Follow the Codes - Alle kennen Martha

Erinnerungsort

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Ecke Neunkirchner Straße / Sparkassengasse „Alle kennen Martha“ Wer kannte sie nicht? „Martha“ hieß nicht nur das Spezialgeschäft für Wolle, Garne und Handarbeiten in der Neunkirchner Straße 1-3, sondern auch die jüngste Tochter der Eigentümerin: Martha. Sie war am 3. Dezember 1904 in Wiener Neustadt – als Tochter von Heinrich und Mathilde Kohn – geboren worden. Offensichtlich durchlebte sie eine schwierige familiäre Entwicklung, da ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war, und alles fortan an der Mutter lag, die sieben Kinder durchbringen musste. Außerdem verlor Martha zwei ihrer sechs Geschwister (ihre älteren Schwestern Elsa und Herta). Martha war anfangs Angestellte im Geschäft ihrer Mutter, das nahe dem Hauptplatz bzw. gegenüber dem Rathaus lag. In den 1930er Jahren führte sie das kleine Spezialgeschäft. Bei „Martha“ erhielt man nicht nur verschiedene Sorten von Wolle und Garnen für das Stricken und Häkeln, sondern auch Muster. Diverse Schnitte und Anleitungen bekamen Kunden gratis dazu. Weiters gab es eine „Vordruckerei“, das heißt, auf Papier wurden unterschiedliche Muster sofort gedruckt, anhand derer die Handarbeiterinnen dann ihre Textilien verzieren, also besticken konnten. Zusätzlich wurden Ajourieren (Besticken in einer besonderen Stich-Technik), Endeln (Stoffrand einfassen) und Tamburieren (mit Tamburier-/Ketten-Stichen sticken) sowie Stickereiarbeiten mit maschineller Unterstützung angeboten. Auch unter den Leinen- und Wäschehändlern wurde der Betrieb in den Adressenbüchern der Stadt geführt. Schülerinnen der Mädchenhauptschule, die sich in der um die Ecke liegenden Schulgasse befand, kauften bei „Martha“ gerne ihre Utensilien für den Handarbeitsunterricht und auch für private Bedürfnisse ein. Viele Zeitzeuginnen erinnern sich, dass sie als Schülerinnen und nach ihrer Schulzeit in das Wollgeschäft in der Neunkirchner Straße gingen. Aber dass Martha Jüdin war, das war den meisten Zeitzeuginnen gar nicht bewusst. Sofort nach dem „Anschluss“ 1938 wurde das Geschäft als „Judengeschäft“ gekennzeichnet. Es ist dazu zum Beispiel eine für Wiener Neustadt äußerst seltene Fotografie erhalten, nämlich aus den Tagen des März 1938, worauf die Kennzeichnung deutlich zu sehen ist. Zeitgleich wurden andere Betriebe wiederum klar als „Deutsches Geschäft“ gekennzeichnet, wie die gleich benachbarte Parfümerie Neumann und das zum Hauptplatz hin folgende Geschäft für Reiserequisiten Horatschek (beide Neunkirchner Straße 1). Denn die Bevölkerung sollte abgehalten werden, Handels- und Gewerbebetriebe von Jüdinnen und Juden aufzusuchen; Juden sollten möglichst rasch aus der „deutschen Wirtschaft verdrängt“ werden.  Eine absolute Besonderheit ist, dass die kommissarische Verwaltung des Martha'schen Betriebs von einer Frau durchgeführt wurde. Dies ist in Wiener Neustadt nur zweimal nachweislich der Fall gewesen. Marthas damals über 70-jährige Mutter, Mathilde Kohn, wurde am 10. September 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Martha hatte 1931 römisch-katholisch geheiratet und lebte gewissermaßen geschützt durch ihren „arischen“ Ehemann Ferdinand Weißbrich in der Stadt. Im Zweiten Weltkrieg war es ihr aber als Jüdin untersagt, während der massiven Bombardierungen der Stadt ab 1943 einen Luftschutzraum aufzusuchen. Sie überlebte, während alle Angehörigen ihrer Familie in der Shoah umgebracht wurden. Erst 1947 bestand zum Beispiel für sie Gewissheit über das Schicksal ihrer Mutter: Jene wurde 1947 für tot erklärt.   Exkurs: Das Wiener Neustädter „Zentral“-Kino in der Brodtischgasse 3 befand sich bis 1938 in Besitz der jüdischen Brüder Bruchsteiner. 1924, als der Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ gezeigt wurde, hatten sich hier tumultartige Szenen und antisemitische Kundgebungen abgespielt – übrigens nur in Wien und Wiener Neustadt. Das Kino wurde im März 1938 schlagartig von Nationalsozialisten übernommen und strahlte umgehend Filme im Sinne der NS-Propaganda aus. Die Gebrüder Bruchsteiner überlebten die Shoah. 

