Thema: FOLLOW THE CODES!

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Jüdisches Leben in Wiener Neustadt und danach
Ein neuer Stadtspaziergang durch das jüdische Wiener Neustadt ‒ mit einem Blick in die weite Welt

Anlässlich des NÖ Viertelfestivals 2019 wurde eine neue Stadt-Tour angelegt, die über eine Reihe von QR-Code-Stationen verfügt. Ziel dieser besonderen Tour ist es, dass Interessierte von Station zu Station gehen können, um dort mittels eines QR-Code-Readers (Gratis-Download: https://play.google.com/store/apps/details?id=tw.mobileapp.qrcode.banner&hl=de) den jeweils vor Ort bereit gestellten QR-Code abzuscannen und auf diese Weise Informationen und Bilder abzurufen.

Am 22. Juni finden um 10.00 und um 15.00 Uhr Stadtspaziergänge (in einer Dauer von ca. 100 Minuten) mit dem Historiker Dr. Werner Sulzgruber statt. Start ist in der Elazar-Benyoëtz-Gasse (bei der Kapuziner-Kirche in der Bahngasse). Die Touren sind kostenlos und ohne Anmeldung. Nur an diesem Tag kann die Tour auch unabhängig und ohne Führung gemacht werden, indem Sie selbstständig von Station zu Station spazieren. Die QR-Codes stehen für Sie in der Innenstadt 12 Stunden bereit. Beachten Sie, dass Sie zwar historische Fotografien, weitere Quellenmaterialien und einige zentrale Informationen online abrufen können, die ausführlichen Informationen gibt es allerdings bei den beiden geführten Touren. Also: Einfach kommen und die „Reise in die Vergangenheit“ genießen.

In den Gruppen-Touren wird eine bestimmte Route gewählt, die aufgrund der sommerlichen Temperaturen durch den schattigen Stadtpark führt (auch der Weg über die Bahn- oder Bräuhausgasse wäre möglich), über die Neunkirchner Straße zur Abzweigung zur MilAk (aufgrund des Verkehrslärms nicht direkt zum Burgplatz) und weiter in Richtung Zentrum, zuvor aber noch auf den Allerheiligenplatz und in die Herzog-Leopold-Straße sowie dann über den Hauptplatz in die Wiener Straße bis zum Johannes-von-Nepomuk-Platz.

Follow the Codes - Von Kunst und Gelehrsamkeit

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Elazar-Benyoëtz-Gasse Wiener Neustadt – Jerusalem: „Von Kunst und Gelehrsamkeit“ Nicht ohne Grund hat eine Verkehrsverbindung von der Bahngasse in den Stadtpark 2019 die Bezeichnung „Elazar-Benyoëtz-Gasse“ erhalten, trägt sie damit doch den Namen eines bekannten Literaturschaffenden, der 1937 in Wiener Neustadt das Licht der Welt erblickte: Paul Koppel alias Elazar Benyoëtz. Die vierköpfige Familie Koppel hatte im Sommer 1938 die Stadt verlassen müssen und gelangte 1939 nach Palästina. Paul Koppel, der seither in Israel lebt, hatte schon früh begonnen, hebräisch zu dichten. In den 1960er Jahren gründete er die Bibliographia Judaica, eine Dokumentation deutsch-jüdischer Literatur, und schrieb künftig fast ausschließlich in deutscher Sprache: Kurzprosa und Lyrik, bevorzugt Aphorismen. Als Literaturschaffender trug er fortan den Namen Elazar Benyoëtz – in bewusster Erinnerung an seine familiären Wurzeln: „Elazar“ bildet nämlich die Verbindung zu seinem Großvater, Alois Elazar Koppel, und „Ben Yoëtz“ – in der Bedeutung „Sohn des Ratgebers“ – bestätigt ihn als Sohn des (Gottlieb) Yoëtz Koppel. Für sein Schaffen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen: den Adalbert-von-Chamisso-Preis (1988), den Joseph-Breitenbach-Preis (2004), das Bundesverdienstkreuz für Verdienste um die deutsche Sprache (1997), das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (2009), das Ehrenzeichen seiner Geburtsstadt Wiener Neustadt (2009) und den Theodor-Kramer-Preis (2010) – um einige zu nennen. Schon die Titel seiner Werke weisen auf sein Spiel mit der Bedeutung der Worte hin, beispielsweise „Filigranit“ (1997), „Der Mensch besteht von Fall zu Fall“ (2002), „Finden macht das Suchen leichter“ (2003), „Scheinhellig“ (2009), „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ (2015), Beteuert & Gebilligt (2016), „Gottik“ (2019) etc. Sein Anspruch ist es, alles in einem Satz zum Ausdruck zu bringen. Auf jedes Wort kommt es an, keine „Sprachialgewalt“, sondern das „geschliffene Wort“. Aufgrund der Knappheit der Sätze gewinnt jedes einzelne Wort bei ihm eine besondere Aufmerksamkeit. Seine „Einsatzgedichte“ können Lebensweisheiten sein: „Die Zukunft erwacht in Erinnerung, darum wissen wir von ihr“, „Schalom ist einer der Namen Gottes“, „Alles hat seine Zeit“ etc. Kaum bekannt ist, dass Benyoëtz' Gattin ebenfalls als Künstlerin tätig ist, wenn auch in einem gänzlich anderen Metier. Denn für sie sind die Miniatur und die Kalligrafie die Herausforderungen. Unter dem Künstlernamen Metavel schafft René Koppel kleine Kunstwerke: beispielsweise in feinsten Linien gearbeitete Farb-Bilder und Illustrationen, bis hin zu ganzen Büchern. Die Themen entnimmt sie gerne dem Alten Testament und stellt Bezüge zu Themen des jüdischen Glaubens und Lebens her. Sie erschafft ihre Bilder konzentriert mit ruhiger Hand und mit Blick auf das kleinste Detail unter einer Lupe. Das freie Auge sieht die Elemente erst gar nicht, um die sie sich bemüht, sondern man muss schon genau darauf hingelenkt werden, wenn man die „kleinen Schätze“ (bisweilen in Handflächen-Größe) besieht. So entstanden Karten, Aquarelle, Miniatur-Bücher und vieles mehr. Ihre Werke schmücken auch Bücher ihres Ehemannes, beispielsweise am Cover. Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, wenden wir unseren Blick auch Benyoëtz' Schwester zu: Ruth (*15.07.1934). Vor ihrem Bruder wurde sie in Wiener Neustadt geboren und musste mit ihm Österreich verlassen. In Palästina fand die Familie eine neue Heimat. Ab den späten 1950er Jahren begann ihre berufliche Karriere als Angehörige der israelischen Botschaft in Brüssel und führte sie dann in die Kulturabteilung des israelischen Außenministeriums. Nach der Heirat mit dem Theater-Regisseur Etienne Debel hatte sie von 1966 bis 1970 die Leitung des Künstlerhauses in Jerusalem über. Rund 20 Jahre engagierte sie sich für die Debel-Galerie in Jerusalem und machte das Haus zu einer renommierten Einrichtung und dem Treffpunkt der Künstlerszene Jerusalems schlechthin. Über viele Jahre präsentierten namhafte Künstler aus aller Welt in der Debel-Galerie. Ruth Debel lebt heute, wie ihr Bruder und ihre Schwägerin, in Jerusalem.   Exkurs I: Der Verkehrsweg, der heute also Elazar-Benyoëtz-Gasse heißt, war einst der „Kapuzinerplatz“ und verband die Bahngasse mit der Bräuhausgasse, wo sich der Brauhof und seine Gastwirtschaft befanden. Über viele Jahre war der Platz ein Gastgarten des beliebten Café Bank (Bahngasse 17-21), fast prunkhaft mit Balustraden und Musikpavillon für die Gäste ausgebaut. Eigentümer des Café Bank war eine jüdische Familie. Exkurs II: Würde man die Elazar-Benyoëtz-Gasse verlängern, dann führe sie zu jenem Ort, an dem sich in mittelalterlicher Zeit der Friedhof der jüdischen Gemeinde der Neustadt befand: eine Gemeinde, die wegen seiner Rabbiner über die Grenzen der Stadt hinaus Bekanntheit genoss. Allen voran ist Rabbi Isserlein (Israel ben Patachia) zu nennen, dessen Werke bis heute zitiert werden. Der jüdische Friedhof lag in mittelalterlicher Zeit im Bereich des Stadtparks (von der Elazar-Benyoëtz-Gasse in Richtung Maria-Theresien-Ring gesehen).

