vergangenheit und seiner Auszeichnungen im Ersten Weltkrieg ein gewisses Entgegenkommen seitens der Nationalsozialisten im Rahmen der allgemeinen Entrechtung und Verfolgung, zum Beispiel eine Ausnahme in der „Arisierung“. Der Einsatz „für Kaiser und Vaterland“ war irrelevant geworden, und so wurde zirka ein Drittel der dokumentierten jüdischen Soldaten aus Wiener Neustadt zu Opfern der Shoah.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013. Werner Sulzgruber, Vom Leben und Tod . Juden in und aus Wiener Neustadt im Ersten Weltkrieg. Soldaten – Feldrabbiner – Ärzte – Militär-/Landsturmarbeiter – Kriegsgefangene, in: Unsere Heimat 84/2014, S. 110-122.  

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Das ehemalige Geschäft Fruchter - Wiener Straße 26

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Das ehemalige Geschäft Fruchter – Wiener Straße 26 Zionisten & Kommissarische Verwaltung und „Arisierung“ 1938 Im Jahr 1927 gründete Josef Fruchter (*1895) seine „Seifen- und Parfümeriewarenhandlung“ in der Wiener Straße 26. Der fleißige jüdische Geschäftsmann etablierte seinen Betrieb als Einzelhandels- und Großhandelsunternehmen, das in der Stadt und der Region bekannt war. Fruchter belieferte nicht nur Kunden im Bezirk Wiener Neustadt, sondern auch Abnehmer in Neunkirchen, Baden und Mödling sowie im nahen Burgenland. Der erfolgreiche und steigende Verkauf von Seifen, Kerzen, Kosmetikprodukten, Waschmitteln, Parfümerie- und Toilette-Artikeln (zum Beispiel Bürsten, Kämme, diverse Düfte und Eau de Cologne nach Gewicht) ließ seine „Seifen- und Parfümeriewarenhandlung“ zu einem gut gehenden Betrieb mit sieben Angestellten – darunter auch seine Gattin Christine (*1905) – heranwachsen. Josef Fruchter war der letzte Obmann der Ortsgruppe des „Zionistischen Landesverbandes für Österreich in Wien“ vor 1938. Diese wurde 1920 gegründet und sollte unter anderem den „jüdisch-nationalen Gedanken“ wecken und fördern. Zu diesem Zweck wurde eine Jugendgruppe in Wiener Neustadt eingerichtet, denn den Jugendlichen galt seitens der Zionisten besondere Aufmerksamkeit. Um die jungen Menschen zu interessieren, setzte man lokal weniger auf politische Aufklärung, sondern auf soziale Aktivitäten – wie gemeinsame Ausflüge in die nahe Region – und sportliche Betätigung – wie Fechten und Boxen. Vereinsmitglieder erhielten ein Exemplar der „Jüdischen Zeitung“, es wurden Veranstaltungen, die der Verbreitung der zionistischen Idee dienten, organisiert und es wurde eine politische Gruppe namens „Vereinigte Wahlpartei der Zionisten und Fortschrittlichen Wr. Neustadts“ in der Kultusgemeinde gebildet. Ziel der Zionisten war die Schaffung eines jüdischen Staates, einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina“. Im März 1938 wurde Josef Fruchter sofort verhaftet und kam später in „gerichtliche Untersuchungshaft“ nach Wien. Die Fahrzeuge seines Betriebs wurden beschlagnahmt und kommissarische Verwaltungspersonen für die „Seifen- und Parfümeriewarenhandlung“ eingesetzt: Im Falle der Firma Fruchter waren es für eine kurze Zeitspanne sogar zwei Kommissare. Im Rahmen des „Anschlusses“ im März 1938 wurden einige jüdische Geschäftsinhaber verhaftet. Die „Arisierungen“ liefen anfangs noch in einer verhältnismäßig unorganisierten Form ab. Die im Prozess der Machtergreifung im März unmittelbar eingesetzten NS-Funktionäre setzten sofort Schritte der Enteignung und Beraubung: Parteigenossen beriefen sich auf ihre Autorität als NSDAP-Mitglieder oder als Funktionsträger und begannen mit Beschlagnahmungen. Jüdische Geschäfte und Betriebe wurden aufgesucht und die Inhaber aus ihren Firmen hinausgeworfen. Mitunter wurden bei diesen sogenannten „wilden Arisierungen“ in nur wenige Minuten neue Tatsachen geschaffen. Die auf diese Art und Weise, auch unter Gewaltanwendung, ihres Eigentums beraubten jüdischen Geschäftsinhaber waren von diesen Aktionen völlig überrascht. Es war für sie unvorstellbar, keinen Zutritt mehr zu „ihren“ Firmen zu haben und ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Mit der Verhaftung der Eigentümer und dem Entzug aller Genehmigungen konnten die „Arisierungen“ ohne Widerstand durchgeführt werden. Die Abwicklungen wurden von kommissarischen Verwaltern bzw. Leitern vorgenommen, die in Wiener Neustadt ab März und April 1938 oft schon lange vor ihrer definitiven Bestätigung durch die NS-Behörden aktiv waren. Ab April 1938 besetzte die NSDAP-Kreisleitung manche Verwalter-Stellen (für fabriksmäßige und gewerbliche Betriebe, Praxen, Kanzleien und Geschäfte) neu. Die Kommissare wurden dann in einem behördlichen Prüfverfahren durch die Vermögensverkehrsstelle Wien bestätigt, was in Wiener Neustadt meist im Mai 1938 der Fall war. Die kommissarischen Verwalter prüften zuerst die Vermögenslage der jüdischen Firmen und leiteten die Überführung des jüdischen Eigentums in „arischen“ Besitz. Die „Kennzeichnung jüdischer Betriebe“, die „Anmeldung des jüdischen Vermögens“ und das Anlegen einer „Juden-Kartei“ (auf der Basis der „Nürnberger Rassengesetze“) waren beispielsweise Schritte auf dem Weg zur völligen Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. In Wiener Neustadt hatte man ab dem März in den Auslagen Kennzeichnungen – mit Bezeichnungen als „Jüdisches Geschäft“ oder „Deutsches Geschäft“ – vorgenommen. Es gab sogar die Funktion eines sogenannten „Generalabwicklers“ in der Person von Ing. Fritz Helmling, also eines Verwalters für eine große Anzahl jüdischer Unternehmen. Insgesamt verlief die Enteignung und Beraubung der jüdischen Minderheit in Wiener Neustadt sehr rasch ab, 1939 war der Großteil aller „Arisierungen“ abgeschlossen.   Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Wohn- und Geschäftshaus - Wiener Straße 9/Herrengasse 2 - Dr. Karpfen

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Wohn- und Geschäftshaus – Wiener Straße 9/Herrengasse 2 Die jüdischen Ärzte & Dr. med. Karpfen und Tochter Alice Goldner Im Vergleich zu anderen Städten in Niederösterreich war die Anzahl der jüdischen Ärzte und Rechtsanwälte in Wiener Neustadt außergewöhnlich hoch: Mehr als ein Drittel der frei ordinierenden Mediziner in Wiener Neustadt war jüdischer Abstammung; die Mehrheit der Zahnärzte war in den 1930er Jahren jüdischer Abstammung: Dr. Margarete Aldor (Neunkirchnerstraße 11), Dr. Bruno Bum (Hauptplatz 10), Dr. Michael Jaul (Hauptplatz 31), Dr. Simon Karpfen (Herrengasse 2), Dr. Sabine Rosenfeld (Herzog-Leopold-Straße 7) und Dr. Siegfried Schneider (Hauptplatz 18). Dr. Karpfen (*1864) hatte seine Ordination seit 1902 im zweiten Stock des Hauses Wiener Straße 9. Er zählte zweifellos alsbald zu den erfahrensten Zahnärzten der Stadt. Schon früh hatte er Eingriffe, wie zum Beispiel Zahnextraktionen, unter Narkose durchgeführt, wobei Schlafgas zum Einsatz kam. Außerdem wandte er solange Kokain als Betäubungsmittel an, bis es in der Zwischenkriegszeit in Österreich verboten wurde. Man könnte meinen, dass der über 70-jährige Dr. Simon Karpfen wegen seines Alters und der Anerkennung als Arzt, der im Gesundheitswesen der Stadt fast 40 Jahre gewirkt hatte, vonseiten der neuen nationalsozialitischen Führung 1938 geschont worden wäre, aber Karpfen der noch 1937 in der Adressenliste der Ärzte als aktiver Zahnarzt vermerkt war, wurde gemeinsam mit seiner Frau 1942 nach Theresienstadt abgemeldet und von dort am 23. September 1942 nach Treblinka überstellt. Beide wurden zu Opfern der Shoah. Dr. Karpfens in Wiener Neustadt geborene Tochter Alice (*1903) hatte 1934 den Rechtsanwalt Dr. Franz Goldner (*1903), der seine Kanzlei in der nahen Herzog-Leopold-Straße 26 führte, geheiratet. Dem Paar, das 1938 nach Wien, in die Neustiftgasse 31/26, vertrieben worden war und nach Paris ausreiste, gelang die Flucht in die USA. Alice verfasste in den 1980er Jahren ein Buch mit dem Titel „...in dieser alten Stadt. Erzählungen von Lisl Goldner“, in das sie ihre Erinnerungen an ihre Geburtsstadt einfließen ließ und auch viele historische Tatsachen einband, wodurch die Erzählungen etwas Dokumentarisches gewinnen. Sie hütete sich aber ihren Namen zu nennen oder gar von einer Autobiographie zu sprechen. Dennoch gibt es viele Indizien dafür, dass sich in den inhaltlichen Darstellungen hinter den Personen Franz und Lore nur Franz und Alice „Lisl“ (Goldner) verbergen können, aber auch, dass es sich bei den Eltern, denen das Buch gewidmet ist, um das Ehepaar Karpfen handelt. (1.) So wird in einer der gesammelten Erzählungen im Buch beschrieben, dass Lore ihre Mutter nach ihrem Abschied in Wien „nie wieder“ sieht. – Das Ehepaar Karpfen wurde, wie beschrieben, 1942 tatsächlich deportiert und ermordet. (2.) Für Franz und Lore ging es in New York „dank ihrer vorherigen Ausbildung ... wieder bergauf“. Lore arbeitete in einer „Blumenfabrik“ und Franz konnte nach „notwendigen Prüfungen ... wieder in seinem ursprünglichen Beruf arbeiten“. – Alice Goldner hatte bereits vor ihrer Emigration berufliche Qualifikationen im Kunstgewerbe. Ihr Mann, Dr. jur. Franz Goldner, war in New York als Rechtsanwalt tätig und nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Rückstellungsverfahren in Wiener Neustadt involviert. Als Vorstandsmitglied der „American Association of Former Austrian Jurists“ bemühte er sich innerhalb dieser Organisation für die Anliegen und Interessen von emigrierten österreichischen Richtern und Rechtsanwälten.   Quellen/Literatur: Archiv der IKG Wien Stadtarchiv Wiener Neustadt, Phonologisches Melderegister Lisl Goldner, ... in dieser alten Stadt. Erzählungen von Lisl Goldner, Wiener Neustadt 1982. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Wohn- und Geschäftshaus - Hauptplatz 14 - Dr. Berstl

