Der Reckturm – Gerettetes Juwel & Botschafter des Mittelalters

Erinnerungsort

Der Reckturm – Gerettetes Juwel & Botschafter des Mittelalters

47.816420

16.241078

Reyergasse/Petersgasse Der „Reckturm“ – Gerettetes Juwel & Botschafter des Mittelalters   Die Gründung und Befestigung der Neustadt Die Neustadt zählt als geplante Stadt zu den bedeutendsten europäischen Gründungsstädten. Nach ihrer Gründung und Vermessung 1192 und mithilfe des ab 1194 zur Verfügung stehenden Lösegeldes für den englischen König Richard Löwenherz begann man mit der Errichtung der Stadtbefestigung. Von dieser sind Teile erhalten geblieben, darunter auch der sogenannte Reckturm. Die neue Stadt („Neustadt“) an der Grenze zu Ungarn und im Pittener Gebiet (im österreichisch-steirischen Grenzraum) sollte ein militärisch abgesichertes Zentrum bilden und wurde deshalb mit starken Mauern befestigt, die zirka acht Meter hoch und durchschnittlich 1,6 Meter dick waren. Die Ansiedlung wurde in vier Viertel gegliedert und erhielt einen großen offenen Hauptplatz im Zentrum. An den vier Ecken der Stadtbefestigung und an den vier Zugangstoren wurden Türme gebaut. Außerdem stattete man die Mauerabschnitte im Norden, Süden, Osten und Westen noch mit 10 Zwischentürmen aus. Der Reckturm bildete einen Eckturm (den nordwestlichen Eckturm) und war zugleich ein wichtiger Punkt in der Geometrie der Stadtplanung. Denn von ihm aus verläuft eine Achse in Form einer Geraden durch den Absteckpunkt der Pfarrkirche (vor dem Haupttor des Doms) zum Gründungspunkt der Stadt (am Hauptplatz). Der Reckturm stellte eine Beobachtungs- und Kontrollbasis der Wachmannschaften der Stadt für den Nordwesten dar. Dieser Verteidigungsabschnitt war an sich nicht der gefährdetste, weil es einst dort noch sumpfigen Boden gab und daher andere Abschnitte massivere Befestigungen erforderten. Man beurteilte den Südosten der Neustadt als jenen Bereich, in dem unbedingt die Burganlage errichtet werden müsste. In der Zeit Herzog Friedrichs II. (1230-1246), des letzten Babenbergers, musste sich die Neustadt bewähren, nämlich einerseits gegen kaiserliche Truppen und andererseits gegen mongolische Scharen. Um 1240 wurde im Auftrag des Herzogs eine landesfürstliche Burg an der südöstlichen Ecke der Stadt angelegt. Sie bemaß eine Seitenlänge von 70 Metern und war mit vier Türmen gesichert. Im 15. Jahrhundert wurden die Stadtmauern erhöht und mit Wehrgängen und Zinnen versehen. Aufgrund der Erfahrungen aus der Belagerung durch König Hunyady im Jahre 1446, die erfolgreich abgewehrt werden konnte, hatten man dies als notwendig erachtet.  Dem ungarischen König Matthias Corvinus musste sich die Neustadt jedoch 1487 – nach zwei Jahren der Belagerung – ergeben, trotz einer modernen Befestigung. Die stark befestigten Vorstädte, die Stadtgräben (die zu beiden Seiten mit einer Mauerung von Quadersteinen gestützt wurden und Wasser führten, das von der Fischa und vom Kehrbach stammte) sowie die Eckbastionen (darunter auch jene mit dem Reckturm) hatten standgehalten.   Zur Geschichte des Reckturms Der Reckturm weist eine etwa quadratische Größe auf, hat eine Seitenlänge von 8,4 Metern und eine Mauerstärke von zirka 2,8 Metern. Seine Ecken sind – wie an vielen Wehrtürmen von landesfürstlichen Stadtbefestigungen – mit großformatigen Buckelquadern konstruiert. Beim heutigen Turm besteht nur das Sockelgeschoß bis zu einer Höhe von 4,5 Metern aus dem Mauerwerk des ursprünglich ersten Baues.  