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Follow the Codes - Bilder von Juden

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Neunkirchner Straße 38 / Fußweg zur MilAk  Wiener Neustadt ‒ Gurk: „Bilder von Juden“ In der Militärakademie sind vier kleine Glasfenster aufbewahrt (zurzeit im Traditionsraum 1 des Alten Museums – hinter den Präsentationswänden anlässlich der Landesausstellung versteckt). Sie weisen eine ungewöhnliche fast quadratische Form auf und stellen den erhaltenen Rest eines wohl größeren Bilderzyklus' dar. Wahrscheinlich wurden diese Glasfenster Ende des 14. Jahrhunderts (um 1390) in der als „Herzogswerkstatt“ bezeichneten Handwerksstätte in Wien hergestellt und wurden entweder in der Marienkapelle der Burg zu Neustadt (St.-Georgs-Kathedrale) oder in der 1379 fertig gestellten, allerdings heute nicht mehr existenten Burgkapelle Leopolds III. in der Burg eingebaut. Im Zweiten Weltkrieg wurden diese Glasfenster in das Neukloster verbracht, wohin auch der Sarg Kaiser Maximilians 1946 nach seiner Bergung aus der zerstörten Kirche kam. Während der Sarg nach der Renovierung der Akademie wieder an seinen historischen Platz – „zwischen Himmel und Erde“ – zurückkehrte, geschah dies mit den Glasfenstern nicht mehr. Sie sind heute eine Leihgabe des Stiftes Heiligenkreuz an das Museum der MilAk. Bei der Darstellung handelt es sich um das Motiv der „Tempelreinigung“ bzw. „Tempelaustreibung“, mit der die biblische Überlieferung bezeichnet ist, nach der Jesus die Geldwechsler und Handeltreibenden aus dem Tempel zu Jerusalem vertrieb. In der Überlieferung nach dem Johannesevangelium trieb Jesus die Händler und Geldwechsler mit einer Geißel aus dem Jerusalemer Tempel. Dabei stieß er nicht nur die Tische um und verschüttete das Geld der Wechsler, sondern rief: „Macht meines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus!“ (Joh. 2,16). Nach dem Markusevangelium meinte Jesus: „Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“ (Mk. 11,17) Der Jude, der violett gewandet ist und mit langem Haar und Bart dargestellt ist, trägt den in der Bildsprache des Mittelalters typischen Judenhut. Mit beiden Händen presst er einen Sack, vermutlich einen Geldsack, an seine Brust, wendet sich zur Flucht ab und blickt dennoch auf Jesus Christus zurück. Jesus, der den Juden mit seiner linken Hand anstößt bzw. wegdrückt, erhebt in seiner rechten Hand drohend eine Geißel zum Schlag. Mit dem rechten Fuß tritt er einen Tisch, auf dem Geld sowohl ausgebreitet als auch in einer Schale liegt, weg. Die Botschaft ist eindeutig: Nur ein Jude ist dargestellt, der hinausgetrieben wird. Nur dieser hält den Sack und wird zum Sinnbild des Sünders. In mittelalterlichen Darstellungen – sei es in Fresken, Reliefs oder Druckwerken – findet sich mitunter in ähnlicher Art und Weise die Realisierung der jüdischen Wechsler (nämlich mit einem Geldsack, der von jenen zugebunden in Sicherheit gebracht wird). Die Kennzeichnung mit einem Judenhut ist allerdings etwas Auffälliges und keineswegs Übliches für die künstlerische Darstellung der „Tempelreinigung“. Das Glasfenster-Motiv in der Wiener Neustädter Burg ist hierin allerdings nicht einzigartig. So stößt man im Gurker Dom (nämlich an der Südseite der Vorhalle) auf ein Fresko (um 1340), in dem sich auch die Szene der „Tempelreinigung“ finden lässt; darin sind ebenfalls Juden mit Spitzhüten dargestellt worden. Wenn Sie weitergehen, beachten Sie bitte das Haus zu Ihrer Linken, Neunkirchner Straße 34. Es wird bei der folgenden Station noch eine Rolle spielen!   Exkurs I: Mittelalterliche Darstellungen von Juden mit einem Judenhut sind in Wiener Neustadt mehrfach existent, nämlich – und das ist bemerkenswert – gleich zweimal im Wiener Neustädter Dom (Liebfrauenkirche): sowohl am Triumphbogen des Langschiffes (in der Gruppe der am Jüngsten Tag in die Hölle Getriebenen) als auch an der Nordwand über dem Chorgestühl nächst dem Seiteneingang (ebenfalls am Beginn der Personengruppe der Verdammten). Exkurs II: Selbstverständlich erhielten auch Juden an der Theresianischen Militärakademie ihre Ausbildung. Ein Beispiel ist Freiherr von Brunicki: Beim Adelsgeschlecht Brunstein, später Brunicki, handelt es sich um ein Geschlecht jüdischen Ursprungs, dessen Mitglieder das katholische und evangelische Glaubensbekenntnis annahmen. Ladislaus Brunicki (*17.02.1843, Gorojec) besuchte die Wiener Neustädter Militärakademie und wurde 1862 als Leutnant ausgemustert. Er avancierte 1874 zum Rittmeister in der k. u. k. galizischen Landwehr-Ulanen-Eskadron. 1881 trat er aus der Armee aus. Exkurs III: An der MilAk waren einige Juden als Lehrer aktiv. Unter ihnen finden sich renommierte Wissenschafter und Kunstschaffende, wie zum Beispiel der Schriftsteller Eduard Breier (*03.11.1811), der in der k. u. k. Armee als Artillerist gedient hatte, 1833 die Offiziersschule in Verona absolvierte und als vortragender Lehroffizier an der MilAk tätig war. Breier fasziniert wegen seiner extremen Produktivität, sei es als Zeitungsredakteur bzw. Herausgeber von Zeitschriften, als Schriftsteller von zirka 70 Romanen oder als Autor (natur-)wissenschaftlicher Werke. Exkurs IV: Die Übernahme der Militärakademie („Kriegsschule“) durch Erwin Rommel fiel mit dem Novemberpogrom 1938 („Reichskristallnacht“) zusammen. Wenngleich das Militär in der Beraubung und Vertreibung von Juden in Wiener Neustadt keine Rolle spielte, so kam es dennoch zu „Säuberungen“ in den Reihen der Soldaten, indem Juden und sogenannte „Mischlinge“ (nach den Nürnberger Rassengesetzen) entlassen wurden. Exkurs V: Erwähnenswert ist ein gewisser Aron Weiss, ein 1870 in Mattersdorf (später Mattersburg) geborener „Journalist“ und „Redakteur“, der in der Bahngasse (Nr. 8) und am Burgplatz (Nr. 3) wohnte. Er führte eine „Auskunftei“ bzw. eine „Annoncenexpedition“, also ein Auskunftsbüro bzw. eine Form der modernen Werbeagentur für Inserate und Bekanntmachungen (zumeist in Zeitungen).

