Das Ruthner`sche Turmgewächshaus – Urbane Landwirtschaft in Wiener Neustadt

Erinnerungsort

Das Ruthner`sche Turmgewächshaus – Urbane Landwirtschaft in Wiener Neustadt

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16.239437

Ehemalige städtische Gärtnerei im Stadtpark/Nachbargrundstück zum Hotel „Hilton Garden Inn“ Das Ruthner`sche Turmgewächshaus – Urbane Gartenbau- und Landwirtschaft in Wiener Neustadt   Noch vor Kurzem stieß der kundige Spurensucher nahe den Kasematten, nämlich auf dem Gelände der ehemaligen städtischen Gärtnerei im Stadtpark, auf einen besonderen Turm: einen Glasturm, oder genauer gesagt, ein Turmgewächshaus. Dieses einzigartige Exemplar war vom Stadtpark aus am besten sichtbar, beispielsweise wenn man vom Areal der Tennisplätze in Richtung Nordosten oder Norden (abhängig vom eigenen genauen Standort) blickte. 2017 wurde der Turm allerdings zerlegt und abtransportiert, um irgendwann wieder (originalgetreu) zusammengebaut zu werden und einen neuen Platz zu erhalten. Die obersten Stadtherren ließen den Glasturm entfernen, weil er neben dem neuen Hotel zukünftig unpassend erschien. Beim Wiener Neustädter Turmgewächshaus handelt es sich um eine Erfindung des Wiener Maschinenbauingenieurs Othmar Ruthner, das in Wiener Neustadt als eines der ersten überhaupt schon 1964/65 errichtet worden war und bis zum Jahr 2006 in Betrieb gewesen ist. Bis 2017 war der Ruthner-Turm sogar noch funktionstüchtig und der letzte Turm seiner Art in Österreich, vielleicht Europas. Das Ziel dieses Patents bestand darin, auf einer kleinen Grundfläche eine möglichst große Nutzfläche zu haben. Der gläserne Turm beherbergte deshalb eine Art von Aufzug, der mit einem Paternoster vergleichbar ist und Pflanzen permanent in einem Kreislauf von unten nach oben transportiert. In der Folge wurden jeder Pflanze die gleichen klimatischen Bedingungen geboten. Allerdings benötigte ein solches Turmgewächshaus relativ viel Energie, denn einerseits musste das Aufzugsystem ständig angetrieben werden und andererseits war ein Ventilator notwendig, um die warme Luft, die sich im oberen Teil des Turmes sammelte, nach unten zu befördern. In der Mitte der 1960er Jahre wurde ein 41 Meter hoher und rundum verglaster Ruthner-Turm auf der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG 1964) noch als Innovation des Gartenbaus präsentiert. Das Kunstklima im Inneren des Glasturms brachte Rekordernten. Die mobilen Gemüse- oder Blumenbeete, die in schwindelnde Höhen transportiert wurden und für überdurchschnittlichen Ertrag sorgten, ließen vor einem halben Jahrhundert und vor den Energiekrisen (ab den 1970er Jahren) wohl keine andere Erwartung zu.  