Der Turm wurde mehrfach umgebaut, bedingt durch Veränderungen und Verstärkungen der Stadtbefestigungen über die Jahrhunderte, aber auch in der Folge von Erdbeben (zum Beispiel 1356) und Brandkatastrophen. Für die spätere Zeit ist ein Neubau, der auf die vorhandene Erstbau-Basis aufgesetzt wurde, nachweisbar. Das Mauerwerk des Turms erreichte so eine Höhe von zirka 15 Metern (wie noch heute). Hinzu kam das Dach, das wohl nicht die Höhe des gegenwärtigen Dachaufsatzes (mit seinen Ecktourellen) erreichte. Es wird angenommen, dass das Gebäude in vier Stockwerke geteilt war und der ursprünglich ebenerdige Zugang vermauert und mit einem Zugang auf Höhe des ersten Obergeschoßes ersetzt wurde. Im obersten Geschoß war vermutlich eine Wächterstube eingerichtet, worauf ein Kamin in einer Ecke hindeutet. Nachdem Kaiser Friedrich III. veranlasst hatte, die Stadtmauern der Neustadt zu erhöhen und durch einen Zinnenkranz mit hölzernem Wehrgang zu sichern, wurden dem Reckturm im Jahr 1448 Fenster eingesetzt, ein ebenerdiger Zugang wurde (wieder) geschaffen und die Ausgänge zu den Wehrgängen wurden in ihrer Höhe neu bemessen. In einem Abstand von rund drei Metern besteht eine vorgelagerte Zwingermauer. Solche frühen Vorbefestigungen sind in Österreich höchst selten zu finden. Der ursprüngliche Name des „Reckturms“ war „Stuckturm“, wobei mit „Stuck“ Waffen gemeint waren (Stuck – Stücke – Geschütze). In seinem Inneren wurden also Waffen aufbewahrt. Im 16. Jahrhundert baute man ihn zu einem Gefängnis um. Weiters errichteten die Stadtväter im Bereich des heutigen Vorgartens einen vierflügeligen Bau mit einem Arkadenhof und einem Brunnen.  Der „Reckturm“ war ein Ort für „Befragungen“, das heißt für Folterungen. Die Bezeichnung „Reckturm“ leitet sich von einer Foltermethode ab: dem Recken und Strecken. Hier wurden die Deliquenten zuerst auf eine Streckbank gebunden oder an Gliedmaßen aufgehängt, um dann mit Seilzügen oder Gewichten „gespannt“ bzw. „gereckt“ zu werden. Die Bezeichnung „Reckturm“ findet sich auch bei anderen Türmen Niederösterreichs, in denen sich Kerker befanden. Überliefert ist uns beispielsweise aus der Zeit der Hexenverfolgungen der Fall der Afra Schick, einer Frau, die im 17. Jahrhundert in einem nahe gelegenen Dorf, Bromberg-Schlatten, gelebt hatte und die man 1671 der Hexerei beschuldigte. Ihr wurden ein Bund mit dem Teufel und Kurpfuscherei vorgeworfen. Nach der Folter gestand sie und wurde auf dem Scheiterhaufen (der sich bei der Spinnerin am Kreuz in der Wiener Straße befunden hatte) außerhalb der damaligen Stadtmauern verbrannt.   Abbruch des Reckturms Der Turm und das Gefängnis waren 1834 vom „Großen Stadtbrand“ betroffen, doch der Turm wurde bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bewahrt. Dann kam es in Wiener Neustadt zu einer Stadtentwicklung, in der die lokale Regierung eine Modernisierung anstrebte und man die mittelalterlichen Befestigungen als entbehrlich ansah. Am Beispiel von Wien und der Erbauung der Ringstraße hatte man vor Augen geführt bekommen, in welcher Form eine Stadt weiterentwickelt werden kann und nahm sich daran ein Vorbild, indem man einen Ring um die alte Innenstadt baute und Teile der Wehranlage abriss. 