Follow the Codes - Ort des Gebets, der Haft und der Erinnerung

Erinnerungsort

Follow the Codes - Ort des Gebets, der Haft und der Erinnerung

47.816004

16.243958

Johannes-von-Nepomuk-Platz (beim Eingang St. Peter/Sperr) Wiener Neustadt ‒ Europa & Jerusalem: „Ort des Gebets, der Haft und der Erinnerung“ Nach der erlaubten Wiederansiedlung Mitte des 19. Jahrhunderts war die 1902 am Baumkirchnerring 4 errichtete Synagoge nicht die erste von Wiener Neustadt. Sie stellte das Ergebnis eines intensiven Zusammenwirkens vieler Jüdinnen und Juden im Wunsch nach einem großen Gotteshaus dar. Denn es war über Jahre zu einer Spendensammlung im In- und Ausland gekommen, Fachleute wie der Architekt Wilhelm Stiassny hatten unentgeltliche Arbeit geleistet und der Bau selbst wurde innerhalb von nur wenigen Monaten realisiert. Von großem symbolischen Wert war der Schlussstein, der aus Jerusalem nach Wiener Neustadt gebracht worden war und eine Verbindung in die „heilige Stadt“ herstellte. Über einem riesigen Rundfenster, das im Inneren als Davidstern ausgeführt war, stand in großen hebräischen Buchstaben zu lesen: „Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.“ (Jesaja 56,7). Übrigens versteckte sich ein Zahlencode – mit der Kennzeichnung bestimmter Buchstaben (die einen Zahlenwert haben) – in der Inschrift, wie erst 2013 herausgefunden wurde: 5662 nach dem jüdischen Kalender für das Jahr der Einweihung 1902. Die Synagoge wies eine ungewöhnliche Ausrichtung auf, denn sie war nicht wie üblich nach Osten, also symbolisch nach Jerusalem, orientiert. Dies hatte wahrscheinlich mit den Platzverhältnissen vor Ort zu tun, weil man ein größeres Gebäude nur zielführend in einer Linie Nord-Süd platzieren konnte, ohne das östliche Bethaus (das ebenfalls nach Norden ausgerichtet war) abreißen zu müssen. Die Synagoge bildete nunmehr das Zentrum des religiösen Lebens für die Jüdinnen und Juden der Stadt, mit Ausnahme der kleinen, streng orthodoxen Koppel-Gemeindemitglieder, die sich in einem Bethaus im Zehnerviertel zusammenfanden. 1938 wurde die Synagoge übernommen und sollte zu einem SS-Heim umgestaltet werden, was aber nie geschah. Da sie von der nationalsozialistischen Stadtführung in Besitz genommen war, wurde sie auch beim Novemberpogrom nicht in Brand gesteckt – wie übrigens viele andere Synagogen Niederösterreichs. Aber die Synagoge und das Bethaus wurden zu einem Sammellager, wo man Frauen und Kinder inhaftierte, während die Männer in das städtische Gefangenenhaus gebracht wurden. Auch Jüdinnen und Juden aus der Region, zum Beispiel aus Hochwolkersdorf, transportierte man in das Sammellager, das eines von mehreren war. Jetzt wurde das „Haus des Gebets für alle Völker“ zu einer „Räuberhöhle“ gemacht („Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker. Ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!“, Lukas 19,45-46). Denn im Lager beraubte man die Menschen ihrer letzten Habseligkeiten, bis zum Ehering, und zwang sie Verträge zu unterschreiben, mit denen sie ihr Eigentum verkauften oder verschenkten. In der Erinnerung von jüdischen Zeitzeugen/innen ist die Synagoge ein Ort schmerzlicher Erfahrungen, denn es sind jene des November 1938, die sich eingebrannt haben. Mit den Zerstörungen während der „Reichskristallnacht“ gerieten auch die Matriken und zahlreiche wertvolle Objekte in Verlust. 2016 kam es beim Öffnen einer Eisentruhe aus dem Depot des Stadtmuseums von Wiener Neustadt zu einem überraschenden Fund. Es tauchte eine Thora-Krone auf. Der ehemalige Standort der Synagoge am Baumkirchnerring 4 ist ein wichtiger Erinnerungsort in Bezug auf die große und bedeutende jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt. Dementsprechend wurden hier auch Gedenkveranstaltungen abgehalten, wobei die 2013 durchgeführte Veranstaltung wohl zu den erinnerungswürdigsten zählt. Erstmals wurde damals in Wiener Neustadt ein Gebäude mit Hilfe einer Licht-Projektion sichtbar gemacht: in Farbe, am historischen Standort, in Originalgröße. Auf diese Weise konnte die Synagoge in ihrer Dimension „vor Augen geführt“ werden ‒ und zugleich wohl auch der besondere Verlust verdeutlicht werden.

