Thema: Erweiterter Stadtspaziergang 1938-1945

Entscheiden Sie sich für den "erweiterten Stadtspaziergang", dann verlassen Sie die Innenstadt in Richtung Norden, wo Sie der vorgegebenen Route zu Fuß, aber auch mit dem Fahrrad folgen können. Vom Freiheitspark in der Wiener Straße geht es für Sie auf das Areal des städtischen Friedhofs, weiter zum jüdischen Friedhof und schließlich in die Stadionstraße und die Pottendorfer Straße. Überall gibt es Interessantes zu entdecken.

Altes Rathaus & „Anschluss“ 1938

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Rathaus – Hauptplatz 1 Der „Anschluss“ im März 1938 Am 11. März 1938 kam es zum so genannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, also der widerrechtlichen Eingliederung des 1918 ausgerufenen Republik Österreich und des seit 1933/34 bestehenden austrofaschistischen „Ständestaates“. Am Freitagabend 11. März 1938 verkündete der damalige österreichische Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg in einer Radio-Ansprache, dass der Bundespräsident und die österreichische Regierung „der Gewalt weichen“ werden und das österreichische Militär den Befehl erhalten habe, sich „ohne Widerstand“ zurückzuziehen. Dieser Maßnahme war zum einen ein starker außenpolitischer Druck Deutschlands auf Österreich vorausgegangen, und zum anderen hatten Adolf Hitler und Hermann Göring den militärischen Einmarsch angedroht. Sofort nach der Abdankung des Bundeskanzlers erfolgte eine schneller und gewaltsamer Machtwechsel in Österreich. In Wiener Neustadt wurde der Rücktritt Schuschniggs nicht nur über den Rundfunk am Abend des 11. März 1938 kurz vor 20.00 Uhr empfangen, sondern er wurde außerdem von einem Mitglied der Sturmabteilung (SA) auf dem Balkon des Rathauses verkündet. Auf dem Hauptplatz hatten sich hunderte Menschen versammelt und warteten auf Informationen über die politischen Entwicklungen. In Wiener Neustadt lief in der Folge die Machtübernahme relativ schnell ab, nachdem sich schon unmittelbar nach der Abdankungsrede NSDAP-Funktionäre, wie Dr. Edmund Scheidtenberger (der spätere Oberbürgermeister), Ing. Ferdinand Ulz (Beauftragten der NSDAP und Kreisleiter) sowie und Karl Becker (Vizebürgermeister und Führer der SA-Standarte Wiener Neustadt), auf dem Rathausbalkon der Öffentlichkeit präsentierten. Die Nationalsozialisten übernahmen über Nacht wichtige Verwaltungs- und Regierungseinrichtungen, darunter das Post- und Telegraphenamt. Man verhaftet „für Österreich tätige Personen in führender Stellung“, zum Beispiel den ehemaligen Bürgermeister Hans Zach, und transportierte jene in das Kreisgericht oder das „Anhaltelager“ Wöllersdorf. Außerdem nahm man bekannte Juden und Kommunisten in Haft. Als Symbol für die veränderten Machtverhältnisse befestigten Nationalsozialisten auf dem Balkon des Rathauses ein Transparent mit der Aufschrift „Unserem Führer allzeit getreu!“. Am Sonntagnachmittag des 13. März 1938 wurden die einmarschierenden deutschen Truppenkontingente auf dem Wiener Neustädter Hauptplatz stürmisch von Teilen der Bevölkerung begrüßt. Flugzeuge waren an diesem Tag – im Rahmen eines militärischen Einmarsches eigentlich relativ spät – auf dem Wiener Neustädter Flugfeld gelandet und hatten als Erste unter anderem Angehörige der Wehrmacht und der Polizei in die Stadt gebracht.   Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber, Die sterbende Stadt. Vom Leben in Wiener Neustadt 1933 bis 1938. Wirtschaftslage – Sozialpolitik – Alltagsbilder, Wiener Neustadt 2006.  

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Bombengedenksäule

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Bombengedenksäule – Hauptplatz 3 Zur Erinnerung an zehntausende Bomben Unter einem Laubenbogen am Hauptplatz 1 befindet sich eine Säule, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dort aufgestellt worden ist: die „Bombengedenksäule“: 1946 ließ der damalige Bürgermeister, Rudolf Wehrl, diese Säule errichten. Sie soll zum einen an die rund 52.000 Bomben erinnern, die in 29 Luftangriffen von den Alliierten auf die Steinfeldstadt abgeworfen worden waren und nicht nur zahlreiche Gebäude zerstörten, sondern auch hunderten Menschen das Leben kostete. Dem Betrachter erschließt sich nicht, dass das Eisengitter und der Sockel von zerstörten Gebäuden des Stadt stammen, aber eben dies macht die besondere Verbindung zwischen den Einwirkungen des Krieges und dieser Säule aus. Zum anderen weist der Baumstamm auf die Mariensäule hin, die nicht weit entfernt, im östlichen Teil des Hauptplatzes steht. Sie war im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden und abgebrochen, ähnlich wie es der Baumstamm widerspiegeln soll. In den Stamm wurden Nägel eingeschlagen, die sowohl die Bomben als auch den Willen zum Wiederaufbau symbolisieren. Der erste Nagel wurde von Bundespräsident Dr. Karl Renner am 29. September 1946 eingeschlagen. Er gab außerdem eine Geldspende in der Höhe von 1.000 Schilling zur Wiedererrichtung der Waldschule. Die neben der Säule angebrachte Gedenktafel informiert uns, wie folgt: „Diese Bombensäule ist ein Erinnerungszeichen an die 52.000 Bomben,die Wiener Neustadt zu einem Trümmerfeld machten.Aufgestellt anlässlich der 750 Jahr Feier am 22.9.1946.“ (1946 wurde in Wiener Neustadt die 750-Jahr-Feier als Stadtjubiläum nachgeholt. Damals nahm man die Stadtgründung mit dem Jahr 1194 an, heute ist das Gründungsjahr 1192 nachgewiesen.) Wenn man die „Bombengedenksäule“ genauer betrachtet, dann fällt auf, dass letztlich nicht über 50.000 Nägel (in der Anzahl der Bomben) eingeschlagen wurden, wie manchmal sogar fälschlich behauptet wird. Aber die Säule erinnert außerdem an einen älteren Brauch aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, nämlich die so genannten „Kriegsnagelungen“, als man in den Kriegsjahren gegen eine Spende einen Nagel in ein hölzernes Objekt einschlug. Fast ausschließlich in Österreich und Deutschland findet man daher entsprechende Objekte, die beispielsweise vom „Nagelmann“, „Nagelbild“, „Nagelbuch“ oder „Nagelkreuz“ bis hin zur „Nagelsäule“ reichen – und Letztere haben wir auch hier in Wiener Neustadt vor uns, allerdings in einem etwas anderen Zusammenhang.   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wiener Neustadt 19932.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.  

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Steine aus Mauthausen

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Straßenbelag aus Granitsteinen – Lange Gasse 16 Granit aus Mauthausen An der Gebäudefassade des Hauses Lange Gasse 16 finden wir eine Tafel vor, auf der steht: „Vom Beginn des 19. Jhd. bis zur Mitte des 20. Jhd. wurden die Straßen der Stadt mit grauen Granitwürfeln aus Mauthausen, vom Volk „Katzenkopfpflaster“ genannt, befestigt, ehe sie vom Asphalt abgelöst wurden.“ In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass 1938 in Mauthausen ein Konzentrationslager errichtet wurde und KZ-Häftlinge sowohl in den Mauthausener Steinbrüchen als auch jenen in der Nähe, etwa im KZ-Außenlager Gusen I, zu Steinbrucharbeiten herangezogen wurden. Von 1939 bis 1943 arbeiteten die meisten Häftlinge in diesem Steinbruch: Schwerstarbeit bis zu 60 Stunden pro Woche. Berühmt-berüchtigt war die „Todesstiege“ im Steinbruch „Wiener Graben“ des KZ Mauthausen, wo die Häftlinge – Angehörige der sogenannten „Strafkompanie“ –Granitsteine auf Holzrückentragen hinaufzuschleppen hatten. Tausende Menschen wurden hier gezielt durch Arbeit getötet bzw. im Steinbruch ermordet. Im KZ Mauthausen, einschließlich seiner Außenlager, kamen rund 100.000 Menschen zu Tode.   Quellen/Literatur:Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 4. Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück, München 2005/09.

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Jüdische Opfer

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Stolperstein Braunberg – Hauptplatz 13 Die Opfergruppe der Juden und Jüdinnen An dieser Stelle wurde der erste „Stolperstein“ in Wiener Neustadt verlegt. Insgesamt wurden bis zum Jahr 2014 100 Gedenksteine dieser Art für unterschiedliche Opfergruppen gesetzt, nämlich für Juden und Jüdinnen, „Euthanasie“-Opfer und politische Opfer: Juden und Jüdinnen zählten zur größten Opfergruppe während der nationalsozialistischen Herrschaft. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung Europas wurde bis 1945 ermordet. Antisemitismus, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Beraubung und Vertreibung brachten die Vernichtung mit sich. Aus Österreich wurden ab 1938 rund 130.000 Juden und Jüdinnen vertrieben, 65.000 wurden in der Shoah ermordet und nur zirka 5.500 überlebten. In Wiener Neustadt befand sich eine große jüdische Gemeinde. Denn es handelte sich in der Mitte der 1920er Jahre um die zweitgrößte israelitische Kultusgemeinde Niederosterreichs und kurz vor 1938 um die drittgrößte (nach der IKG Baden und Mödling). Vor 1938 wohnten über 870 Juden und Jüdinnen im Stadtgebiet. Die jüdische Minderheit bildete 2,3 Prozent der Einwohnerschaft der Stadt Wiener Neustadt. Die Anzahl jüdischer Todesopfer kann mit mindestens 200 Personen beziffert werden, da zumindest bei diesen Menschen dokumentiert ist, wann und wo (teils sogar wie) sie ermordet wurden und zu Tode kamen. Von rund 200 Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt weiß man, dass sie sich 1938 und den folgenden Jahren erfolgreich retten konnten bzw. Zuflucht in diversen Exilen (zumeist in Palästina, Großbritannien und den USA) fanden. Eines der Opfer aus der Gruppe der Juden war der Zahntechniker Gustav Braunberg (geboren am 17.01.1896 in Wien), der mit seiner Frau Olga und seiner Tochter Anna am Hauptplatz 13 wohnte und hier auch seine Praxis führte. Im Juni 1938 ließ sich seine „arische“ Gattin von ihm scheiden und am 5. Juli 1938, wenige Tage nach der Scheidung, fuhr Gustav Braunberg nach Prag, um ein Visum für Südamerika zu beantragen. Seine Wiener Neustädter Praxis wurde am 25. August 1938 von einem nicht-jüdischer Zahntechniker übernommen. Braunberg selbst konnte nicht weiterreisen und verdiente sich deshalb über längere Zeit seinen Lebensunterhalt in Prag. Die Scheidung wurde zu seinem Todesurteil, denn am 18. August 1944 wurde er in das KZ Theresienstadt deportiert und am 29. September 1944 in Auschwitz ermordet.    Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Bomben-Opfer

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Gedenkinschrift Luftangriff 14. März 1945 – Grazer Straße 90 Opfer des Bombenkrieges An der Fassade in der Grazer Straße 90 sieht man eine Figur, die von einem Schriftzug in lateinischer Sprache umrahmt ist. Der Text „Hoc loco anno MCMXLV die XIV mensis martii centum homines bello occisi sunt.“ („An diesem Ort, im Jahre 1945 am 14. Tage des Monats März, kamen 100 Menschen durch den Krieg um.“) informiert uns über eine menschliche Tragödie Mitte März 1945.Auf der Gedenktafel über dem Eingang des Hauses steht außerdem eine freie Übersetzung, die uns den Grund für den Tod verrät („In diesem Haus verloren bei einem Luftangriff am 14. März 1945 100 Menschen ihr Leben.“). Die heutige Grazer Straße bestand in der Zeit des Zweiten Weltkriegs noch nicht, sondern hier verlief die Niederländergasse. Im Keller des Hauses Hauptplatz 24/Niederländergasse 6 befand sich einer von vielen Luftschutzräumen (LSR) für die Bevölkerung. Der Bombenangriff vom 14. März 1945 fand in einer Phase des Höhepunkts der Bombardements durch US-amerikanische Luftstreitkräfte statt. Nach dem ersten Bombenangriff auf Wiener Neustadt am Freitag, dem 13. August 1943, wurden vor allem im Frühjahr 1945 zahlreiche Angriffe geflogen, der letzte (und insgesamt 29. Angriff) am 1. April, dem Ostermontag des Jahres 1945. Im Bombenkrieg über Europa war zwar anfangs die Bekämpfung kriegswichtiger Ziele (zum Beispiel von Industrien, Bahnlinien, militärischen Einrichtungen etc.) im Zentrum gestanden, ab 1944 wurden die Angriffe jedoch auch zum „Terror gegen die Zivilbevölkerung“, in dem manvon den üblichen Sprengbomben auf Brandbomben wechselte, die ursprünglich nur zur Markierung von Zielen gedacht waren und nun zur Hauptwaffe der Zerstörung wurde. Zudem kamen die sogenannten „Wohnblockknacker“, also schwere Sprengbomben mit Verzögerungszünder, zum Einsatz. Der durch Brandbomben ausgelöste „Feuersturm“ über Hamburg im Juli 1943, der mindestens 32.000 Menschenleben forderte, ging als „Operation Gomorrha“ in die Geschichte ein. Nach den Luftangriffen Mitte Februar 1945 auf Dresden wurden mindestens 20.000 Tote gezählt, andere Schätzungen gehen auf 35.000 Tote, darunter viele Flüchtlinge, die sich vor der heranrückenden Roten Armee in Sicherheit bringen wollten. Wiener Neustadt war am unheilvollen 14. März 1945 eigentlich gar nicht das Hauptangriffsziel der Alliierten, sondern „nur“ ein Ersatzziel. Aber anstatt den Bahnhof und Industriegebäude zu treffen, wie dies geplant gewesen sein soll, zerstörten die an diesem Tag abgeworfenen 2.550 Brand- und Sprengbomben viele Gebäude in der Innenstadt. Die Wolkendecke über der Stadt war hunderten Menschen zum Verhängnis geworfen. Sie wurden von den Explosionen der Bomben getötet oder von einstürzenden Gebäudeteilen erschlagen, oder sie erstickten in ihren Kellern, wo sie Schutz gesucht hatten. Manchen nahmen Staub und Schutt die Luft zum Atmen. Andere verbrannten bei lebendigem Leibe. Als die Hilfskräfte 1945 zu den Verschütteten im Bereich Hauptplatz 24/Niederländergasse 6 vorgedrungen waren, fanden sie keinen Menschen am Leben.