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Ecke Neunkirchner Straße / Sparkassengasse

„Alle kennen Martha“

Wer kannte sie nicht? „Martha“ hieß nicht nur das Spezialgeschäft für Wolle, Garne und Handarbeiten in der Neunkirchner Straße 1-3, sondern auch die jüngste Tochter der Eigentümerin: Martha. Sie war am 3. Dezember 1904 in Wiener Neustadt – als Tochter von Heinrich und Mathilde Kohn – geboren worden. Offensichtlich durchlebte sie eine schwierige familiäre Entwicklung, da ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war, und alles fortan an der Mutter lag, die sieben Kinder durchbringen musste. Außerdem verlor Martha zwei ihrer sechs Geschwister (ihre älteren Schwestern Elsa und Herta).

Martha war anfangs Angestellte im Geschäft ihrer Mutter, das nahe dem Hauptplatz bzw. gegenüber dem Rathaus lag. In den 1930er Jahren führte sie das kleine Spezialgeschäft. Bei „Martha“ erhielt man nicht nur verschiedene Sorten von Wolle und Garnen für das Stricken und Häkeln, sondern auch Muster. Diverse Schnitte und Anleitungen bekamen Kunden gratis dazu. Weiters gab es eine „Vordruckerei“, das heißt, auf Papier wurden unterschiedliche Muster sofort gedruckt, anhand derer die Handarbeiterinnen dann ihre Textilien verzieren, also besticken konnten. Zusätzlich wurden Ajourieren (Besticken in einer besonderen Stich-Technik), Endeln (Stoffrand einfassen) und Tamburieren (mit Tamburier-/Ketten-Stichen sticken) sowie Stickereiarbeiten mit maschineller Unterstützung angeboten. Auch unter den Leinen- und Wäschehändlern wurde der Betrieb in den Adressenbüchern der Stadt geführt.

Schülerinnen der Mädchenhauptschule, die sich in der um die Ecke liegenden Schulgasse befand, kauften bei „Martha“ gerne ihre Utensilien für den Handarbeitsunterricht und auch für private Bedürfnisse ein. Viele Zeitzeuginnen erinnern sich, dass sie als Schülerinnen und nach ihrer Schulzeit in das Wollgeschäft in der Neunkirchner Straße gingen. Aber dass Martha Jüdin war, das war den meisten Zeitzeuginnen gar nicht bewusst.

Sofort nach dem „Anschluss“ 1938 wurde das Geschäft als „Judengeschäft“ gekennzeichnet. Es ist dazu zum Beispiel eine für Wiener Neustadt äußerst seltene Fotografie erhalten, nämlich aus den Tagen des März 1938, worauf die Kennzeichnung deutlich zu sehen ist. Zeitgleich wurden andere Betriebe wiederum klar als „Deutsches Geschäft“ gekennzeichnet, wie die gleich benachbarte Parfümerie Neumann und das zum Hauptplatz hin folgende Geschäft für Reiserequisiten Horatschek (beide Neunkirchner Straße 1). Denn die Bevölkerung sollte abgehalten werden, Handels- und Gewerbebetriebe von Jüdinnen und Juden aufzusuchen; Juden sollten möglichst rasch aus der „deutschen Wirtschaft verdrängt“ werden. 

Eine absolute Besonderheit ist, dass die kommissarische Verwaltung des Martha'schen Betriebs von einer Frau durchgeführt wurde. Dies ist in Wiener Neustadt nur zweimal nachweislich der Fall gewesen.