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Wohn- und Geschäftshaus – Hauptplatz 14 Jüdische Rechtsanwälte & Dr. jur. Emanuel Berstl Nicht nur die Anzahl der jüdischen Ärzte war in Wiener Neustadt hoch, sondern auch die der jüdischen Rechtsanwälte, denn diese bildeten fast die Hälfte der Anwälte der Stadt. Juden dieses Berufsstandes waren nicht streng religiös, sie hatten sich zumeist stark angepasst und oft ihre Konfession gewechselt. Unter den Rechtsanwälten finden sich berühmte Persönlichkeiten, wie zum Beispiels Dr. Emanuel Berstl (1865-1937), der in Kollegenkreisen als „erster Anwalt des Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, so manche illegalen NSDAP-Mitglieder aus der Stadt verteidigte und als „sozialdemokratischer Arbeiterführer“ in die Regionalgeschichte einging: Emanuel Berstl war am 24. Dezember 1865 in Pirnitz in Mähren geboren worden. Er studierte Rechtswissenschaften in Wien, promovierte 1889 und arbeitete folglich beim Straf-, Zivil- und Handelsgericht Wien und am Bezirksgericht Neunkirchen. Im Industrieviertel wurde er mit den Anliegen der Arbeiterschaft konfrontiert und kam mit sozialdemokratischen Politikern, wie Viktor Adler, Karl Renner und Karl Seitz, in Kontakt. Berstl wurde schließlich zum „Arbeiterführer“, weil er sich unter anderem aktiv für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft einsetzte und in Neunkirchen einen Generalstreik initiierte. Die Beweggründe für sein politisches Handeln – das revolutionär war – lagen letztlich darin, die sozialen Verhältnisse zu verbessern und aufzuklären. Zu seinen Leistungen in diesem Bereich zählte die Gründung der „Neunkirchner Volkszeitung“ (1895) und der Wiener Neustädter „Arbeiterwohnbauvereinigung“ (um Abhilfe gegen die damals drückende Wohnungsnot zu schaffen). Dr. Berstl zog sich zur Jahrhundertwende aus dem politischen Leben zurück, wechselte seinen Wohnort und eröffnete in Wiener Neustadt eine Anwaltskanzlei am Hauptplatz 14. Er wählte dazu ein magisches Datum, nämlich den 1. Jänner 1900, das ihn zum „ersten Anwalt des Jahrhunderts“ werden ließ – ein kluger Kunstgriff, denn damit konnte Berstl zurecht werben. Berstl war ein gefragter Advokat, den sich auch Nationalsozialisten als Rechtsbeistand aussuchten, wie zum Beispiel der „Halbkreisleiter der NSDAP für das Steinfeld“ Ing. Ferdinand Ulz, der ab 1938 zum NSDAP-Kreisleiter werden sollte. 1901 heiratete Dr. Berstl Irene Engel (*1877), die ihm zwei Kinder schenkte, Margarete (*1902) und Friedrich (*1905). Dr. Berstl erkrankte am Ende seines arbeitsreichen Lebens und verstarb am 4. Jänner 1937. Am 5. Dezember 1937 starb auch seine Witwe an den Folgen eines Unfalls. Das Haus der Familie, die bekannte „Villa Berstl“ im Stadtpark, Promenade 4, wurde „arisiert“ und die NS-Stadtregierung brachte darin das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK) unter. Heute ist Dr. Emanuel Berstl nahezu vergessen.   Quellen/Literatur: Gerhard Milchram, Heilige Gemeinde Neunkirchen. Eine jüdische Heimatgeschichte, Wien 2000. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Wohn- und Geschäftshaus - Hauptplatz 21 - Dr. Stern

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Wohn- und Geschäftshaus – Hauptplatz 21 Dr. Michael Stern & Marie Weil Am Hauptplatz 21 führte der am 11. Dezember 1897 in Wiener Neustadt geborene und später berühmte Rechtsanwalt Dr. Michael Stern gemeinsam mit seinem Schwager Dr. Heinrich Grünfeld bis 1938/39 eine Kanzlei. Seit 1926 war er Konzipient in der Kanzlei Grünfeld gewesen, hatte nach seiner Hochzeit mit der Nicht-Jüdin Edith Goldschmidt (*1900) ein paar Jahre in Wien gearbeitet und war dann wieder in die Kleinstadt zurückgekommen. 1931 wurde er in die Liste der Rechtsanwälte eingetragen. Die Dienste Dr. Sterns wurden, wegen seiner Erfolge bei der Verteidigung von lokalen Gemeindevertretern (wie den beiden Stadträten Alfred Altmann und Franz Schüller), in den 1930er Jahren geschätzt. Man sah ihn als „Spezialisten“ und „guten Fachmann“. Er übernahm in der Zeit des „Ständestaates“ auch die Strafverteidigung von Mitgliedern der illegalen Sturmabteilung (SA), die in der Verbotszeit des Hochverrates angeklagt waren. Während der Zeit des Nationalsozialismus war er in Wien eingeschränkt als Rechtsanwalt tätig, nämlich nunmehr als sogenannter „Rechtskonsulent für Nichtarier“, von denen es rund 30 an der Zahl gab. Stern vertrat Juden und Jüdinnen, auch solche aus Wiener Neustadt und der Region, bei der Regelung von vermögensrechtlichen Angelegenheiten, bei der Vorbereitung der Auswanderung, der Abwehr behördlicher Schikanen und Interventionen bei Dienststellen der Polizei und der Gestapo. Lokal bedurfte es seinerseits der Zusammenarbeit mit Mitgliedern der NSDAP-Kreisleitung und den schrumpfenden Mitgliedern der Kultusgemeinde. Nach dem Zweiten Weltkrieg tat er sich nach dessen Rückkehr aus dem Exil mit dem Wiener Neustädter Anwalt Dr. Fritz Aufricht zusammen und eröffnete mit diesem eine Kanzlei in der Seilerstätte 22 in Wien, wobei Stern für die Straffälle und Aufricht für die Wirtschaftsfälle zuständig schrieb. Durch mehrere spektakuläre Prozesse, über die in der Presse ausführlich berichtet wurde und in denen er Freisprüche erreichte, erhielt er den Ruf eines führenden Strafverteidigers in Wien und wurde als „Doyen der österreichischen Rechtsanwälte“ gefeiert. Seine Disziplin, sein hohes Arbeitspensum und sein genau geregelter Arbeitstag waren legendär. Dr. Michael Stern starb am 2. Dezember 1989 in Wien. Neben der Geschichte berühmter Menschen sollen hier aber auch andere Beispiele, nämlich von Menschen aus der einfachen Bevölkerung, erzählt werden: Im Haus, in dem Dr. Stern seine Anwaltskanzlei hatte, befand sich das Geschäft von Marie Weil. In einem fast vergessenen Buch einer jüdischen Emigrantin, die ihre Erinnerungen an ihre Heimatstadt niedergeschrieben hatte, hieß es: „Am Hauptplatz, wo die Ungargasse beginnt, im Eckhaus mit dem gotischen Laubengang, befindet sich die uralte Apotheke Mariahilf. Unter den Lauben, neben dem Hauseingang, war ein Schnittwarengeschäft, dessen Gewölbe so dunkel war, daß immer elektrisches Licht brannte. Es war ein sehr gutgehendes Geschäft mit mehreren Auslagen. Die Bauern der Umgebung kauften dort gern ihre bunten Stoffe, Leinen, Zubehör, weil alles besonders gut und haltbar war. Frau Marie, die Besitzerin, sah selbst wie vom Land aus, und niemand konnte glauben, daß ihre Religion jüdisch war. Als eine ihrer Kundinnen bemerkte: „Jetzt kem'ma gern, weil der kloane Jud' nemme da is'“, jagte sie die Kundin grob hinaus, weil der „kloane Jud'“ ihr verstorbener Mann war. Frau Marie war ein Original, ihre Religion war jüdisch, von ihren Eltern ererbt, so hielt sie die hohen Feiertage Neujahr und Jom Kippur, den Erinnerungstag an die Toten. Daneben ging sie häufig in die Kirche, so wie sie es – am Land aufgewachsen – mit den anderen Kindern getan hatte, zündete eine Kerze für die Muttergottes an und betete andächtig in der Neuklosterkirche. Sonntag ging sie gern zum Heurigen und das ganze Jahr sparte sie für eine große Reise. Ihr einziger Sohn war zwar ein erstklassiger Musiker und Sportler; für das Geschäft hatte er jedoch nichts übrig, um so mehr hatten die Mädchen der Stadt etwas für ihn übrig.“Quelle: Lisl Goldner, ... in dieser alten Stadt. Erzählungen von Lisl Goldner, Wiener Neustadt 1982, S. 11-12. Die zitierten Erinnerungen erfassen allerdings nicht die folgenden Tatsachen: Die seit 1918 verwitwete Marie Weil (*1871) war Geschäftsinhaberin der Firma „Brüder Weil“ und handelte mit Kurz- und Manufakturwaren, Bett-, Mode-, Wirkwaren und anderen Textilien am Hauptplatz 21. Sie war Eigentümerin des unweit gelegenen Hauses Adlergasse 9. Ihr Sohn Richard (*1903) war Musiker, Sportlehrer sowie Motorrad- und Automechaniker. Als Verkäufer (in der Sportartikel- und Textilbranche) hatte er auch einen Handelsbetrieb an der Wohnadresse in der Adlergasse angemeldet. Im Mai 1938 bemühte sich Richard Weil um eine Ausreise; damals war noch Grete Frais-Strobl (*1914) als seine „Braut“, also seine Verlobte, ausgewiesen. Doch nur zwei Monate später, am 12. Juli 1938, heiratete Richard die römisch-katholische Margarethe Reisz (die Tochter des Juden Albert Reisz) aus Winzendorf katholisch. Den Vermählten gelang aufgrund der mütterlichen Unterstützung 1939 die Ausreise nach Palästina. Das Schicksal von Marie Weil verlief anders: Sie wurde beim Novemberpogrom 1938 nur notdürftig bekleidet in die Wiener Neustädter Synagoge gebracht, dort inhaftiert und beraubt. Während ihrer Haft musste sie unter Drohungen einen Vertrag unterschreiben, mit dem sie ihr Haus um weniger als ein Viertel des tatsächlichen Wertes verkaufte. Sie wurde nach ein paar Tagen Haft in einem Autobus nach Wien abgeschoben. 1942 deportierte man Marie Weil nach Theresienstadt, von dort wurde sie im Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz überstellt, wo sie den Tod fand.   Quellen/Literatur: Archiv der IKG Wien Lisl Goldner, ... in dieser alten Stadt. Erzählungen von Lisl Goldner, Wiener Neustadt 1982. Peter Malina u. Anna Ofner, Die Akten der Klienten/Klientinnen der Kanzlei Dr. Michael Stern 1938-1945 (Werkstattgespräch des Zukunftsfonds am 11. Oktober 2011) Michael Stern, Es kann nicht immer Freispruch sein. Memoiren, Wien 1981. Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Wohn- und Geschäftshaus - Ungargasse 2 - Dr. Bauer

