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Hauptplatz (nahe Nr. 12, nördlich des Grätzels) Wiener Neustadt ‒ USA & Israel: „Weiss-heiten“ Dr. Heinrich Hillel Weiss war als Oberrabbiner eine anerkannte Persönlichkeit in Wiener Neustadt, der über die Aufgaben des Rabbiners für die Israelitische Kultusgemeinde Wiener Neustadt und Neunkirchen hinaus auch den Religionsunterricht an einzelnen Schulen sowie die Funktion eines Landesschulinspektors für den israelitischen Religionsunterricht in Niederösterreich wahrnahm. Er galt als Wunderkind, besuchte die orthodoxe Jeschiwa (Talmudhochschule) in Pressburg und legte das Rabbinerexamen ab. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat in der k. u. k. Armee, wurde verwundet und ausgezeichnet. Als Feldrabbiner übernahm er eine wichtige Rolle in der religiösen Betreuung der jüdischen Soldaten an der Ostfront. Hier schien er einmal Gottes Schutz gehabt zu haben, als unmittelbar nach einem von ihm gehaltenen Feldgottesdienst genau an der Stelle, wo sich alle zum Gebet versammelt hatten, feindliche Granaten einschlugen, jedoch niemand getötet oder verwundet wurde. 1921 heiratete er die Tochter des berühmten Hofmalers David Kohn, Julie. Mit ihr ging er 1924 nach Wiener Neustadt, wo er als Rabbiner angestellt worden war und im Jänner 1925 die offizielle Amtseinführung gefeiert wurde. Denn über viele Jahre hatte man in Wiener Neustadt gehofft, für die wachsende Gemeinde – die am Beginn der 1920er Jahre in Niederösterreich die zweitgrößte nach Baden gewesen war – dauerhaft eine Rabbiner-Persönlichkeit zu finden, was nun erfüllt war. Weiss führte außerdem die Matriken, wobei sich das Matrikenamt in seiner Privatwohnung am Hauptplatz 11 befand. Seine Ära als Oberrabbiner dauerte bis 1938. Noch bis zum Sommer 1938 – in einer Phase der Entrechtung, Beraubung und Vertreibung – versuchte er alles in seiner Macht Stehende, um den Jüdinnen und Juden Hilfe zu leisten, bis er, seine Frau und die beiden Kinder Walter (*1927) und Frieda (*1930) das Land verlassen mussten und in die USA emigrieren konnten. Ungewöhnlich erscheint ein Schreiben von Oberrabbiner Weiss 1947 an den „Ariseur“ seines Eigentums, worin er jenen als „anständigen Menschen“ bezeichnet und ihn von den „Schandbuben und Mördern, welche so viel Elend und Leid über unsere so geliebte einstige Heimat gebracht“ haben, klar unterscheidet. Es ist eines der wenigen Beispiele für Übernahmen jüdischen Hab und Guts im Einvernehmen mit dem „arischen“ Käufer. Weiss strebte nach 1945 auch keine „Rückstellung“ durch ein Gerichtsverfahren an. Dr. Heinrich Weiss hatte in den USA seine Aufgaben als Rabbiner weiterführen können, mehr noch, er erreichte eine hohe leitenden Funktion, als er die „Dukla Mogen Avraham Synagoge“ in New York und die „Rabbi Jacob Joseph School“, die älteste Talmudhochschule in den USA, übernahm. Ein Entschluss mit „Weiss-heit“ war es zweifellos, als sich Dr. Weiss über die damals in den USA bestehende Rassentrennung hinwegsetzte und in den 1940er Jahren auch schwarze Studenten in seiner Jeschiwa aufnahm und unterrichtete. Ausgrenzung kam für ihn als vertriebenen Juden nicht in Frage. Auch für seinen Sohn Walter, später David Weiss, zählte das Verbindende, und ihm sollte in den 1990er Jahren eine besondere Rolle zukommen: Er hatte nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin Verbindung zu einigen Shoah-Überlebenden in den USA und Israel. Als sich in den 1990er Jahren dann eine lokale Freikirche, die Ichthys-Gemeinde, auf die Suche nach Überlebenden und Nachkommen von Jüdinnen und Juden aus Wiener Neustadt machte, war er es, der mithalf, dass in der Folge viele Shoah-Überlebende Wiener Neustadt besuchten. So wurde die sogenannte „Woche der Begegnung“ 1995 ein Akt der Versöhnung und zum Beginn der Aufarbeitung der jüdischen Zeitgeschichte. Erstmals war es 1995 gelungen, dass jüdischen Zeitzeugen/innen an Schulen in Wiener Neustadt gingen, um dort über ihr Schicksal zu berichten und jungen Menschen zu erzählen, was sich in Wiener Neustadt vor und nach 1938 abgespielt hatte. Etwas Außergewöhnliches für diese Zeit war der Besuch einer Schulklasse (des BRG Gröhrmühlgasse) in Israel und ein Gegenbesuch von israelischen Schülern/innen – ein frühes Zeichen der Verständigung auf der Ebene von schulischen Bildungseinrichtungen. David Weiss hielt seine Erfahrungen in seinem biografischen Buch „Reluctant Return: A Survivor's Journey to an Austrian Town“ („Widerstrebende Rückkehr: Die Reise eines Überlebenden in eine österreichische Stadt“) 1999 fest. Er ist aufgrund seiner Interviews zu einem wichtigen Zeitzeugen in der Vermittlung des Themas an Bildungseinrichtungen geworden.