Auftraggeber aus insgesamt 30 Staaten wollten Mitte der 1960er Jahre die bis zu rund 40 Meter hohen „Chlorophyll-Retorten aus Glas, Stahl und Kunststoff“ einsetzen. Turmgewächshäuser wurden als Chance auf eine „fabrikmäßige Herstellung“ von Lebensmitteln erachtet, indem fast 500 Plastikschalen oder 9.500 Blumentöpfe – mit Spezialerde befüllt und mit zugeführter Nährflüssigkeit – Blumen und Gemüse in einem wachstumsfördernden Klima deutlich rascher (nach dem Erfinder mindestens 50 Prozent schneller als herkömmlich) und in großem Umfang gedeihen ließen. Es war nur eine Arbeitskraft für die technische Bedienung und erforderliche Arbeiten vonnöten. Bei wenig horizontaler Fläche wuchsen die „Turmpflanzen“ über das ganze Jahr in unterschiedlichsten Klimaregionen.  Doch der Erfolg blieb für Ruthner, der einige Patente angemeldet hatte, und damit auch sein „Turmgewächshaus“ aus. Während ein klassisches Glashaus diese laufende Energie nicht braucht, wurden die Energiekosten für Aufzugsantrieb und Luftumwälzung zum Todesstoß für den Ruthner`schen Glasturm. Er wurde als unrentabel gesehen. Heute werden allerdings, angesichts der Nahrungsmittelknappheit (auf dem „horizontalen Platz“ unserer Erde), wieder ähnliche Modelle der urbanen Landwirtschaft umgesetzt, wie zum Beispiel das sogenannte „Vertical Farming“ bzw. „Skyfarming“. Dort, wo es wenig Fläche gibt, aber der Nahrungsmittelbedarf hoch ist, werden Ruthners Pionier-Ideen zur Landwirtschaft – obgleich weiterhin kostenintensiver als die Flächenlandwirtschaft – also wieder zum Trend und zu einem Zukunftsthema (wie „Reis-Hochhäuser“). Dieser Beitrag soll an den Wiener Neustädter Ruthner-Turm an seinem historischen Standort erinnern: an das letzte Unikat einer visionären Zukunftstechnik und an ein außergewöhnliches technisches Kulturgut.  Wenn Sie mehr zum Wiener Neustädter Ruthner-Turm wissen möchten, finden Sie hier zwei Fachartikel als Download (publiziert über den Wiener Neustädter Denkmalschutzverein): Teil 1: Artikel Ruthner-Turm – Schwerpunkt: Geschichte des Ruthner-Turms in Wiener Neustadt Teil 2: Artikel II Ruthner-Turm – Schwerpunkt: Geschichte des Ruthner-Turms in Österreich Anmerkung zum Schluss: Seit 2016 bemüht sich eine Initiative in Wiener Neustadt darum, dass der Wiener Neustädter Ruthner-Turm wieder an geeigneter Stelle aufgebaut und vielleicht sogar zu Anschauungszwecken betrieben wird. Dabei ist an ein Zusammenspiel von alternativer Stromgewinnung (z. B. Photovoltaik) und einem Vertical-farming-Projekt gedacht. Das Ziel der ehrenamtlichen Arbeit besteht darin, konkrete Lösungen anzubieten und dem Eigentümer, also der Stadtgemeinde Wiener Neustadt, sinnvolle Optionen zu geben.    Tipps für nahe Sehenswürdigkeiten:  - Schubert-Denkmal an der Haupt-Promenade durch den Stadtpark - Franz-Joseph-Denkmal im südwestlichen Stadtpark  - Wetterhäuschen im südwestlichen Stadtpark   Quellen/Literatur:  Horst Riethus/Holger Bau, Das Turmgewächshaus nach Ruthner und seine Bedeutung für den Gemüsebau, Wien 1970. Werner Sulzgruber, Das Ruthner'sche Turmgewächshaus in Wiener Neustadt – das letzte seiner Art. In: Unser Neustadt. Blätter des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereins 3-4/2016, S. 1-12.  