Marthas damals über 70-jährige Mutter, Mathilde Kohn, wurde am 10. September 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Martha hatte 1931 römisch-katholisch geheiratet und lebte gewissermaßen geschützt durch ihren „arischen“ Ehemann Ferdinand Weißbrich in der Stadt. Im Zweiten Weltkrieg war es ihr aber als Jüdin untersagt, während der massiven Bombardierungen der Stadt ab 1943 einen Luftschutzraum aufzusuchen. Sie überlebte, während alle Angehörigen ihrer Familie in der Shoah umgebracht wurden. Erst 1947 bestand zum Beispiel für sie Gewissheit über das Schicksal ihrer Mutter: Jene wurde 1947 für tot erklärt.

 

Exkurs:

Das Wiener Neustädter „Zentral“-Kino in der Brodtischgasse 3 befand sich bis 1938 in Besitz der jüdischen Brüder Bruchsteiner. 1924, als der Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ gezeigt wurde, hatten sich hier tumultartige Szenen und antisemitische Kundgebungen abgespielt – übrigens nur in Wien und Wiener Neustadt.

Das Kino wurde im März 1938 schlagartig von Nationalsozialisten übernommen und strahlte umgehend Filme im Sinne der NS-Propaganda aus. Die Gebrüder Bruchsteiner überlebten die Shoah. 

Bilder

Ausschnitt aus einer Foto-Postkarte, Beginn der Neunkirchner Straße, 1934

Auf der Fotografie ist links zum Beispiel die Firma Saik (Handschuhmacherei) zu sehen. Auf der rechten Seite befand sich das Wollgeschäft „Martha“.
Datierung: 1934 Quelle: Sammlung Wilhelm Geel Autor: unbekannt Zusatzinfo: Postkarte - Ausschnitt

Werbeinserat des Spezialgeschäfts „Martha“, 1936

Datierung: 11.04.1936 Quelle: Wiener Neustädter Zeitung Autor: unbekannt Zusatzinfo: Scan des Originals

Blick in die Schulgasse von Osten, 1909

Datierung: 1909 Quelle: Sammlung Edeltraud Groll Autor: unbekannt Zusatzinfo: Postkarte - Ausschnitt

Aufnahme des Geschäfts „Martha“ zur Zeit des „Anschlusses“, März 1938

Datierung: März 1938 Quelle: Nachlass Tomann Autor: Viktor Tomann Copyright: Regina Dollinger Zusatzinfo: Fotografie

Aufnahme des nördlich benachbarten Geschäfts, der Parfümerie Neumann, März 1938

Datierung: März 1938 Quelle: Nachlass Tomann Autor: Viktor Tomann Copyright: Regina Dollinger Zusatzinfo: Fotografie

Reiserequisiten-Geschäft Horatschek, Neunkirchner Straße 1 (wie die Firma Neumann), März 1938.

Datierung: März 1938 Quelle: Nachlass Tomann Autor: Viktor Tomann Copyright: Regina Dollinger Zusatzinfo: Fotografie

Aufnahme Ecke Neunkirchner Straße/Hauptplatz, März 1938

Die deutsche Schutzpolizei kontrollierte bereits die Situation im Stadtzentrum in der Phase des militärischen Einmarsches deutscher Truppenteile in der Stadt.
Datierung: März 1938 Quelle: Nachlass Tomann Autor: Viktor Tomann Copyright: Regina Dollinger Zusatzinfo: Fotografie

Blick vom Hauptplatz in die Neunkirchner Straße, ca. 1957

Datierung: ca. 1957 Quelle: Sammlung Heinrich Witetschka Autor: Verlag Egelseer Copyright: Verlag Egelseer Zusatzinfo: Fotografie

Blick von der Ecke Neunkirchner Straße/Schulgasse nach Süden in Richtung Wasserturm, 1950er Jahre

Datierung: 1950er Jahre Quelle: Sammlung Rudolf Setznagl Autor: Verlag Egelseer Copyright: Verlag Egelseer Zusatzinfo: Fotografie

Cover des Buches „Die Stadt ohne Juden“ von Hugo Bettauer,1922

Das abgebildete Cover zeigt jenes der ersten Auflagen des Buches und bringt noch deutlich den Bezug zu Wien zum Ausdruck.
Datierung: 1922 Quelle: Sammlung Werner Sulzgruber Autor: Gloriette-Verlag, Wien Zusatzinfo: Scan des Originals