1898 beschloss der hiesige Gemeinderat den Abbruch des alten Gefängnisses einschließlich des Reckturms. Teile der Stadtmauer und das Hauptgebäude wurden innerhalb kürzester Zeit abgerissen. Auf Initiative des Bauhistorikers Franz Staub konnte der damalige Bürgermeister Kammann überzeugt werden, den Turm und die benachbarte Stadtmauer doch zu erhalten. 1902 wurde der Reckturm – nach Plänen von Professor Viktor Lunz – rekonstruiert und mit einem steilen, viertürmigen Dachwerk aufgestockt, für das man sich an historischen Abbildungen orientierte. Neben der Rekonstruktion des Turmabschlusses wurden außerdem die Stadtmauer und der Zwinger (dieser in seinem oberen Abschnitt) rekonstruiert.  Bei einer Untersuchung des Reckturms durch das Bundesdenkmalamt stellte sich erst vor wenigen Jahren heraus, dass der Turm zur Wende zum 20. Jahrhundert nie bis zur Hälfte, geschweige denn gänzlich, abgebrochen wurde, sondern nur seine Dachkonstruktion. Das Dach war zweifellos schon beim Großen Stadtbrand von 1834 zerstört worden. Die südlich an den Reckturm angebaute Stadtmauer hatte man um 1900 jedoch massiv abgetragen.  In die neu aufzubauende Westmauer beim Reckturm zog man an einer Stelle das bekannte „opus spicatum“, ein Ähren- bzw. Fischgrätenmuster, ein. Man wollte nämlich die im Mittelalter sehr verbreitete typische Bauweise abbilden, die schon von den Römern erprobt worden war und schneller und billiger als der Bau mit Steinblöcken bzw. -quadern (die erst behauen und zugeschnitten werden mussten) war.   Der Weg zum heutigen Museum Der Wiener Neustädter Denkmalschutzverein richtete zwar im Jahr 1957 im Turm ein kleines Museum ein, aber der Reckturm verfiel zusehends. 1994 nahm sich Josef Karlik des Reckturms an und richtete ein Privatmuseum ein, das vor allem Waffen – also „Stuck“, wie wir nun schon wissen – präsentiert und das zu den größten privaten Waffensammlungen in Österreich zählt. 2004 wurde bei Grabungen im Inneren des Turms ein Kerker entdeckt und freigelegt. Dieser war bis in die Neuzeit  (vielleicht bis ins 18. Jahrhundert) genutzt worden. Es fanden sich sogar Folterwerkzeuge, eine Streckbank sowie Hand- und Fußfesseln. Im Bereich des Reckturms kann man außerdem den vor der Stadtmauer bestehenden alten Zwinger mit der niedrigen Zwingermauer sehen. Auf dem hölzernen Wehrgang, den man nur über den Turm betreten kann, bekommt man zweifellos den besten Eindruck davon, welchen Ausblick die Wachmannschaften im Mittelalter hatten. Dass der Turm erhalten wird und das gesamte Areal so gut gepflegt ist, verdanken wir letztlich der Familie Karlik. Wegen ihres Engagements können wir heute die Anlage besichtigen und an diesem Standort aus der Geschichte lernen.   Öffnungszeiten: 1. Mai - 31. Oktober, Di, Mi und Do jeweils 10-12 Uhr, 14-16 Uhr  jeden ersten Samstag und Sonntag im Monat jeweils 10-12 Uhr Voranmeldung unter Tel. 02622/27924 oder 0676/5829168 (Josef Karlik)   Weiterer Beitrag über den Reckturm auf TOWN (Segway-Tour zu Sightseeing-Punkten): http://www.zeitgeschichte-wn.at/stadt-spaziergaenge/segway-town/pplace/495?pfadid=9  