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Neukloster & Rabensteiner

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Grab und Gedenktafel Rabensteiner – Neuklosterplatz/Neuklostergasse 1 Die Einnahme der Stadt durch russische Soldaten Im westlichen Bereich des Innenhofes des Stiftes Neukloster befindet sich eine Grabstelle. Hier ist der ehemalige Prior des Stiftes bestattet. Sein Tod steht in Zusammenhang mit den letzten Kriegstagen in Wiener Neustadt: Pater Alberich Rabensteiner wurde am 28. Jänner 1875 geboren und erhielt seine Priesterweihe am 25. Juli 1903. Er wirkte als Pfarrer und Prior im Neukloster sowie als Dechant und geistlicher Rat. Darüber hinaus war er Militärseelsorger und pflegte eine enge Beziehung zur Militärakademie („Korpspfarrer“). Ende März bzw. Anfang April 1945 flohen die Einwohner von Wiener Neustadt aus der Stadt vor der herannahenden sowjetischen Armee oder sie versteckten sich in ihren Häusern bzw. in noch bestehenden sicheren Unterkünften. Eine Gruppe von Menschen erhielt im Keller des Neuklosters Schutz und hoffte damals wohl auch auf Gottes Hilfe. Die Stadt wurde fast kampflos der sowjetischen Armee überlassen. Nur im Bereich der Neunkirchner Straße war es zu Gefechten gekommen. Die nahezu menschenleere Stadt – rund 800 Menschen sollen sich nur mehr vor Ort aufgehalten haben – war durch die intensiven Bombardierungen schwer zerstört worden, es tobten immer noch einige Brände, die nicht gelöscht wurden, und die Einwohner hatten Angst, ihre Verstecke zu verlassen, denn man wusste nicht, was die russischen Soldaten tun würden und wie sie den „deutschen Feind“ behandeln würden. Prior Rabensteiner bemühte sich am 2. April 1945, am Ostermontag, mit anderen darum, in der Ungargasse liegende Leichen deutscher Soldaten zu bergen, um sie beizusetzen. Er hatte sich mit den Versteckten im Neukloster-Keller, einem großen Luftschutzkeller, befunden, als russische Soldaten von Osten in die Stadt vordrangen. Er hatte nach einiger Zeit das Kellergewölbe verlassen und wurde später tot aufgefunden: erschossen – vermutlich durch eine Salve eines russischen Maschinengewehrs. In der Neuklosterkirche ist eine Gedenktafel nahe dem Tor zum Kreuzgang angebracht, die alte Einschusslöcher verdeckt und dokumentiert, wo Prior Rabensteiner in der Kirche getötet wurde, nämlich vor dem St. Bernhards-Altar: Hier starb alsOpfer des Kriegesam 2. April 1945P. Alberich RabensteinerPrior und PfarrerHerr gib ihm die ewige Ruhe   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wiener Neustadt 19932.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.    

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Tafel zu Leopold Ungar

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Gedenktafel über Leopold Ungar – Burgplatz 5 Emigrantenschicksale – Von zwei unterschiedlichen Präsidenten Am Burgplatz 5 findet man eine 1994 angebrachte Gedenktafel vor, die an einen bekannten römisch-katholischen Geistlichen aus Wiener Neustadt erinnert, nämlich Dr. Leopold Ungar. Aber nur wenige wissen, dass Dr. Ungar einer jüdischen Familie entstammte: Leopold Ungar kam am 8. August 1912 in Wiener Neustadt als Sohn von Gustav und Malvine Ungar zur Welt. Gustav Ungar war mit seiner Gattin aus Ungarn immigriert und baute einen Weingroßhandel auf. Während die Familie am Burgplatz 5 wohnte, führte Gustav seinen Betrieb in der Emmerberggasse 45. In den Jahren 1921 bis 1926 und 1927 bis 1936 war Gustav Ungar sogar Vorstand („Präsident“) der Israelitischen Kultusgemeinde von Wiener Neustadt. Sohn Leopold verweigerte aber den Weg in die Synagoge und wandte sich zunehmend dem Christentum zu. Nachdem er in Wien Rechtswissenschaften studiert hatte und 1935 zum Doktor der Rechte promovierte, ließ er sich taufen und trat ins Wiener Priesterseminar ein. Dies war in Wiener Neustadt schlichtweg ein Skandal innerhalb der jüdischen Gemeinde, hatte doch der Sohn des Präsident der IKG sein mosaisches Glaubensbekenntnis abgelegt. Für seinen Vater war Leopold gestorben. Jener verabschiedete sich auch nicht von ihm, als Leopold Österreich verließ. 1938 wurde die Familie zerrissen: Leopolds Eltern und auch beide Schwestern, Magdalena und Wilma, mussten das Land wegen ihrer jüdischen Herkunft verlassen. Leopolds ältere Schwester, Magdalena, gelangte sicher nach Großbritannien, alle anderen reisten nach Bolivien in Südamerika aus. Leopold lebte währenddessen in Frankreich, wo er am 29. Juni 1939 die Priesterweihe erhielt. Doch als die Deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, musste Leopold das Land verlassen und wurde in Großbritannien interniert (denn er hatte einen deutschen Pass). 1940 wurde er aus der Haft entlassen und konnte in einem Kloster nördlich von Stafford bleiben. 1944 war er Seelsorger für deutsche Kriegsgefangene in Lagern und Spitälern in England. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Leopold Ungar zuerst Kaplan in Wien und übernahm 1950 die Leitung der Caritas der Erzdiözese Wien. 1953 wurde er von Papst Pius XII. zum Prälaten ernannt. Er ist vielen Menschen bis heute als Präsident der Caritas Österreich in Erinnerung, da er dieses Amt über viele Jahrzehnte ausübte. Leopold Ungar sollte seinen Vater nie mehr wiedersehen, weil dieser 1946 im Exil verstarb. Ungars Mutter Malvine und Schwester Wilma versuchten in Brasilien einen zweiten Neuanfang. Schließlich wurde das Land Brasilien für die voneinander so lange getrennten Familienmitglieder ein Land des Wiedersehens. Denn Leopold Ungar konnte im Rahmen einer Auslandsreise seine Mutter und seine Schwester Wilma wieder in die Arme schließen, nachdem man einander zuletzt in den späten 1930er Jahren am Bahnsteig in Wien gesehen hatte. Während Malvine Ungar in brasilianischer Erde, in São Paulo, bestattet wurde, kehrte Wilma in den 1970er Jahren – nach über dreißig Jahren im Exil – wieder nach Österreich zurück. Ihr Bruder Leopold unterstützte sie bis zur ihrem Tod. Prälat Dr. Leopold Ungar verstarb am 30. April 1992 in Wien. In Wiener Neustadt erinnert die Gedenktafel an der Fassade des „Kornellhofs“ am Burgplatz an Dr. Ungar: In diesem Haus wurde am 8. August 1912Prälat Dr. Leopold Ungar Präsident der CaritasÖsterreich 1963-1991 geboren Insgesamt gelang zirka 200 Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt die Ausreise in ein sicheres Exil, der Großteil nach Palästina, Großbritannien oder in die USA. Das Wunschziel vieler Emigranten waren die USA gewesen. Manche hatten tatsächlich das Glück, oft aufgrund der Hilfe von Verwandten und Gönnern. Andere erreichten zum Beispiel süd- bzw. lateinamerikanische Länder oder China (Shanghai).   Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.  

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Kriegsschule

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Militärakademie – Burgplatz 1 Die Kriegsschule Als es im März 1938 zum „Anschluss“ Österreichs kam, leistete das österreichische Bundesheer auf Befehl des Bundespräsidenten keinen Widerstand. Die Soldaten in der Militärakademie waren zwar in Alarmbereitschaft versetzt worden, aber man blieb in der Burg und wartete die weiteren politischen Entwicklungen ab. Generalmajor Rudolf Towarek, der Kommandant der Militärakademie, bewahrte Ruhe; es fiel kein Schuss, obwohl sich Nationalsozialisten am Abend des 11. März 1938 – nach dem Rücktritt des österreichischen Bundeskanzlers – Einlass verschaffen wollten. Nachdem die ersten deutschen Einheiten der Wehrmacht auf dem Flugplatz von Wiener Neustadt gelandet waren, erhielt die Akademie den Befehl, beim Einmarsch der deutschen Truppen eine Ehrenkompanie zu stellen und die Deutschen in der Stadt gemeinsam mit der Bevölkerung zu begrüßen. Das reichsdeutsche Bataillon der Wehrmacht, das nun in Wiener Neustadt erschien und mit seinen Fahrzeugen durch die Wiener- und Neunkirchner Straße zur Militärakademie rollte, wurde von den Menschen, die das Spalier bildeten, euphorisch empfangen. Was der öffentlichen Inszenierung folgte, waren massive Umstrukturierungen und Veränderungen in der Armee. Die Gleichschaltung des Heeres erfolgte äußert schnell. Der Eid auf den Führer Adolf Hitler war nur ein Punkt der Neuerungen. Der Kommandant der Akademie wurde in den Ruhestand versetzt. Bereits zur Ausmusterungsfeier am 3. April 1938 an der Theresianischen Militärakademie trugen die neu auszumusternden Leutnante die Uniform der deutschen Armee. Bei dieser Ausmusterung erfolgte der Ritus des Säbelkreuzens, der Treuschwur und das Defilieren noch nach österreichischer Tradition, doch erstmals erklang auf dem Maria-Theresien-Platz bzw. auf der Reitwiese das Horst-Wessel-Lied. Die beiden anderen österreichischen Jahrgänge, die noch an der Akademie waren, wurden rasch ausgemustert, der zweite Jahrgang am 1. Juni 1938 und der erste im September 1938. Mit dem 6. April 1938 wurde in Berlin die „Umstellung der Ausbildung der Theresianischen Militärakademie“ eingeleitet. Die Akademie wurde zu einer „Kriegsschule“ der deutschen Wehrmacht, und es kam zum Ausbau der Infrastruktur. In diesem Rahmen wurde unter anderem zum Beispiel der Park der Kriegsschule („Akademiepark“) ab dem 15. November 1938 für die Zivilbevölkerung gesperrt, da man das militärische Übungsgelände ausdehnte. Außerdem wurde ein Wohngebäude auf dem Akademieparkgelände errichtet, das der neue Kommandant der „Kriegsschule“ in Wiener Neustadt, mit seiner Frau und seinem Sohn, bewohnten sollte: Erwin Rommel. Rommel war vom 10. November 1938 bis zum 22. August 1939 Kommandant. Von 1940 bis 1942 war die Heeresunteroffiziersschule in die Kriegsschule verlegt worden und anschließend eine Schule für Offiziersanwärter (die später „Schule für Fahnenjunker der Infanterie“ genannt wurde) im 1939/40 neu erbauten Lehrgangsgebäude (heute Daun-Kaserne) eingerichtet worden. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Kriegsschule, wie auch andere militärische Einrichtungen in Wiener Neustadt, bombardiert. Beim 27. Luftangriff auf Wiener Neustadt und wegen eines Brandes, der am 2. April 1945 ausbracht bzw. gelegt wurde, wurden die Burg und die St.-Georgs-Kirche zerstört. Nach Kriegsende bemühte man sich das Gebäude in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen. 1958, nach der Verlegung der Offiziersausbildung aus Enns, konnte die militärische Ausbildung wieder an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt aufgenommen werden.   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wiener Neustadt 19932.Theo Rossiwall, Die alte Burg zu Wiener Neustadt, St. Pölten 1976.Johann Christoph Allmayer-Beck, Militärakademie – Kriegsschule – Fahnenjunker-Schule. Wiener Neustadt 1938–1945, Wien/u. a. 2010.

