Thema: Abgelegene Orte des Jüdischen Wr. Neustadt

Wenn Sie mobil sind, also mit dem Fahrrad oder Auto unterwegs sein sollten, dann gibt es vielleicht noch einige entlegene Orte, an welchen Sie vorüberkommen. Es sind Orte, die mit der lokalen jüdischen Geschichte verbunden sind – wenngleich wir heute nur an einer der drei Stationen überhaupt noch etwas aus vergangener Zeit entdecken können. Schauen Sie also beim jüdischen Friedhof in der Wiener Straße 95, bei der Lilly-Steinschneider-Gasse nahe dem westlichen Stadtrand (Flugfeld) und an der Kreuzung Gymelsdorfer Gasse/Richtergasse vorbei.

Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt - Wiener Straße 95

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Jüdischer Friedhof – Wiener Straße 95 Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt Dem jüdischen Friedhof Wiener Neustadt wird ein eigener Online-Stadtspaziergang gewidmet sein, der 2016 erscheint! Dies ist deshalb notwendig, weil sich an diesem Ort Kulturgut von europäischer Bedeutung aus dem Mittelalter befindet und weil es sich um den letzten baulich vorhandenen Erinnerungsort der jüdischen Gemeinde von Wiener Neustadt handelt. Er ist heute eine von vielen „Lern- und Gedenkstätten“ in Österreich. Bald erfahren Sie hier also mehr über die Geschichte des jüdischen Friedhofs, seine Besonderheiten und über wohl überraschende Forschungsergebnisse. Anhand ausgewählter Grabsteine werden Aspekte der jüdischen Kultur und zahlreiche Lebensgeschichten von Juden und Jüdinnen vorgestellt werden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde von Wiener Neustadt rasch angewachsen. Die Kultusgemeinde zählte, wie erwähnt, zu einer der größten Niederösterreichs. Über Jahrzehnte war es den in der Stadt und der Region wohnenden jüdischen Familien nicht möglich, ihre verstorbenen Familienmitglieder hier zu bestatten. Es war den gläubigen Juden und Jüdinnen daher nur schwer möglich, den religionsgesetzlichen Geboten nachzukommen. Die Toten mussten möglichst schnell zu den vorhandenen Friedhöfen Niederösterreichs, zum Beispiel nach Baden, oder – was fast ausschließlich geschah – nach Westungarn (ab 1921 Burgenland) transportiert werden, um auf dortigen Friedhöfen bestattet zu werden. Da die meisten jüdischen Familien, die in Wiener Neustadt einen Neubeginn wagten, aus den „Sieben Gemeinden“ Westungarns (Deutschkreutz, Eisenstadt, Frauenkirchen, Kittsee, Kobersdorf, Lackenbach und Mattersdorf) zugewandet waren, wollten die ansässigen Juden und Jüdinnen ihre Verstorbenen auch wieder in die „Gemeinden der Väter“ zurückbringen. In den späten 1880er Jahren bemühte sich die IKG Wiener Neustadt um die Errichtung eines eigenen Friedhofes. Mit Kultusvorsteher Dr. Friedenthal an der Spitze versuchte man es 1888 mehrmals, anfänglich ohne Erfolg, einen „Gottesacker“ zu bekommen. Vor allem durch den Umstand angetrieben, die ständig auflaufenden hohen Überführungskosten zu vermeiden, kam die IKG Wiener Neustadt schließlich noch im Herbst 1888 zum Ziel: Ihr wurde zur Errichtung eines „israelitischen Friedhofes“ eine Parzelle an der Reichsstraße (heute Wiener Straße) käuflich überlassen. 1889 wurde nicht nur das Gelände mit einer Grenzmauer umfasst, sondern man erbaute zwei Gebäude: ein „Gärtnerhaus“ und ein „Leichenhaus“. Noch im selben Jahr 1889 kam es zur Einweihung und ersten Belegung. Bis zum schicksalhaften Jahr 1938 wurden am jüdischen Friedhof über 280 Personen bestattet. Obgleich 1938 zahlreiche jüdische Friedhöfe in Österreich geschändet, demoliert und zerstört wurden, blieb der jüdische Friedhof in Wiener Neustadt nahezu unangetastet und wurde von den Nationalsozialisten nicht zerstört. Trotz der massiven Bombenangriffe auf die Rüstungsstadt Wiener Neustadt im Zweiten Weltkrieg blieben das Friedhofsareal, die Gebäude und Grabstellen – im Vergleich zum Städtischen Friedhof – relativ unbeschädigt, als ob eine schützende Hand über diesen Ort gehalten worden wäre. Der jüdische Friedhof ist heute eine Lern- und Gedenkstätte, gegründet von Dr. Werner Sulzgruber. Die einzige Dokumentation des jüdischen Friedhofs findet sich in der folgenden Publikation: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.   Unterrichtsmaterial: http://www.juedische-gemeinde-wn.at/Pages/LernGedenkstatte/LernMaterial.aspx Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Lilly-Steinschneider-Gasse - Flugpionierin