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Die ehemalige Anwaltskanzlei Bauer – Ungargasse 2 Die IKG Wiener Neustadt und ihr letzter Präsident Dr. Bauer Das Staatsgrundgesetz von 1867 und das interkonfessionelle Gesetz vom Mai 1868 brachten für die jüdische Minderheit im Habsburgerreich die volle bürgerliche Gleichberechtigung. Juden und Jüdinnen hatten sich wieder in Wiener Neustadt ansiedeln dürfen und lebten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in angemieteten Wohnungen in Bürgerhäusern, primär in der Innenstadt und im Kapuzinerviertel (dem südwestlichen Viertel). 1869 waren es zirka 185 und 1880 schon 309 Personen mit mosaischem Religionsbekenntnis. Mit dem 4. Mai 1871 erhielt die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt den Status einer „Israelitischen Kultusgemeinde“. Mit dem „Österreichischen Israelitengesetz“ von 1890 wurde das Verhältnis der verschiedenen Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage gestellt. 1892 erfolgte die Organisation der IKG Wiener Neustadt gemäß dieser neuen Rechtsgrundlage, auf der nach der Jahrhundertwende 15 Gemeinden mit ihrem jeweiligen Kultussprengel in Niederösterreich bestanden: Amstetten, Baden, Gänserndorf, Groß-Enzersdorf, Hollabrunn, Horn, Krems, Mistelbach, Mödling, Neunkirchen, St. Pölten, Stockerau, Tulln, Waidhofen/Thaya und Wiener Neustadt. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wiener Neustadt war in den 1930er Jahren die drittgrößte Kultusgemeinde in Niederösterreich (nach der IKG Baden und der IKG Mödling). Sie bestand aus dem Stadtgebiet Wiener Neustadt und einem Verwaltungsbezirk („Sprengel“). Bei der Volkszählung von 1934 umfasste die IKG Wiener Neustadt 886 Personen mit mosaischem Religionsbekenntnis. 685 Menschen lebten in Wiener Neustadt, 30 in Oberwaltersdorf, 20 in Ebreichsdorf, 14 in Erlach, 11 in Katzelsdorf, 10 in Pernitz, 10 in Weigelsdorf, 9 in Ebenfurth, 9 in Gramatneusiedl und die restlichen 88 in vielen anderen kleinen Dörfern des Kultussprengels. Vor dem „Anschluss“ 1938 waren Prof. Dr. Heinrich Weiss als Rabbiner, Hugo Reininger als Vorstand der Gemeinde, Moritz Schulhof als Oberkantor und Schächter, Leo Löwy als Kantor, Heinrich Löwy als Religionslehrer, Karl Schlesinger als Tempeldiener und Philipp Sinai als Friedhofsaufseher aktiv. Neben der Synagoge, dem Bethaus, dem Schächthaus, dem privaten Koppel-Bethaus, dem Matrikenamt (Hauptplatz 11) und dem Friedhof gab es keine weiteren Einrichtungen der örtlichen IKG. Ein Reinigungsbad (Mikwe) ist in Akten der IKG zwar ausgewiesen, aber ihr Standort heute unbekannt. Nach dem „Anschluss“ erfolgte die erste Fluchtbewegung von Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt. Die IKG zerfiel mit der Ausreise von Oberrabbiner Dr. Heinrich Weiss, der im August 1938 offiziell „auf Urlaub“ ging, und des Vorstandes Hugo Reininger, der im Oktober 1938 als „abgewandert“ vermerkt wurde. Bald konnte die organisatorische und religiöse Tätigkeit nicht mehr aufrechterhalten werden. Zurück blieb im Herbst 1938 der Rechtsanwalt Dr. Leopold Bauer, der als letzter „Vorstand“ („Vorsteher“) die verbleibenden organisatorischen Agenden der IKG führte. Dr. Weiss und Dr. Bauer, dessen Anwaltskanzlei in der Ungargasse 2 war, hatten sich über Monate bemüht, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu unterstützen, sei es beispielsweise durch Empfehlungsschreiben (für die Fürsorge oder Ausreise-Abwicklungen) oder gegenüber NS-Behörden (für finanzielle Unterstützungen). Vor der „Reichskristallnacht“ konnte Dr. Bauers älteste Tochter Irma die „Ostmark“ verlassen und gelangte gesund nach Palästina, während die Familie aus Wiener Neustadt vertrieben wurde. 1942 wurden Dr. Leopold Bauer, seine Gattin Emma und die beiden Kinder Ernst und Susanne deportiert und ermordet, höchstwahrscheinlich in Sobibor.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Ein Fenster in die jüdische Geschichte - Hauptplatz 13 - Zahnatelier Braunberg

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Ein Fenster in die jüdische Geschichte – Hauptplatz 13 Gustav Braunberg & „Mischehen“ Der Zahntechniker Gustav Braunberg (1896-1944) wohnte vor 1938 mit seiner Frau Olga und seiner Tochter Anna („Anni“) am Hauptplatz 13 und führte hier auch seine Praxis. Der „Anschluss“ 1938 und die antijüdische Politik hatte drastische Konsequenzen für die kleine Familie, weil sich die „arische“ Gattin Olga von ihrem jüdischen Ehemann trennte und die Scheidung einreichte. Denn sie wollte ihren aufwendigen Lebensstil weiterhin pflegen. Für Töchterchen Anna, die ihren Vater über alles liebte, brach eine Welt zusammen, als ihr „Papi“ wenige Tage nach der Scheidung im Juli 1938 die „Ostmark“ verließ, um in Prag seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Seine Zahntechniker-Praxis war von einem nicht-jüdischer Zahntechniker namens Rotheneder übernommen, also „arisiert“ worden, und seine Frau hatte einen Großteil des verbliebenen Vermögens an sich genommen. Die Scheidung wurde für Gustav Braunberg zum Todesurteil. Er wurde im August 1944 nach Theresienstadt deportiert und am 29. September 1944 in Auschwitz ermordet. Schon die Festnahme in der Hauptstadt der Tschechoslowakei muss für Gustav Braunberg höchst bitter gewesen sein, denn es war ein Freund (und nunmehriger SS-Angehöriger) gewesen, der ihn verhaftet hatte. Seine Tochter, die als sogenannter „Mischling“ mit dem Rassismus der NS-Zeit konfrontiert war, erlitt einen Nervenzusammenbruch. Sie verzieh ihrer verhassten Mutter nie und trug diesen schweren Schicksalsschlag und Verlust des Vaters bis zu ihrem Tod mit sich. Ihr Trauma verarbeitete Anni Stern-Braunberg ein halbes Jahrhundert später in der Biografie „Im Namen meines Vaters“ (1994). Sie verstarb 2013 und wurde in Wiener Neustadt begraben. Braunberg hätte nicht den Tod finden müssen, denn jüdische Partner bzw. Partnerinnen in „deutsch-jüdischen Mischehen“ wurden 1938 an sich von der Verfolgung ausgenommen – wenngleich es auf die lokal handelnden NS-Verantwortlichen ankam. Sie waren dennoch der sozialen Ausgrenzung und Formen von Gewalt und Entrechtung ausgesetzt. Manche hatten Zwangsarbeit zu leisten. In Wiener Neustadt gab es mehrere Paare im Status von „Mischehen“. Im Gegensatz zum Fall Braunberg hatten die Betroffenen durch ihren „arischen“ Partner einen gewissen Schutz. Bei der letzten Renovierung sollte die Westfassade der Alten-Kronen-Apotheke gänzlich neu verputzt bzw. übermalt werden, sodass alle Schriftzüge in Verlust geraten wären. Auf Initiative des Historikers Dr. Werner Sulzgruber und mit der Unterstützung des Eigentümers Mag. Werner Kornfeld wurde ein „Fenster in die Geschichte“ offen gelassen. Hier kann noch der verblasste Rest des Schriftzuges „Zahnatelier G. Braunberg im Hause“ gelesen werden. Wie durch ein Wunder hat sich nämlich der 1938 darüber gemalte Name des „Ariseurs“ abgelöst, als ob uns dieser Erinnerungsort auf die Lebensgeschichte Braunbergs hinweisen will.   Unterrichtsmaterial: http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/20-Wiener-Neust%C3%A4dter-im-Vernichtungslager-Auschwitz.pdf Quellen/Literatur: Anni Stern-Braunberg, Im Namen meines Vaters, Wien 1994. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013. PS: Der Hinweis auf den Schriftzug war vor vielen Jahren von Helmut Puritscher gekommen.Der Autor (Werner Sulzgruber) bedankt sich ausdrücklich für diesen wertvollen Hinweis!  