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Denkmal der Gefallenen

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Das „Denkmal der 1.400“ im Akademiepark – Hauptallee Gefallene Soldaten im Zweiten Weltkrieg Biegt man an der Hauptallee des Akademieparks beim Kaiserstein in den nach rechts verlaufenden Weg ein, erkennt man bereits von Weitem ein Denkmal. Es ist das „Denkmal der 1.400“. Aber was hat es mit dieser Zahl auf sich? Dieses Denkmal, das von Wiener Bildhauer Rudolf Weyr geschaffen und von ehemaligen Kadetten der Theresianischen Militärakademie gestiftet worden war, erfasste ursprünglich die Namen von 300 Militärakademikern aus der Zeit von 1757 bis 1880, die in kriegerischen Konflikten zu Tode kamen. Seine zentrale Inschrift lautet gemäß dem Leitspruch der Akademie: „Treu bis in den Tod. Die ehemaligen Zöglinge der K.K. Militär-Academie zu Wr. Neustadt ihren vor dem Feinde gebliebenen Kameraden MDCCCLXXX.“ Es wurde am 23. Mai 1880 in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph I. und seiner Gattin Elisabeth feierlich enthüllt. 1927 erweiterte man es mit den Namen von 600 im Ersten Weltkrieg gefallenen Offizieren. Erst 1959 erfolgte die Ergänzung von 500 im Zweiten Weltkrieg getöteten Absolventen der Militärakademie. Bei den Opfern aus dem Zweiten Weltkrieg handelte sich um Gefallene und Vermisste. Diese Offiziere kamen an allen Fronten des Krieges und damit an Kampfschauplätzen in Europa und Afrika um. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die rund 500 Offiziere, derer hier gedacht wird, nicht repräsentativ für die Soldaten aus Wiener Neustadt sind. Denn im Zweiten Weltkrieg kämpften hunderte in Wiener Neustadt geborene oder wohnhaft gewesene Männer als einfache Soldaten, Chargen, Unteroffiziere und Offiziere – nur Letztere sind in der Namensliste auf dem „Denkmal der 1.400“ enthalten. In einem laufenden Projekt über zuletzt in Wiener Neustadt wohnhaften (gemeldeten) und hier geborenen Soldaten aller Dienstgrade, die im Zweiten Weltkrieg gefallen oder vermisst gemeldet wurden, sind bisher über 650 (Stand 2014) Personen erfasst worden. Knapp über 800 Personen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg bereits einmal aufgelistet. Möglicherweise waren es mehr Gefallene und Vermisste.   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Johann Christoph Allmayer-Beck, Militärakademie – Kriegsschule – Fahnenjunker-Schule. Wiener Neustadt 1938–1945, Wien/u. a. 2010.  

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Carl-Szokoll-Park

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Carl-Szokoll-Park – Burgplatz/Neunkirchner Straße Der militärische Widerstand Auf der gegenüberliegenden Seite der Wiener Neustädter Militärakademie bzw. des Einfahrtstores zur Daun-Kaserne befindet sich der Carl-Szokoll-Park, in dem zum einen auf dem Weg ein Gedenkstein eingelassen ist und zum anderen dünne, braunfarbige Säulen aufgestellt sind: Carl Szokoll erhielt seine militärische Ausbildung von 1936 bis 1938 an der Akademie in Wiener Neustadt. Als Offizier der nunmehrigen Deutschen Wehrmacht nahm er als Polen- und Westfeldzug teil. 1941 wurde er in das „Stellvertretenden Generalkommando XVII“ nach Wien versetzt, wo er Führungsaufgaben übernahm und ab 1943 Leiter der Organisationsabteilung des genannten Generalkommandos wurde. Major Szokoll war in das Attentat auf den Führer Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 (Operation „Walküre“) involviert und fungierte als Verbindungsmann in Wien (zu Claus Graf Schenk von Stauffenberg). Nach diesem misslungenen Putschversuch kam es zur Verfolgung und Bestrafung der Attentäter sowie aller Verdächtigen. Szokolls Rolle blieb unentdeckt. 1945 formierte sich in Wien unter Major Szokoll eine Widerstandsgruppe, die versuchte, eine kampflose Übergabe der Stadt Wien an die sowjetischen Streitkräfte zu erreichen („Operation Radetzky“). Denn am 2. April 1945, als die Rote Armee Baden und Pressburg erreicht, wurde Wien zum Verteidigungsbereich erklärt und die Eroberung der Hauptstadt der „Ostmark“ steht bevor. Mitglieder der Szokoll-Widerstandsgruppe gaben am 4. April an das Kommando der Rote Armee in Hochwolkersdorf Informationen (zum Beispiel Stärkemeldungen) weiter, da man meinte, dass die Sowjets über die militärischen Kräfte im Bilde sein sollten, um einer völligen Zerstörung der Stadt vorzubeugen. Tatsächlich versprach die Führung der Rote Armee unter anderem, die Stadt Wien nicht zu bombardieren und „schonend vorzugehen“. Die Operation „Radetzky“ wurde jedoch verraten und einige Mitglieder des militärischen Widerstandes hingerichtet: Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke wurden in Wien Floridsdorf an Laternenpfählen gehenkt. Szokoll konnte seiner Verhaftung entgehen, tauchte unter und floh zur sowjetischen Führung nach Niederösterreich. Man warf Szokoll nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor, dass er ein Verräter gewesen sei. Er habe schließlich seinen Treueeid gebrochen, habe Geheimnisse weitergegeben und sei für den Tod von Soldaten verantwortlich. Dem entgegnen andere, dass Szokoll mit seinem Handeln, die Zerstörung der Stadt Wien verhindert habe und damit vielen Menschen, Soldaten und Zivilisten, letztlich das Leben gerettet habe. Szokoll sei vielmehr ein Held. Die im Carl-Szokoll-Park, der erst im Jahr 2009 als solcher neu benannt wurde, aufgestellten Lichtsäulen tragen jeweils einen Begriff („Recht“, „Pflicht“, „Moral“ und „Gewissen“), was zum Nachdenken über die Problematik des Widerstandes in einer Diktatur anregen soll. Eine in den Boden des Gehwegs eingelassene Steinplatte weist den folgenden Text auf: Major Carl Szokoll(1915-2004)zählt durch dieRettung Wiens 1945zu den prominentestenPersönlichkeiten desösterreichischen Widerstandesgegen den NationalsozialismusRechtPflichtMoralGewissen   Quellen/Literatur:Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Carl Szokoll, Die Rettung Wiens 1945. Mein Leben, mein Anteil an der Verschwörung gegen Hitler und an der Befreiung Österreichs, Wien 2001.  

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Gestapo Promenade 1

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Heller-Villa – Promenade 1 Die Gestapo In der Idylle des Wiener Neustädter Stadtparks findet man ein Gebäude an der Promenade 1, das heute einen Kindergarten beherbergt. Hier befand sich während der NS-Zeit die Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo): Bald nach der Machtergreifung und dem Einmarsch deutscher Truppen in Wiener Neustadt wurde am 17. März 1938 in der Wiener Straße 12 die „Außenstelle der Gestapo“ in Wiener Neustadt eingerichtet. Das Kommando der Schutzpolizei hatte sich in der Herzog-Leopold-Straße 30 befunden. Nach der Übernahme eine Villa im Stadtpark (Promenade 1), die sich im Eigentum der Jüdin Eleonore Heller befunden hatte, wurde die Außenstelle in der Folge mit 1. November 1938 dorthin verlegt. Leiter der Gestapo-Außenstelle war Dr. Hubert Hueber, sein Stellvertreter Dr. Fritz Kranebitter. Der Wirkungskreis der Gestapo Wiener Neustadt erstreckte sich auf das Gebiet der Bezirkshauptmannschaften Hollabrunn, Mistelbach, Korneuburg, Gänserndorf, Floridsdorf-Umgebung, Tulln, Bruck/Leitha, Hietzing-Umgebung, Mödling, Baden, Wiener Neustadt und Neunkirchen. Die erste Aufgabe der Gestapo bestand für Wiener Neustadt darin, „alle führenden Funktionäre der kommunistischen, marxistischen, legitimistischen Bewegung, ferner der Vaterländischen Front und des Sturmkorps“ festzunehmen. Die Gestapo spielte im Zusammenhang mit der Beraubung der jüdischen Bevölkerung sowie ihrer Vertreibung 1938 eine wichtige Rolle. In den folgenden Jahren bestand das Hauptaugenmerk – nach den „Säuberungs- und Entjudungsmaßnahmen“ – in der Überwachung und Inhaftierung von Oppositionellen. Die kommunistische Untergrundbewegung in Wiener Neustadt und der nahen Umgebung wurde von der Gestapo mithilfe von Spitzeln zerschlagen. In einer speziellen Kartei wurden nach drei Kategorien Personen erfasst: (a) schwere Fälle, (b) weniger schwer Beurteilte (c) Personen, die in Zeiten der politischen Spannung sorgfältig zu überwachen sind. Mit Kriegsbeginn 1939 wurden die hierin erfassten Personen verhaftet und in Konzentrationslager überstellt. Im Keller der Gestapo-Zentrale waren Zellen eingerichtet. Verhaftete bzw. hier Festgehaltene wurden verhört, misshandelt und gefoltert, wie Zeitzeugen- und Opferberichte beweisen. In der Bevölkerung von Wiener Neustadt wusste man, dass es besser war, sich von diesem Haus fernzuhalten – nicht ohne Grund, denn Bewohner, die dorthin gebracht worden waren oder sich dort zu melden hatten, blieben oft lange hinter Gittern oder „verschwanden“. Am 31. März 1945 setzte sich das Personal der Gestapo-Zentrale Wiener Neustadt nach Westen ab. Das gesamte Aktenmaterial wurde zuvor vernichtet. Heute befinden sich im Keller des Gebäudes ein kleiner Ausstellungsraum und eine zu besichtigende Folterzelle.   Unterrichtsmaterialien: Die-Zentrale-der-Gestapo.pdf Quellen/Literatur:DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945. Eine Dokumentation, Bd. 2, Wien 1987.

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Recht unter dem Hakenkreuz

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Kreisgerichtsgebäude und Gefangenenhaus – Maria-Theresien-Ring 5 NS-Justiz und Erbgesundheitsgericht In den Jahren 1890 bis 1893 wurden am Maria-Theresien-Ring das Kreisgerichtsgebäude und das Gefangenenhaus (für 150 Insassen) errichtet. In der NS-Zeit kam diesen Gebäuden eine besondere Bedeutung für die Stadt und die Region des südlichen Niederösterreich zu: Organisatorisch wurden nach dem „Anschluss“ 1938 im Zuge der „Gleichschaltung“ die Kreisgerichte in Landesgerichte und die Bezirksgerichte in Amtsgerichte umgewandelt. Zwar durfte der Präsident Dr. Richard Kilhof (1935-1939) die Leitung des nunmehrigen Amts- und Landesgerichts von Wiener Neustadt noch kurze Zeit weiterführen, dann wurde die Leitung von Dr. Othmar Herman (1939-1944) und Dr. Arthur Klohs (1944-1945) übernommen. Im Rahmen der „Säuberungen“ 1938 wurde beispielsweise Oberlandesgerichtsrat Gustav Bärtl, der bei politischen Prozessen den Vorsitz innegehabt hatte und 1936 bei vielen sogenannten „NS-Prozessen“ das Urteil gesprochen hatte, am 12. März verhaftet. In der Zeit des Nationalsozialismus richtete die NS-Justiz auf der Grundlage einer Reihe von Gesetzen und Verordnungen, mittels derer manpolitische Gegner und oppositionelles Verhalten bekämpfte. Bereits unmittelbar nach der Machtergreifung nahm man Mitglieder der christlich-sozialen Führung (des „Ständestaates“) in Haft, aber auch Sozialdemokraten und Kommunisten, die amtsbekannt waren. Weiters wurde Juden im Verlauf der Beraubung während des „Anschlusspogroms“ festgenommen und eingesperrt. Zur Zeit des „Novemberpogroms“ inhaftierte man im Gefangenenhaus mehrere hundert Juden und Jüdinnen, darunter ganze Familien, bevor man sie aus Wiener Neustadt abschob. Vor allem im Zweiten Weltkrieg galt das Hauptaugenmerk jeglicher Form von Widerstand. Man ahndete Vergehen mit besonderer Härte, seien es etwa Einbruchsdiebstähle (von sogenannten „Volksschädlingen“) oder kritische Äußerungen gegen die nationalsozialistische Weltanschauung. Dem Denunziantentum war damals Tür und Tor geöffnet. Die Todesstrafe traf Angeklagte wegen „Heimtücke“ (zum Beispiel Bestrafung von regimekritischen Äußerungen),„Wehrkraftzersetzung“ (zum Beispiel Kriegsdienstverweigerung) oder eines „Rundfunkvergehens“ (Hören eines Feindsenders). Es gab in Wiener Neustadt – neben Korneuburg, Krems, St. Pölten, Wien und Znaim – ein Erbgesundheitsgericht. Dieses war dem Amtsgericht angegliedert und urteilte in Fragen der „Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das heißt von Zwangssterilisationen. Im März 1945 wurde das Gerichtsgebäude mit seinem Gefangenenhaus durch Luftangriffe schwer beschädigt und ab 1948 wiederaufgebaut und erweitert.   Quellen/Literatur:Sammlung Sulzgruber  