Die Propstei und ihre einzigartige Geschichte

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16.242360

Reyergasse/Petersgasse

Der „Reckturm“ – Gerettetes Juwel & Botschafter des Mittelalters

 

Die Gründung und Befestigung der Neustadt

Die Neustadt zählt als geplante Stadt zu den bedeutendsten europäischen Gründungsstädten. Nach ihrer Gründung und Vermessung 1192 und mithilfe des ab 1194 zur Verfügung stehenden Lösegeldes für den englischen König Richard Löwenherz begann man mit der Errichtung der Stadtbefestigung. Von dieser sind Teile erhalten geblieben, darunter auch der sogenannte Reckturm. Die neue Stadt („Neustadt“) an der Grenze zu Ungarn und im Pittener Gebiet (im österreichisch-steirischen Grenzraum) sollte ein militärisch abgesichertes Zentrum bilden und wurde deshalb mit starken Mauern befestigt, die zirka acht Meter hoch und durchschnittlich 1,6 Meter dick waren. Die Ansiedlung wurde in vier Viertel gegliedert und erhielt einen großen offenen Hauptplatz im Zentrum. An den vier Ecken der Stadtbefestigung und an den vier Zugangstoren wurden Türme gebaut. Außerdem stattete man die Mauerabschnitte im Norden, Süden, Osten und Westen noch mit 10 Zwischentürmen aus. Der Reckturm bildete einen Eckturm (den nordwestlichen Eckturm) und war zugleich ein wichtiger Punkt in der Geometrie der Stadtplanung. Denn von ihm aus verläuft eine Achse in Form einer Geraden durch den Absteckpunkt der Pfarrkirche (vor dem Haupttor des Doms) zum Gründungspunkt der Stadt (am Hauptplatz).

Der Reckturm stellte eine Beobachtungs- und Kontrollbasis der Wachmannschaften der Stadt für den Nordwesten dar. Dieser Verteidigungsabschnitt war an sich nicht der gefährdetste, weil es einst dort noch sumpfigen Boden gab und daher andere Abschnitte massivere Befestigungen erforderten. Man beurteilte den Südosten der Neustadt als jenen Bereich, in dem unbedingt die Burganlage errichtet werden müsste. In der Zeit Herzog Friedrichs II. (1230-1246), des letzten Babenbergers, musste sich die Neustadt bewähren, nämlich einerseits gegen kaiserliche Truppen und andererseits gegen mongolische Scharen. Um 1240 wurde im Auftrag des Herzogs eine landesfürstliche Burg an der südöstlichen Ecke der Stadt angelegt. Sie bemaß eine Seitenlänge von 70 Metern und war mit vier Türmen gesichert.

Im 15. Jahrhundert wurden die Stadtmauern erhöht und mit Wehrgängen und Zinnen versehen. Aufgrund der Erfahrungen aus der Belagerung durch König Hunyady im Jahre 1446, die erfolgreich abgewehrt werden konnte, hatten man dies als notwendig erachtet. 

Dem ungarischen König Matthias Corvinus musste sich die Neustadt jedoch 1487 – nach zwei Jahren der Belagerung – ergeben, trotz einer modernen Befestigung. Die stark befestigten Vorstädte, die Stadtgräben (die zu beiden Seiten mit einer Mauerung von Quadersteinen gestützt wurden und Wasser führten, das von der Fischa und vom Kehrbach stammte) sowie die Eckbastionen (darunter auch jene mit dem Reckturm) hatten standgehalten.

 

Zur Geschichte des Reckturms

Der Reckturm weist eine etwa quadratische Größe auf, hat eine Seitenlänge von 8,4 Metern und eine Mauerstärke von zirka 2,8 Metern. Seine Ecken sind – wie an vielen Wehrtürmen von landesfürstlichen Stadtbefestigungen – mit großformatigen Buckelquadern konstruiert. Beim heutigen Turm besteht nur das Sockelgeschoß bis zu einer Höhe von 4,5 Metern aus dem Mauerwerk des ursprünglich ersten Baues. 