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Hauptplatz (nahe Nr. 12, nördlich des Grätzels)
Wiener Neustadt ‒ USA & Israel: „Weiss-heiten“
Dr. Heinrich Hillel Weiss war als Oberrabbiner eine anerkannte Persönlichkeit in Wiener Neustadt, der über die Aufgaben des Rabbiners für die Israelitische Kultusgemeinde Wiener Neustadt und Neunkirchen hinaus auch den Religionsunterricht an einzelnen Schulen sowie die Funktion eines Landesschulinspektors für den israelitischen Religionsunterricht in Niederösterreich wahrnahm.
Er galt als Wunderkind, besuchte die orthodoxe Jeschiwa (Talmudhochschule) in Pressburg und legte das Rabbinerexamen ab. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat in der k. u. k. Armee, wurde verwundet und ausgezeichnet. Als Feldrabbiner übernahm er eine wichtige Rolle in der religiösen Betreuung der jüdischen Soldaten an der Ostfront. Hier schien er einmal Gottes Schutz gehabt zu haben, als unmittelbar nach einem von ihm gehaltenen Feldgottesdienst genau an der Stelle, wo sich alle zum Gebet versammelt hatten, feindliche Granaten einschlugen, jedoch niemand getötet oder verwundet wurde.
1921 heiratete er die Tochter des berühmten Hofmalers David Kohn, Julie. Mit ihr ging er 1924 nach Wiener Neustadt, wo er als Rabbiner angestellt worden war und im Jänner 1925 die offizielle Amtseinführung gefeiert wurde. Denn über viele Jahre hatte man in Wiener Neustadt gehofft, für die wachsende Gemeinde – die am Beginn der 1920er Jahre in Niederösterreich die zweitgrößte nach Baden gewesen war – dauerhaft eine Rabbiner-Persönlichkeit zu finden, was nun erfüllt war. Weiss führte außerdem die Matriken, wobei sich das Matrikenamt in seiner Privatwohnung am Hauptplatz 11 befand. Seine Ära als Oberrabbiner dauerte bis 1938.
Noch bis zum Sommer 1938 – in einer Phase der Entrechtung, Beraubung und Vertreibung – versuchte er alles in seiner Macht Stehende, um den Jüdinnen und Juden Hilfe zu leisten, bis er, seine Frau und die beiden Kinder Walter (*1927) und Frieda (*1930) das Land verlassen mussten und in die USA emigrieren konnten.
Ungewöhnlich erscheint ein Schreiben von Oberrabbiner Weiss 1947 an den „Ariseur“ seines Eigentums, worin er jenen als „anständigen Menschen“ bezeichnet und ihn von den „Schandbuben und Mördern, welche so viel Elend und Leid über unsere so geliebte einstige Heimat gebracht“ haben, klar unterscheidet.
Es ist eines der wenigen Beispiele für Übernahmen jüdischen Hab und Guts im Einvernehmen mit dem „arischen“ Käufer. Weiss strebte nach 1945 auch keine „Rückstellung“ durch ein Gerichtsverfahren an.
Dr. Heinrich Weiss hatte in den USA seine Aufgaben als Rabbiner weiterführen können, mehr noch, er erreichte eine hohe leitenden Funktion, als er die „Dukla Mogen Avraham Synagoge“ in New York und die „Rabbi Jacob Joseph School“, die älteste Talmudhochschule in den USA, übernahm. Ein Entschluss mit „Weiss-heit“ war es zweifellos, als sich Dr. Weiss über die damals in den USA bestehende Rassentrennung hinwegsetzte und in den 1940er Jahren auch schwarze Studenten in seiner Jeschiwa aufnahm und unterrichtete. Ausgrenzung kam für ihn als vertriebenen Juden nicht in Frage.
Auch für seinen Sohn Walter, später David Weiss, zählte das Verbindende, und ihm sollte in den 1990er Jahren eine besondere Rolle zukommen: Er hatte nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin Verbindung zu einigen Shoah-Überlebenden in den USA und Israel. Als sich in den 1990er Jahren dann eine lokale Freikirche, die Ichthys-Gemeinde, auf die Suche nach Überlebenden und Nachkommen von Jüdinnen und Juden aus Wiener Neustadt machte, war er es, der mithalf, dass in der Folge viele Shoah-Überlebende Wiener Neustadt besuchten. So wurde die sogenannte „Woche der Begegnung“ 1995 ein Akt der Versöhnung und zum Beginn der Aufarbeitung der jüdischen Zeitgeschichte.
Erstmals war es 1995 gelungen, dass jüdischen Zeitzeugen/innen an Schulen in Wiener Neustadt gingen, um dort über ihr Schicksal zu berichten und jungen Menschen zu erzählen, was sich in Wiener Neustadt vor und nach 1938 abgespielt hatte.
Etwas Außergewöhnliches für diese Zeit war der Besuch einer Schulklasse (des BRG Gröhrmühlgasse) in Israel und ein Gegenbesuch von israelischen Schülern/innen – ein frühes Zeichen der Verständigung auf der Ebene von schulischen Bildungseinrichtungen.
David Weiss hielt seine Erfahrungen in seinem biografischen Buch „Reluctant Return: A Survivor's Journey to an Austrian Town“ („Widerstrebende Rückkehr: Die Reise eines Überlebenden in eine österreichische Stadt“) 1999 fest. Er ist aufgrund seiner Interviews zu einem wichtigen Zeitzeugen in der Vermittlung des Themas an Bildungseinrichtungen geworden.