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Luftschutzraum Kasematten

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Stadtpark – Schubertweg/Bahngasse Luftschutzraum & Gasschleuse Geht man in den Stadtpark und folgt dem Schubertweg in Richtung Norden, erkennt man nahe der Bahngasse, nur wenige Meter neben den jüdischen Grabsteinen, die sich an der alten Stadtmauer befinden, eine graue Eisentüre. Dies ist ein Zugang zu einem Luftschutzkeller in den Kasematten: Die Kasematten wurden ursprünglich 1551 bis 1557 nach den Plänen des kaiserlichen Baumeisters Johann Tscherte („königlicher Oberstbaumeister der niederösterreichischen Lande“) erbaut und dienten der Aufbewahrung von Waffen und Munition. An der Westseite der Verteidigungsanlage ist eines der zwei Ausfallstore erhalten, wobei dieses seit den frühen 1940er Jahren mit einer Tür versehen ist. Denn während des Zweiten Weltkriegs (ab 1943) wurde ein Teil der Kasematten zu einem Luftschutzraum umfunktioniert. Es handelt sich hierbei um die letzte erhaltenen Gasschleuse eines öffentlichen Luftschutzraumes in Wiener Neustadt. Ziel einer solchen Gasschleuse war es, die Bevölkerung vor der Wirkung etwaiger Gasbomben zu schützen. Der „Gaskrieg“, wie er im Ersten Weltkrieg seinen grausamen Anfang genommen hatte, war eine mit großer Angst behaftete Form des Krieges. Die Furcht vor einem qualvollen Erstickungstod führte zur Einrichtung von Gasschleusen. Dabei handelte es sich um abgeschlossene (Vor-)Räume, die vor den eigentlichen Schutzräumen angelegt wurden und den Weg ins Innere (also die Eingangstür in die Gasschleuse und die Tür in den Schutzraum) mit gut zu verriegelnden, aber auch abgedichteten Türen abschotten sollten. Schutzsuchende durften sich darin im Ernstfall nicht aufhalten, und es sollten nicht beide Türen gleichzeitig geöffnet sein, um das Eindringen von chemischen Kampfstoffen zu verhindern. In tiefen Bunkeranlagen gab es Absaugvorrichtungen und Filteranlagen, die die kontaminierte Luft reinigten. Grundsätzlich sollte aber die „Volksgasmaske“, deren Verwendung im Luftschutz geübt wurde, vor chemischen Stoffen Schutz bieten. Das Verhalten der Personen wurde durch Luftschutzraum- und Gasschleusen-Ordnungen klar geregelt, in welchen es zum Beispiel hieß: „Luftschutzraum und Gasschleusentür nie gleichzeitig öffnen!“„Vor jedem Öffnen der äußeren Gasschleusen­tür Volksgas­maske aufsetzen!“„Volksgas­maske erst absetzen, wenn kein Kampfstoff mehr feststellbar!“ Erwähnenswert ist, dass Türen in Gasschleusen auch einen „Türspion“ (ein Guckloch) aufweisen konnten, sodass man von innen erkennen konnte, ob man den Raum verlassen durfte. An der äußeren Glasschleusentür in Wiener Neustadt gibt es ein solches Guckloch. Eine Absaug- bzw. Filteranlage schien es nicht gegeben zu haben. Es war wohl der Be- und Entlüftungsschacht in der Decke der Gasschleuse als ausreichend befunden worden.   Quellen/Literatur:Michael Müller, Der zivile Luftschutz in Wiener Neustadt während der Jahre 1938-1945, Wiener Neustadt 2010. [= Broschüre des IVM 137]Sammlung Sulzgruber, Zeitzeugen-Berichte.  

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Heimkehrer-Gedenktafel

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Heimkehrergedenktafel – Bahnhofplatz 2 Wiener Neustadt die „Heimkehrerstadt“ Der Wiener Neustädter Bahnhof war neben dem Ostbahnhof in Wien der „Heimkehrerbahnhof“ in Österreich. In den Jahren 1945 bis 1955 kamen insgesamt rund 106.000 Menschen, darunter zirka 60.000 Soldaten aus russischen Kriegsgefangenenlagern in Wiener Neustadt an: Am 28. Mai 1945 traf der erste Heimkehrer-Transport mit 250 Soldaten, die sich in russischer Kriegsgefangenschaft befunden hatten, am Bahnhof Wiener Neustadt ein. Zirka 400 Männer gelangten in den weiteren beiden Heimkehrerzügen im Juni in ihre Heimat. Die größten Transporte fuhren am 3. und 7. Juli 1946 ein, wobei es sich um Entlassene aus der Kriegsgefangenschaft in Großbritannien handelte. Auch ein Transport am 2. Juli 1948 brachte 464 Soldaten aus dem damaligen Jugoslawien zurück auf österreichisches Staatsgebiet. Anlässlich des 25. Heimkehrer-Transports am 27. November 1947 begrüßte Bundeskanzler Leopold Figl die Heimkehrer, und zum 60. Heimkehrer-Transport am 21. 0ktober 1953 aus der UdSSR nahm Bundespräsident Theodor Körner persönlich die offizielle Begrüßung vor. Es waren überhaupt Repräsentanten der Stadt-, Landes- und Bundesregierung sowie der sowjetischen Verwaltung bei den Ankünften der Heimkehrer zu ihrer Begrüßung anwesend. Unter den ersten Transporten waren noch viele Verwundete, Kranke und Schwache gewesen. Die größte Anzahl von Heimkehrern wurde in den Jahren 1949 und 1950 gezählt. Der letzte Transport kam am 25. Juli 1955, nach Abschluss des Staatsvertrags, an und brachte Soldaten aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Diese Gruppe nannte man aus gutem Grund die „Spätheimkehrer“. Sie hatten die Zwangsarbeit in den Lagern der Sowjetunion und damit Sibiriens überlebt, und sie litten unter den Folgen der Unterernährung sowie der körperlichen und seelischen Belastungen. Oft waren die Heimkehrer-Transport aus dem Osten gar nicht angekündigt, sondern Informationen darüber trafen überraschend und kurzfristig ein. Trotzdem versammelten sich sowohl Angehörige (zumeist Frauen und Kinder) als auch Schaulustige, hunderte erwartungsvoll Hoffende, wenn die Waggons – Güter- und Personenwaggons –, aus denen die Heimkehrer winkten, am Hauptbahnhof hielten und sich die Türen öffneten. Die Wartenden riefen Namen der von ihnen Gesuchten und Vermissten. Oft begann vor Ort die beiderseitige Suche nach Angehörigen und Hinweisen nach Menschen, die den Krieg überlebt hatten und man zu finden hoffte. Diejenigen, die auf der Heimkehrerstraße – wie die breite Straße vom Bahnhofsplatz zur Kollonitschgasse später genannt wurde – nun definitiv in die Freiheit entlassen wurden, waren Opfer von zwei Diktaturen geworden und hatten, im Falle der „Spätheimkehrer“ ihre Familienangehörigen über ein Jahrzehnt nicht gesehen.   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft. Wiener Neustadt 19932.Mediathek WienFotografien aus der ÖNB  

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Erinnern am Bahnhofplatz 1

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Gedenktafel über die getöteten Eisenbahner – Bahnhofplatz 1 Bahn im Dritten Reich & Eisenbahn-Bedienstete Neben dem neuen Bahnhof-Hauptgebäude ist an der Gebäudefront des rechts bzw. nördlich anschließenden, zurückversetzten Nebengebäude eine große Tafel angebracht. Diese Gedenktafel weist uns auf die Rolle einzelner Bahnbediensteter in der NS-Zeit hin: Im Allgemeinen muss angemerkt werden, dass die ÖBB 1938 in die Deutsche Reichsbahn eingegliedert wurde. Das Verkehrswesen und insbesondere die Bahn spielte im Zweiten Weltkrieg eine besondere Rolle: nicht nur für den Truppentransport, die Versorgung und den Nachschub, sondern auch innerhalb der Vernichtung von Minderheiten. Denn in den Waggons der Reichsbahn deportierte man Juden und Jüdinnen sowie Roma, Sinti, politisch Verfolgte und andere „Feinde des Deutschen Volkes“ in die Ghettos und Konzentrationslager. Fremd- und Zwangsarbeiter rollten auf den Bahnschienen in die Region und wurden hier ausgebeutet, wie zum Beispiel in den Großunternehmen der Rüstungsindustrie im Norden von Wiener Neustadt. Obgleich sich natürlich Bahnbedienstete, wie alle anderen Beamten im NS-Staat, zum Nationalsozialismus bekennen mussten, waren Angehörige der Reichsbahn dennoch am Widerstand beteiligt. Dieser reichte beispielsweise von der Produktion, Weitergabe und Verteilung von Flugzetteln und Zeitungen, über die Bildung illegaler Organisation bis hin zu Sabotage-Akten. Insgesamt wurden in Österreich 1.438 Bahnbedienstete im Zusammenhang mit Widerstandsaktivitäten zu einer Haftstrafe in einem Zuchthaus verurteilt oder in ein Konzentrationslager eingewiesen, 154 wurden hingerichtet und 135 starben in einem Zuchthaus oder KZ. Die Gedenktafel erinnert an drei „Im Kampf gegen den Nationalsozialismus getötete Eisenbahner“. Es wird dem StellwerkmeisterJosef Höger (verstorben am 6. November 1944 im Kriegslazarett Agram/Zágráb), dem Stations- und Magazinarbeiter Ludwig Huber (vermisst in einer Strafkompanie in Jugoslawien seit 17. Oktober 1944) und dem Weichensteller Heinrich Sauer (verstorben im Kerker in Stein a. d. Donau am 2. Jänner 1945) gedacht. Alle drei waren ÖBB-Bedienstete und als Kommunisten in den frühen 1940er Jahren aktiv geworden: Nachdem Ludwig Huber im Juni 1940 verhaftet worden war, hatte Heinrich Sauer dessen Ehefrau finanziell zu unterstützen versucht und deshalb ein illegales Organisationsnetz gebildet, in das er unter anderem Josef Höger mit einbezog. Sauer und Höger wurden 1942 „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt, Sauer zu zwölf und Höger zu zehn Jahren Zuchthaus. Während Heinrich Sauer inhaftiert blieb und verhungerte, wurden Josef Höger und Ludwig Huber in Strafkompanien (sogenannte „Bewährungseinheiten“) eingezogen und starben in Jugoslawien. Insofern ist die Überschrift auf der Tafel („Im Kampf gegen den Nationalsozialismus getötete Eisenbahner“) nicht ganz richtig, denn Höger erhielt als Soldat ein „Heldengrab“.   Quellen/Literatur:Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Karl Flanner, Freiheitskampf. Widerstand im Gebiet Wiener Neustadt 1938-1945, Wiener Neustadt 2003.Brigitte Haberstroh/Maximilian Huber/Michael Rosecker (Hg.), Stolpersteine Wiener Neustadt. Stadtführer des Erinnerns, Wiener Neustadt 2011.DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945. Eine Dokumentation, Bd. 2, Wien 1987.Verdrängte Jahre. Bahn und Nationalsozialismus in Österreich . Eine Ausstellung der ÖBB, Graz 2013.  

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Denkmal Heimkehrerstraße/Kollonitschgasse

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Heimkehrerdenkmal – Heimkehrerstraße/Kollonitschgasse Neubeginn nach der Kriegsgefangenschaft Direkt an der Kreuzung Heimkehrerstraße/Kollonitschgasse wurde im Jahr 1976 das „Heimkehrerdenkmal“ aus Sandstein, ein Werk des Bildhauers Wilhelm Wurzer, errichtet. Es trägt die Inschrift: Rückkehr in die Heimat,allen Heimkehrern gewidmetvon der Stadt Wiener Neustadt und dem Heimkehrerverband Österreich 1976. Die „Kriegsgefangenenfürsorge“ des Innenministeriums hatte die Organisation der Rückführung von Heimkehrern über. Die Heimkehrenden wurden ärztlich untersucht und erhielten Zivilbekleidung, weil sie noch Kleidung der Gefangenschaft und russische Soldatenmützen trugen. Wiener Neustadt war zwar für alle der erste Augenblick, an dem sie österreichischen Boden betraten, aber für die meisten nur ein erster Schritt ins neue Leben. Denn nun musste die Weiterreise in die jeweiligen Heimatorte angetreten werden, die auch im Westen Österreichs liegen konnten. Dazu benötigten die Heimkehrer Hilfe. Deshalb bekamen sie Unterkünfte, Fahrscheine und/oder kleine Geldbeträge. Ein wichtiges Dokument war der „Heimkehrer-Entlassungsschein“, mit dem sich Heimkehrer ausweisen konnten. Ihnen stand die gesellschaftliche Wiedereingliederung bevor. Das heißt, sie mussten sich unter anderem das Zurechtfinden unter den neuen Bedingungen der „Besatzungszeit“ bzw. (ab 1955) der Zweiten Republik zurechtfinde, sich auf die Suche nach einem Arbeitsplatz begeben und einem geregelten Alltag nachkommen. Viele der Heimkehrer hatten ihre alte Rolle als „Familien-Ernährer“ zu übernehmen. Die Hungerschäden am Körper und das Kriegs- und Lager-Trauma für die Psyche machten diesen Schritt für die Heimkehrer und die Familienangehörigen oder Verwandten, sofern sie das Grauen des Krieges überlebt hatten, keineswegs einfach. Es musste erst Vertrauen in die „fremden“ Väter bzw. in die Ehepartner aufgebaut werden. Die Männer hatten sich durch den Soldatenalltag im Krieg und das harte Lagerleben verändert. Die Heimkehrer kamen im Fall von Wiener Neustadt in eine völlig zerstörte Stadt zurück und wurden im Allgemeinen sofort in den Prozess des Wiederaufbaus von Wiener Neustadt eingebunden. Nur in der Zusammenarbeit aller konnte dies gelingen.   Quellen/Literatur:Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Sammlung Sulzgruber, Zeitzeugen-Berichte.  