Johannes-von-Nepomuk-Platz (beim Eingang St. Peter/Sperr)

Wiener Neustadt ‒ Europa & Jerusalem: „Ort des Gebets, der Haft und der Erinnerung“

Nach der erlaubten Wiederansiedlung Mitte des 19. Jahrhunderts war die 1902 am Baumkirchnerring 4 errichtete Synagoge nicht die erste von Wiener Neustadt. Sie stellte das Ergebnis eines intensiven Zusammenwirkens vieler Jüdinnen und Juden im Wunsch nach einem großen Gotteshaus dar. Denn es war über Jahre zu einer Spendensammlung im In- und Ausland gekommen, Fachleute wie der Architekt Wilhelm Stiassny hatten unentgeltliche Arbeit geleistet und der Bau selbst wurde innerhalb von nur wenigen Monaten realisiert. Von großem symbolischen Wert war der Schlussstein, der aus Jerusalem nach Wiener Neustadt gebracht worden war und eine Verbindung in die „heilige Stadt“ herstellte. Über einem riesigen Rundfenster, das im Inneren als Davidstern ausgeführt war, stand in großen hebräischen Buchstaben zu lesen: „Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.“ (Jesaja 56,7).

Übrigens versteckte sich ein Zahlencode – mit der Kennzeichnung bestimmter Buchstaben (die einen Zahlenwert haben) – in der Inschrift, wie erst 2013 herausgefunden wurde: 5662 nach dem jüdischen Kalender für das Jahr der Einweihung 1902.

Die Synagoge wies eine ungewöhnliche Ausrichtung auf, denn sie war nicht wie üblich nach Osten, also symbolisch nach Jerusalem, orientiert. Dies hatte wahrscheinlich mit den Platzverhältnissen vor Ort zu tun, weil man ein größeres Gebäude nur zielführend in einer Linie Nord-Süd platzieren konnte, ohne das östliche Bethaus (das ebenfalls nach Norden ausgerichtet war) abreißen zu müssen.

Die Synagoge bildete nunmehr das Zentrum des religiösen Lebens für die Jüdinnen und Juden der Stadt, mit Ausnahme der kleinen, streng orthodoxen Koppel-Gemeindemitglieder, die sich in einem Bethaus im Zehnerviertel zusammenfanden.

1938 wurde die Synagoge übernommen und sollte zu einem SS-Heim umgestaltet werden, was aber nie geschah. Da sie von der nationalsozialistischen Stadtführung in Besitz genommen war, wurde sie auch beim Novemberpogrom nicht in Brand gesteckt – wie übrigens viele andere Synagogen Niederösterreichs. Aber die Synagoge und das Bethaus wurden zu einem Sammellager, wo man Frauen und Kinder inhaftierte, während die Männer in das städtische Gefangenenhaus gebracht wurden. Auch Jüdinnen und Juden aus der Region, zum Beispiel aus Hochwolkersdorf, transportierte man in das Sammellager, das eines von mehreren war. Jetzt wurde das „Haus des Gebets für alle Völker“ zu einer „Räuberhöhle“ gemacht („Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker. Ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!“, Lukas 19,45-46). Denn im Lager beraubte man die Menschen ihrer letzten Habseligkeiten, bis zum Ehering, und zwang sie Verträge zu unterschreiben, mit denen sie ihr Eigentum verkauften oder verschenkten.

In der Erinnerung von jüdischen Zeitzeugen/innen ist die Synagoge ein Ort schmerzlicher Erfahrungen, denn es sind jene des November 1938, die sich eingebrannt haben. Mit den Zerstörungen während der „Reichskristallnacht“ gerieten auch die Matriken und zahlreiche wertvolle Objekte in Verlust. 2016 kam es beim Öffnen einer Eisentruhe aus dem Depot des Stadtmuseums von Wiener Neustadt zu einem überraschenden Fund. Es tauchte eine Thora-Krone auf.