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Follow the Codes - Greta, Herb und Heddy

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Neunkirchner Straße 19  Wiener Neustadt ‒ New York: „Greta, Herb und Heddy“ In den USA gibt es einige besondere Fotografien, die zu den sogenannten „Schlüsselbildern“ der US-Geschichte zählen. Darunter findet sich ein berühmtes Bild, das einen Matrosen zeigt, der anlässlich der Feiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs („V-J Day“) auf dem Times Square in New York eine Krankenschwester küsst. Es war der 14. August 1945, ein historischer Tag, an dem in den USA der Sieg über Japan gefeiert wurde. Hunderttausende Menschen waren auf den Straßen und gaben ihrer Freude über das Kriegsende Ausdruck. Damals entstand das Bild „V-J Day in Times Square“. In einem euphorischen Moment hatte ein Matrose eine junge Frau gepackt und geküsst. Diese Szene fing Alfred Eisenstaedt fotografisch ein, das Schwarz-Weiß-Bild wurde als Ganzseite im LIFE-Magazine abgedruckt und machte so seinen Weg über den gesamten Globus. Es steht, wie kein anderes Foto, bis heute für die unbändige, tiefe Freude in der US-amerikanischen Bevölkerung über das Ende des Krieges. Die Frage nach der Identität der beiden Personen beschäftigte bald die Medien. Insgesamt behaupteten später mindestens elf Männer der Matrose und vier Frauen die Frau in der Krankenschwestern-Kleidung gewesen zu sein. Greta Friedman entdeckte das Foto in den 1960er Jahren in einem Buch über den Fotografen Eisenstaedt und seine Bilder. Sie schrieb daraufhin an den LIFE-Verlag und erfuhr, dass eine andere Person als die Frau auf dem Bild identifiziert worden sei. Sie erkannte sich allerdings eindeutig selbst auf dem Bild und konnte dies auch glaubhaft begründen. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen in den vergangenen Jahren besteht heute kein Zweifel mehr: Greta ist die Frau auf diesem weltberühmten Bild. Die junge Frau ist die Wiener Neustädterin Margarete „Greta“ Zimmer (*05.06.1924, Wr. Neustadt), Tochter von Max und Ida Zimmer. Vater Max führte bis 1938 ein „Herrenbekleidungshaus“ in der Neunkirchner Straße 34, die Familie wohnte in einem Haus in der Gymelsdorfer Straße 30 in Wiener Neustadt. Sie war aufgrund ihres sozialen Engagements bekannt, aber auch wegen der vier Töchter: der „Zimmer-Mädel“. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, der Beraubung und der Vertreibung der jüdischen Familie aus Wiener Neustadt konnte Greta, wie auch ihre drei Schwestern, ins Exil fliehen. Die Eltern wurden zu Opfern der Shoah.  Greta gelangte in die USA und arbeitete bei einem Zahnarzt in der Lexington Avenue in New York. Zum Zeitpunkt, als dieses Foto gemacht wurde, war sie Zahnarzthelferin. Man sieht auf dem Foto also keine „Krankenschwester“, wie die abgebildete Frau angesichts der weißen Bekleidung stets fälschlich bezeichnet worden war.  1956 heiratete Greta Zimmer den Wissenschafter Dr. Mischa E. Friedman, mit dem sie drei Söhne und eine Tochter hatte. 1981 machte sie einen Abschluss in Kunst am Hood College und führte ein Studio in Frederick, Maryland, wo sie Drucke und Malereien produzierte. Sie arbeitete später auch als Buch-Restaurateurin am Hood College. Im September 2016 verstarb Greta Friedman im Alter von 92 Jahren in Richmond, Virginia. In der Neunkirchner Straße 17 wohnte die vierköpfige Familie Adolf Breuer, die 1940 in die USA einreisen durfte. Der älteste in Wiener Neustadt geborene Sohn Herbert (*24.03.1924) avancierte zu einem bekannten Fotografien in New York: vor allem waren es seine Aufnahmen für Mode-Magazine, wie „Look“, und von US-Präsidenten, wie J. F. Kennedy. „Herb“, wie ihn alle nannten, verstarb 2014. Seine Fotografien sind skandalöser Weise fast alle verschwunden oder vernichtet, wie sich erst vor Kurzem herausstellte. Heddy Abramowitz, eine Enkelin von Adolf Breuer, lebt seit 1980 in Jerusalem und ist seit vielen Jahren als freischaffende Künstlerin aktiv. Ihre Werke – Zeichnungen, Malereien und Fotografien – wurden in Ausstellungen in Israel und anderen Ländern gezeigt. Ihre jüdischen Wurzeln und das Thema Shoah prägen viele ihrer Arbeiten, unter anderem weil ihr Vater, Alexander Breuer (der Bruder von Herbert Herb Breuer), als US-amerikanischer Soldat zu den „Befreiern“ des Konzentrationslagers Buchenwald zählte und ihre Mutter Auschwitz und andere Lager überlebt hatte.   Exkurs: In der Zeit des Ersten Weltkriegs nahm in der Neunkirchner Straße 36 ‒ damals Kaiser Franz Joseph Straße ‒ eine koschere Auskocherei ihren Betrieb auf. Die Familie Gerstl führte an dieser Adresse ein Gast- und Schankgewerbe: ein koscheres Restaurant. Hier bekam man ungesäuertes Brot (Mazzes). Möglicherweise zierte ein Davidstern das Haupttor des Gebäudes, um die Nutzung durch Jüdinnen und Juden anzuzeigen.