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Das ehemalige Matrikenamt der IKG - Hauptplatz 11 - Oberrabbiner Weiss

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Das ehemalige Matrikenamt der IKG – Hauptplatz 11 Oberrabbiner Dr. Weiss & Die verschwundenen Matriken der IKG Wiener Neustadt In der Kultusgemeinde Wiener Neustadt waren ab 1871 folgende Personen als Rabbiner tätig: Benjamin Weiss, Dr. Jakob Hoffmann, Dr. Hermann Klein, Dr. Joel Pollak, David Friedmann und zuletzt Dr. Heinrich Weiss. Heinrich Weiss (*1890) war in Pressburg geboren worden, stammte aus der berühmten slowakischen Rabbiner-Familie Sofer (Schreiber) und absolvierte seine Ausbildung zum Rabbiner an der Chatam-Sofer-Talmud-Hochschule in Pressburg. 1924 war er als Gemeinderabbiner der IKG Wiener Neustadt angestellt und 1925 offiziell in sein Amt eingeführt worden. Er genoss aufgrund seiner Herkunft und seiner Bildung hohes Ansehen. Oberrabbiner Weiss hatte 1921 die Tochter des bekannten kaiserlich-königlichen Hofmalers David Kohn, Julie (*1898), geheiratet. Mit ihr und den beiden Kindern Walter (*1927) und Frieda (*1930), wohnte er in den 1920er und 1930er Jahren in einer Wohnung im zweiten Stock des Hauses Hauptplatz 11. Dr. Heinrich Weiss war außerdem als Religionslehrer, beispielsweise am hiesigen Staatsgymnasium, tätig. Im Jahr 1936 wurde er zum Landesschulinspektor für den israelitischen Religionsunterricht in Niederösterreich ernannt und war folglich Mitglied des Bezirksschulrates Wiener Neustadt (Stadt) sowie der Prüfungskommission für allgemeine Volks- und Hauptschulen. Als Oberrabbiner oblag ihm die Betreuung der IKG Wiener Neustadt und ab 1930 auch die der IKG Neunkirchen. Das Matrikenamt der IKG Wiener Neustadt befand sich in der Wohnung von Dr. Weiss. Die jüdische Gemeinde hatte bereits ab den 1860er Jahren Matriken (Geburten-, Heirats-, Sterbebücher) geführt. Im August 1938 wurden die Matriken – aufgrund der anstehenden Ausreise des Oberrabbiners – von dessen Wohnadresse in die Synagoge am Baumkirchnerring 4 gebracht. Doch schon im Oktober mussten die Matriken, aber auch Kanzleibücher und Akten, in das Bethaus neben der Synagoge verlagert werden, weil das Gotteshaus am Baumkirchnerring von der Stadtgemeinde übernommen wurde: Am 10. Oktober 1938 erfolgte die „Übergabe bzw. Übernahme des Tempelgebäudes für die SS-Formation“. Nur wenige Wochen später, nämlich in der „Reichskristallnacht“ im November 1938, nahm die NSDAP-Kreisleitung die Matrikenbücher der IKG an sich. Dann verschwanden diese wichtigen Unterlagen und konnten bis heute nicht gefunden werden. Nach dem „Anschluss“ hatte Oberrabbiner Weiss als zentrale Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde mit ansehen müssen, wie die jüdische Minderheit in Wiener Neustadt entrechtet, beraubt und vertrieben wurde. Er hatte sich in höchstem Maße bemüht, jüdische Mitbürger in ihren Anliegen zu unterstützen und zu beraten. Die berechtigte Angst vor der Verhaftung und um das Wohlergehen seiner Familie bewegten ihn letztlich dazu, im Sommer 1938 die Stadt zu verlassen und in die USA zu emigrieren. In New York übernahm er 1939 das Amt des Rabbiners in der Dukla Mogen Avraham Synagogue. Als Schuldirektor und Leiter der Hebräisch-Abteilung der „Rabbi Jacob Joseph School“ entwickelte er diese älteste Talmud-Hochschule der Vereinigten Staaten zu einer führenden Bildungseinrichtung. Dr. Heinrich Weiss starb am 30. September 1954 in New York. Sein Sohn David W. Weiss setzte sich in seinem 2002 erschienen Buch „Flucht und Wiederkehr. Die Reise eines Überlebenden nach Österreich“ mit der Geschichte seiner Familie und den historischen Ereignissen auseinander.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013. David W. Weiss, Flucht und Wiederkehr. Die Reise eines Überlebenden nach Österreich, Wien 2002.  

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Das ehemalige Warenhaus Lemberger - Herzog-Leopold-Straße 3 (heute 5)

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Das ehemalige Warenhaus Lemberger – Herzog-Leopold-Straße 5 Arnold Lemberger und sein Widerstand gegen die Enteignung Arnold Lemberger (*1877) war vor dem Ersten Weltkrieg nach Wiener Neustadt gekommen und hier als Kaufmann tätig. Nach seinem Militärdienst gründete er zirka 1918 ein Geschäft in der Herzog-Leopold-Straße 3: das „Warenhaus Arnold Lemberger“. In seiner Firma konnten vor allem Textilien, Kurz- und Galanteriewaren, aber auch Spiel-, Sport- und Lederwaren gekauft werden. Darüber hinaus gab es Geschirr, Küchenwaren und Haushaltswaren aller Art. Das Warenhaus war nicht nur wegen der großen Auswahl beliebt, sondern auch aufgrund der guten Lage im Stadtzentrum. Das Geschäft von Arnold Lemberger mit insgesamt sechs Angestellten zählte zu den größten Handelsbetrieben in der Stadt. Lemberger wohnte mit seiner Familie im ersten Stock des Hauses Herzog-Leopold-Straße 3: mit Gattin Isabella „Bella“ (*1890) und den drei Kindern: Hans (*1923) und den Zwillingen Alice und Walter (*1925). Das Warenhaus wurde mit 26. April 1938 unter kommissarische Leitung gestellt. Am 15. Juni 1938 musste das Ehepaar Lemberger einen Kaufvertrag unterzeichnen, mit dem ihm der Betrieb genommen wurde. Arnold Lemberger war einer der wenigen jüdischen Geschäftsleute, von denen wir wissen, dass sie sich gegen die Maßnahmen der NS-Behörden zu widersetzen versuchten, denn er verweigerte eine wichtige Unterschrift. Dies verhinderte jedoch nicht, dass das Geschäft im Dezember 1938 „arisiert“ wurde. Nachdem man die Familie, welche die „Reichskristallnacht“ in der Stadt miterlebt hatte, mit vielen anderen jüdischen Mitbürgern im November 1938 aus der Stadt vertrieben hatte, besaß die 5-köpfige Familie keinerlei Mittel, da sie alles zurücklassen musste. Trotzdem vermochten die Eltern die Ausreise von allen drei Kindern nach Großbritannien zu organisieren; sie selbst lebten unter schlechtesten Verhältnissen in der Neulinggasse 23/4 und dann in der Stanislausgasse 4 in Wien. Ohne die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens zu sehen, forderte Arnold Lemberger noch im Frühjahr 1940 über eine rechtliche Vertretung einen Geldbetrag für sein Geschäft ein. Doch längst besaßen andere alle Vollmachten darüber. Arnold und Bella Lemberger wurden am 28. November 1941 nach Minsk deportiert. Sie sind Opfer der Shoah. Das besonders Tragische daran: Arnold Lemberger hatte schon 1939 ein Permit (Einreise-Erlaubnis), die Pässe und die Steuerunbedenklichkeitserklärung für sich und seine Ehefrau in Händen.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Wohn- und Geschäftshaus - Herzog-Leopold-Straße 7 (heute 9)