Der Turm wurde mehrfach umgebaut, bedingt durch Veränderungen und Verstärkungen der Stadtbefestigungen über die Jahrhunderte, aber auch in der Folge von Erdbeben (zum Beispiel 1356) und Brandkatastrophen. Für die spätere Zeit ist ein Neubau, der auf die vorhandene Erstbau-Basis aufgesetzt wurde, nachweisbar. Das Mauerwerk des Turms erreichte so eine Höhe von zirka 15 Metern (wie noch heute). Hinzu kam das Dach, das wohl nicht die Höhe des gegenwärtigen Dachaufsatzes (mit seinen Ecktourellen) erreichte. Es wird angenommen, dass das Gebäude in vier Stockwerke geteilt war und der ursprünglich ebenerdige Zugang vermauert und mit einem Zugang auf Höhe des ersten Obergeschoßes ersetzt wurde. Im obersten Geschoß war vermutlich eine Wächterstube eingerichtet, worauf ein Kamin in einer Ecke hindeutet.

Nachdem Kaiser Friedrich III. veranlasst hatte, die Stadtmauern der Neustadt zu erhöhen und durch einen Zinnenkranz mit hölzernem Wehrgang zu sichern, wurden dem Reckturm im Jahr 1448 Fenster eingesetzt, ein ebenerdiger Zugang wurde (wieder) geschaffen und die Ausgänge zu den Wehrgängen wurden in ihrer Höhe neu bemessen.

In einem Abstand von rund drei Metern besteht eine vorgelagerte Zwingermauer. Solche frühen Vorbefestigungen sind in Österreich höchst selten zu finden.

Der ursprüngliche Name des „Reckturms“ war „Stuckturm“, wobei mit „Stuck“ Waffen gemeint waren (Stuck – Stücke – Geschütze). In seinem Inneren wurden also Waffen aufbewahrt. Im 16. Jahrhundert baute man ihn zu einem Gefängnis um. Weiters errichteten die Stadtväter im Bereich des heutigen Vorgartens einen vierflügeligen Bau mit einem Arkadenhof und einem Brunnen. 

Der „Reckturm“ war ein Ort für „Befragungen“, das heißt für Folterungen. Die Bezeichnung „Reckturm“ leitet sich von einer Foltermethode ab: dem Recken und Strecken. Hier wurden die Deliquenten zuerst auf eine Streckbank gebunden oder an Gliedmaßen aufgehängt, um dann mit Seilzügen oder Gewichten „gespannt“ bzw. „gereckt“ zu werden. Die Bezeichnung „Reckturm“ findet sich auch bei anderen Türmen Niederösterreichs, in denen sich Kerker befanden.

Überliefert ist uns beispielsweise aus der Zeit der Hexenverfolgungen der Fall der Afra Schick, einer Frau, die im 17. Jahrhundert in einem nahe gelegenen Dorf, Bromberg-Schlatten, gelebt hatte und die man 1671 der Hexerei beschuldigte. Ihr wurden ein Bund mit dem Teufel und Kurpfuscherei vorgeworfen. Nach der Folter gestand sie und wurde auf dem Scheiterhaufen (der sich bei der Spinnerin am Kreuz in der Wiener Straße befunden hatte) außerhalb der damaligen Stadtmauern verbrannt.

 

Abbruch des Reckturms

Der Turm und das Gefängnis waren 1834 vom „Großen Stadtbrand“ betroffen, doch der Turm wurde bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bewahrt. Dann kam es in Wiener Neustadt zu einer Stadtentwicklung, in der die lokale Regierung eine Modernisierung anstrebte und man die mittelalterlichen Befestigungen als entbehrlich ansah. Am Beispiel von Wien und der Erbauung der Ringstraße hatte man vor Augen geführt bekommen, in welcher Form eine Stadt weiterentwickelt werden kann und nahm sich daran ein Vorbild, indem man einen Ring um die alte Innenstadt baute und Teile der Wehranlage abriss.

