Tafel zu Leopold Ungar

Erinnerungsort

Tafel zu Leopold Ungar

47.810750

16.244906

Gedenktafel über Leopold Ungar – Burgplatz 5 Emigrantenschicksale – Von zwei unterschiedlichen Präsidenten Am Burgplatz 5 findet man eine 1994 angebrachte Gedenktafel vor, die an einen bekannten römisch-katholischen Geistlichen aus Wiener Neustadt erinnert, nämlich Dr. Leopold Ungar. Aber nur wenige wissen, dass Dr. Ungar einer jüdischen Familie entstammte: Leopold Ungar kam am 8. August 1912 in Wiener Neustadt als Sohn von Gustav und Malvine Ungar zur Welt. Gustav Ungar war mit seiner Gattin aus Ungarn immigriert und baute einen Weingroßhandel auf. Während die Familie am Burgplatz 5 wohnte, führte Gustav seinen Betrieb in der Emmerberggasse 45. In den Jahren 1921 bis 1926 und 1927 bis 1936 war Gustav Ungar sogar Vorstand („Präsident“) der Israelitischen Kultusgemeinde von Wiener Neustadt. Sohn Leopold verweigerte aber den Weg in die Synagoge und wandte sich zunehmend dem Christentum zu. Nachdem er in Wien Rechtswissenschaften studiert hatte und 1935 zum Doktor der Rechte promovierte, ließ er sich taufen und trat ins Wiener Priesterseminar ein. Dies war in Wiener Neustadt schlichtweg ein Skandal innerhalb der jüdischen Gemeinde, hatte doch der Sohn des Präsident der IKG sein mosaisches Glaubensbekenntnis abgelegt. Für seinen Vater war Leopold gestorben. Jener verabschiedete sich auch nicht von ihm, als Leopold Österreich verließ. 1938 wurde die Familie zerrissen: Leopolds Eltern und auch beide Schwestern, Magdalena und Wilma, mussten das Land wegen ihrer jüdischen Herkunft verlassen. Leopolds ältere Schwester, Magdalena, gelangte sicher nach Großbritannien, alle anderen reisten nach Bolivien in Südamerika aus. Leopold lebte währenddessen in Frankreich, wo er am 29. Juni 1939 die Priesterweihe erhielt. Doch als die Deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, musste Leopold das Land verlassen und wurde in Großbritannien interniert (denn er hatte einen deutschen Pass). 1940 wurde er aus der Haft entlassen und konnte in einem Kloster nördlich von Stafford bleiben. 1944 war er Seelsorger für deutsche Kriegsgefangene in Lagern und Spitälern in England. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Leopold Ungar zuerst Kaplan in Wien und übernahm 1950 die Leitung der Caritas der Erzdiözese Wien. 1953 wurde er von Papst Pius XII. zum Prälaten ernannt. Er ist vielen Menschen bis heute als Präsident der Caritas Österreich in Erinnerung, da er dieses Amt über viele Jahrzehnte ausübte. Leopold Ungar sollte seinen Vater nie mehr wiedersehen, weil dieser 1946 im Exil verstarb. Ungars Mutter Malvine und Schwester Wilma versuchten in Brasilien einen zweiten Neuanfang. Schließlich wurde das Land Brasilien für die voneinander so lange getrennten Familienmitglieder ein Land des Wiedersehens. Denn Leopold Ungar konnte im Rahmen einer Auslandsreise seine Mutter und seine Schwester Wilma wieder in die Arme schließen, nachdem man einander zuletzt in den späten 1930er Jahren am Bahnsteig in Wien gesehen hatte. Während Malvine Ungar in brasilianischer Erde, in São Paulo, bestattet wurde, kehrte Wilma in den 1970er Jahren – nach über dreißig Jahren im Exil – wieder nach Österreich zurück. Ihr Bruder Leopold unterstützte sie bis zur ihrem Tod. Prälat Dr. Leopold Ungar verstarb am 30. April 1992 in Wien. In Wiener Neustadt erinnert die Gedenktafel an der Fassade des „Kornellhofs“ am Burgplatz an Dr. Ungar: In diesem Haus wurde am 8. August 1912Prälat Dr. Leopold Ungar Präsident der CaritasÖsterreich 1963-1991 geboren Insgesamt gelang zirka 200 Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt die Ausreise in ein sicheres Exil, der Großteil nach Palästina, Großbritannien oder in die USA. Das Wunschziel vieler Emigranten waren die USA gewesen. Manche hatten tatsächlich das Glück, oft aufgrund der Hilfe von Verwandten und Gönnern. Andere erreichten zum Beispiel süd- bzw. lateinamerikanische Länder oder China (Shanghai).   Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.  