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Haus Kollonitschgasse 12

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Wohn- und Bürogebäude – Kollonitschgasse 12 Kreisleitung der NSDAP Etwa in der Mitte der Kollonitschgasse sieht man an der Nordseite des Straßenzuges das Haus Nr. 12. Das Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Haus war das Palais der Reichsgrafen von Götzen – wie das gräfliche Wappen über dem Eingang widerspiegelt. Hier befand sich ab 1938 die Kreisleitung der NSDAP: Mit der Eingliederung Österreichs 1938 und der gesellschaftlichen Gleichschaltung wurden entsprechende Infrastrukturen und Verwaltungen geschaffen, die die NS-Herrschaft und ihr Parteiapparat benötigten, um möglichst alle Lebensbereiche zu kontrollieren. Zur bürokratischen Zentralverwaltung der NSDAP zählte regional die Kreisleitung. Sie war gemeinsam mit dem Rathaus und den dortigen Bürgermeister das Machtzentrum für die Stadt und den Verwaltungsbezirk. Deshalb befanden sich also an der Adresse Kollonitschgasse 12 wichtige Ämter der NSDAP und der ihr angeschlossenen Organisationen. Zu den Ämtern und Abteilungen der Kreisleitung zählten beispielsweise jene für Handwerk und Handel, Propaganda und Presse, die NS-Volkswohlfahrt, die NS-Frauenschaft und viele andere. An der Spitze stand der Kreisleiter von Wiener Neustadt, Ingenieur Ferdinand Ulz, der sich bereits in der illegalen Zeit einen Namen gemacht hatte und in der Verbotszeit der NSDAP in Haft gewesen war. Der NSDAP-Kreisleitung Wiener Neustadt unterstanden organisatorisch 26 Ortsgruppen (mit jeweils einem Ortsgruppenleiter. In den 81 „Zellen“ (geführt von je einem Zellenleiter) waren über 400 Blockleiter für die Partei tätig. Für die zahlreichen Parteidienststellen und NS-Organisationen reichte die Liegenschaft in der Kollonitschgasse (die zur „Straße der SA“ umbenannt wurde) mit ihren Baulichkeiten und Flächen dennoch nicht aus, weshalb andere Gebäude adaptiert wurden. Für die NSDAP war es am einfachsten, Häuser von Juden, die man aus der Stadt vertrieben hatte, zu beschlagnahmen. Dementsprechend wurden an ehemals jüdischen Adressen, aber auch Gebäuden, die zuvor Organisationen im „Ständestaat“ gedient hatten, eingebunden. Das Haus Kollonitschgasse 12 hatte einer jüdischen Familie gehört, nämlich der Weinhändlerfamilie Reininger. Während etwa die Sturmabteilung – SA-Standarte 76 (Wiener Neustadt) – ihre Zentrale in der Kollonitschgasse fand, waren beispielsweise die Jugendorganisationen andernorts untergebracht: der Bund Deutscher Mädel (BDM) im Truppenspital in der Ungargasse und die HJ in der Martinsgasse 9.   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.    

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Stadtmauer beim Reckturm

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„Schmuckerau“ an der Stadtmauer beim Reckturm – Reyergasse/Petersgasse/Rudolf-Fischer-Gasse Letzte Zeichen aus der Zeit der „Verdunkelung“ In unmittelbarer Nähe des „Reckturms“, nämlich an der nach Süden verlaufenden Westmauer der Stadtbefestigung lässt sich ein weißer Pfeil mit schwarzer Spitze und Aufschrift „Schmuckerau“ in einer Höhe von rund zweiMetern erkennen. Es ist dies ein Hinweise auf bestimmte Luftschutzmaßnahmen, die vor und im Zweiten Weltkrieg in Wiener Neustadt getroffen wurden – Markierung & Verdunkelung: An Hausfassaden und nahe den Eingängen zu Luftschutzräumen wurden in weißer, als fluoreszierend einzustufende Farbe die Buchstaben „LSR“ sowie Richtungspfeile aufgemalt, sodass die Bevölkerung die Schutzräume einfacher finden konnte. Außerdem wurden beispielsweise die Gehsteigkanten markiert, sodass es bei der sogenannten „Verdunkelung“ zu keinen Verkehrsunfällen kommen sollte. Auch weitere Markierungsmaßnahmen, wie zum Beispiel das Aufmalen eines „H“ für die Kennzeichnung eines Hydranten, kamen damals zur Anwendung. Im Falle von Stromausfällen und ungenügender Beleuchtung in Luftschutzräumen wurde der jeweilige Notausstieg bzw. -ausgang mit „N.A.“ bezeichnet. Die „Verdunkelung“ wurde im Deutschen Reich mittels der Verordnungen vom 23. Mai 1939 und 22. Oktober 1940 geregelt. Diese sollte gewährleisten, dass feindlichen Flugzeuge (Tiefflieger, Aufklärungs- und Begleitflugzeuge, Bomber) keine Möglichkeit fanden bzw. Schwierigkeiten hatten, sich bei Nachtflügen zu orientieren und ihre Zielgebiete bzw. Ziele aufzufinden. Fenster von Gebäuden und diverse Lichtaustrittsöffnungen (Dachluken, Kellergitter o. Ä.) wurden verhängt bzw. verklebt, sodass möglichst kein Lichtschein nach außen trat. Fahrzeuge, wie zum Beispiel PKWs, waren mit Schlitzblenden auszustatten. Eigene „Luftschutzwarte“ (des Reichsluftschutzbundes, RLB) kümmerten sich um die Einhaltung sämtlicher Verpflichtungen, da seit 1935 eine „Luftschutzpflicht“ existierte, die jeden Reichsbürger unter anderem dazu verpflichtete, Verdunkelungs-, Brandbekämpfungs-, Erste-Hilfe-Maßnahmen durchzuführen. In Wiener Neustadt sind heute nur noch an zwei öffentlichen Plätzen solche Hinweise auf Luftschutzmaßnahmen erkennbar, nämlich beim Reckturm und an der südöstlichen Gebäudeecke der Volksschule in der Josefstadt. Mit dem Hinweis „Schmuckerau“ an der damaligen Petersgasse zum Babenbergerring sollte den Bewohnern bei Fliegeralarm der Fluchtweg aus der Stadt angezeigt werden. Über die Martinsgasse konnte man am schnellsten in das kaum besiedelte Gebiet des Hammerbach- und Fischabaches westlich des Bahndamms sowie zur „Siedlung Schmuckerau“ (die einst am Ende der Obstgasse lag) gelangen.

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Arbeiterheim am Baumkirchnerring 4

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Tafel Arbeiterheim – Baumkirchnerring 4 Arbeiteropposition – Deutsche Arbeitsfront – kommunistischer Widerstand Das 1905 durch den Umbau einer Gastwirtschaft geschaffene „Arbeiterheim“ am Baumkirchnerring 6 war ein Versammlungsort für die Arbeiterschaft, die kommunistisch, sozialistisch und sozialdemokratisch gesinnt war. Wiener Neustadt stellte die Wiege der Arbeiterbewegung dar und war eine sozialdemokratische „rote Hochburg“ in Niederösterreich. Das Arbeiterheim wurde nach dem Februar 1934 beschlagnahmt und wurde vom Schutzkorps und der Heimwehr genützt. 1935 kam es zur Wiedereröffnung des Arbeiterheimes, das nun der Kammer für Angestellte und Arbeiter gehörte. Es wurde offiziell der Arbeiterschaft zur Wiederbenützung übergeben und sollte fortan „sämtliche Arbeiter auf gemeinsamer Plattform im deutsch-christlichen Ständestaat Österreich vereinigen“. Fortan wurden im Arbeiterheim auch Ausspeisungen für die Not leidende Bevölkerung durchgeführt, um die Arbeiterschaft zu gewinnen. Viele sozialdemokratischen Arbeiter wandten sich in der Zeit der hohen Arbeitslosigkeit in den 1930er Jahren den Nationalsozialisten zu. Der ökonomische Aufschwung in Deutschland faszinierte die Menschen damals, sodass viele auch den wirtschaftlichen „Anschluss“ befürworteten. 1938 sank die Zahl der Arbeitslosen aufgrund der nationalsozialistischen Beschäftigungspolitik („Arbeitsbeschaffung“) rasch ab. In der Wahrnehmung der Bevölkerung brachte Hitler endlich Arbeit. Die NS-Propaganda bewirkte das ihre, dass viele Arbeiter die neuen Verhältnisse befürworteten. Während der NS-Zeit wurde die Arbeiterschaft in der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) vereinigt. Andere Organisationen wurden nicht geduldet. Die DAF nahm als Einheitsorganisation „aller schaffenden Deutschen“ den Platz der Gewerkschaften ein. Die Zielsetzung der DAF war es, Arbeiter und Angestellte ideologisch an den Nationalsozialismus zu binden und eine „Volks- und Leistungsgemeinschaft“ zu etablieren. Die Motivation, der DAF beizutreten, war hoch, denn als Mitglieder kam man in den Genuss von kulturellen Angeboten. Die Unterorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) organisierte beispielsweise Freizeitveranstaltungen und Urlaubsreisen. Dennoch regte sich auch Widerstand innerhalb der Arbeiterschaft und zwar vor allem im Osten der „Ostmark“. In Wiener Neustadt waren es die Kommunisten, die gegen das NS-Regime aktiv wurden, indem sie Flugblätter druckten und Zeitungen verteilten. Die KPÖ war bekanntlich seit 1933 verboten und hatte insofern Erfahrung in Aktivitäten im Untergrund. Die Kommunisten versuchten in den Industriebetrieben eine organisatorische Basis aufzubauen und Gegen-Propaganda zu betreiben. Die Wirkung ihres Tuns blieb allerdings minimal. Die Gestapo ging gegen die Gruppe der Kommunisten (aber auch der Revolutionären Sozialisten) rigoros vor. Die kommunistischen Zellen wurden zerschlagen, und Verurteilungen – zum Beispiel wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ – zogen die Haft in einem Konzentrationslager oder die Hinrichtung nach sich. In den letzten Kriegstagen verhinderten kommunistische Arbeiter in Wiener Neustadt die Zerstörung ihrer Betriebe durch sich zurückziehenden SS-Verbände, wie dies auch in Brunn/Gebirge und Hainburg erfolgte.   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Werner Sulzgruber, Die sterbende Stadt. Vom Leben in Wiener Neustadt 1933 bis 1938. Wirtschaftslage – Sozialpolitik – Alltagsbilder, Wiener Neustadt 2006.DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945. Eine Dokumentation, Bd. 2, Wien 1987.Walter Edelbauer, An der Wiege der Bewegung. 100 Jahre SPÖ Wiener Neustadt, Wiener Neustadt 1989.    

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Stadtmuseum Wiener Neustadt

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Stadtmuseum Wiener Neustadt Nach den Stationen unseres Stadtspaziergangs am Baumkirchnerring bietet es sich an, das nahe gelegene Stadtmuseum in der Petersgasse 2a zu besuchen: http://stadtmuseum.wiener-neustadt.at/  

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Synagoge am Baumkirchnerring

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Gedenktafel Synagoge – Baumkirchnerring 4 Jüdisches Gotteshaus & Sammellager Am Baumkirchnerring 4 befand sich die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Wiener Neustadt, aber auch noch andere wichtige Einrichtungen der IKG waren dort situiert – bis zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus der Stadt: Die 1902 hier nach den Plänen von Wilhelm Stiassny errichtete Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) stellte das wichtigste Gebäude für das religiöse Leben der jüdischen Minderheit in Wiener Neustadt dar. In unmittelbarer Nähe befanden sich das Lehr- und Bethaus und ein Schächthaus (Schlachthaus). Neben einem privaten Bethaus der Familie Koppel in der Haidbrunngasse und einem rituellen Tauchbad, dessen Standort unbekannt ist, gab es den jüdischen Friedhof in der Wiener Straße 95. 1938 lebten zirka 870 Juden und Jüdinnen in der Stadt, zwischen rund 650 und 680 von ihnen waren Mitglieder der IKG. Während des „Anschlusspogroms“ im März 1938 wurde die Synagoge nicht zum Ziel von antisemitischen Gewaltakten, aber in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 marschierten Nationalsozialisten in einem Fackelzug zum Baumkirchnerring. Eine Gruppe von Personen drang in das Gebäude ein und begann mit Verwüstungen. Das große Zierfenster an der Gebäudefront, das architektonisch als Davidstern ausgeführt war, wurde zerschlagen und die Bauelemente von einem Angehörigen der Sturmabteilung (SA) abgestemmt, sodass nur noch der runde Rahmen übrig blieb. Das herausgebrochene Material landete vor dem Eingangstor des Gotteshauses. Die Inneneinrichtung wurde entweder geraubt oder zerstört. Die NSDAP-Kreisleitung nahm unter anderem die Matrikenbücher der IKG an sich. Thora-Rollen wurden beschlagnahmt, geschändet und zerrissen. Am Donnerstag, dem 10. November 1938, begann die Verhaftung von Juden und Jüdinnen. Einige von ihnen wurden sofort nach Dachau transportiert. Der größte Teil der noch in der Stadt lebenden Juden und Jüdinnen kam zum zentralen Sammelpunkt: der Liegenschaft Baumkirchnerring 4. Jüdische Frauen und Kinder inhaftierte man in der Synagoge und im Bethaus. Die Sturmabteilung bewachte das Sammellager, bis man alle Inhaftierten ins Gefangenenhaus beim Kreisgericht, wo viele jüdische Männer eingesperrt worden waren, marschieren ließ und dann nach Wien verfrachtete. Nationalsozialisten raubten Wertgegenstände und Geld in jüdischen Wohnungen und Häusern. Das jüdische Eigentum ging in fremden Besitz über. Am 15. November 1938 hatte die Übernahme der Synagoge, des Bethauses (am Baumkirchnerring 4) und des jüdischen Friedhofs (in der Wiener Straße 95) mit allen Gebäuden stattgefunden, und zwar in den „physischen Besitz und Genuss“ der Stadt Wiener Neustadt. Die Synagoge sollte zu einem SS-Heim umfunktioniert werden, was nie umgesetzt wurde, sondern es wurde zu einem Lager. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Synagoge nie von Bomben getroffen, aber dennoch 1952/53 abgerissen. Das 1953/54 an ihrem Standort erbaute und 1954 eröffnete Haus des Österreichischen Gewerkschaftsbundes und der Arbeiterkammer, das Ende der 1970er Jahre von der Stadtgemeinde erworben worden war, erhielt 1980 in Erinnerung an den verstorbenen Bundesminister für soziale Verwaltung, Anton Proksch, den Namen „Anton-Proksch-Haus“. Eine Gedenktafel erinnert – inhaltlich jedoch nicht völlig korrekt* – an die Geschichte: „Im Jahr 1902 errichtete die Israelitische Kultusgemeinde Wiener Neustadt an dieser Stelle nach Plänen des Wiener Architekten Wilhelm Stiassny eine repräsentative Synagoge im maurischen Stil. Ähnlich wie viele andere Synagogen des Landes ist auch die Wiener Neustädter Synagoge am 9. November 1938 von Nationalsozialisten devastiert und entweiht worden. Durch die darauffolgende gewaltsame Vertreibung aller Juden aus der Stadt hörte die Israelitische Kultusgemeinde zu bestehen auf. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die bombenbeschädigte* ehemalige Synagoge abgetragen.“ Ausführliche Informationen zur Geschichte von Wiener Neustadt finden Sie unter: www.juedische-gemeinde-wn.at   Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.Werner Sulzgruber, Novemberpogrom 1938. Die „Reichskristallnacht“ in Wiener Neustadt und der Region. Hintergründe – Entwicklungen – Folgen, Wiener Neustadt 2013.    