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Lilly-Steinschneider-Gasse Flugpionierin Lilly Steinschneider – Die erste in Wiener Neustadt ausgebildete und geprüfte Flugpilotin Österreichs Lilly Helene Steinschneider-Wenckheim wurde am 13. Jänner 1891 in Budapest als Tochter eines jüdischen Möbel- und Bettwäsche-Fabrikanten geboren. Als junge Frau entdeckte sie bei einem 1910 in Budapest veranstalteten internationalen Flugwettbewerb ihre Faszination für die Flugkunst, die „Aviatik“. Daher suchte sie das nächste Zentrum der frühen Luftfahrt auf, das sich damals in Wiener Neustadt befand und wo seit 1909 bekannte Flugzeug-Konstrukteure und Piloten tätig waren. In der „Ersten Österreichischen Flugwoche“ im Oktober 1911 in Wiener Neustadt nahm sie als Passagierin beim Weltrekord-Distanzflug von Oberleutnant Heinrich Bier mit einer „Etrich-Maschine“ teil. Sie flog mit anderen Piloten mit und saß bei ersten Höhen- und Streckenflug-Rekordversuchen als Passagierin im Flugzeug, beispielsweise bei einem von Josef Sablatnig gewonnenen Langstreckenflug über 168 Kilometer in Niederösterreich. Nach ihrer Ausbildung zur Pilotin beim Flugpionier Karl Illner in der legendären „Etrich-Taube“ und nach ihren Prüfungsflügen am 7. und 15. August 1912 in Wiener Neustadt erhielt Lilly Steinschneider den Pilotenschein mit der Nummer 4. Sie war damit die erste hier ausgebildete und geprüfte Flugpilotin in Österreich. (Die in Prag geborene Božena Laglerová, auch Lagler, aus Böhmen war die erste Pilotin der Donaumonarchie Österreich-Ungarn überhaupt, die am 10. Oktober 1911 das Diplom Nr. 37 des „Österreichischen Aero-Clubs“ erhalten hatte.) Fortan konnte Lilly Steinschneider als Pilotin an Flugbewerben in Österreich und Ungarn teilnehmen. Sie startete beispielsweise 1913 beim größten internationalen Luftfahrtwettbewerb der Flugpionier-Zeit in Aspern bei Wien, bei dem erstmals zwei Frauen als Pilotinnen fliegen durften und sich Lilly Steinschneider als Vertreterin Österreichs in die Lüfte erhob. Beim Überfliegen des Flugfeldes setzte allerdings der Flugzeugmotor aus und Steinschneider musste außerhalb des Flugplatzes notlanden. Während das Flugzeug schwer beschädigt wurde, blieb Lilly Steinschneider unverletzt. Die weiblichen Flugpionierinnen wurden durchaus verspottet, weil sie als emanzipierte Frauen in eine Männerdomäne drängten. So hieß es in der Wiener Satire-Zeitschrift „Kikeriki“ vom 29. Juni 1913 zur Zweiten Internationalen Flugwoche in Wien-Aspern: „De Staschneider Lilly. Gott sei Dank, se tragt Reformhosen!“ – womit man gezielt die damals oft diskutierte sogenannte Reformkleidung in der Damenmode ansprach, die an sich für mehr Bewegungsfreiheit, aber auch sinnbildlich für die Emanzipation (durch die Abwendung der Frau vom einengenden Korsett) stand. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs beendet Lilly Steinschneider ihre Karriere als „Pilotin der ersten Stunde“ und heiratete 1914 Graf Johannes Evangelist Virgilio Coudenhove-Kalergi. 1939 emigrierte sie mit ihrer Tochter nach Italien und lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich. Lilly Coudenhove-Kalergi verstarb am 28. März 1975 in Genf. Nach ihr ist die „Lilly-Steinschneider-Gasse“ in Wiener Neustadt benannt.   Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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Fläche der Wohnhausanlage - Gymelsdorfer Gasse/Richtergasse - Judenlager 1944/45