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Follow the Codes - Alle kennen Martha

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Ecke Neunkirchner Straße / Sparkassengasse „Alle kennen Martha“ Wer kannte sie nicht? „Martha“ hieß nicht nur das Spezialgeschäft für Wolle, Garne und Handarbeiten in der Neunkirchner Straße 1-3, sondern auch die jüngste Tochter der Eigentümerin: Martha. Sie war am 3. Dezember 1904 in Wiener Neustadt – als Tochter von Heinrich und Mathilde Kohn – geboren worden. Offensichtlich durchlebte sie eine schwierige familiäre Entwicklung, da ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war, und alles fortan an der Mutter lag, die sieben Kinder durchbringen musste. Außerdem verlor Martha zwei ihrer sechs Geschwister (ihre älteren Schwestern Elsa und Herta). Martha war anfangs Angestellte im Geschäft ihrer Mutter, das nahe dem Hauptplatz bzw. gegenüber dem Rathaus lag. In den 1930er Jahren führte sie das kleine Spezialgeschäft. Bei „Martha“ erhielt man nicht nur verschiedene Sorten von Wolle und Garnen für das Stricken und Häkeln, sondern auch Muster. Diverse Schnitte und Anleitungen bekamen Kunden gratis dazu. Weiters gab es eine „Vordruckerei“, das heißt, auf Papier wurden unterschiedliche Muster sofort gedruckt, anhand derer die Handarbeiterinnen dann ihre Textilien verzieren, also besticken konnten. Zusätzlich wurden Ajourieren (Besticken in einer besonderen Stich-Technik), Endeln (Stoffrand einfassen) und Tamburieren (mit Tamburier-/Ketten-Stichen sticken) sowie Stickereiarbeiten mit maschineller Unterstützung angeboten. Auch unter den Leinen- und Wäschehändlern wurde der Betrieb in den Adressenbüchern der Stadt geführt. Schülerinnen der Mädchenhauptschule, die sich in der um die Ecke liegenden Schulgasse befand, kauften bei „Martha“ gerne ihre Utensilien für den Handarbeitsunterricht und auch für private Bedürfnisse ein. Viele Zeitzeuginnen erinnern sich, dass sie als Schülerinnen und nach ihrer Schulzeit in das Wollgeschäft in der Neunkirchner Straße gingen. Aber dass Martha Jüdin war, das war den meisten Zeitzeuginnen gar nicht bewusst. Sofort nach dem „Anschluss“ 1938 wurde das Geschäft als „Judengeschäft“ gekennzeichnet. Es ist dazu zum Beispiel eine für Wiener Neustadt äußerst seltene Fotografie erhalten, nämlich aus den Tagen des März 1938, worauf die Kennzeichnung deutlich zu sehen ist. Zeitgleich wurden andere Betriebe wiederum klar als „Deutsches Geschäft“ gekennzeichnet, wie die gleich benachbarte Parfümerie Neumann und das zum Hauptplatz hin folgende Geschäft für Reiserequisiten Horatschek (beide Neunkirchner Straße 1). Denn die Bevölkerung sollte abgehalten werden, Handels- und Gewerbebetriebe von Jüdinnen und Juden aufzusuchen; Juden sollten möglichst rasch aus der „deutschen Wirtschaft verdrängt“ werden.  Eine absolute Besonderheit ist, dass die kommissarische Verwaltung des Martha'schen Betriebs von einer Frau durchgeführt wurde. Dies ist in Wiener Neustadt nur zweimal nachweislich der Fall gewesen. Marthas damals über 70-jährige Mutter, Mathilde Kohn, wurde am 10. September 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Martha hatte 1931 römisch-katholisch geheiratet und lebte gewissermaßen geschützt durch ihren „arischen“ Ehemann Ferdinand Weißbrich in der Stadt. Im Zweiten Weltkrieg war es ihr aber als Jüdin untersagt, während der massiven Bombardierungen der Stadt ab 1943 einen Luftschutzraum aufzusuchen. Sie überlebte, während alle Angehörigen ihrer Familie in der Shoah umgebracht wurden. Erst 1947 bestand zum Beispiel für sie Gewissheit über das Schicksal ihrer Mutter: Jene wurde 1947 für tot erklärt.   Exkurs: Das Wiener Neustädter „Zentral“-Kino in der Brodtischgasse 3 befand sich bis 1938 in Besitz der jüdischen Brüder Bruchsteiner. 1924, als der Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ gezeigt wurde, hatten sich hier tumultartige Szenen und antisemitische Kundgebungen abgespielt – übrigens nur in Wien und Wiener Neustadt. Das Kino wurde im März 1938 schlagartig von Nationalsozialisten übernommen und strahlte umgehend Filme im Sinne der NS-Propaganda aus. Die Gebrüder Bruchsteiner überlebten die Shoah. 