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Der „Eiserne Ritter“ am Domplatz

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Der „Eiserne Ritter“ beim Dom – Domplatz Ein allzeit getreuer, siegreicher Ritter Der „Eiserne Ritter“ befindet sich an der südlichen Außenwand des Wiener Neustädter Doms und weist den Betrachter nicht auf die Zeit des Mittelalters, sondern auf die des Ersten und Zweiten Weltkrieges hin: Es handelt sich um ein Kriegerdenkmal, wie es in seiner Machart typisch für die Zeit des Ersten Weltkriegs und der darauffolgenden Nachkriegszeit ist. Die vom Künstler Heinrich Krippel geschaffene überdimensionale Ritterfigur hält in ihren Händen jeweils eine Lanze. Diese beiden Lanzen sind durch ein Banner mit der Aufschrift „Allzeit getreu“ verbunden. In martialischer Haltung steht der Ritter auf einem drachenähnlichen Fabel- bzw. Wappentier. Seine Körpersprache signalisiert vielleicht Standhaftigkeit, Kampfesmut und Stolz – schließlich ist er auch siegreich über das unter ihm liegende Wesen. Die feierliche Enthüllung des Denkmals erfolgte am 15. November 1931, also erst lange nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Der Kriegerdenkmalverein Wiener Neustadt hatte 1930 den Auftrag dazu ausgeschrieben und den später realisierten Entwurf aus achtzig Vorschlägen im Rahmen eines Wettbewerbs ausgewählt. Der Ritter steht symbolisch nicht nur für seine Wehrhaftigkeit und Entschlossenheit, sondern für die ritterlichen Tugenden (des Mittelalters) an sich, also Tapferkeit, Treue, Ehre, aber auch Mäßigung, Güte und Mitleid. Die mittelalterliche Vorstellung von der Ritterlichkeit, wie sie vor allem in der höfischen Dichtung und den Heldenepen zum Ausdruck kam, führte in der Geschichte zur Romantisierung und Glorifizierung. Die Verherrlichung des Ritters in seiner Symbolik findet sich sowohl im Krieg als auch danach, wie sich im Kriegerdenkmal am Wiener Neustädter Dom zeigt. Die Bezeichnung „Ritter“ erhielt sich unter anderem in Formen der Auszeichnung, wie zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg in Form des „Ritterkreuzes“ des „Eisernen Kreuzes“ (EK). Der „Eiserne Ritter“ von Wiener Neustadt steht auf einem Sockel, auf dem ein entsprechendes Kreuz sichtbar ist, und außerdem wird mit dem Schrift-Banner eindeutig die Treue hervorgehoben. Dem Begriff der Treue kam während der Zeit des Nationalsozialismus eine spezifische Bedeutung zu, sei es in Parolen für den Führer („Dem Führer allezeit getreu!“) – wie es explizit in Wiener Neustadt der Fall war – oder im heute verbotenen Wahlspruch der Schutzstaffel („Meine Ehre heißt Treue“). Insofern ist die Formulierung „allzeit getreu“ nicht unproblematisch, denn schließlich bezeichnet sie auch den bedingungslosen Gehorsam, wie er von den Soldaten in der Hitler-Diktatur eingefordert wurde. In Wiener Neustadt nahm man dieses Denkmal, das eigentlich auf den Ersten Weltkrieg bezogen war, bewusst auch für die Soldaten des Zweiten Weltkrieges auf. Denn erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Inschrift „Den Gefallenen der Weltkriege 1914-1918 und 1939-1945“ ergänzt und es kam das Symbol des „Eisernen Kreuzes“ bzw. „Schwarzen Kreuzes“ auf dem Sockel hinzu. Im Dom (gleichsam hinter dem Ritter gelegen, im südwestlichen Teil des Doms) befindet sich eine kleine, stets verschlossene Kapelle: die „Gedächtniskapelle“. Im Kapellenraum liegen zwei Bücher auf, geschützt hinter einer Abdeckung, die die Namen der Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs enthalten. Im Buch zu den Gefallenen bzw. Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg mit seinen 806 Namen) sind außerdem, sofern bekannt, der Dienstgrad, das Geburts- und Todesdatum sowie der Ort des Todes eingetragen worden. Auf der Nordwand der Kapelle prangten die abgeänderten Zeilen eines Gedichts von Anton Wildgans (1881-1932): Das ist der Sinn von diesem großen SterbenIhr, die ihr noch lebet, merket wohl:Die schwere Zeit will große Erben.Ihr Todesmut will euren Lebensmut! Obgleich der Name des Lyrikers hinzugefügt wurde, als ob es ein Zitat wäre, so lautet der Wortlaut des Originals aus dem Jahr 1914 aber in Wahrheit anders. Es ist noch dazu kein Gedicht gegen den Krieg, sondern deutsche Kriegslyrik(!), wie sowohl der Titel „Vae Victis!“ (Wehe den Besiegten!) als auchInhalte dieses Weiheliedes klar zum Ausdruck bringen: Strophe 6:Weh den Besiegten! Härtester der Sprüche,An ihren Nacken wird er kalt vollstreckt,Mit Schlächterruhe ohne Haß und FlücheZermalmt die Brut und was sie ausgeheckt.Der Sieger wird die Großmut unterdrückenUnd über schmählich hingekrümmte RückenHinstampfen wie auf häßliches Insekt. (vorletzte) Strophe 11:Das ist der Sinn von diesem großen Sterben,Ihr, die ihr dann noch lebet, merketgut:Die großen Tatenwollengroße Erben,Ihr Todesmut will unsern Lebensmut,Ihr ungemeines opferndes VerrichtenBewirkt ein neues Maß für unsre Pflichten,Und wehe dem, der dann nicht liebt und tut! (letzte) Strophe 12:So zieht denn aus mit alten Schlachtenweisen,Geweiht Heere, Helden Mann für Mann!Jetzt wird mit heißem Blut und kaltem EisenEin wundersames Menschenwerk getan.Die größte Tat ist eurer Kraft beschieden:Dem heiligen Kriege folgt der heilige Frieden,Und weiße Tauben schweben himmelan. Obgleich ein allzeit getreuer, siegreicher Ritter am Dom steht, waren die Soldaten, die sich freiwillig gemeldet hatten oder unfreiwillig in den Krieg ziehen mussten, tatsächlich – sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg – Verlierer dieser großen, blutigen Kriege.  

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AKH am Corvinusring

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Altes Krankenhaus – Corvinusring/Waisenhausgasse NS-Medizin & -„Euthanasie“ An jenem Punkt, an dem der Corvinusring nur noch eingeschränkt befahren werden darf und schließlich zur Fußgängerzone wird, stehen wir an der Einmündung zur Waisenhausgasse direkt vor dem ehemaligen Haupteingang zum Wiener Neustädter Krankenhaus: Das 1889 eröffnete Haus mit seinen 150 Betten war bald erweitert worden und hatte mit einem Infektionsspital 1904 einen neuen Zubau bekommen. Das Infektionsspital bestand aus vier ebenerdigen Pavillons und erhielt seinen Namen nach 1889 in Genf ermordeten Kaiserin: „Kaiserin-Elisabeth-Infektionsspital“. Dem folgten neuerlichen Erweiterung mit einem einstöckigen Sanatorium an der Südseite des AKH (1906), mit einer Erhöhung des Hauptgebäudes um zwei Stockwerke (1926-1928) und mit einem Mütterheim an der Südseite (1936-1937). Zwischen 1938 und 1945 wurden auch Einwohner aus Wiener Neustadt, die von den verantwortlichen Medizinern dazu ausgesucht worden waren, in psychiatrische Anstalten transferiert und systematisch ermordet. Das Ziel der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“ bestand nämlich darin, Erbkrankheiten einzugrenzen und Träger von angeblich „minderwertigerem“ Erbmaterial zu sterilisieren. In der NS-Medizin sprach man von der „Gesundheit des Volksköpers“. Diese könne nur gewährleistet werden, wenn Menschen mit „erblicher Minderwertigkeit“ (beispielsweise Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen, Alkoholismus etc.) durch Unfruchtbarmachung und Tötung („Vernichtung lebensunwerten Lebens“) aus der Gesellschaft verschwinden. Sowohl Kinder als auch Erwachsene aus Wiener Neustadt wurden zu Opfern der NS--„Euthanasie“. In den Krankenanstalten und Gesundheitsämtern – so auch in Wiener Neustadt – wurden Betroffene bürokratisch erfasst und gemeldet. (Kinder-)Ärzte, Pflegepersonal und der jeweilige Amtsarzt waren in diese geregelten Verfahren involviert. Mit der Einweisung in Heil- und Pflegeanstalten war das Todesurteil über die Betroffenen gesprochen. Kinder aus Wiener Neustadt wurden „Am Spiegelgrund“ zu Tode gebracht, wobei als vermeintliche Todesursache verhüllend „Lungenentzündung“ angegeben wurde. Erwachsene aus Wiener Neustadt wurden in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet, indem man sie dort vergaste. Sie waren Teil der über 70.000 Opfer, die im Rahmen der „Aktion T4“ (die ihren Namen von der Verwaltung in der Berliner Tiergartenstraße 4 erhielt) 1940 bis 1941 ermordet wurden. Zirka 60 Opfer der „Aktion T4“ kamen aus Wiener Neustadt: 33 Männer, 25 Frauen und zwei Jugendliche. Weiters tötete man innerhalb des NS-„Euthanasie“-Programms Wiener Neustädter in Gugging, Mauer-Öhling und sogar im über 700 Kilometer entfernten Meseritz-Obrawalde (heute Międzyrzecz in Polen). Man ließ die Patienten dort verhungern oder ermordete sie mit Medikamentengaben (zum Beispiel Schlafmittel-Dosen). Schätzungen gehen von mindestens 100 Menschen aus Wiener Neustadt aus, die Opfer der NS-„Euthanasie“ waren.   Quellen/Literatur:Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wiener Neustadt 19932.Brigitte Haberstroh/Maximilian Huber/Michael Rosecker (Hg.), Stolpersteine Wiener Neustadt. Stadtführer des Erinnerns, Wiener Neustadt 2011.  

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Widerstandsdenkmal im Freiheitspark - I

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Widerstandsdenkmal – Wiener Straße/Freiheitspark Österreichischer Widerstandskampf Zwischen der Wiener und der Grazer Straße befindet sich ein Park, der „Freiheitspark“. Sein Name steht in einem direkten Zusammenhang mit einem Denkmal, das an der Wiener Straße schräg gegenüber der Dänkl-Kapelle steht, dem Widerstandsdenkmal: Dieses Denkmal mit dem eingemeißelten Schriftzug „Freiheitspark Zur Erinnerung an den österreichischen Widerstandskampf“ verweist nicht nur auf den Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus (1938-1945), sondern auch auf den Widerstand gegen die autoritär-faschistischen Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg und gegen den Austrofaschismus, also den „Ständestaat“ (1934-1938). Es wurde am Nationalfeiertag des Jahres 1968 feierlich enthüllt. In Bezug auf die NS-Diktatur sind die meisten Opfer im Bereich des kommunistischen Widerstandes zu finden. Es handelt sich nicht nur um einen organisierten und eindeutig politisch bzw. weltanschaulich motivierten Widerstand gegen das NS-Regime, vonseiten der Arbeiterschaft, also Kommunisten und Revolutionärer Sozialisten, und vonseiten christlich-konservativer, monarchistischer Kreise. Widerstand wurde sehr wohl auch im Kleinen, individuell, wie beispielsweise von einzelnen Priestern und Ordensfrauen, und als Hilfe für Verfolgte geleistet. Der Widerstand zeigte sich in Wiener Neustadt vor allem in der Bildung von Organisationen und der Tätigkeit der Gegen-Propaganda, er wurde primär von Arbeitern getragen. Wenn man sich beispielsweise vor Augen führt, dass zwischen 1938 und 1945 über 65.000 österreichische Juden und Jüdinnen ermordet und 2.700 Österreicher und Österreicherinnen hingerichtet wurden, 16.100 in Gestapo-Haft starben und 16.500 Österreicher und Österreicherinnen in einem Konzentrationslager zu Tode kamen, dann gibt dies ein unmissverständliches Bild von einem totalitären Regime nationalsozialistischer Prägung. In der NS-Diktatur entschieden sich Menschen aus unterschiedlichsten Beweggründen dafür, den Ideen des Nationalsozialismus nicht zu folgen und nach ihrer persönlichen Überzeugung, nicht nach der Masse, zu handeln.   Quellen/Literatur:Karl Flanner, Wiener Neustadt. G'schichtln & Geschichte, Wiener Neustadt 1998.Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Walter Kleindel, Österreich. Daten zur Geschichte und Kultur, Wien/Heidelberg 1978.DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945. Eine Dokumentation, Bd. 2, Wien 1987.  