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Wohn- und Geschäftshaus – Herzog-Leopold-Straße 9 Dr. Jakob Rosenfeld & Die „Schuhfabrik“ Adolf Ehrenhaft Die Geschwister Jakob und Sabine Rosenfeld hatten beide in Wien Medizin studiert und in den 1930er Jahren gemeinsam in der Herzog-Leopold-Straße 7 eine Ordination geführt. Während Dr.in Sabine Rosenfeld als Zahnärztin arbeitete, war Dr. Jakob Rosenfeld (*1903) als Urologe und Gynäkologe vorerst an der hiesigen Adresse tätig, wechselte aber 1935 nach Wien. Er wurde 1938 inhaftiert und erlebte die beiden Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Seine Schwester konnte nach Großbritannien emigrieren. Für Dr. Rosenfeld blieb nach seiner Entlassung 1939 nur der Weg nach Shanghai offen. In seinem Exil meldete sich Jakob Rosenfeld – von seiner antifaschistischen und nun marxistischen Überzeugung dazu motiviert – freiwillig zur Volksarmee Mao Zedongs, in der er als Truppenarzt Dienst leistete. In der Neuen Vierten Armee entwickelt sich eine Freundschaft mit dem Kommandanten Chen Yi und dem Politkommissar Liu Shaoqi. Über seine Erlebnisse in der Armee führte Dr. Rosenfeld von 1941 und 1949 ein Tagebuch, das eine überaus wertvolle Quelle über das Leben, die Bräuche und die Geschichte der 1940er Jahre in China darstellt. Rosenfeld wurde als Mediziner zum Mythos. Man nannte ihn beispielsweise den „Tigerbalsamdoktor“, dessen ärztliche Kunst gleichsam alle Leiden zu lindern vermag, sprach ihn als „Hua Tuo“ (wie den berühmten chinesischen Arzt) und „Buddha“ an und verehrte ihn als „Retter der Mütter“. Es waren seine chirurgischen Eingriffe, mit denen er hunderten Menschen das Lebens rettete, und eben diese Kunst war die Grundlage für seinen hervorragenden Ruf. Rosenfeld engagierte sich in der Verbesserung der medizinischen Versorgung in der Armee und im Aufbau von medizinischen Infrastrukturen. 1945 erreichte er den Dienstgrad eines Generals (einer Sanitätsbrigade) und wurde Leiter („Gesundheitsminister“) der 1. Armee in der Manschurei – das höchste Amt, das jemals von einem Ausländer bei kommunistischen Truppen bekleidet werden durfte. 1949 kehrte Rosenfeld nach Wien zurück, verließ jedoch das besetzte Österreich nach kurzer Zeit wieder und ging nach Israel. Sein Wunsch, wieder nach Asien zu reisen, erfüllte sich nicht mehr, da Dr. Jakob Rosenfeld – genannt „General Langnase“ („Da-Bidze“) – am 22. April 1952 starb. 1992 wurde für den Nationalhelden in der Provinz Shandong in China ein riesiges Denkmal errichtet und ein Spital erhielt seinen Namen. 2006 erfolgte die Benennung eines Parks in Wien Donaustadt nach ihm: des Jakob-Rosenfeld-Parks. Im Zusammenhang mit der Adresse Herzog-Leopold-Straße 7 soll das „Schuhhaus“ Ehrenhaft nicht unerwähnt bleiben. Denn der Schuhmachermeister und Schuhfabrikant Adolf Ehrenhaft (*1866) ließ 1912/13 am Stadtrand von Wiener Neustadt (damals Weikersdorfer Straße 38) eine Fabrik zur „mechanischen Schuhwarenerzeugung“ errichten. Mit den dort produzierten Produkten belieferte er den Schuhhandel in Stadt und Bezirk, und er verkaufte diese auch in seinem „Schuhhaus“. Obgleich das Geschäft bis 1938 bestand, so musste Ehrenhaft seine Fabrik in der Zeit der großen Wirtschaftskrise schließen. 1932 erwarb die katholischen Kirche das Fabriksgebäude und baute es zur – im Volksmund „Schusterkirche“ genannten – Erlöserkirche um. Adolf Ehrenhaft und seine Familie wurden 1938 aus Wiener Neustadt vertrieben und konnten in die USA emigrieren. Heute kennen nur noch wenige Menschen den Grund dafür, warum die Erlöserkirche auch „Schusterkirche“ heißt. Kaum jemand weiß um die Rolle des jüdischen Geschäftsmannes Adolf Ehrenhaft im lokalen Schuhhandel: seine „Qualitätsschuhe“ und das riesige Sortiment für Damen, Herren und Kinder.   Quellen/Literatur:Gerd Kaminski,: General Luo genannt Langnase. Das abenteuerliche Leben des Dr. med. Jakob Rosenfeld, Wien 1993. Gerd Kaminski (Hrsg.), Ich kannte sie alle. Das Tagebuch des chinesischen Generals Jakob Rosenfeld, Wien 2002. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013. Sammlung des Österreichischen Instituts für China- und Südostasienforschung (www.china-kultur.at)  

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Das einstige Zentrum des jüdischen Viertels - Allerheiligenplatz

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Das einstige Zentrum des mittelalterlichen Judenviertels – Allerheiligenplatz Das jüdische Viertel im 15. Jahrhundert Das Judenviertel lag im Mittelalter westlich des Hauptplatzes: im Minderbrüderviertel (geringfügig auch im südlichen Teils des Frauenviertels). Das Areal des heutigen Allerheiligenplatzes bildete das Zentrum dieses Viertels, das von Juden und Christen bewohnt wurde und kein abgeschlossenes Ghetto war. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte es seine größte Ausdehnung und wurde im Norden von der Herrengasse, im Osten von der Friedrichsgasse, dem Hauptplatz und der Brodtischgasse, im Süden von der Lange Gasse sowie im Westen von der Singergasse und Reyergasse begrenzt. Der Allerheiligenplatz war im Mittelalter kein Platz, sondern verbaut. Ein „Judenplatz“ ist im Bereich des ehemaligen Gerichtshauses der Stadt, das sich ungefähr in der Mitte zwischen Lange Gasse und Haggenmüllergasse befand, nachweisbar. Die heutige Haggenmüllergasse hieß einst „Judengasse“, die Herzog-Leopold-Straße trug den Namen „Neue Judengasse“. Die 1383 erstmals urkundlich erwähnte Synagoge stand am Allerheiligenplatz 1 (einst „Judenschulgasse“), ihr gegenüber das jüdische Spital (Allerheiligenplatz 4). Es gab einen eigenen Gebetsraum für Jüdinnen („Frauenschul“), weiters eine Fleischbank westlich des Spitals und ein rituelles Tauchbad („Judentuckhaws“, Mikwe) gegenüber der Synagoge. Das Wasser des Kehrbachs floss durch die heutige Allerheiligengasse nach Norden und wurde als Nutzwasser eingesetzt. Die Frischwasserversorgung kam aus gegrabenen Brunnen, von denen heute ein solcher am Platz durch Bodenkennzeichnungen erkennbar gemacht wurde, nachdem er 2014 (wieder-)entdeckt worden war. In einer genauen Untersuchung des gesamten Allerheiligenplatz-Areals im Rahmen eines Forschungsprojekts („Allerheiligenplatz-Initiative“ von Dr. Werner Sulzgruber) konnte 2014 festgestellt werden, dass sich nur noch an zwei Adressen – nämlich am Allerheiligenplatz 3 (Keller) und 5 (östlicher Gastraum) – mittelalterlicher Baubestand findet. 1494 hatte ein Brand große Teile des von der jüdischen Bevölkerung bewohnten Stadtgebiets zerstört. Das jüdische Spital und die Synagoge hatten durch diesen Stadtbrand massiv Schaden genommen. Die „Judensynagoge“ war den Quellen nach nur noch ein „ödes Gemäuer“ gewesen. Auf Basis des Ausweisungsbefehls von Kaiser Maximilian I. im Jahr 1496 wurde die jüdische Minderheit aus der Neustadt vertrieben. Maximilian schenkte die Synagoge der Stadt, weshalb das Gebäude sogleich zu einer christlichen Kirche umgewandelt und schon 1497 „zu Ehren aller Heiligen“ eingeweiht wurde. Heute trägt der Platz den Namen Allerheiligenplatz, und an der Adresse Allerheiligenplatz 1 erinnert eine kleine Gedenktafel daran, dass der Eisenhändler Christoph von Habermayer hier nach dem Großen Stadtbrand 1834 ein evangelisches Bethaus errichten ließ. 2014 wurde eine Stele mit Informationen zur jüdischen Geschichte platziert, wodurch der kulturhistorisch interessierte Besucher mehr über diesen geschichtsträchtigen Ort erfahren kann.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Der „Allerheiligenplatz“ in der mittelalterlichen Neustadt. Wohin die Suche nach der Lösung des Mikwe-Rätsels führte. Ein Beitrag zur Stadtgeschichte von Wiener Neustadt, in: Unser Neustadt. Blätter des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereins, August 2014, S. 1-23.  

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Das ehemalige Zentral-Kino - Brodtischgasse 3