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Follow the Codes - Schlummernde Geheimnisse

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Allerheiligenplatz „Schlummernde Geheimnisse“ Der Allerheiligenplatz bildete einst das Zentrum des mittelalterlichen Judenviertels der Neustadt. Im Gegensatz zu heute gab hier keinen offenen Platz (und daher auch keinen „Judenplatz“ – dieser war in der Judengasse gewesen), sondern das Areal war dicht verbaut. Das Zentrum des Judenviertels war es deshalb, weil die mittelalterliche Synagoge hier stand (Allerheiligenplatz 1), genau dort, wo sich heute das Café Witetschka befindet. Obgleich sich das Viertel in der Zeit seiner größten Ausdehnung vom Hauptplatz bis fast zur westlichen Stadtmauer zog und nördlich von der Herrengasse und südlich von der Lange Gasse begrenzt war, fanden sich die wichtigen Einrichtung der jüdischen Gemeinde im Bereich der Judenschulgasse: die Synagoge („judenschul“), ihr gegenüberliegend ein Spital, eine Mikwa (Tauchbad) und eine Fleischbank. 2014 stieß man im Rahmen der Sanierung des Allerheiligenplatzes auf einen mittelalterlichen Brunnen und den Rest einer Mauer, möglicherweise Überbleibsel eines „Brunnenhauses“. Dieser Fund war der Anlass dafür, erstmals die Bausubstanz des gesamten Areals näher wissenschaftlich zu untersuchen („Allerheiligenplatz-Initiative“), indem unter anderem alle Höfe und Keller des Platzes und der angrenzenden Allerheiligengasse begangen wurden, um etwaige mittelalterliche Mauerreste zu finden. Das Ergebnis überraschte, denn zum einen wurden einzelne Behauptungen (im Keller Allerheiligenplatz 1 wären noch Reste des Synagogenfundaments vorhanden) widerlegt und zum anderen stieß man am Allerheiligenplatz 3 auf einen massiv abgedeckten „Brunnen“. Es könnte sich um die gesuchte Mikwa handeln, die sich in mittelalterlicher Zeit in diesem Bereich befunden hat. Das ist aber durch eine weitere Untersuchung zu prüfen, bei welcher der „Brunnen“ geöffnet und das Schuttmaterial (mit dem man ihn aufgefüllt hatte) entfernt werden muss, um zu sehen, ob er eine solche Funktion gehabt haben könnte. Das Beispiel der Mikwa von Ödenburg (Sopron) zeigt, dass solche Mikwaot auch brunnenartig angelegt waren. Steht uns also ein sensationeller Fund bevor? Wie wir beispielsweise zuletzt auch im Rahmen der Ausgrabungen im Stadtpark-Gebiet sehen konnten, schlummern so manche Geheimnisse unter der Erdoberfläche Wiener Neustadts. Unter der Allerheiligengasse verläuft ein Rinnsal, ausgelegt mit mittelalterlichem Steingut. Es könnte ein Rest eines Kehrbach-Armes sein. Der Kehrbach wurde von der Schwarza abgeleitet („abgekehrt“) und mittels Holzrinnen über den Stadtgraben in die Stadt geführt. So floss er über die Lederergasse (wohl schon verunreinigt durch die Gerbereien und die dort eingesetzten Giftstoffe) und verlief dann entlang der heutigen Allerheiligengasse, wo die jüdische Fleischbank lag, auf den Pfarrplatz. Die Adresse Allerheiligenplatz 1 ist für Wiener Neustadt ein einzigartiger Ort hinsichtlich der im Laufe der Zeit in der Stadt lebenden Glaubensgemeinschaften: Nachdem sich hier bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die Synagoge befunden hatte, wurde die Fläche zum Standort einer christlichen Kirche (die dem Platz seinen Namen gab: Allerheiligenkirche und -platz). Von 1837 bis 1911 hatte hier die evangelische Gemeinde ihr Bethaus.

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Follow the Codes - Medizin trifft Krieg

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Herzog-Leopold-Straße 7 und 11 Wiener Neustadt ‒ China: „Medizin trifft Krieg“ Die Adresse Herzog-Leopold-Straße 7 war ein Wohn- und Geschäftsort für einige Juden, denn hier befand sich zum Beispiel der Handelsbetrieb des Schuhfabrikinhabers Adolf Ehrenhaft und die Praxis der Zahnärztin Dr.in Sabine Rosenfeld. Ihr Bruder Jakob (*11.01.1903) ging in besonderer Weise in die Geschichte ein, als sein Leben eine Wende vollzog: Die Familie Rosenfeld lebte ab 1910 in Wöllersdorf bei Wiener Neustadt; Vater Michael engagierte sich Mitte der 1930er Jahre in der Israelitischen Kultusgemeinde Wiener Neustadt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er viel in die Ausbildung seiner Kinder investiert: Nachdem Sohn Jakob das Staatsgymnasium in Wiener Neustadt absolviert hatte, studierte er in Wien Medizin und war kurzzeitig in den 1930er Jahren in der Herzog-Leopold-Straße 7, dann in Wien als Urologe und Gynäkologe tätig. Nach seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau und Buchenwald gelang es ihm, nach Shanghai zu entkommen, wo er alsbald in die Volksarmee eintrat und 1942 der Kommunistischen Partei Chinas beitrat. Er verschaffte sich aufgrund seiner medizinischen Leistungen und mit seinem Einsatz den größten Respekt. Seine Heilkünste wurden zum Mythos und er erhielt Namen wie „Tigerbalsamdoktor“ oder „Retter der Mütter“. Zweifellos waren seine exzellenten Kenntnisse der Medizin, die er an der Wiener Schule gelernt hatte, der Grund für die große Anerkennung. Dieses westliche Wissen war im China der 1930/40er Jahre neu. 1945 übernahm er die Leitung des Gesundheitswesens der sogenannten „Ersten Armee“ und avancierte zum (Brigade-)General der Roten Armee. Nach der Gründung der Volksrepublik China (1949) kehrte Rosenfeld 1949 nach Österreich zurück. Seinen Lebensabend verbrachte er in Israel und starb am 22. April 1952. Im Westen wurde Dr. Jakob Rosenfeld durch die umfassenden Forschungen von Dr. Gerd Kaminski bekannt. In Österreich erinnern nicht nur der Rosenfeld-Gedenkstein in Wöllersdorf und der Jakob-Rosenfeld-Park in Wien an Dr. Jakob Rosenfeld, sondern auch eine Gedenktafel beim Unfallkrankenhaus Graz. In China verweist der Name des Rosenfeldspitals in Junan in der Provinz Shandong (Ostchina) an ihn, und Statuen, wie jene in Junan (1992) und zuletzt im „The Shanghai Jewish Refugee Museum“ (2016) stellen bekannte Denkmäler von Dr. Rosenfeld dar.   Exkurs: Die Firma Kerö, Herzog-Leopold-Straße 11, war in den 1930er Jahren in Wiener Neustadt sehr präsent, weil der Eigentümer Ludwig Kerö nicht nur große Inserate in lokalen Zeitungen und Adressenbüchern schaltete, sondern zum Beispiel auch beim Bahnhof eine riesige Werbetafel hatte und große Werbebilder die Hausfassade in der Herzog-Leopold-Straße (über dem Geschäft) zierten. Daher war vielen Menschen der Name Kerö nicht unbekannt.  Ludwig Kerö hatte mit dem „Anschluss“ 1938 alle Mittel verloren und versuchte im Mai 1938 mit seiner Tochter nach Australien auszuwandern. Doch er wurde inhaftiert, während seine Tochter in Wien bleiben konnte. Am 18. Februar 1939 soll Ludwig Kerö, laut Auskunft der Gestapo Wiener Neustadt, Selbstmord verübt haben. Die damals 21-jährige Tochter Helga schaffte es, nach Australien zu gelangen, wo sie 1996 verstarb.