1898 beschloss der hiesige Gemeinderat den Abbruch des alten Gefängnisses einschließlich des Reckturms. Teile der Stadtmauer und das Hauptgebäude wurden innerhalb kürzester Zeit abgerissen. Auf Initiative des Bauhistorikers Franz Staub konnte der damalige Bürgermeister Kammann überzeugt werden, den Turm und die benachbarte Stadtmauer doch zu erhalten. 1902 wurde der Reckturm – nach Plänen von Professor Viktor Lunz – rekonstruiert und mit einem steilen, viertürmigen Dachwerk aufgestockt, für das man sich an historischen Abbildungen orientierte. Neben der Rekonstruktion des Turmabschlusses wurden außerdem die Stadtmauer und der Zwinger (dieser in seinem oberen Abschnitt) rekonstruiert. 

Bei einer Untersuchung des Reckturms durch das Bundesdenkmalamt stellte sich erst vor wenigen Jahren heraus, dass der Turm zur Wende zum 20. Jahrhundert nie bis zur Hälfte, geschweige denn gänzlich, abgebrochen wurde, sondern nur seine Dachkonstruktion. Das Dach war zweifellos schon beim Großen Stadtbrand von 1834 zerstört worden. Die südlich an den Reckturm angebaute Stadtmauer hatte man um 1900 jedoch massiv abgetragen. 

In die neu aufzubauende Westmauer beim Reckturm zog man an einer Stelle das bekannte „opus spicatum“, ein Ähren- bzw. Fischgrätenmuster, ein. Man wollte nämlich die im Mittelalter sehr verbreitete typische Bauweise abbilden, die schon von den Römern erprobt worden war und schneller und billiger als der Bau mit Steinblöcken bzw. -quadern (die erst behauen und zugeschnitten werden mussten) war.

 

Der Weg zum heutigen Museum

Der Wiener Neustädter Denkmalschutzverein richtete zwar im Jahr 1957 im Turm ein kleines Museum ein, aber der Reckturm verfiel zusehends. 1994 nahm sich Josef Karlik des Reckturms an und richtete ein Privatmuseum ein, das vor allem Waffen – also „Stuck“, wie wir nun schon wissen – präsentiert und das zu den größten privaten Waffensammlungen in Österreich zählt. 2004 wurde bei Grabungen im Inneren des Turms ein Kerker entdeckt und freigelegt. Dieser war bis in die Neuzeit  (vielleicht bis ins 18. Jahrhundert) genutzt worden. Es fanden sich sogar Folterwerkzeuge, eine Streckbank sowie Hand- und Fußfesseln.

Im Bereich des Reckturms kann man außerdem den vor der Stadtmauer bestehenden alten Zwinger mit der niedrigen Zwingermauer sehen. Auf dem hölzernen Wehrgang, den man nur über den Turm betreten kann, bekommt man zweifellos den besten Eindruck davon, welchen Ausblick die Wachmannschaften im Mittelalter hatten.

Dass der Turm erhalten wird und das gesamte Areal so gut gepflegt ist, verdanken wir letztlich der Familie Karlik. Wegen ihres Engagements können wir heute die Anlage besichtigen und an diesem Standort aus der Geschichte lernen.

 

Öffnungszeiten:

1. Mai - 31. Oktober, Di, Mi und Do jeweils 10-12 Uhr, 14-16 Uhr 

jeden ersten Samstag und Sonntag im Monat jeweils 10-12 Uhr

Voranmeldung unter Tel. 02622/27924 oder 0676/5829168 (Josef Karlik)

 

Weiterer Beitrag über den Reckturm auf TOWN (Segway-Tour zu Sightseeing-Punkten): http://www.zeitgeschichte-wn.at/stadt-spaziergaenge/segway-town/pplace/495?pfadid=9

 

Bilder

Reckturm in der Frontansicht von Südosten

Datierung: 2015 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Marcel Billaudet Copyright: Marcel Billaudet Zusatzinfo: Foto

Reckturm mit Stadtmauer von Süden

Datierung: 2015 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Marcel Billaudet