Der Jakober-Turm

47.810350

16.240179

Ehemalige städtische Gärtnerei im Stadtpark/Nachbargrundstück zum Hotel „Hilton Garden Inn“

Das Ruthner`sche Turmgewächshaus – Urbane Gartenbau- und Landwirtschaft in Wiener Neustadt

 

Noch vor Kurzem stieß der kundige Spurensucher nahe den Kasematten, nämlich auf dem Gelände der ehemaligen städtischen Gärtnerei im Stadtpark, auf einen besonderen Turm: einen Glasturm, oder genauer gesagt, ein Turmgewächshaus. Dieses einzigartige Exemplar war vom Stadtpark aus am besten sichtbar, beispielsweise wenn man vom Areal der Tennisplätze in Richtung Nordosten oder Norden (abhängig vom eigenen genauen Standort) blickte.

2017 wurde der Turm allerdings zerlegt und abtransportiert, um irgendwann wieder (originalgetreu) zusammengebaut zu werden und einen neuen Platz zu erhalten. Die obersten Stadtherren ließen den Glasturm entfernen, weil er neben dem neuen Hotel zukünftig unpassend erschien.

Beim Wiener Neustädter Turmgewächshaus handelt es sich um eine Erfindung des Wiener Maschinenbauingenieurs Othmar Ruthner, das in Wiener Neustadt als eines der ersten überhaupt schon 1964/65 errichtet worden war und bis zum Jahr 2006 in Betrieb gewesen ist. Bis 2017 war der Ruthner-Turm sogar noch funktionstüchtig und der letzte Turm seiner Art in Österreich, vielleicht Europas.

Das Ziel dieses Patents bestand darin, auf einer kleinen Grundfläche eine möglichst große Nutzfläche zu haben. Der gläserne Turm beherbergte deshalb eine Art von Aufzug, der mit einem Paternoster vergleichbar ist und Pflanzen permanent in einem Kreislauf von unten nach oben transportiert. In der Folge wurden jeder Pflanze die gleichen klimatischen Bedingungen geboten.

Allerdings benötigte ein solches Turmgewächshaus relativ viel Energie, denn einerseits musste das Aufzugsystem ständig angetrieben werden und andererseits war ein Ventilator notwendig, um die warme Luft, die sich im oberen Teil des Turmes sammelte, nach unten zu befördern.

In der Mitte der 1960er Jahre wurde ein 41 Meter hoher und rundum verglaster Ruthner-Turm auf der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG 1964) noch als Innovation des Gartenbaus präsentiert. Das Kunstklima im Inneren des Glasturms brachte Rekordernten. Die mobilen Gemüse- oder Blumenbeete, die in schwindelnde Höhen transportiert wurden und für überdurchschnittlichen Ertrag sorgten, ließen vor einem halben Jahrhundert und vor den Energiekrisen (ab den 1970er Jahren) wohl keine andere Erwartung zu. 

Auftraggeber aus insgesamt 30 Staaten wollten Mitte der 1960er Jahre die bis zu rund 40 Meter hohen „Chlorophyll-Retorten aus Glas, Stahl und Kunststoff“ einsetzen. Turmgewächshäuser wurden als Chance auf eine „fabrikmäßige Herstellung“ von Lebensmitteln erachtet, indem fast 500 Plastikschalen oder 9.500 Blumentöpfe – mit Spezialerde befüllt und mit zugeführter Nährflüssigkeit – Blumen und Gemüse in einem wachstumsfördernden Klima deutlich rascher (nach dem Erfinder mindestens 50 Prozent schneller als herkömmlich) und in großem Umfang gedeihen ließen. Es war nur eine Arbeitskraft für die technische Bedienung und erforderliche Arbeiten vonnöten. Bei wenig horizontaler Fläche wuchsen die „Turmpflanzen“ über das ganze Jahr in unterschiedlichsten Klimaregionen. 

Doch der Erfolg blieb für Ruthner, der einige Patente angemeldet hatte, und damit auch sein „Turmgewächshaus“ aus. Während ein klassisches Glashaus diese laufende Energie nicht braucht, wurden die Energiekosten für Aufzugsantrieb und Luftumwälzung zum Todesstoß für den Ruthner`schen Glasturm. Er wurde als unrentabel gesehen.

Heute werden allerdings, angesichts der Nahrungsmittelknappheit (auf dem „horizontalen Platz“ unserer Erde), wieder ähnliche Modelle der urbanen Landwirtschaft umgesetzt, wie zum Beispiel das sogenannte „Vertical Farming“ bzw. „Skyfarming“. Dort, wo es wenig Fläche gibt, aber der Nahrungsmittelbedarf hoch ist, werden Ruthners Pionier-Ideen zur Landwirtschaft – obgleich weiterhin kostenintensiver als die Flächenlandwirtschaft – also wieder zum Trend und zu einem Zukunftsthema (wie „Reis-Hochhäuser“).

Dieser Beitrag soll an den Wiener Neustädter Ruthner-Turm an seinem historischen Standort erinnern: an das letzte Unikat einer visionären Zukunftstechnik und an ein außergewöhnliches technisches Kulturgut. 