Kriegsschule

47.810030

16.244900

47.811078

16.245068

47.810725

16.244918

47.810721

16.244942

47.810549

16.244879

47.810473

16.244799

47.810455

16.244665

47.810439

16.244560

47.810108

16.244463

Gedenktafel über Leopold Ungar – Burgplatz 5

Emigrantenschicksale – Von zwei unterschiedlichen Präsidenten

Am Burgplatz 5 findet man eine 1994 angebrachte Gedenktafel vor, die an einen bekannten römisch-katholischen Geistlichen aus Wiener Neustadt erinnert, nämlich Dr. Leopold Ungar. Aber nur wenige wissen, dass Dr. Ungar einer jüdischen Familie entstammte:

Leopold Ungar kam am 8. August 1912 in Wiener Neustadt als Sohn von Gustav und Malvine Ungar zur Welt. Gustav Ungar war mit seiner Gattin aus Ungarn immigriert und baute einen Weingroßhandel auf. Während die Familie am Burgplatz 5 wohnte, führte Gustav seinen Betrieb in der Emmerberggasse 45. In den Jahren 1921 bis 1926 und 1927 bis 1936 war Gustav Ungar sogar Vorstand („Präsident“) der Israelitischen Kultusgemeinde von Wiener Neustadt. Sohn Leopold verweigerte aber den Weg in die Synagoge und wandte sich zunehmend dem Christentum zu. Nachdem er in Wien Rechtswissenschaften studiert hatte und 1935 zum Doktor der Rechte promovierte, ließ er sich taufen und trat ins Wiener Priesterseminar ein. Dies war in Wiener Neustadt schlichtweg ein Skandal innerhalb der jüdischen Gemeinde, hatte doch der Sohn des Präsident der IKG sein mosaisches Glaubensbekenntnis abgelegt. Für seinen Vater war Leopold gestorben. Jener verabschiedete sich auch nicht von ihm, als Leopold Österreich verließ.

1938 wurde die Familie zerrissen: Leopolds Eltern und auch beide Schwestern, Magdalena und Wilma, mussten das Land wegen ihrer jüdischen Herkunft verlassen. Leopolds ältere Schwester, Magdalena, gelangte sicher nach Großbritannien, alle anderen reisten nach Bolivien in Südamerika aus.

Leopold lebte währenddessen in Frankreich, wo er am 29. Juni 1939 die Priesterweihe erhielt. Doch als die Deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, musste Leopold das Land verlassen und wurde in Großbritannien interniert (denn er hatte einen deutschen Pass). 1940 wurde er aus der Haft entlassen und konnte in einem Kloster nördlich von Stafford bleiben. 1944 war er Seelsorger für deutsche Kriegsgefangene in Lagern und Spitälern in England.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Leopold Ungar zuerst Kaplan in Wien und übernahm 1950 die Leitung der Caritas der Erzdiözese Wien. 1953 wurde er von Papst Pius XII. zum Prälaten ernannt. Er ist vielen Menschen bis heute als Präsident der Caritas Österreich in Erinnerung, da er dieses Amt über viele Jahrzehnte ausübte.

Leopold Ungar sollte seinen Vater nie mehr wiedersehen, weil dieser 1946 im Exil verstarb. Ungars Mutter Malvine und Schwester Wilma versuchten in Brasilien einen zweiten Neuanfang. Schließlich wurde das Land Brasilien für die voneinander so lange getrennten Familienmitglieder ein Land des Wiedersehens. Denn Leopold Ungar konnte im Rahmen einer Auslandsreise seine Mutter und seine Schwester Wilma wieder in die Arme schließen, nachdem man einander zuletzt in den späten 1930er Jahren am Bahnsteig in Wien gesehen hatte. Während Malvine Ungar in brasilianischer Erde, in São Paulo, bestattet wurde, kehrte Wilma in den 1970er Jahren – nach über dreißig Jahren im Exil – wieder nach Österreich zurück. Ihr Bruder Leopold unterstützte sie bis zur ihrem Tod.

Prälat Dr. Leopold Ungar verstarb am 30. April 1992 in Wien. In Wiener Neustadt erinnert die Gedenktafel an der Fassade des „Kornellhofs“ am Burgplatz an Dr. Ungar:

In diesem Haus wurde am 8. August 1912
Prälat Dr. Leopold Ungar Präsident der Caritas
Österreich 1963-1991 geboren

Insgesamt gelang zirka 200 Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt die Ausreise in ein sicheres Exil, der Großteil nach Palästina, Großbritannien oder in die USA. Das Wunschziel vieler Emigranten waren die USA gewesen. Manche hatten tatsächlich das Glück, oft aufgrund der Hilfe von Verwandten und Gönnern. Andere erreichten zum Beispiel süd- bzw. lateinamerikanische Länder oder China (Shanghai).

 

Quellen/Literatur:
Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.
Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.
Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.

 

Bilder

Gedenktafel Leopold Ungar