Reckturm aus der Froschperspektive von Südosten

Datierung: 2015 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Marcel Billaudet Copyright: Marcel Billaudet Zusatzinfo: Foto

Vorgarten des Reckturms mit Zugang

Datierung: 2015 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Marcel Billaudet Copyright: Marcel Billaudet Zusatzinfo: Foto

Durchbruch durch die nördliche Stadtmauer beim Reckturm

Datierung: 2015 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Marcel Billaudet Copyright: Marcel Billaudet Zusatzinfo: Foto

Beginn der westlichen Stadtmauer beim Reckturm mit Zwinger

Datierung: 2015 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Marcel Billaudet Copyright: Marcel Billaudet Zusatzinfo: Foto

Wehrgang der westlichen Stadtmauer mit Ausgang aus dem Reckturm

Datierung: 2015 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Marcel Billaudet Copyright: Marcel Billaudet Zusatzinfo: Foto

Ausschnitt aus der Karte von Wiener Neustadt von W. Waniek - mit dem Reckturm, ca. 1830

Datierung: ca. 1830 Quelle: Sammlung Wrenkh Autor: W. Waniek Zusatzinfo: Karte

Blick auf den Reckturm und die Stadtmauer von Nordwesten, vor 1900

Datierung: vor 1900 Quelle: Sammlung Setznagl Autor: C. Wehr, Wr. Neustadt - Verlag C. Ledermann, Wien Zusatzinfo: Postkarte

Abgebrochene Stadtmauer südlich des Reckturms, ca. 1900

Datierung: ca. 1900 Quelle: Sammlung BDA Autor: unbekannt Zusatzinfo: Foto

Neu aufgebaute Stadtmauer mit Tor und Reckturm mit neuem Dach, 1909

Datierung: 1909 Quelle: Sammlung Geel Autor: unbekannt Zusatzinfo: Postkarte

Nahaufnahme der Westseite des Reckturms mit Mauer und Zwinger, 1909

Datierung: 1909 Quelle: Sammlung Setznagl Autor: Verlag Kuderna Zusatzinfo: Postkarte

Zufahrt vom Babenbergerring zum Reckturm, 1941

Datierung: 1941 Quelle: Sammlung Witetschka Autor: Verlag Ledermann, Wien Zusatzinfo: Foto als Postkarte

Areal vor der Reckturm-Westmauer, 1940

Datierung: 1940 Quelle: Sammlung Witetschka Autor: Verlag Ledermann, Wien Zusatzinfo: Foto als Postkarte

Reckturm mit Zwinger im Winter, ca. 1960

Datierung: ca. 1960 Quelle: Sammlung Kampichler Autor: unbekannt Zusatzinfo: Druck

Blick durch das Tor nach Westen im Winter, 1930er Jahre

Datierung: 1930er Jahre Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Franz Klimek Zusatzinfo: Foto

Blick durch das Tor nach Westen im Frühjahr, 1930er Jahre

Datierung: 1930er Jahre Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Franz Klimek Zusatzinfo: Foto

Durchbruch der nördlichen Stadtmauer beim Reckturm, 1930er Jahre

Datierung: 1930er Jahre Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Franz Klimek Zusatzinfo: Foto

Blick auf den Reckturm vom Bundesgymnasium, 1950er Jahre

Datierung: 1950er Jahre Quelle: Sammlung Tomann Autor: Tomann Zusatzinfo: Foto als Postkarte

Reyergasse nach Norden zum Reckturm, 1950er Jahre

Datierung: 1950er Jahre Quelle: Sammlung Kampichler Autor: unbekannt Zusatzinfo: Foto

Reckturm nach dem Zweiten Weltkrieg, 1950er Jahre

Datierung: 1950er Jahre Quelle: Sammlung Wrenkh Autor: unbekannt Zusatzinfo: Foto

Stadtgebiet nordwestlich des Reckturms, 1960er Jahre

Datierung: 1960er Jahre Quelle: Sammlung Setznagl Autor: unbekannt Zusatzinfo: Postkarte