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Follow the Codes - Weiss-heiten

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Hauptplatz (nahe Nr. 12, nördlich des Grätzels) Wiener Neustadt ‒ USA & Israel: „Weiss-heiten“ Dr. Heinrich Hillel Weiss war als Oberrabbiner eine anerkannte Persönlichkeit in Wiener Neustadt, der über die Aufgaben des Rabbiners für die Israelitische Kultusgemeinde Wiener Neustadt und Neunkirchen hinaus auch den Religionsunterricht an einzelnen Schulen sowie die Funktion eines Landesschulinspektors für den israelitischen Religionsunterricht in Niederösterreich wahrnahm. Er galt als Wunderkind, besuchte die orthodoxe Jeschiwa (Talmudhochschule) in Pressburg und legte das Rabbinerexamen ab. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat in der k. u. k. Armee, wurde verwundet und ausgezeichnet. Als Feldrabbiner übernahm er eine wichtige Rolle in der religiösen Betreuung der jüdischen Soldaten an der Ostfront. Hier schien er einmal Gottes Schutz gehabt zu haben, als unmittelbar nach einem von ihm gehaltenen Feldgottesdienst genau an der Stelle, wo sich alle zum Gebet versammelt hatten, feindliche Granaten einschlugen, jedoch niemand getötet oder verwundet wurde. 1921 heiratete er die Tochter des berühmten Hofmalers David Kohn, Julie. Mit ihr ging er 1924 nach Wiener Neustadt, wo er als Rabbiner angestellt worden war und im Jänner 1925 die offizielle Amtseinführung gefeiert wurde. Denn über viele Jahre hatte man in Wiener Neustadt gehofft, für die wachsende Gemeinde – die am Beginn der 1920er Jahre in Niederösterreich die zweitgrößte nach Baden gewesen war – dauerhaft eine Rabbiner-Persönlichkeit zu finden, was nun erfüllt war. Weiss führte außerdem die Matriken, wobei sich das Matrikenamt in seiner Privatwohnung am Hauptplatz 11 befand. Seine Ära als Oberrabbiner dauerte bis 1938.  Noch bis zum Sommer 1938 – in einer Phase der Entrechtung, Beraubung und Vertreibung – versuchte er alles in seiner Macht Stehende, um den Jüdinnen und Juden Hilfe zu leisten, bis er, seine Frau und die beiden Kinder Walter (*1927) und Frieda (*1930) das Land verlassen mussten und in die USA emigrieren konnten. Ungewöhnlich erscheint ein Schreiben von Oberrabbiner Weiss 1947 an den „Ariseur“ seines Eigentums, worin er jenen als „anständigen Menschen“ bezeichnet und ihn von den „Schandbuben und Mördern, welche so viel Elend und Leid über unsere so geliebte einstige Heimat gebracht“ haben, klar unterscheidet. Es ist eines der wenigen Beispiele für Übernahmen jüdischen Hab und Guts im Einvernehmen mit dem „arischen“ Käufer. Weiss strebte nach 1945 auch keine „Rückstellung“ durch ein Gerichtsverfahren an. Dr. Heinrich Weiss hatte in den USA seine Aufgaben als Rabbiner weiterführen können, mehr noch, er erreichte eine hohe leitenden Funktion, als er die „Dukla Mogen Avraham Synagoge“ in New York und die „Rabbi Jacob Joseph School“, die älteste Talmudhochschule in den USA, übernahm. Ein Entschluss mit „Weiss-heit“ war es zweifellos, als sich Dr. Weiss über die damals in den USA bestehende Rassentrennung hinwegsetzte und in den 1940er Jahren auch schwarze Studenten in seiner Jeschiwa aufnahm und unterrichtete. Ausgrenzung kam für ihn als vertriebenen Juden nicht in Frage. Auch für seinen Sohn Walter, später David Weiss, zählte das Verbindende, und ihm sollte in den 1990er Jahren eine besondere Rolle zukommen: Er hatte nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin Verbindung zu einigen Shoah-Überlebenden in den USA und Israel. Als sich in den 1990er Jahren dann eine lokale Freikirche, die Ichthys-Gemeinde, auf die Suche nach Überlebenden und Nachkommen von Jüdinnen und Juden aus Wiener Neustadt machte, war er es, der mithalf, dass in der Folge viele Shoah-Überlebende Wiener Neustadt besuchten. So wurde die sogenannte „Woche der Begegnung“ 1995 ein Akt der Versöhnung und zum Beginn der Aufarbeitung der jüdischen Zeitgeschichte. Erstmals war es 1995 gelungen, dass jüdischen Zeitzeugen/innen an Schulen in Wiener Neustadt gingen, um dort über ihr Schicksal zu berichten und jungen Menschen zu erzählen, was sich in Wiener Neustadt vor und nach 1938 abgespielt hatte. Etwas Außergewöhnliches für diese Zeit war der Besuch einer Schulklasse (des BRG Gröhrmühlgasse) in Israel und ein Gegenbesuch von israelischen Schülern/innen – ein frühes Zeichen der Verständigung auf der Ebene von schulischen Bildungseinrichtungen. David Weiss hielt seine Erfahrungen in seinem biografischen Buch „Reluctant Return: A Survivor's Journey to an Austrian Town“ („Widerstrebende Rückkehr: Die Reise eines Überlebenden in eine österreichische Stadt“) 1999 fest. Er ist aufgrund seiner Interviews zu einem wichtigen Zeitzeugen in der Vermittlung des Themas an Bildungseinrichtungen geworden.