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Schutträumerdenkmal im Freiheitspark

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Schutträumerdenkmal – Wiener Straße Freiheitspark Aufräumung und Wiederaufbau Die Stadt Wiener Neustadt war eine während des Zweiten Weltkriegs am schwersten bombardierte Stadt des Deutschen Reiches. Die Angriffe der Alliierten vom August 1943 bis zum März 1945 führten ein hohes Ausmaß der Zerstörung herbei. Während des Krieges wurden Aufräumungsarbeiten von Zwangsarbeitern (KZ-Häftlingen des Außenlagers Mauthausen und ungarischen Juden) durchgeführt, aber auch die Bevölkerung arbeitete an der Wiederherstellung, sodass die Kriegswirtschaft mit ihrer Rüstungsproduktion weiterlaufen konnte, Verkehrswege wieder zu benützen waren und alltägliche Abläufe möglich wurden. Nach Graz, Wien, Klagenfurt und Villach hatte man in Wiener Neustadt die fünfthöchste Anzahl von Bombenangriffen (29 Angriffe) erlebt und 790 Tote zu beklagen. Zirka 3.800 Gebäude waren leicht, schwer oder total beschädigt und somit 88 Prozent des gesamten Gebäudebestandes der Stadt – womit Wiener Neustadt die am schwersten getroffene Stadt Österreichs war. Nach dem Ende des Krieges begannen die Einwohner selbstständig mit Aufräumarbeiten, wobei die Angst vor Blindgängern und Sprengfallen groß war. Aber man versuchte natürlich alles Brauchbare zu bergen und einen gewissen Grad an Normalität herzustellen. Mit Schaufeln, Spaten, Schiebetruhen und Wagen ausgerüstet wurden die Straßen kontinuierlich freigemacht und schließlich Haus für Haus von Schutt und Trümmern befreit. Mit Hilfe einer mobilen Feldbahn (mit kleinen Kippwaggons) konnte der Arbeitsprozess beschleunigt werden. Es war eine sehr anstrengende Arbeit für die ausgezehrten, hungernden Menschen. 1946 startete eine von oben angeordnete Schutträumung, in der jeder in einem Zeitraum von zwei Monaten zu mindestens 30 Stunden Schuttbeseitigung verpflichtet war. Von einer „freiwilligen“ Arbeit kann hier also nicht die Rede sein. Die Hauptleistung lag anfangs bei den Frauen („Trümmerfrauen“), Jugendlichen und Alten, da sich viele Männer in Kriegsgefangenschaft befanden. Es ist übrigens ein hartnäckiges Gerücht, dass man angeblich die Stadt Wiener Neustadt gar nicht aufbauen wollte, weil es aufgrund der Zerstörung unmöglich erschien, und sie an anderer Stelle neu aufbauen hätte wollen. Den Tatsachen entspricht vielmehr, dass man diesen Mythos erfand, um die finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau zu erhalten: also eher ein rhetorischer Kunstgriff.   Quellen/Literatur:Karl Flanner, Wiener Neustadt. G'schichtln & Geschichte, Wiener Neustadt 1998.Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wiener Neustadt 19932.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.DÖW (Hg.), Österreicher und der Zweite Weltkrieg, Wien 1989.  

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Denkmal Sudetendeutsche

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Denkmal für die vertriebenen Sudetendeutschen – Städtischer Friedhof Die Volksgruppe der Sudetendeutschen Auf dem städtischen Friedhof wurde, verborgen hinter dem Verwaltungsgebäude beim Haupteingang, nahe dem Zaun des Friedhofs, ein Denkmal für die vertriebenen Sudetendeutschen angelegt. Das Gebiet, in dem bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs die deutsche Minderheit in der ehemaligen Tschechoslowakei lebte, wurde auf dem schwarzen Marmor dargestellt: Im Oktober 1938 waren diese deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei annektiert und mit dem 21. Oktober die Verwaltung Deutsch-Südmährens – mit den Bezirken Neu-Bistritz, Znaim und Nikolsburg – an „Niederdonau“ (Niederösterreich) angegliedert worden. Sudetendeutsche kamen daraufhin auch nach Wiener Neustadt. Die NS-Frauenschaft Wiener Neustadt organisierte damals Spenden-Sammlung (Kleider, Schuhe etc.) für diese „sudetendeutschen Flüchtlinge“, die hier bleiben wollten. Die sudetendeutschen Kinder und Jugendlichen wurden an den Schulen eingeschrieben und nahmen am Unterricht teil. Am 15. März 1939 kam es zur Einverleibung der „Rest-Tschechei“ und zur Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“. Noch vor Kriegsende 1945 flüchteten viele Sudetendeutsche aus Angst vor Übergriffen der tschechoslowakischen Bevölkerung und der sowjetischen Armee. Während der Zeit der Okkupation durch die Deutsche Wehrmacht war es zu zahlreichen Gewaltakten gegen die tschechoslowakische Bevölkerung gekommen, jetzt wurde gleichsam Rache wegen dieser NS-Verbrechen und der NS-Herrschaft genommen. Es begann die gewaltsame Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus dem Gebiet der Tschechoslowakei. In einer ersten Phase vertrieb man 800.000 Menschen und beschlagnahmte deren Eigentum (auf Basis der sogenannten „Beneš-Dekret“). Davon starben über 241.000 Sudetendeutsche an Hunger, aufgrund der ihnen zugefügten Gewalt und Misshandlungen, auf Todesmärschen und in Massakern, aber auch wegen über sie gefällten Todesurteilen. In einer zweiten Phase wurden über 2,2 Millionen Menschen „ausgesiedelt“. In Wiener Neustadt lebten Sudetendeutsche, die zum Beispiel 1938 und später in die Stadt gekommen waren. Sie nahmen 1945/46 vertriebene Angehörige auf. Das Denkmal für die vertriebenen Sudetendeutschen erinnert an den Verlust der Heimat und den Tod von Verwandten.   Quellen/Literatur:Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Hans Henning Hahn (Hg.), Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten, Frankfurt 2007.  

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Sowjetischer Soldatenfriedhof

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Der sowjetische Soldatenfriedhof – Städtischer Friedhof Die „Russen“ – Befreier und Besatzer Nahe dem Haupteingang in den städtischen Friedhof liegt zur Linken das großflächige Gelände des „Russischen Friedhofs“, wie er gerne genannt wird. Korrekt bezeichnet ist es der „Sowjetische Soldatenfriedhof“: Diese Gedenkstätte wurde 1945 bis 1947 errichtet. Der Obelisk, gekrönt mit einem Sowjetstern, und die ihn umgebenden 22 Gräber sind jedoch nicht die einzigen Gedenkmonumente und Grabstellen für die sowjetischen Soldaten. Denn ein Weg führt weiter auf eine größer angelegte, erhöhte Fläche des Soldatenfriedhofs, wo jedoch die Grabsteine nicht mit den ursprünglichen Grablegen übereinstimmen. Auf der aus zwei Parzellen bestehenden Grabstätte für Soldaten der ehemaligen sowjetischen Armee sind (laut Angaben des Österr. Schwarzen Kreuzes) 952 Personen bestattet. Am 23. Februar 1946 wurde das Heldendenkmal mit der Aufschrift „Ewiger Ruhm den Helden der Roten Armee, die in den Kämpfen für die Freiheit der Völker Europas gefallen sind“ enthüllt. An diesem Ort sind auch Frauen begraben, da sich in der Roten Armee auch Soldatinnen in der kämpfenden Truppe befanden. Darüber hinaus sind hier Soldaten bestattet worden, die nicht in den letzten Kampfhandlungen um die Stadt Wiener Neustadt und die Region zu Tode kamen, sondern auch während der Besatzungszeit. Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die die Einnahme der Stadt durch die Rote Armee und die Nachkriegszeit miterlebt haben, erinnern sich an Massenvergewaltigungen durch russische Soldaten – ein Tabuthema, bis heute – und die Abnahme bzw. den Raub von Armbanduhren und Fahrrädern. Die sowjetischen Soldaten wurde mehr als „Besatzer“, weniger als „Befreier“ empfunden. In der russischen Besatzungszone entspannte sich die Situation überhaupt langsamer als in den anderen Zonen Österreichs. Dies hing auch mit der Beschlagnahmung des sogenannten Deutschen Eigentums, nach dem Potsdamer Abkommen vom August 1945, und von ehemals „arisierten“ Betrieben zusammen. Zu den USIA-Betrieben (unter sowjetischer Verwaltung und Eigentums befindliche Betriebe in Österreich) zählte etwa die Rax-Werke als größtes lokales metallverarbeitendes Unternehmen. Am 19. September 1955 verließ bekanntlich der letzte sowjetische Soldat Österreich. Dies war auch das Ende der Besatzungszeit für Wiener Neustadt.   Quellen/Literatur:Peter Sixl (Hg.), Sowjetische Tote des Zweiten Weltkrieges in Österreich. Namens- und Grablagenverzeichnis. Ein Gedenkbuch, Graz/Wien 2010.Sammlung Sulzgruber, Zeitzeugen-Berichte.  

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Ruhestätte alliierter Kriegstoter

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Ruhestätte alliierter Kriegstoter des Zweiten Weltkriegs – Städtischer Friedhof Die „Anderen“ – Menschen aus anderen Teilen Europas Gleich anschließend an die zweite Parzelle des „Sowjetischen Soldatenfriedhofs“ findet man ein schlichtes, grün umrahmtes Gelände vor. Eine fast unleserliche Inschrift erklärt uns den Ort, an dem wir uns befinden. Es ist eine Grabstätte für „alliierte Kriegstote“: Hier liegen 195 Menschen verschiedenster Nationen begraben, die in den Jahren von 1941 bis 1945 zu Tode kamen, zumeist 1943 bis 1945. Die Gründe ihres Todes sind nicht ablesbar. Jedenfalls handelt es sich um Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder – und bei fast einem Drittel um sowjetische Soldaten. Diese Kriegsopfer, unter denen Flüchtlinge und Zwangs- bzw. Fremdarbeiter sind, kamen aus der Tschechoslowakei [CSSR] (5), Belgien (2), Frankreich (2), Italien (2), Griechenland (20), Jugoslawien (17), Polen (20) und aus der Sowjetunion (127). Bei den beiden Franzosen handelt es sich um zwei nicht identifizierbare französische Zivilisten. Unter den aus der Sowjetunion stammenden Opfern, die hier begraben wurden, sind 59 identifizierbare und 7 nicht identifizierbare sowjetische Zivilisten sowie 11 nicht identifizierbare sowjetische Soldaten und 50 unbekannte sowjetische Soldaten.   Quellen/Literatur:Sammlung Sulzgruber  

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Denkmal der Opfer des Faschismus

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Denkmal der Opfer des Faschismus – Städtischer Friedhof „Niemals vergessen“ Schon 1947/49 wurde dieses Denkmal am Hauptweg durch den Friedhof, an der zweiten Gabelung (nach bzw. nördlich der Kapelle) errichtet. Das Denkmal wird auch als eines „der Opfer des Faschismus und des Bombenkrieges“ bezeichnet wird, weil ein Relief ein brennendes Gebäude zeigt und an die schwere Bombardierung der Steinfeldstadt erinnert. Die beiden Inschriften „Niemals vergessen“ und „Den Opfern des Faschismus 1934 1945“ beziehen sich auf die Zeit des Austrofaschismus (1934-1938) und Nationalsozialismus (1938-1945). Mit dem Hinweis auf diese Zeitspanne von 12 Jahren ist die zentrale Figur des Überlebenden, nackten Gemarterten bzw. des Befreiten, dessen Kette gesprengt ist, verbunden. Eine große Gedenktafel steht ausschließlich im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus („Zum Gedenken an die im Kampf um Österreichs Freiheit während der Jahre 1938-1945 gestorbenen Wiener Neustädter“). Aber die darauffolgende Namensliste ist nicht korrekt. Denn die folgenden Personen waren Opfer des NS-Systems aus rassistisch-antisemitischen Gründen, da es sich um Juden handelt: Ernst Donath, Felix Kobler, Maria Thalberg, Max Stössel (nicht „Stössl“), Dr. Richard Herzog und Paul Johannes Schlesinger. Nur beiden letztgenannten Personen könnten als „politische Opfer“ gedeutet werden, es handelte sich nämlich bei Dr. Richard Herzog um einen ehemaligen Polizeirat und bei Paul J. Schlesinger um einen ehemaligen Nationalrat. Aber sie waren keine „Widerstandskämpfer“ und sind nicht „im Kampf um Österreichs Freiheit“ gestorben. Die Anzahl der politischen Opfer und getöteten Widerstandskämpfer bzw. -kämpferinnen, die ihren Wohnort in Wiener Neustadt hatten, ist in Wahrheit erheblich größer. Insgesamt wurden bisher 42 Personen – 40 Männer und zwei Frauen – dokumentiert.   Quellen/Literatur:Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Opferdatenbank DÖW  