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Das ehemalige Zentral-Kino – Brodtischgasse 3 Kino-Pioniere, der Fall Bettauer und „Die Stadt ohne Juden“ Das Zentral-Kino befand sich im Haus des Hotels „Zum goldenen Hirschen“ in der Brodtischgasse 3. Es handelte sich um das erste Kino in Wiener Neustadt. 1898 hatte das Wanderkino von Gottfried Findeis im Hotel Station gemacht. Findeis zeigte (mit seinem in Wiener Neustadt selbst konstruierten Kinematographen) Filme mit dokumentarischem Charakter: „Die Ankunft eines Eisenbahnzuges am Bahnhof Wiener Neustadt“ und „Ausgang der Arbeiter aus der Lokomotivfabrik Wiener Neustadt“ sind Pionier-Beiträge der Filmgeschichte. 1903, also acht Jahre nach den Vorführungen der Brüder Lumière in Paris, war im Festsaal des Hotels ein weiteres Mal ein Kinematograph vorgeführt und der Stummfilm „Ali Baba und die 40 Räuber“ gezeigt worden. 1905 richtete man das erste ständige Kino hier ein. Besucher erreichten den Vorführsaal über eine breite Holzstiege und konnten in der Wartehalle Zuckerwaren kaufen. Im „Lichtspieltheatersaal“ wurden jeden Tag drei Stummfilmvorstellungen geboten, die ein kleines Orchester musikalisch begleitete. Am Beginn der 1930er Jahre kam es zum Wechsel vom Stummfilm- zum Tonfilm-Kino. Zusätzlich wurden damals auch Varieté- und Komiker-Abende im Saal des Kinos veranstaltet. Die Eigentümer waren die beiden jüdischen Brüder Geza (*1875) und Georg Bruchsteiner (*1900), die nach dem „Anschluss“ 1938 sofort in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und im nahegelegenen Anhaltelager Wöllersdorf inhaftiert wurden. Zeitgleich übernahm die NSDAP-Kreisleitung das Zentral-Kino, das zu einem Teil des NS-Propaganda-Apparates wurde. Das Zentral-Kino war eines von mehreren Kinobetrieben in Wiener Neustadt und erlangte 1924 traurige Berühmtheit, als der Film „Die Stadt ohne Juden“ nach dem gleichnamigen Roman von Hugo Bettauer aus dem Jahr 1922 bei seiner Aufführung am 13. Oktober 1924 im Wiener Neustädter Zentral-Kino Demonstrationen auslöste. Bettauer wurde wenige Monate später von einem Nationalsozialisten in Wien angeschossen und starb am 26. März 1925 an den Folgen des Attentats. Der Täter, der Zahntechniker Otto Rothstock, wurde von keinem Geringeren als dem Wiener Neustädter Dr. Walter Riehl verteidigt. Der 1872 in Baden geborene Hugo Bettauer war vor allem in den frühen 1920er Jahren ein in Österreich bekannter Journalist und umstrittener Schriftsteller. Er hatte 1899 Österreich verlassen und war in die USA gegangen, wo er in New York als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und als Roman-Schriftsteller arbeitete. 1910 kehrte er endgültig nach Österreich zurück und wirkte als Redakteur bei der „Neuen Freien Presse“. Ab 1924 war er Mitherausgeber der Zeitschrift „Sie und Er. Wochenschrift für Lebenskunst und Erotik“, die als sittengefährdend beschlagnahmt wurde, weil sie beispielsweise (Tabu-)Themen wie Emanzipation, Abtreibung, Homosexualität etc. in damals skandalös (sexual-)liberaler Art und Weise aufgriff. Überhaupt war Bettauer Autor einer ganzen Reihe von Kriminalromanen bzw. frivolen Unterhaltungsromanen. Insgesamt produzierte er in kurzer Zeit rund 20 Romane. 1924 wurde sein Roman „Die freudlose Gasse“ von Georg Wilhelm Pabst mit Greta Garbo verfilmt; insgesamt sollten neun Romane des damaligen Bestseller-Autors tatsächlich verfilmt werden. Der Verteidiger des Bettauer-Mörders, Dr. Riehl, war überzeugter Nationalsozialist, 1919 Vorsitzender der „Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei“ (DNSAP) und zum Abgeordneten dieser Partei im Niederösterreichischen Landtag (1919-1920) geworden. Riehl trennte sich allerdings 1923 von der DNSAP, bildete eine neue Partei mit dem Namen „Deutschsozialer Verein“ und gründete 1924 den „Freundschaftsbund Dr. Walter Riehl“, der im Sommer 1924 die Bezeichnung „Deutschsozialer Verein für Österreich“ erhielt. Auch bei der Verteidigung der Schattendorf-Täter sollte er in der Folge 1927 noch eine wichtige Rolle spielen. Insofern hat Wiener Neustadt mit den Personen Hugo Bettauer und Dr. Walter Riehl eine schicksalshafte Verbindung: Die Person Bettauer und sein Werk waren zum Zeitpunkt der Filmaufführung schon seit Längerem seitens der christlich-konservativen, nationalen und nationalsozialistischen Presse in Österreich massiv angegriffen worden. Der öffentlich ausgetragene Konflikt um den jüdischen Schriftsteller hatte sich zugespitzt, sodass es nur ein Zeichen der durch die Medienberichte aufgeladenen Stimmung war, als sich auch an diesem 13. Oktober 1924 beim Wiener Neustädter Publikum die Emotionen in Wut und Aggression entluden. Dass gerade der aus Wiener Neustadt stammende Nationalsozialist Dr. Riehl den NSDAP-Kreisen zuzurechnenden Attentäter Bettauers verteidigte, schafft jedoch eine eigenartige Verknüpfung in der Geschichte. Aufgrund der medialen Hetze gegen Bettauer, der unter anderem als „Judenschwein“ und „Pornograph“ verunglimpft worden war, sah es der Attentäter vermeintlich als Ziel, seine „Volksgenossen“ vor der „schädlichen Wirkung“ Bettauers zu „schützen“. Die Sittenlosigkeit des Autors – das angeführte Motiv für die Tat – wurde gleichwohl auch anlässlich der Filmvorführung in Wiener Neustadt zum Aufreger. Im Film „Die Stadt ohne Juden“ – darin stellt übrigens Hans Moser einen antisemitischen Parlamentarier dar – ist fast prophetisch davon die Rede, dass durch ein antijüdisches Gesetz „irgendwann in der Zukunft“ alle Juden aus „Utopia“ (Österreich) vertrieben, später aber wieder zurückgeholt werden, da man sich eingestehen muss, dass sich die Wirtschaft und Kultur des Staates zurückentwickeln und verwahrlosen. Das Volk sei „verführt“ worden, die Ausweisung der Juden sei ein „Faustschlag gegen die Menschenrechte“ gewesen und habe die Krise im Staat nicht gelöst, sondern verstärkt. Man müsse „die Juden“ nun wieder „hereinlassen“, sodass sie sich mit ihrer „Intelligenz, Emsigkeit und schöpferische Arbeitskraft“ für das Land betätigen können.   Unterrichtsmaterial: http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/11-Der-Wiener-Neust%C3%A4dter-Walter-Riehl.pdf Quellen/Literatur: Hugo Bettauer, Die Stadt ohne Juden, Wien 1922. Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Österreichisches Biographisches Lexikon (Bettauer) Projekt Gutenberg (Bettauer) http://www.mediathek.at/atom/0E64DD24-355-00095-0005B1F4-0E6443FC  

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Wohn- und Geschäftshaus - Schulgasse 9 - Atelier Boskowitz

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Wohn- und Geschäftshaus – Schulgasse 9 „Atelier für Schilder, Schriftmalerei und Anstreicher“ Boskowitz Der Name Boskowitz wurde in Wiener Neustadt, aber auch in Bad Vöslau, mit der sogenannten Schildermalerei verbunden. Heute ist diese Kunst nahezu vergessen; in vergangener Zeit waren die Dienste dieses Berufs bei Geschäftsleuten allerdings gefragt. Denn es ging den Handelsbetrieben darum, die Passanten und potentiellen Kunden zu informieren und zu motivieren. Leuchtreklamen (aus den Händen der Elektrotechniker) waren vor 1938 noch selten und teuer. Um gegen diese neue technische Konkurrenz zu bestehen, galt es aus von den Schildermalern auffällige Werbetafeln zu erhalten: in großen Lettern, farbenfroh, typographisch ansprechend, mit neuartigem Material und Glanz etc. Die jüdische Familie Boskowitz und ihr „Atelier für Schilder, Schriftmalerei und Anstreicher“ war in Wiener Neustadt führend. Im Gegensatz zum einfachen Maler- und Anstreicherbetrieb spezialisierte sich Inhaber Karl Boskowitz auf aufwändige Dekorationen, Firmen-, Werbe- und Namensschilder. Der Erfolg lag beispielsweise in der Umsetzung von Sonderwünschen, einer Vielzahl von Schriftarten, Farbgebungen sowie filigraner und kunstvoller Verzierungen. Die Anwendungen gingen von der Ausgestaltung von Zifferblättern für Uhren (für Privathaushalte) bis zu damals modernen Schildern aus Glas und großflächigen Mauerbeschriftungen (für Geschäftskunden). Es bestand eine gewisse Konkurrenz mit den örtlichen Steinmetz-Betrieben, denn als Schriftenmaler zählte Boskowitz auch zum Kunstgewerbe und vermochte – unter Einsatz von diversen Schablonen – Grabinschriften zu verwirklichen. Außerdem wurden nicht nur Geschäftsportale, Fassaden und Hausschilder beschriftet, sondern auch auf den Ladeklappen, -planken, Seitenflächen und Türen der Lastkraftwagen die Namen der Inhaber und/oder Firmenadressen in großen Buchstaben aufgemalt und damit Werbung gemacht. Nicht immer gab es Aufträge für die neue Produktion von Schildern, sondern gut und gerne war das Nachziehen bzw. Erneuerung von Schriftzügen gefragt und erforderlich. Die Firma Karl Boskowitz hatte ihren Sitz in der Schulgasse 9 und später in der Herrengasse 20. Man kann davon ausgehen, dass sich auf den historischen Fotografien, die wir von Wiener Neustadt aus den 1920er und 1930er Jahren kennen, vielfach die handwerklichen Ergebnisse des jüdischen Betriebes finden. Denn sie prägten insbesondere mit der Ladenbeschilderung die Auftritte der Händler und damit das optische Erscheinungsbild der Innenstadt.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Wohn- und Geschäftshaus - Neunkirchner Straße 14 - Dr. Wolf

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Wohn- und Geschäftshaus – Neunkirchner Straße 14 Dr. Max Wolf und die Fotografie Dr. Max Wolf war eines von sechs Kindern des Stabsarztes Dr. Wilhelm Wolf und wurde 1892 als viertältester Sohn in Wiener Neustadt geboren. Er besuchte bis 1910 das K. k. Staats-Gymnasium in Wiener Neustadt (heute BG Babenbergerring) und folgte als einziges Kind beruflich seinem Vater, indem er in Wien Medizin studierte. Ab 1916 übernahm er an der italienischen Front die Stelle eines Chefarztes der Infektionsabteilung und internen Abteilung in einem Militärspital. Später war er im Krankenhaus an der Wieden und an der Allgemeinen Poliklinik tätig. Zu den Patienten des erfolgreichen Hautarztes zählten beispielweise Otto und Zita von Habsburg und Dr. Kurt Schuschnigg, die er in seiner Privatpraxis am Stephansplatz 8 behandelte. Wolf war ein hervorragender Fotograf, der zum einen früh damit begonnen hatte, dermatologische Erkrankungen und ihre Entwicklungen fotografisch festzuhalten, und schon im Ersten Weltkrieg fotografierte, zum anderen auch auf seinen privaten Reisen Beobachtetes ab 1927 abbildete. Als Mitglied des „Wiener Photoklubs“ beschäftigte er sich in den 1930er Jahren intensiv mit dem Thema Fotografie. Die Vielzahl von Fotos, die er auf seinen Reisen im deutschsprachigen Alpenraum und bei seinen Aufenthalten im Mittelmeerraum aufnahm, wurden mit Bildern ergänzt, die er aus seiner Wohnung am Wiener Stephansplatz schoss und mit denen der städtische Alltag in der Zwischenkriegszeit authentisch dokumentiert wurde. Zudem fotografierte er während der Unruhen im Februar 1934. 1938 musste er mit seiner Frau Margareta Wien verlassen. Albert Göring, der Bruder des Reichswirtschafts- und Reichsluftfahrtministers Hermann Göring, verhalf dem Paar zu den erforderlichen Ausreisedokumenten nach Jugoslawien und in die USA. In New York durfte Wolf schließlich ab 1940 wieder seinen Beruf ausüben und praktizierte bis zu seinem 97. Lebensjahr. Seine Reiselust brachte ihn nach Südamerika, Afrika und zurück nach Europa. Stets ausgestattet mit zwei Fotoapparaten nahm er seine Motive sowohl in Schwarz-Weiß – was er bevorzugte – als auch in Farbe auf. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Mitte der 1970er Jahre entstand der Großteil seiner Fotografien. Gerne wählte er Menschen und Christliches als Motive. Der Mediziner Max Wolf verstarb 1990 im Alter von 99 Jahren. Er vermachte seine Bibliothek dem Institut für Geschichte der Medizin: die „Wolf-Bibliothek“ für Geschichte der Dermatologie. Das Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek bewahrt den fotografischen Nachlass Wolfs im Umfang von mehreren tausend Schwarz-Weiß-Abzügen, Farbdias und Fotoalben auf. Eine Auswahl seiner Fotos können online (www.kulturpool.at) eingesehen werden.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. The Austrian Heritage Collection at the Leo Baeck Institut, Austrian-Jewish Immigrants in the USA, Max and Margareta Wolf-Collection  