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Follow the Codes - ab- und zugewandt

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Hauptplatz (Mariensäule) „ab- und zugewandt“ Der Rechtsanwalt Dr. Leopold Bauer (Kanzlei Ungargasse 2) war der letzte Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wiener Neustadt, er hatte sein Amt noch im Oktober 1938 übernommen, ohne ahnen zu können, was sich im darauffolgenden Monat und in der Folge ereignen könnte. Mit bestem Gewissen und unter großem Zeitaufwand versuchte er den Jüdinnen und Juden der IKG zu helfen, auch noch in jener Zeit, als die Familie selbst in Wien Unterschlupf hatte suchen müssen. Bauers älteste Tochter Irma war schon vor der „Reichskristallnacht“ außer Landes gekommen und hatte gesund Palästina erreicht. Ihr Kontakt zur Familie brach ab. Wie jene später erfahren sollte, waren Vater Leopold, Mutter Emma, ihr jüngerer Bruder Ernst und ihre jüngere Schwester Susanne 1942 von Wien nach Włodawa deportiert und in Sobibor ermordet worden. Sie verarbeitete ihr Trauma des Verlusts von Eltern und Geschwistern unter anderem dadurch, nicht mehr an die deutsche Sprache erinnert werden zu wollen und selbst nicht mehr deutsch zu sprechen. „Verstoßen von Österreich“, sah es Irma als sinnvoll an, ihre Kinder nur „hebräisch zu erziehen“. Sie wollte nie mehr einen Fuß auf österreichischen Boden setzen. Diese Form des Abwendens und Hintersichlassens war eine Form der Verarbeitung bei vielen Shoah-Überlebenden und Hinterbliebenen. Im jungen Israel gab es zahlreiche Probleme des täglichen Lebens, auf die sich die Aufmerksamkeit richtete; „für ein Zurückschauen gab es keine Zeit“. Irma erzählte ihren Kindern nichts über ihre Vergangenheit.  Erst in den späten 1980ern kam sie einmal mit ihrem Mann nach Wiener Neustadt und an die Orte ihrer Kindheit ‒ eine für sie höchst schmerzliche Erfahrung. 1995 kam es durch eine Einladung zur „Woche der Begegnung“ [vgl. Station 7] in Wiener Neustadt zu ihrer „Umwandlung“, wie sie selbst meinte. Hatte sie sich bislang aus verständlichen Gründen abgewandt, wandte sie sich nun im Alter wieder ihrer Geschichte zu, mehr noch, sie wollte alles erzählen. Ihre Veränderung bewirkte auch innerhalb ihrer Familie eine Änderung und Prägung: Irmas Sohn David schlug einen außergewöhnlichen beruflichen Weg ein, denn er widmete sich fortan den Themen der Shoah, ihren Folgen, der kontroversen Sicht von Juden und Arabern auf die Geschichte „ihres“ Landes, der Völkerverständigung und der Erinnerungsarbeit. Seit inzwischen fast 20 Jahren arbeitet er im „Center for Humanistic Education“ am „Ghetto Fighters‘ House Museum“ in Israel und gestaltet Seminare für Pädagogen/innen aus aller Welt. Seine Mutter Irma stellte sich bis zu ihrem Tod als Shoah-Überlebende und Zeitzeugin in den Dienst der Sache und setzte sich letztlich dafür ein, dass entsprechende Kenntnisse über die Vergangenheit bestehen und vermittelt werden. Am Hauptplatz 22 befand sich das Gemischtwarenhandelsgeschäft „Koppel & Stenzel“. Die Familie Koppel war eine jüdische Großfamilie orthodoxer Prägung. Ein Familienmitglied, nämlich Carmen (*1915, Wr. Neustadt), Tochter von Emil und Frieda Koppel, überlebte die Shoah nur deshalb, weil sie dem Fabrikanten Oskar Schindler begegnete. Schindler wählte sie im Oktober 1944 im KZ Plaszow als jüdische Zwangsarbeiterin für seine Emailwaren-Fabrik aus und machte sie zu einer seiner Sekretärinnen. Carmen (verwitwete Weitmann) schrieb „Schindlers Liste“, also jene Namensliste von rund 1.200 Jüdinnen und Juden, die Schindler vor dem sicheren Tod rettete. Das Thema bzw. das Handeln Schindlers wurde von Steven Spielberg verfilmt: „Schindler’s List“ (1993).

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Follow the Codes - Blum-reiche Familienverhältnisse

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Ecke Wiener Straße / Rosengasse Wiener Neustadt ‒ Region: „Blum-reiche Familienverhältnisse“ Die Familie Blum war eine Großfamilie mit zahlreichen Kindern und Kindeskindern. So verwundert es nicht, dass sich einzelne Familienmitglieder in diversen Funktionen (in der IKG) und im Wirtschaftsleben der Stadt Wiener Neustadt finden. Bei den Blums handelte es sich um eine orthodoxe Familie aus Westungarn, die in die Region und die Stadt Wiener Neustadt kam, um hier durch den Gemischtwarenhandel Einkommen zu erwirtschaften. Jener Teil der Familie, der in Krumbach in der Buckligen Welt (im südlichen Niederösterreich) sesshaft geworden war, errichtete sogar eine private Synagoge, um den Geboten folgen zu können. In Wiener Neustadt schlossen sich Familienmitglieder zusammen und gründeten in den frühen 1920er Jahren einen Handelsbetrieb in der Wiener Straße 22: „Blum & Jaul“. Es waren dies Jakob Blum (Ehemann von Rosa Jaul), Fritz Jaul und Moritz Jaul – Letztere Ehemänner von Schwestern Jakob Blums. Ein solcher Zusammenschluss bot zweifellos eine bessere Grundlage, um einen Betrieb durch die wirtschaftlich keinesfalls einfachen 1920er und 1930er Jahre zu führen. Mit der Firma „Blum & Jaul“ gelang dies. Gute Gründe dafür waren wahrscheinlich die weiten Handelsverbindungen der Firma und dass die drei Geschäftspartner als Zwischenhändler viele andere jüdische Händler in der Region mit Waren belieferten. Im Fokus standen Lebensmittel und Kolonialwaren, außerdem wurde mit Haushaltswaren gehandelt. Das Geschäft in der Wiener Straße, ein zirka 9,5 Meter breites Geschäftsgebäude, bot mit den angeschlossenen Lagerräumlichkeiten genügend Fläche. Mit einem LKW wurden die Einkäufe getätigt und die Lieferungen bis ins Südburgenland und südlichste Niederösterreich durchgeführt. In der Wiener Straße gab es eine ganze Reihe von jüdischen Geschäften. In unmittelbarer Nähe zur Firma „Blum & Jaul“ waren dies das „Mode-Kleiderhaus Posthof“ von Alfred Grünhut (Nr. 17), das „Schuhhaus Brod“ von Dipl.-Ing. Josef und Irma Brod (Nr. 17) und die Parfümerie von Josef Fruchter (Nr. 26). Gleich um die Ecke in der Rosengasse gab es den Kaufmann Karl Breuer mit chemisch-technischen Produkten (Rosengasse Nr. 3) und in der Domgasse den Kleiderhandel von Wilhelm Schischa (Nr. 3). Auch jüdische Rechtsanwälte hatten hier ihre Kanzleien, wie beispielsweise Dr. jur. Fritz Aufricht (Domgasse 2) und Dr. jur. Sigmund Reichard (Wiener Straße 20). Ein solch gut funktionierender Betrieb wie die Firma „Blum & Jaul“ weckte im März 1938 schnell das Interesse von Mitgliedern der NSDAP an einer Übernahme, die auch prompt Mitte März 1938 stattfand. Der „Generalabwickler“ von Wiener Neustadt, Ing. Fritz Helmling, hatte wie auch bei anderen jüdischen Betrieben im Verfahren der „Arisierung“ seine Finger im Spiel. Jakob Blum und seine Familie konnten entkommen und gelangten bis vor die Küste Palästinas – auf der bekannten „Patria“. Sie zählten aber nicht zu den Glücklichen, die von der britischen Mandatsregierung aufgenommen wurden, sondern zu jenen, die man dazu zwang, Schiffe nach Mauritius zu besteigen, wo sie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs interniert waren. Sie waren nicht die einzigen Wiener Neustädter, denn auch Mitglieder der Familien Boskowitz, Jaul und Winkler hielt man auf Mauritius fest. 