Wenn Sie mehr zum Wiener Neustädter Ruthner-Turm wissen möchten, finden Sie hier zwei Fachartikel als Download (publiziert über den Wiener Neustädter Denkmalschutzverein):

Teil 1: Artikel Ruthner-Turm – Schwerpunkt: Geschichte des Ruthner-Turms in Wiener Neustadt

Teil 2: Artikel II Ruthner-Turm – Schwerpunkt: Geschichte des Ruthner-Turms in Österreich

Anmerkung zum Schluss: Seit 2016 bemüht sich eine Initiative in Wiener Neustadt darum, dass der Wiener Neustädter Ruthner-Turm wieder an geeigneter Stelle aufgebaut und vielleicht sogar zu Anschauungszwecken betrieben wird. Dabei ist an ein Zusammenspiel von alternativer Stromgewinnung (z. B. Photovoltaik) und einem Vertical-farming-Projekt gedacht. Das Ziel der ehrenamtlichen Arbeit besteht darin, konkrete Lösungen anzubieten und dem Eigentümer, also der Stadtgemeinde Wiener Neustadt, sinnvolle Optionen zu geben. 

 

Tipps für nahe Sehenswürdigkeiten: 

- Schubert-Denkmal an der Haupt-Promenade durch den Stadtpark

- Franz-Joseph-Denkmal im südwestlichen Stadtpark 

- Wetterhäuschen im südwestlichen Stadtpark

 

Quellen/Literatur: 

Horst Riethus/Holger Bau, Das Turmgewächshaus nach Ruthner und seine Bedeutung für den Gemüsebau, Wien 1970.

Werner Sulzgruber, Das Ruthner'sche Turmgewächshaus in Wiener Neustadt – das letzte seiner Art. In: Unser Neustadt. Blätter des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereins 3-4/2016, S. 1-12.

 

Bilder

Der Ruthner-Turm an seinem ursprünglichen Standort südlich der Kapuziner-Kirche

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Der Ruthner-Turm mit seiner Einbindung auf der städtischen Gärtnerei

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Glashäuser der städtischen Gärtnerei östlich des Ruthner-Turms

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Näherer Blick auf den Ruthner-Turm von Südwesten

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Nahaufnahme des oberen Teils des Ruthner-Turms von Süden

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Blick in das Innere des Turms - mit Antriebsrollen, -ketten, leeren Gehängen und Ventilator

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Mechanismus des Ruthner-Turms: Rollen mit durchlaufenden Antriebsketten

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Antriebsrolle (mit Ausnehmungen) und Kette

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Blick entlang der Antriebskette bis zum Turmdach

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Zugang im Inneren zum unteren Bereich des Ruthner-Turms

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Blick zum Dach des Turms mit Kette bzw. Seilzug des oberen Entlüftungsfensters

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Innere Konstruktion des Ruthner-Turms mit Verstrebungen

Datierung: 2016 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Technische Beschreibung zum Wiener Neustädter Ruthner-Turm - vom Hersteller, 1965

Datierung: 1965 Quelle: Bauarchiv der Stadtgemeinde Autor: Industrieanlagen Ruthner Stahlbau Copyright: Foto Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Druck

Modell eines Ruthner-Turms im Technischen Museum Wien - Ausstellung "Die Zukunft der Stadt"

Dieses Modell wurde vom Sohn Ruthners produziert, der in die Fußstapfen seines Vaters trat und die Idee der "industriellen Landwirtschaft" weiterentwickelte.
Datierung: 2017 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Freistehender Ruthner-Turm nach Abriss eines Großteils der Gebäude der städtischen Gärtnerei-Anlage, 2017

Datierung: 2017 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Freistehender Ruthner-Turm von Osten, 2017

Datierung: 2017 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto

Der Ruthner-Turm kurz vor seinem Abbau im Frühjahr 2017

Datierung: 2017 Quelle: Sammlung Sulzgruber Autor: Werner Sulzgruber Copyright: Werner Sulzgruber Zusatzinfo: Foto