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Jüdischer Friedhof

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Der jüdische Friedhof – Wiener Straße 95 Begräbnis- und Gedenkstätte für Juden und Jüdinnen In der Wiener Straße 95 betritt man durch ein Tor den Vorhof des jüdischen Friedhofs von Wiener Neustadt. Er ist der letzte bauliche Hinweis auf die einst große jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt: Mitte des 19. Jahrhunderts war Juden die Wiederansiedlung in Niederösterreich erlaubt worden und es bildete sich in Wiener Neustadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – in der Folge der Zuwanderung aus Böhmen, Mähren, vor allem aber aus Ungarn – eine jüdische Gemeinde mit mehreren hundert Mitgliedern. Die 1871 konstituierte israelitische Kultusgemeinde (IKG) erhielt 1888 einen Friedhof, der bis 1938 belegt wurde und auf dem sich über 280 Personen bestattet finden. Obgleich 1938 zahlreiche jüdische Friedhöfe in Österreich geschändet, demoliert und zerstört wurden, blieb der jüdische Friedhof in Wiener Neustadt nahezu unangetastet und wurde von den Nationalsozialisten nicht zerstört. 1940 erwarb die Stadtgemeinde den Friedhof. Trotz der massiven Bombardierung der Rüstungsstadt im Zweiten Weltkrieg blieb das Areal, das im Industriegebiet der Stadtgemeinde lag, fast unbeschädigt. Nach dem Krieg kam es zu keiner Neukonstituierung der IKG, wenige jüdische Einwohner hatten überlebt und nur vereinzelt kehrten sie in die Stadt zurück. Sucht man auf dem Gelände des jüdischen Friedhofes gezielt nach Gräbern mit der Jahreszahl 1938, so finden sich einige, denn noch bis zum Oktober 1938 durften letzte Beerdigungen stattfinden. Mit der „Reichskristallnacht“ (dem Novemberpogrom 1938) wurde die jüdische Bevölkerung aus der Stadt vertrieben. Doch zwei Grabsteine haben in ihrer Inschrift spätere Jahreszahlen. Überlebende der Shoah ließen darauf jeweils eine zusätzliche Inschrift setzen. Folglich lesen wir zum einen auf dem Grab Nr. 145 (am Ende der kleinen Allee im nördlichen Teil des Friedhofs), dass Ferry Mandl – hier „Fery Mandel“ – am 23. September 1943 in Sibirien zu Tode kam, und zum anderen am Grabstein Nr. 185 (nahe dem Eingang an der rechten Seite der Hauptallee) über Julie Moses, dass sie am 3. November 1942 in Treblinka umgekommen ist. Dies sind die einzigen Inschriften, die auf die Ermordung von Juden und Jüdinnen aus Wiener Neustadt in der Shoah informieren. Insgesamt sind mindestens 200 jüdische Bewohner der Steinfeldstadt zur Zeit des Nationalsozialismus ermordet worden. Ausführliche Informationen zur Geschichte des jüdischen Friedhofs finden Sie unter: www.juedische-gemeinde-wn.at   Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt, Wien/Horn 2013.  

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Bunker in der Stadionstraße

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Ein-Mann-Bunker – Stadionstraße 42 Ein Kuriosum aus der Zeit der Rax-Werke An der Stadionstraße, in unmittelbarer Nähe zum Kreisverkehr, der in das Fachmarktzentrum führt, befindet sich ein Beobachtungsbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich um einen Ein-Mann-Bunker, der auf dem ehemaligen Geländes des „Rax-Werkes“ stand: Unglaublich, aber wahr, wir haben hier einen behelfsmäßigen „Schutzraum für Einzelpersonen“ vor uns, in den man von zwei Seiten gelangen kann. Während man zu anderen Ein-Mann-Bunkern dieser oder ähnlicher Bauart über Tunnel oder Gräben kommen konnte und diese als Teil von Wehranlagen auch in unterschiedlichen Höhen in den Boden versenkt wurden, platzierte man diesen auf Bodenniveau. Der darin Ausschau bzw. Wache haltende Mann konnte seine Umgebung über vier Beobachtungsschlitze kontrollieren. Die Betonwand hielt Splittern einer Handgranate und Gewehrbeschuss stand, aber nicht mehr. Insofern war die exponierte Position während eines Bombardements lebensgefährlich. Trotzdem mussten dazu abkommandierte Personen (des „Werkschutzes“ der „Rax“-Fabrik) während des Zweiten Weltkriegs hierin angeblich Treffer und Brände melden. In Wiener Neustadt weiß man von insgesamt drei solchen „Schutzräumen für Einzelpersonen“, die heute noch bestehen. In der NS-Zeit waren es deutlich mehr. Der Ein-Mann-Bunker in der Stadionstraße ist als Kuriosum belassen worden.   Quellen/Literatur:Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.Werner Sulzgruber/u. a., Mauthausen in Wiener Neustadt. Ein Projekt anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, Wiener Neustadt 2009.  

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„Serbenhalle“

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Die „Serbenhalle“ – Pottendorfer Straße 47 Außenlager des KZ Mauthausen An der Pottendorfer Straße ist eine große Werkshalle erhalten, die eigentlich aus der serbischen Stadt Kraljewo stammt und 1943 nach Wiener Neustadt transportiert wurde. Deshalb trägt sie auch den Namen „Serbenhalle“. Der Bau in einem Ausmaß von 300 Metern Länge, 70 Metern Breite und 30 Metern Höhe birgt mehrere Geheimnisse: Nach dem „Anschluss“ 1938 erwarb die deutsche Motorenfabrik Henschel & Sohn GmbH. die „Wiener Lokomotivfabrik A.G.“ in Wien-Floridsdorf mit der „Wiener Neustädter Lokomotivfabrik“ (LOFAG) in der Pottendorfer Straße. Am 5. Mai 1942 wurde die „Rax-Werke GmbH“ als Tochtergesellschaft der Henschel-Werke gegründet. Eine zur Produktion erforderliche Halle schaffte man aus Jugoslawien heran, da diese nicht nur zerleg- und wieder aufbaubar war, sondern mit ihrer immensen Spannweite ohne Innensäulen bzw. -stützen den Bau großer Objekte gewährleistete. Für die Herstellung kriegswichtiger Rüstungsgüter erschien sie also ideal. Es interessierte niemanden, dass in Kraljewo tausende Zivilpersonen von der deutschen Wehrmacht getötet worden waren. Schon für die Aufbauarbeiten wurden KZ-Häftlinge eingesetzt und schließlich an Ort und Stelle ein Konzentrationslager eingerichtet, das als „Außenlager“ von Mauthausen geführt wurde und den Namen „SS-Arbeitslager Wiener Neustadt“ erhielt. KZ-Häftlinge unterschiedlichster Nationalität (Franzosen, Polen, Sowjetbürger, Deutsche, Jugoslawen etc.) begannen bald mit der Produktion von Raketen V2 („Vergeltungswaffe 2“). Nach einer kurzzeitigen Auflösung des KZ wurde es 1944 reaktiviert, um jetzt sogenannte „Marine-Artillerie-Leichter“ und Tender für Lokomotiven zu erzeugen. Im März 1945 wurde die KZ-Häftlinge in einem Todesmarsch nach Mauthausen getrieben. Die Geschichte der „Serbenhalle“, nämlich hinsichtlich ihrer Herkunft, ihrer Nutzung als Raketenproduktionsstätte und ihrer als KZ-Außenlager, ist nahezu in Vergessenheit geraten. Heute wird die Halle als Lager verwendet. 2014 bildete ein Teil derselben auch erstmals den Standort für eine künstlerische Bespielung mit einer modernen Bühnen-Inszenierung (als Polydrama).   Quellen/Literatur:Karl Flanner, Wiener Neustadt. G'schichtln & Geschichte, Wiener Neustadt 1998.Karl Flanner, Das Konzentrationslager im Rax-Werk Wiener Neustadt, Wiener Neustadt 1998.Florian Freund/Bertrand Perz, Das KZ in der Serbenhalle. Zur Kriegsindustrie in Wiener Neustadt, Wien 1987.Brigitte Haberstroh/Maximilian Huber/Michael Rosecker (Hg.), Stolpersteine Wiener Neustadt. Stadtführer des Erinnerns, Wiener Neustadt 2011.Werner Sulzgruber/u. a., Mauthausen in Wiener Neustadt. Ein Projekt anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, Wiener Neustadt 2009.Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.  

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Denkmal Mauthausen-Außenlager

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Denkmal – Pottendorfer Straße 47 Werbung & Information über das Außenlager von Mauthausen Gerade deshalb, weil die dunkle Geschichte der „Serbenhalle“ (heute Roigk-Hallen) nahezu vergessen bzw. verdrängt worden ist, wurde ein Denkmal als Leuchtreklamen-Konstruktion vor der Halle aufgestellt: Die in Rot gehaltenen Tafel an der Pottendorfer Straße soll Aufmerksamkeit erzeugen. Jeweils drei Ausrufe („Immer irgendwer! Immer irgendwo! Immer irgendwann!“) und Fragen („Nie ich? Nie hier? Nie jetzt?“) sowie die Symbolik des Stacheldrahts an der der Straße zugewandten Denkmal-Seite werden vom Passanten vielleicht mit der Halle im Hintergrund in Verbindung gebracht, mit der sie auch in Zusammenhang stehen. Auf der Rückseite des Denkmals erhält man Information zum Kontext:In den Jahren 1943-1945 wurde von den nationalsozialistischen Machthabern hierin der so genannten Serbenhalle des Rax-Werkes, ein dem KZ-Mauthausenunterstehendes Konzentrationslager mit bis zu 1.000 Gefangenen betrieben. Diesewurden unter unmenschlichsten Bedingungen zur Rüstungsarbeit für den von denNationalsozialisten entfesselten Weltkrieg gezwungen. Viele sind dabei um ihrLeben oder ihre Gesundheit gekommen.Ihr Opfer bleibt unvergessen!Möge dieses Denkmal uns immer daran erinnern, dass politische Systeme undgesellschaftliche Verhältnisse immer wieder versuchen uns zu Verbrechen zuverführen oder zu nötigen, wir selbst es aber sind, die solche Verbrechenentweder ignorieren, dulden und tatkräftig unterstützen oder sie erkennen,bekämpfen und verhindern können.Mauthausenkomitee Verein Alltag Verlag   Quellen/Literatur:Werner Sulzgruber/u. a., Mauthausen in Wiener Neustadt. Ein Projekt anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, Wiener Neustadt 2009.Brigitte Haberstroh/Maximilian Huber/Michael Rosecker (Hg.), Stolpersteine Wiener Neustadt. Stadtführer des Erinnerns, Wiener Neustadt 2011.  

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Lokomotive „Fanny“

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Lokomotive „Fanny“ – Pottendorfer Straße/Stadionstraße Lokomotivfabrik & Rax-Werke Eine Lokomotive, die den Namen „Fanny“trägt, steht erhöht an der Kreuzung Pottendorfer Straße/Stadionstraße und erinnert an die „Wiener Neustädter Lokomotivfabrik“ (LOFAG), die sich in diesem Gebiet entlang der Pottendorfer Straße erstreckte. Auf einem versteckten Schild steht Näheres zur Lokomotive geschrieben: Werkslokomotive „Fanny“Gebaut im Jahre 1870 in der Lokomotivfabrikvorm. G. Sigl in Wiener Neustadt(seit 1943 Rax-Werke)Die Lokomotive Fanny wurde bis zur Stillegungdes Betriebes im Februar 1966 für deninnerbetrieblichen Transport herangezogen Während der NS-Zeit wurden in der LOFAG bzw. in den Rax-Werke jedoch keine Zugfahrzeuge erzeugt, sondern der Rüstungsbetrieb konzentrierte sich auf V2-Raketen-Teile, Tender (Brennstoff- und Wasser-Vorratsbehälter) und Leichter (Schiffe ohne Aufbauten). Dementsprechend wurde das Industriegelände ab 1943 massiv bombardiert. In der Erzeugung der LOFAG/Rax-Werke, die entlang der Pottendorfer Straße, südlich und nördlich der Stadionstraße, ihre Produktionsstätten hatten, waren KZ-Häftlinge und andere Zwangsarbeiter tätig. Das näher zur Kreuzung liegende Denkmal mit einem metallenen Kranz soll uns „niemals vergessen“ lassen, dass Arbeiter der Rax-Werke verhaftet wurden und zu Opfern des Nationalsozialismus wurden. Deshalb zeigt das Denkmal auch einen KZ-Winkel (ein Dreieck) mit einer Häftlingsnummer. Unseren vom deutschenFaschismus gemordetenGenossen, die für ein freiesÖsterreich starben.Haiden Ludwig Höchstätter AlfredPuschek Julius Winkelmann FranzPostl JosefIm GedenkenDie Belegschaftdes Rax-Werke 1948 wurde dieses Denkmal mittels Geldspenden von Arbeitern und Angestellten der Rax-Werke finanziert, ehrenamtlich für ihre getöteten Kollegen hergestellt und auf dem Industriegelände platziert. 1973 versetzte man es an den heutigen Standort. Die angeführten Personen – Ludwig Haiden, Alfred Höchstätter, Julius Puschek, Franz Winkelmann und Josef Postl – starben in einem KZ oder wurden wegen ihrer Widerstandstätigkeit hingerichtet.   Quellen/Literatur:Karl Flanner, Freiheitskampf. Widerstand im Gebiet Wiener Neustadt 1938-1945, Wiener Neustadt 2003.DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945. Eine Dokumentation, Bd. 2, Wien 1987.Werner Sulzgruber/u. a., Mauthausen in Wiener Neustadt. Ein Projekt anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, Wiener Neustadt 2009.Gertrud Gerhartl, Wiener Neustadt. Niederösterreichischer Kulturführer. Wien/München 1983.Gerhard Geissl, Denkmäler in Wiener Neustadt. Orte des Erinnerns, Berndorf 2013.  

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Industrieviertelmuseum Wiener Neustadt

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Industrieviertelmuseum Nach Stationen unseres Stadtspaziergangs an der Pottendorfer Straße, am städtischen Friedhof oder im Freiheitspark bietet es sich an, das nahe gelegene Industrieviertelmuseum in der Anna-Rieger-Gasse 4 zu besuchen. http://stadtmuseum.wiener-neustadt.at/industrieviertelmuseum  

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