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Follow the Codes - Ort des Gebets, der Haft und der Erinnerung

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Johannes-von-Nepomuk-Platz (beim Eingang St. Peter/Sperr) Wiener Neustadt ‒ Europa & Jerusalem: „Ort des Gebets, der Haft und der Erinnerung“ Nach der erlaubten Wiederansiedlung Mitte des 19. Jahrhunderts war die 1902 am Baumkirchnerring 4 errichtete Synagoge nicht die erste von Wiener Neustadt. Sie stellte das Ergebnis eines intensiven Zusammenwirkens vieler Jüdinnen und Juden im Wunsch nach einem großen Gotteshaus dar. Denn es war über Jahre zu einer Spendensammlung im In- und Ausland gekommen, Fachleute wie der Architekt Wilhelm Stiassny hatten unentgeltliche Arbeit geleistet und der Bau selbst wurde innerhalb von nur wenigen Monaten realisiert. Von großem symbolischen Wert war der Schlussstein, der aus Jerusalem nach Wiener Neustadt gebracht worden war und eine Verbindung in die „heilige Stadt“ herstellte. Über einem riesigen Rundfenster, das im Inneren als Davidstern ausgeführt war, stand in großen hebräischen Buchstaben zu lesen: „Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.“ (Jesaja 56,7). Übrigens versteckte sich ein Zahlencode – mit der Kennzeichnung bestimmter Buchstaben (die einen Zahlenwert haben) – in der Inschrift, wie erst 2013 herausgefunden wurde: 5662 nach dem jüdischen Kalender für das Jahr der Einweihung 1902. Die Synagoge wies eine ungewöhnliche Ausrichtung auf, denn sie war nicht wie üblich nach Osten, also symbolisch nach Jerusalem, orientiert. Dies hatte wahrscheinlich mit den Platzverhältnissen vor Ort zu tun, weil man ein größeres Gebäude nur zielführend in einer Linie Nord-Süd platzieren konnte, ohne das östliche Bethaus (das ebenfalls nach Norden ausgerichtet war) abreißen zu müssen. Die Synagoge bildete nunmehr das Zentrum des religiösen Lebens für die Jüdinnen und Juden der Stadt, mit Ausnahme der kleinen, streng orthodoxen Koppel-Gemeindemitglieder, die sich in einem Bethaus im Zehnerviertel zusammenfanden. 1938 wurde die Synagoge übernommen und sollte zu einem SS-Heim umgestaltet werden, was aber nie geschah. Da sie von der nationalsozialistischen Stadtführung in Besitz genommen war, wurde sie auch beim Novemberpogrom nicht in Brand gesteckt – wie übrigens viele andere Synagogen Niederösterreichs. Aber die Synagoge und das Bethaus wurden zu einem Sammellager, wo man Frauen und Kinder inhaftierte, während die Männer in das städtische Gefangenenhaus gebracht wurden. Auch Jüdinnen und Juden aus der Region, zum Beispiel aus Hochwolkersdorf, transportierte man in das Sammellager, das eines von mehreren war. Jetzt wurde das „Haus des Gebets für alle Völker“ zu einer „Räuberhöhle“ gemacht („Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker. Ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!“, Lukas 19,45-46). Denn im Lager beraubte man die Menschen ihrer letzten Habseligkeiten, bis zum Ehering, und zwang sie Verträge zu unterschreiben, mit denen sie ihr Eigentum verkauften oder verschenkten. In der Erinnerung von jüdischen Zeitzeugen/innen ist die Synagoge ein Ort schmerzlicher Erfahrungen, denn es sind jene des November 1938, die sich eingebrannt haben. Mit den Zerstörungen während der „Reichskristallnacht“ gerieten auch die Matriken und zahlreiche wertvolle Objekte in Verlust. 2016 kam es beim Öffnen einer Eisentruhe aus dem Depot des Stadtmuseums von Wiener Neustadt zu einem überraschenden Fund. Es tauchte eine Thora-Krone auf. Der ehemalige Standort der Synagoge am Baumkirchnerring 4 ist ein wichtiger Erinnerungsort in Bezug auf die große und bedeutende jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt. Dementsprechend wurden hier auch Gedenkveranstaltungen abgehalten, wobei die 2013 durchgeführte Veranstaltung wohl zu den erinnerungswürdigsten zählt. Erstmals wurde damals in Wiener Neustadt ein Gebäude mit Hilfe einer Licht-Projektion sichtbar gemacht: in Farbe, am historischen Standort, in Originalgröße. Auf diese Weise konnte die Synagoge in ihrer Dimension „vor Augen geführt“ werden ‒ und zugleich wohl auch der besondere Verlust verdeutlicht werden.

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