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Wohn- und Geschäftshaus - Neunkirchner Straße 15 - Camilla Frydan

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Wohn- und Geschäftshaus – Neunkirchner Straße 15 Künstlerisches Multitalent Camilla Frydan – Pianistin, Sängerin, Komponistin, Verlegerin Camilla „Lilly“ Herzl wurde als Kind des jüdischen Bankangestellten Heinrich Herzl und seiner Gattin Cäcilie am 3. Juni 1887 in Wiener Neustadt geboren. Sie erhielt sehr früh Klavierunterricht und gab ihr erstes Konzert bereits im zarten Alter von nur fünf Jahren im Ehrbar-Saal in Wien. Camilla genoss, nach einem kurzen Besuch des Konservatoriums für Musik und darstellende Kunst 1901 in Wien (Ausbildung bei Wilhelm Rauch), eine private Klavierausbildung bei dem englischen Konzertpianisten John Charles Mynotti und Harmonie- und Kompositionslehre bei ihrem Bruder Ludwig. Da sie eine Karriere als Sängerin anstrebte, erhielt sie bei Kammersängerin Marianne Brandt Gesangsunterricht. 1907 wurde sie am Raimund-Theater in Wien als Soubrette engagiert und trat dort unter dem Namen Herzer auf. Verpflichtungen an der „Neuen Wiener Bühne“ und am Kabarett „Fledermaus“ folgten. 1909 begann Camilla eigene Werke zu komponieren. 1910 wandte sie sich von ihrer jüdischen Herkunft ab, konvertierte zum evangelischen Glauben und heiratete den älteren Bruder von Egon Friedell (eigentlich Friedmann). Durch ihren Ehemann Oskar, einem Librettisten, Autor und Journalisten, der mit damals namhaften Künstlern, beispielsweise mit Franz Lehár, Edmund Eysler und Carl Michael Ziehrer, zusammenarbeitete, kam sie mit vielen Künstlern in Kontakt. Als Komponistin von Operetten, Schlagern, Klavier-Liedern und Konzertliedern feierte sie unter dem Künstlernamen Frydan, den sie um das Jahr 1911 angenommen hatte, Erfolge. Kunstkritiker lobten besonders ihre Operette „Baron Menelaus“ (Wien 1919). Ihre Karriere führte sie bisweilen nach Deutschland, wo sie mehrere Revuen für Berliner Kleinkunstbühnen schrieb, darunter die erfolgreichen Revuen „Nachtausgabe“ und „Koche mit G`spuss“ (Berlin 1935). Camilla gründete den Frydan-Verlag und in Zusammenarbeit mit ihrem Mann auch den Orpheus- und Banjo-Verlag in Berlin. 1930 vollendete sie den „Prominenten Almanach“, ein Projekt ihres 1929 verstorbenen Mannes. 1936/37 kehrte sie zwar aus Berlin nach Wien zurück, musste aber 1938 in die Schweiz fliehen und emigrierte 1939 in die USA. In New York gründete sie das Unternehmen „Empress Music Publishing“ und arbeitete als Verlegerin. Ihr werden als Komponistin zirka 500 Einzelnummern zugeschrieben, darunter musikalische Beiträge zu Kabarett- und Varieté-Programmen sowie Liedmusik, die in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und Schlagertexter Erwin Louis Weill entstanden sind. Camilla Frydan, geborene Herzl, verstarb am 13. Juni 1949 in New York.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. http://www.musiklexikon.ac.at http://sophie.byu.edu/authors/camilla-frydan  

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Gebäude des AMS - Neunkirchner Straße 36 - Restaurant Gerstl

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Gebäude des AMS – Neunkirchner Straße 36 Koschere Küche in Wiener Neustadt Beim Haus Neunkirchner Straße 36 handelte es sich vor 1938 um ein großes Wohngebäude, in dem nicht nur ein Kaffeehaus, sondern auch ein jüdisches Restaurant untergebracht war. Die Kaffeehäuser „Café Seemann“ und das ihm nachfolgende „Café Wenninger“ waren den Wiener Neustädtern ein Begriff, aber die „koschere Restauration“ Gerstl kannte man eher nur innerhalb der jüdischen Gemeinde. Denn es war von der Straßenseite nicht zu erkennen und wurde offensichtlich auch durch keinen Schriftzug an der Fassade beworben. Dass es jedoch ab der Zeit des Ersten Weltkriegs eine solche „koschere Restauration“ gab, mag wohl am Zeichen des Davidsterns ersichtlich gewesen sein, der – zumindest nach einem inzwischen verschollenen Plan – über dem Haupttor angebracht gewesen war. Der Plan und historische Fotografien verraten uns leider nicht, ob der Davidstern allerdings auch tatsächlich (vielleicht nur über eine gewisse Zeitspanne) sichtbar angebracht war. Im Haus wohnten vereinzelt Juden und Jüdinnen, nämlich Mitglieder der Familien Ehrenhaft, Gerstl und Riegler. Inhaber des Restaurants war ursprünglich Max Gerstl (*1894). Malvine Gerstl (*1896) wird in den NS-Quellen als letzte Eigentümerin vor 1938 angeführt. Neben dem Restaurant Gerstl gab es noch ein zweites, jedoch sehr kleines Restaurant für koschere Speisen: jenes von Rosa Schulz in der Brodtischgasse 24. Wenn Mitglieder der jüdischen Gemeinde Feste und Feierlichkeiten mit „koscher Speis' und Trank“ ausrichteten, dann geschah dies in Wiener Neustadt im Restaurant Gerstl. Gleichwohl konnte man in der Steinfeldstadt koscheres Fleisch und „Koscherwein“ für den koscher geführten Haushalt erwerben. Jüdische Händler bezogen solches aus Westungarn bzw. dem Burgenland, wo bekanntlich orthodoxe Gemeinden waren, und verkauften es an die Interessenten in der Stadt und im Kultussprengel. Natürlich wurde in vielen Haushalten koscher gekocht. Jüdische Hausfrauen gingen direkt zum Schächter der Kultusgemeinde, dem Schochet, der im Schächthaus neben der Synagoge am Baumkirchnerring 4 zu bestimmten Zeiten gegen Gebühr Kleinvieh schächtete. Die ordnungsgemäße Schächtung hatte fehlerlos zu sein: mit einem haarscharfen Messer mit einem einzigen Schächtschnitt durch den Hals des Tieres. Nur reine, gesunde Tiere durften geschächtet werden, beispielsweise Geflügel (wie Gänse, Enten, Hühner), Ziegen, Schafe, Rinder und Wild (Hirsche, Rehe). Jedenfalls hatte es von Schlachthaus oder Fleischhacker unter „Aufsicht des Rabbiners“ zu kommen (das heißt unter direkter rabbinischer Kontrolle der Schlachtung, Verarbeitung oder Herstellung – oder zumindest unter der Letztverantwortung eines Rabbiners) und dann völlig von Blut gereinigt zu sein. Schächtungen durften nur nach Bewilligung durch die IKG durchgeführt werden; die jeweiligen Fleischbänke wurden in der Praxis vom Schächter der IKG beaufsichtigt. Größere Tiere brachte man in ein jüdisches „Lohnschlächterei-Unternehmen“ im städtischen Schlachthof. Die jüdische Fleischhauerei Stadler in der Herzog-Leopold-Straße 18 war ein Betrieb, bei dem die jüdische Bevölkerung gerne koscheres Fleisch einkaufte. In jüdischen Häusern wurde in hohem Maße stets auf die Reinlichkeit geachtet und man hielt die strengen Speisevorschriften (Kaschrut) tunlichst ein, wie zum Beispiel Milch- und Fleischprodukte niemals zusammenzutun. Eine jüdische Küche hat daher für „Milchiges“ und „Fleischiges“ immer zwei getrennte Bereiche der Aufbewahrung und Zubereitung. Aber nicht nur im unterschiedlichen Geschirr für das eine und andere kommt dieses Gebot zum Ausdruck, sondern auch im getrennten Anrichten bei Tisch.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Die ehemalige Heller-Villa - Promenade 1