Der ehemalige Standort der Synagoge am Baumkirchnerring 4 ist ein wichtiger Erinnerungsort in Bezug auf die große und bedeutende jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt. Dementsprechend wurden hier auch Gedenkveranstaltungen abgehalten, wobei die 2013 durchgeführte Veranstaltung wohl zu den erinnerungswürdigsten zählt. Erstmals wurde damals in Wiener Neustadt ein Gebäude mit Hilfe einer Licht-Projektion sichtbar gemacht: in Farbe, am historischen Standort, in Originalgröße. Auf diese Weise konnte die Synagoge in ihrer Dimension „vor Augen geführt“ werden ‒ und zugleich wohl auch der besondere Verlust verdeutlicht werden.

Bilder

Wiener Neustädter Synagoge am Baumkirchnerring 4, ca. 1905

Datierung: ca. 1905 Quelle: Sammlung Werner Sulzgruber Autor: unbekannt Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Fotografie

Synagoge und anschließendes Arbeiterheim, 1912

Datierung: 1912 Quelle: Sammlung Rudolf Setznagl Autor: Verlag Starosta Copyright: Verlag Starosta Zusatzinfo: Postkarte

Blick von der Pfarrkirche (Dom) auf die Synagoge, 1916

Datierung: 1916 Quelle: Sammlung Heinrich Witetschka Autor: Verlag Ledermann, Wien Copyright: Verlag Ledermann Zusatzinfo: Postkarte - Ausschnitt

Seltene Innenansicht der Synagoge mit dem Thora-Schrein, 1937

Datierung: 1937 Quelle: IVM Autor: unbekannt Zusatzinfo: Fotografie

Los zur Geldsammlung für die Errichtung der Synagoge, 1895

Über viele Jahre wurde Geld für den Bau der Synagoge gesammelt. Wie die Abbildung auf dem Los zeigt, sah die Wr. Neustädter Synagoge letztlich völlig anders aus.
Datierung: 1895 Quelle: Sammlung Erwin Wrenkh Autor: unbekannt Zusatzinfo: Scan des Originals

Das fertig gestellte Gewerkschaftshaus anstelle der abgerissenen Synagoge, ca. 1953

Datierung: ca. 1953 Quelle: Sammlung Heinrich Witetschka Autor: Verlag Kuderna Copyright: Verlag Kuderna Zusatzinfo: Fotografie

Blick auf das Areal des Arbeiterheimes vor dem Bau des zentralen Postamtes am Baumkirchnerring, 1950er Jahre

Datierung: 1950er Jahre Quelle: Sammlung Rudolf Setznagl Autor: unbekannt Zusatzinfo: Fotografie - Ausschnitt

Ursprüngliche Gedenktafel an der Fassade des Gewerkschaftshauses, o. J.

Datierung: o. J. Quelle: Sammlung Rudolf Setznagl Autor: Rudolf Setznagl Copyright: Rudolf Setznagl Zusatzinfo: Fotografie

Übergabe eines Synagogen-Bildes von Siegfried Hacker an Helmuth Eiwen, Schubertweg, 1995

Siegfried Hacker hatte die Malerei selbst geschaffen und überreichte sein Werk an der alten Stadtmauer am Schubertweg (vor den hebräischen Grabsteinen) an Pastor Helmuth Eiwen, Leiter der lokalen Ichthys-Gemeinde.
Datierung: 1995 Quelle: Sammlung Helmuth Eiwen Autor: unbekannt Copyright: Ichthys-Gemeinde Zusatzinfo: Fotografie

Aufnahme des Synagogen-Bildnisses von Siegfried Hacker, 1995

Datierung: 1995 Quelle: Sammlung Werner Sulzgruber Autor: Siegfried Hacker Copyright: Familie Hacker Zusatzinfo: Fotografie

Rekonstruktion der Synagoge durch Susanne Schwarz an der TU Wien, 2010

Datierung: 2010 Quelle: Susanne Schwarz Autor: Susanne Schwarz Copyright: Susanne Schwarz Zusatzinfo: Grafik

Licht-Projektion am Baumkirchnerring, November 2013

Nach einer Idee des Historikers Dr. Werner Sulzgruber wurde anlässlich einer Gedenkfeier eine Projektion der Synagoge am ursprünglichen Standort und in Originalgröße realisiert.
Datierung: 2013 Quelle: Gerold Petritsch Autor: Gerold Petritsch Copyright: Gerold Petritsch Zusatzinfo: Fotografie

Nähere Aufnahme der Projektion, Baumkirchnerring 4, November 2013

Datierung: 2013 Quelle: Karl Kreska Autor: Karl Kreska Copyright: Karl Kreska Zusatzinfo: Fotografie