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Fläche der Wohnhausanlage – Gymelsdorfer Gasse/Richtergasse Das „Judenlager Wiener Neustadt“ An diesem Ort erinnert heute nichts mehr daran, dass sich dort 1944/45 ein großes „Judenlager“ befand, in dem ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter inhaftiert waren. Der genaue Standort des „Judenlagers“ war nordöstlich der Kreuzung, also auf jener Fläche, die heute durch eine Wohnbausiedlung verbaut ist: 1944 wurden auf dem Gelände Baracken errichtet und mit einem Stacheldrahtzaun eingegrenzt. Das Areal lag im Zweiten Weltkrieg in einem kaum bebauten Umfeld der Stadt, in dem sich auch die riesige Fläche des städtischen Schlachthofs befand. Aus einigen wenigen ungarischen Ortschaften wurden über 200 Juden und Jüdinnen per Bahn in das Lager gebracht. Als Zwangsarbeiter sollten sie Aufräumungsarbeiten leisten und für örtliche Firmen, zum Beispiel Bauunternehmen, arbeiten. Unter der Gruppe der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter waren zum größten Teil Frauen und Kinder, auch Kleinkinder. Das „Judenlager Wiener Neustadt“ war eines von mehreren Lagern in der Stadt, jedoch das größte. Es wurde von der Schutzstaffel (SS) verwaltet und bewacht. Neben diesem Lager und den kleinen Lagern für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, das von 1944 bis 1945 bestand, gab es ein Außenlager von Mauthausen (Männerlager) in der Pottendorfer Straße, welches in zwei Etappen, nämlich zuerst 1943 und dann 1944 bis 1945 zum Zwecke der Kriegsindustrie aufrecht erhalten wurde. Im Mauthausen-Außenlager wurden keine Juden ausgebeutet, sondern Juden und Jüdinnen waren gesondert an mehreren Standorten in der Steinfeldstadt untergebracht und wurden von den SS-Wachmannschaften entweder nahe der einzelnen Lager zu Arbeiten eingesetzt oder zu Tätigkeiten im Stadtgebiet (zum Beispiel Schneeschaufeln) abkommandiert. Das „Judenlager Wiener Neustadt“ in der einstigen Gymelsdorferstraße (heute Gymelsdorfer Gasse) wurde 1945 aufgelöst. Man weiß nur sehr wenig über das Schicksal und den Verbleib der dort inhaftierten Menschen.   Unterrichtsmaterial: http://www.zeitgeschichte-wn.at/images/Lernmaterialien/22-Lager-f%C3%BCr-ungarisch-j%C3%BCdische-Zwangsarbeiter-in-WN.pdf Quellen/Literatur: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert, Wien 2010.  

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