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Heller-Villa – Promenade 1 Entrechtung – Verfolgung – Ermordung der jüdischen Minderheit Mit dem März 1938 und der „Machtergreifung“ hatte auch in Wiener Neustadt die systematische Verfolgung von Mitgliedern der jüdischen Minderheit begonnen. Zum sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich war es zu spontanen antijüdischen Aktionen gekommen: Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen, Plünderungen von jüdischen Geschäften, Terror auf den Straßen, öffentliche Demütigungen von Juden und Jüdinnen sowie viele Verhaftungen. Bekannte Juden und Jüdinnen wurden in diesen Märztagen beispielsweise zu „Reibepartien“ zusammengefangen und zu Reinigungsarbeiten in der Stadt, etwa am Hauptplatz, gezwungen. Jüdische Geschäftsleute und Mitglieder der Führung der Kultusgemeinde wurden im Anhaltelager Wöllersdorf und im städtischen Gefangenenhaus inhaftiert oder in das KZ Dachau transportiert. Berufsverbote für Rechtsanwälte, Ärzte, Journalisten und Kulturschaffende traten in Kraft und nahmen Familienvätern die Existenzgrundlage. Jüdische Kinder und Jugendliche erlebten die sogenannte „Ausschulung“, als ihnen „Abgangszeugnisse“ ausgestellt wurden und ihnen der weitere Schulbesuch untersagt wurde. Einige Schüler und Schülerinnen gingen innerhalb kurzer Zeit freiwillig, nachdem man sie ständig gedemütigt hatte. Ein Zentrum des NS-Terrors war die „Heller-Villa“ im Stadtpark. Hinter der Fassade einer idyllisch gelegenen Villa an der Adresse Promenade 1 verbarg sich der Sitz der Geheimen Staatspolizei, der „Gestapo“. Das Haus war im Eigentum von Eleonore Heller gestanden, die jüdischer Herkunft war und welche die NS-Machthaber daher rasch enteigneten. Mit dem 1. November 1938 wurde das Gebäude zur „Außenstelle der Gestapo“, das heißt zur Gestapo-Zentrale für eine ganze Reihe von politischen Bezirken von „Niederdonau“ (Niederösterreich) – nämlich für insgesamt elf Bezirkshauptmannschaften. Die Gestapo war organisatorisch ein Teil des „Entjudungs- und Arisierungsnetzwerkes“ in Wiener Neustadt und arbeitete für diese Ziele mit der Reichsstatthalterschaft „Niederdonau“, der Vermögensverkehrsstelle Wien, der NSDAP-Kreisleitung, dem Handelsgericht, dem Finanzamt, dem „Entjudungsreferat“, dem Wohnungsamt, Banken und Inkassobüros, aber auch Rechtsanwälten, kommissarischen Verwaltern und „Ariseuren“ zusammen. Aufgrund der Entrechtung und Beraubung flohen einige jüdische Bewohner allein oder mit ihrer Familie zunächst in die Nachbarstaaten des Deutschen Reichs, wie zum Beispiel Jugoslawien. Jene, die glaubten in Ungarn Zuflucht zu finden, wurden 1944 dann in Lagern inhaftiert. Geblendet von der vermeintlichen Aussicht auf einen Neubeginn im Osten, wurden Wiener Neustädter Juden ab 1939 in ehemals polnische Gebiete gelockt. In einem Ghetto erhoffte man sich einen Neuanfang – fehlinformiert von den NS-Behörden, dass man dort auch neue Siedlungen aufbauen könne. Die Realität sah völlig anders aus, denn die Deportierten sahen sich mit Massenunterkünften, Nahrungsmangel, Krankheit und Tod konfrontiert. Medizinisch kaum oder nicht versorgt, verstarben vor allem alte und kranke Menschen schnell. In weiterer Folge wurden Juden und Jüdinnen aus dem Ghetto in diverse Konzentrationslager transportiert und ermordet. Die ersten Deportationen von Wiener Neustädtern führten nach Dachau (ab 1938), 1939 nach Nisko und später – 1941/42 – nach Izbica, Jasenovac, Kielce, Minsk, Opole, Riga, Sobibor, Theresienstadt, Topoľčany, Treblinka, Włodawa und in andere Orte. Die meisten Juden und Jüdinnen fanden im Vernichtungslager Auschwitz den Tod, viele andere kamen beispielsweise in Buchenwald Treblinka, Chełmno, Litzmannstadt (Łodź), Sobibor und Theresienstadt (Terezin) grausam um. Einzelne Wiener Neustädter Juden sollten im November 1941 nach Riga deportiert werden. Doch der Bahntransport wurde nach Kaunas umgeleitet, wo alle Insassen schließlich exekutiert wurden. Bei der jüdischen Bevölkerung von Wiener Neustadt ist von insgesamt mindestens 160 Todesopfern auszugehen. Vielleicht waren es auch doppelt so viele oder gar über 600 Todesopfer – wir wissen es nicht. Im Keller der ehemaligen „Heller-Villa“ befindet sich heute ein kleines Museum, das besucht werden kann (Schlüssel: Verein Lichtblick im 1. Stock oder Industrieviertelmuseum).   Unterrichtsmaterial: http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/10-Die-Zentrale-der-Gestapo.pdf http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/3-Der-Anschluss-1938-in-WN.pdf http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/19-Die-Vertreibung-der-j%C3%BCdischen-Minderheit.pdf Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung, Wien 2005. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Die mittelalterlichen hebräischen Grabsteine - Schubertweg

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Die mittelalterlichen hebräischen Grabsteine – Schubertweg Der Friedhof der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde & Grabsteine als europäisches Kulturgut Die jüdische Gemeinde der Neustadt hatte seit der Mitte des 13. Jahrhunderts eine Synagoge (Judenschulgasse, heute Allerheiligenplatz 1) und einen Friedhof, der sich außerhalb der Stadtmauern im Süden befand. Der „Judenfriedhof“ lag südöstlich des Kapuzinerklosters bzw. südlich des heute nicht mehr bestehenden Städtischen Brauhauses. Er war von einer Mauer umgeben und konnte von den jüdischen Einwohnern am schnellsten über das einstige Neunkirchner Tor erreicht werden. Der jüdische Friedhof wurde nach der Vertreibung der Juden 1496 aus der Neustadt zerstört. Als man dann im 16. Jahrhundert mit dem Bau neuer Verteidigungsanlagen begann und Basteien errichtete, wurden die Grabsteine einfach als Baumaterial, beispielsweise als Abdeckungen, verwendet. Erst rund 350 Jahre nach der Vertreibung der jüdischen Minderheit, nämlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, stießen Bauarbeiter beim Abbruch der inzwischen veralteten Befestigungsanlagen, nämlich der Kapuziner-Bastei (einem Verteidigungswall im Südwesten), auf eine größere Anzahl von hebräischen Grabsteinen. Man könnte aus heutiger Sicht meinen, dass dies zu einer Archivierung dieser Kunstschätze geführt habe, aber man hatte damals kein großes Interesse an diesen mittelalterlichen Steinen. Nur die vier am besten erhaltenen Steine beließ man im Eigentum der Stadt, andere wurden mit dem Aushubmaterial fortgeschafft. Diese vier Grabsteine ließ man alsbald in die Stadtmauer ein: „an der äußeren Stadtmauer vor dem Ferdinandsthore“ (also nahe dem Stadtmauer-Durchbruch in der Bahngasse). Ein fünfter Stein – der in Privatbesitz gelangt war – wurde erst später hinzugefügt. Vor zirka 150 Jahren glaubte man noch, dass sich der jüdische Friedhof etwa an der Stelle befunden hätte, wo heute die sechs Grabsteine an der Wand fixiert sind. Der älteste Fund eines jüdischen Grabsteins in Wiener Neustadt ist auf das Jahr 1252 datiert. Wiener Neustadt ist damit nach Wien die zweitälteste Gemeinde in Österreich. Es handelte sich um den Grabstein des am 21. Jänner 1252 verstorbenen Simcha, Sohn des Baruch. Dieser Grabstein wurde im Jahr 1959 in einer Mauer gefunden, als man das sogenannte Lazarett im östlichen Stadtteil abriss. Heute befinden sich also am Schubertweg im Stadtpark Grabsteine mit hebräischer Inschrift aus den Jahren 1252 (Simcha ben Baruch), 1285/88 (Gita, Gattin des Schalom), 1286 (Hanna, Tochter des Jakob), 1353 (Schemarja), 1369 (Ezechiel, Sohn des Rechabja) und 1389 (Israel, Sohn des Jonathan). 1995 wurde an dieser Stelle erstmals nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde 1938 wieder Schabbat gefeiert. Auf Einladung einer Freikirche, der Ichthys-Gemeinde Wiener Neustadt, kamen Überlebende der Shoah und ihre Nachkommen nach Österreich. Eine von der Künstlerin Carola Tengler angefertigte Gedenktafel erinnert an diesen historischen Augenblick.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010. Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.  

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Gedenktafel Waldstein - Pöckgasse 4

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Gedenktafel Waldstein – Pöckgasse 4 Der Literat Wilhelm Waldstein Am 9. November 1897 wurde Wilhelm Waldstein in Wiener Neustadt als Sohn des Vizepräsidenten des Kreisgerichts Wiener Neustadt, Hofrat Dr. Wilhelm Anton von Waldstein Edler von Heilwehr, und seiner Frau Katharina geboren. Eine künstlerische Ader scheint dem Knaben damals bereits in die Wiege gelegt worden zu sein, denn sein Vater wirkt als Opernkomponist und Dirigent des „Wiener Neustädter Singvereins“. Sohn Wilhelm maturierte am Staatsgymnasium in Wiener Neustadt (heute BG Babenbergerring) und studierte an der Universität Wien Germanistik, Philosophie und Geschichte. Nach seiner Promotion 1920 arbeitete er als Lehrer in Berndorf, ab 1930 am Mädchenlyzeum und in der Folge am Staatsgymnasium in Wiener Neustadt. Er wohnte – mit seinen Eltern und seinem Bruder Richard bis 1938 in der Pöckgasse 4 in Wiener Neustadt. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde Waldstein zwar aus dem Schuldienst ausgeschlossen, aber er wurde vom nationalsozialistischen Regime nicht verfolgt. Man erlaubte ihm als römisch-katholisch Getauften in der Steinfeldstadt zu verbleiben, was für den damals über 40-Jährigen aber bedeutete, ab 1938 isoliert und in existentieller Unsicherheit zu leben. Dr. Wilhelm Waldstein war in der Zwischenkriegszeit als Künstler bekannt geworden, sowohl als Musiker als auch als Dichter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs betraute ihn Bürgermeister Rudolf Wehrl mit der provisorischen Leitung der Musikschule. Schon 1946 holte man ihn als Mitarbeiter in das Bundesministerium für Unterricht und Kunst, wo er zum Sektionschef avancierte. Ab 1963 war er Professor an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, dann auch Vorstandsmitglied des Österreichischen PEN-Clubs und Präsident des Österreichischen Schriftstellerverbandes. Aus der Feder des Lyrikers, Essayisten und Erzählers stammen Lyrik-Sammlungen wie beispielsweise „Lied eines Menschen“ (1937), „Die goldene Blume“ (1948), „Pole der Menschheit. Dichtungen aus den Jahren 1938 bis 1945“ (1949), „Waage des Lebens. Gedichte und Epigramme 1946-1956“ (1956) und „Herbstpastorale. Gedichte 1956-1966“ (1967) sowie die beiden Romane „Frühe Schatten“ (1963) und „Zwischenreich. Geschehnis und Gestalt“ (1968). Die beiden letztgenannten Werke haben autobiographische Elemente und Bezüge zu Wiener Neustadt. Dr. Wilhelm Waldstein verstarb am 22. Juli 1974 im 77. Lebensjahr in Altaussee. Nach dem Literaturschaffenden und Musiker ist die „Dr.-Waldstein-Gasse“ in der Badener Siedlung im Norden von Wiener Neustadt benannt.   Quellen/Literatur: Gertrud Buttlar, Dr. Wilhelm Waldstein (1897-1974), in: Sektionschef i. R. Dr. Wilhelm Waldstein (1897-1974). Schriftsteller, Komponist und Pädagoge. Sonderausstellung des Stadtmuseums Wiener Neustadt. Hg. v. Magistrat der Stadt Wr. Neustadt. Wiener Neustadt: Dresel (1988), S. 9-14. Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Orte in diesem Kartenausschnitt

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